Zum Raum wird hier die Zeit

Musiksalon // Extra im Rahmen des Parsifal-Festivals

Musiksalon | Nationaltheater Mannheim, 08.04.2017
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Bazon Brock
Festvortrag zum Mannheimer »Parsifal«

Spielstätte: Werkhaus, Lobby

In den 60er Jahren veranstaltete er Fluxus-Happenings mit Beuys und Nam June Paik. Er hielt kopfstehend Vorträge und warf seine Schuhe in den Ätna. Nach dem Studium arbeitete er als Theaterdramaturg und begann 1965 seine Lehrtätigkeit im Fach Ästhetik. Um wen es geht? – Um Bazon Brock natürlich. Der wortgewaltige Kunsttheoretiker ist »Generalist«, »Selbstfesselungskünstler« und »Künstler ohne Werk«. Denn nicht auf das Werk, sondern auf die Wirkung kommt es an, das Werk ist nur »abgelegtes Werkzeug«.
Vielleicht ist dieser Gedanke auch das richtige Werkzeug, um das Phänomen einer Inszenierung zu beleuchten, die wie der Mannheimer Parsifal seit 60 Jahren aufgeführt wird und von immer neuen Künstlern am Leben gehalten wird. Was ist dieses Unsterblichkeitsepos, das da jede Ostern über die Bühne des Nationaltheaters geht? – »Der Tod muss abgeschafft werden, diese verdammte Schweinerei muss aufhören. Wer ein Wort des Trostes spricht, ist ein Verräter.« (Bazon Brock)

3 Fragen an Bazon Brock:

Was ist Wagners unbekanntestes Geheimnis?

Für die Grundsteinlegung von Bayreuth formulierte Wagner: „Hier schließe ich ein Geheimnis ein ... solange es bewahrt der Stein, macht es der Welt sich offenbar.”

Das Geheimnis ist also die Behauptung eines Geheimnisses mit der Kraft, es niemals zu enthüllen. Anhand der Tagebücher von Cosima ergeben sich Hinweise auf verschiedene solcher nie zu offenbarender Geheimnisse um die Stiftung einer neuen Religion und um Erlösung durch Vernichtung.

Was tut man, wenn man 60 Jahre lang die selbe Inszenierung spielt?

In einer Gesellschaft, in der Haltung die einzige verbindliche Form von Halt in der Unaufhaltsamkeit der Dynamik des Zeitwaltens darstellt, ist die Behauptung von Dauer die größte denkbare Herausforderung und Kostbarkeit. So wie uns die Fürsorge für den atomar strahlenden Müll gerade auf Ewigkeit verpflichtet (40.000 Jahre Halbwertzeit sind wirklich eine Ewigkeit gegenüber den bisherigen Dauer stiftenden Göttern aller Kulturen), so verpflichtet uns der Zeitwandel auf den Gedanken der ewigen Wiederkehr des Gleichen, den Nietzsche als einzige Trostformel verstand.

Wagner teilte durchaus Nietzsches Position, sodass ewige Wiederholung aller Inszenierungen seiner Opern möglichst in dem von ihm vorgegebenen Modell den inneren Sinn seiner Verpflichtung auf die Schöpfungskraft der Kunst ausmacht.

Was denkt sich Bazon Brock dabei?

Ich denke mir, dass die Funktionslogik unseres Weltorgans Hirn völlig selbstständig Neuigkeiten produziert, indem sie uns daran hindert, jemals das Gleiche als Dasselbe zu erfahren. Hunderte Male habe ich auf die Bildprogramm des Ostgiebels des Parthenon geschaut und sah doch jedes Mal etwas anderes.

Fazit: Je stärker wir auf das Verlangen nach Dauer und Kontinuität konzentrieren, desto stärker ist unsere Erfahrung des Neuen.

Weitere Informationen unter: https://www.nationaltheater-mannheim.de/de/oper/stueck_details.php?SID=2781