C. O. Paeffgen

Liebes- und Fragezeichen

C. O. Paeffgen. Liebes- und Fragezeichen | Grisebach GmbH (Hrsg.). Berlin u.a.: Deutscher Kunstverlag, 2017.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Katalog zur Ausstellung in der Villa Grisebach, Berlin, vom 20. April bis 20. Mai 2017

Mit einem Beitrag von Bazon Brock

C. O. Paeffgen, mit bürgerlichem Namen Claus Otto Paeffgen, wurde 1933 in Köln geboren und ist mit seiner rheinischen Heimat bis heute eng verwoben. Seit mehr als fünfzig Jahren verfolgt der Künstler gesellschaftliche Phänomene. Seinen 'Umwicklungen', Fundobjekte, die er mit Draht zusammenfügt, stehen die 'Umrandungen' gegenüber, nachgezogene Konturen von Zeitungsbildern, die auf Leinwand projiziert und überarbeitet werden. Paeffgen wählt aus. Er markiert, akzentuiert, bezieht Position, verbirgt sie manchmal im Formelhaften. Dabei entwickelt er seine Arbeit, von der er einmal behauptet hat, »jeder könnte das machen, was ich mache«, konsequent weiter und gießt Liebe oder Freiheit in prägnante Zeichen.

Der Katalog begleitet die gleichnamige Ausstellung in der Villa Grisebach. Er versammelt Werke Paeffgens aus den Jahren 1969 bis 2016 und erlaubt einen Überblick über das verspielt leichte, mitunter skurrile, gerne ironische Œuvre des Kölner Künstlers. 

Seite im Original: o.S.

Tränen sind das Schmelzwasser der Seele

Also bitte nicht weinen in Zeiten des drohenden Wärmetods

Von den Einsiedlern der frühen Verfolgungszeit über die Vorposten der Urbarmachung und die Strafkolonisten bis zu Becketts Figuren auf der Bühne als Weltinnenraum entwickelte sich für unsere visionären Lebensformen ein Duldertypus, wie ihn heute unter den euphorischen Markt- und Geltungsgenies der Kunst nur wenige, vor allem aber C. O. Paeffgen repräsentieren. Ausgegrenzt auf Verlangen, nicht eingeschlossen gegen den eigenen Willen. Aber: Thoreaus „Walden“ experimentierte inmitten des schwellenden Technorausches mit dem Dasein in der Nacktheit. Und dieses adamitische Pathos war nicht der Existenzangst geschuldet. Als Else Lasker-Schüler in Berlin den Aktionstypus „Herwarth Walden“ schuf, erhob sich der „Sturm“ der Moderne. Es ist, als ob wir uns alle von ihm entblößen lassen müssten, um wie der antike Diogenes in der Tonne ein Beispiel des Gelingens, ein Beispiel für Vollkommenheit und republikanische Schönheit zu geben. So entkleidet Paeffgen durch Reduktion die Objekte seiner Lebenszelle und lässt die Schnürbandschleife, die Anstecknadel „69“, das vergilbte Pin-up zu Zeichen der Offenbarung werden.

Immer wieder berichteten Gefangene von solchen Offenbarungsträgern, von Mäusen, Fliegen oder Vögeln, die auf mysteriöse Weise in die Zellen gelangt waren. Paeffgen als Aufseher seiner eigenen Befangenheit fixiert sie mit der typischen Materialaskese des Menschen am Minimum: Einritzungen in die Wände, Liebesgabenverpackungen, Schuhsohlen und andere Restposten. Und das Kriterium des Fortschritts als Rückkehr zu den Anfängen? Das sind sicherlich die bemalten Höhlenwände von Lascaux oder die Totenhäuser für ägyptische Staatsbedienstete. Und auch in Zeiten des rückschrittlichen Fortschritts, also der Revolution, bewies Paeffgen schon mehrfach und umfassend, dass er seine Arbeitszeugnisse als Bruchstücke des verlorenen Ganzen, des großen Meisterwerks, auf die Wände zu bringen versteht, wie einst die Aristokraten des 18. Jahrhunderts Bruchstücke antiker Ruinen als Spolien in die Wände ihrer Herrenhäuser einließen.

Welch ein Umgreifen des Ganzen der Welt im Kleinsten – das ist groß, groß gemacht, groß gedacht, wie der Gedanke der Freiheit es ist, gerade dann, wenn wir in Fesseln liegen. Die pinselschwingenden Bauchmaler demonstrieren ihre Selbstentfesselung und Selbstverwirklichung. Was für ein veraltetes Künstlerbild! Für den wahrhaft Modernen dagegen gilt Selbstfesselung, um die innere Wildsau nicht rauszulassen. Der große Zyklus der Paeffgen’schen „Umwicklungen“ ist für uns die Chiffre für das zivilisatorische Selbstfesselungsgebot. Das Gebot der Stunde, wo jeder Hansel mit MP die schöpferische Kraft der Zerstörung glaubt beweisen zu müssen, um als innovativ zu gelten. Das ekelt uns und uns und uns an. Nie war die Chance größer, aus diesem Bekenntniszwang auszubrechen und dem Paeffgen’schen Beispiel als Künstler und Zeitgenosse zu folgen.