Inszenierte Imagination

Beiträge zu einer historischen Anthropologie der Medien

Inszenierte Imagination. Beiträge zu einer historischen Anthropologie der Medien | Hrsg. von Wolfgang Müller-Funk und Hans-Ulrich Reck. Wien/New York: Springer, 1996.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Ein internationaler, kulturwissenschaftlich orientierter Sammelband zum Thema Medien. Schwerpunkt des Bandes ist eine historisch-anthropologische Grundlegung medialer Kommunikationsprozesse und deren kulturgeschichtliche Einbindung. Aus verschiedenen methodischen und disziplinären Perspektiven wird dabei eine Theorie der Medien entfaltet, in deren Mittelpunkt Inszenierung und Imagination als konstruktive Merkmale menschlicher Kommunikation stehen.

Seite im Original: 5

Mediale Artefakte im Zivilisationsprozess

Die nachfolgende Erörterung biete ich als Beitrag zu der von Hans Ulrich Reck skizzierten Anthropologie der Medien. Deswegen zunächst ein kurzer Hinweis auf mein Verständnis von Anthropologie. 

Anthropologie der Medien

Odo Marquard formuliert knapp, aber genau, daß die "anthropologische Aufmerksamkeit" auf die Natur zugleich zu erkennen vermag, wozu diese Natur den Menschen zwingt; nicht im Sinne Rousseaus zu unmittelbarer Natürlichkeit, sondern im Sinne Gehlens hin oder "zurück zur Kultur". Heute können wir gut begründen, daß die Natur den Menschen zur Kultur zwingt; wir können etwa sagen, die Kultur ist die Natur des Sozialen (wie weit es führt, demnach auch tierische Lebensgemeinschaften als Kulturen zu beschreiben, lassen wir unerörtert, vermögen wir doch kaum zu werten, daß inzwischen die bisherigen anthropologischen Bestimmungen des Menschen als desjenigen, der über Bewußtsein, Werkzeuggebrauch, "sprachliche" Kommunikation allein verfüge, unhaltbar sind).
Jüngste anthropologische Erörterungen lassen sich in der Pointe zusammenfassen, daß das ,zurück zur Natur' mit dem ,zurück zur Kultur' auf gleiche Weise die anthropologische Aufmerksamkeit lenkt. Ich rufe in Erinnerung, daß etwa in der Position von Gruithuisen (1810) dieses "Synecho" (so G. Th. Fechner) von Natur und Kultur gehört wurde. Gruithuisen folgerte, daß anthropologische Kenntnisse primär von Ärzten zu erwarten seien, "denn wo die Natur zur entscheidenden Wirklichkeit avanciert, müssen gerade jene Leute philosophisch gehört werden, die den Menschen in ausgezeichneter Weise helfen, mit ihrer Natürlichkeit zurechtzukommen". Das ist mit Gehlens Auffassung von der Entlastungsfunktion der Kultur insofern kompatibel, als etwa Institutionenbildung oder Steuerung durch normative Bewertungsregeln das soziale Dasein unter Bedingungen der menschlichen Natur ermöglichen. Aber die Kultur ist nur das Andere der Natur und nicht ihr entgegengesetzt.
Die einzelnen Menschen sind in ihrem Verhalten und Handeln in ihre Kultur so rigide eingepaßt wie Tiere in die Instinktregulierung. Die heutige anthropologische Aufmerksamkeit richtet sich auf die Tatsache, daß eine spezifische tierische Kultur die Spezifik anderer sich nur symbiotisch anzupassen, aber nicht anzueignen vermag. Doch auch diese Position dürfte demnächst aufgegeben werden müssen, wenn besser untersucht ist, wie etwa Retroviren es fertig bringen, ihre Maskierungen als genuinen Bestand des Wirtsorganismus zu konstruieren. Auf der kulturellen Ebene ist die immunsystemische Unterscheidung von eigen und fremd (in gegebenen Toleranzen oder symbiotischen Abhängigkeiten) an das Vorhandensein von Zwischenräumen gebunden. Dieser interkulturelle Raum kann selber nicht kulturell bestimmt werden; wo das dennoch geschieht, kommt es zu Kulturkämpfen mit dem Ziel, die jeweils andere Kultur zu zerstören oder wenigstens zu unterwerfen. Deswegen orientiert sich die anthropologische Aufmerksamkeit aussichtsreich auf Interkulturalität, die wir sinnvoll mit dem Namen Zivilisation belegen können; denn die Ausformung von lnterkulturalität in transkulturellen Handelsbeziehungen, in der Diplomatie, in der Wissenschaft und ihrer technischen Anwendung kann als Prozeß der Zivilisation jenseits der Ausdifferenzierung von Kulturen beschrieben werden (im deutschsprachigen Raum ist der Begriff von Zivilisierung durch interkulturelle Beziehungen in transkulturelle Steuerungen von Erleben und Handeln seit langem gängig; der französisch/englischsprachige Raum beginnt die Unterscheidung von Kultur und Zivilisation zu übernehmen - wo nicht, wie bei Huttington in seiner Rede vom "C1ash of Civilisations", stiftet der synonyme Gebrauch von Kultur und Zivilisation gefährliche Verwirrung).
Der Ruf der Anthropologie "Zurück zur Biologie der Erkenntnis, zur Soziobiologie, zur Kulturgenetik" ist deshalb nicht reduktionistisch/kulturfeindlich und biologistisch, sondern als Entfaltung von Wissenschaft auf Beförderung des Zivilisationsprozesses ausgerichtet. Es dürften ja inzwischen die Kulturkämpfe in Ex-Jugoslawien, in Sri Lanka, in Burundi, im Kaukasus, in Irland und anderenorts jedermann hinreichend klargemacht haben, daß diese Äußerungsformen der Natur des sozialen Menschen nur unter Kontrolle gehalten werden können, wenn sie auf die Einhaltung inter- und transkultureller Regeln der Zivilisation verpflichtet werden können - darauf beruhen etwa die Charta der Vereinten Nationen, aber auch alle Curricula der Wissenschaften und Künste, soweit sie sich nicht für die Kulturkämpfe vereinnahmen lassen und damit aufhören, Wissenschaften und Künste zu sein.
Mit dem Hinweis auf eine Anthropologie der Medien wird gefragt, inwiefern technische Medien - erstrangig die elektronischen - mit ihrer Nutzung "den Menschen helfen können, mit ihrer Natürlichkeit besser zurechtzukommen". Zur neuen Unübersichtlichkeit und Schwierigkeit der Orientierung gehört die Erfahrung, daß sich zunächst alle Kulturen dieser Medien bedienen, um sich wechselseitig zu dominieren. Fundamentalisten aller Kulturen, d.h. Ausbeuter der Natur des sozialen Menschen, bedienen sich dieser Medien bedenkenlos auch dann, wenn diese ihren eigenen Kulturen nicht entstammen, was umso bemerkenswerter ist, als sie ja unter dem Anspruch antreten, alle inter- und transkulturelle Einflußnahme abzuweisen, um die Autonomie ihrer Kulturen zu erhalten.
Kann auf längere Sicht etwas anderes erwartet werden? Wer das umstandslos bejaht, muß klären, warum die Kulturgrenzen überspringende Fernwirkung dieser technischen Medien, z. B. in den Vereinigten Staaten, gerade zur Intensivierung der Kulturkämpfe führt, oder warum der Antiamerikanismus in Europa als Quotenregelung für das französische Fernsehen oder als Zensurversuch im Internet fröhliche Urständ feiern kann. Ich begnüge mich für mich selbst mit der Annahme, daß die Vereinnahmung Kulturgrenzen überspringender, universal fernwirksamer Medien dadurch die anthropologische Aufmerksamkeit schärften, daß sie mit der Intensivierung der Kulturkämpfe Kulturen als Ausprägung der Natur des Sozialen umso kenntlicher, umso unabweisbarer erscheinen lassen. 

Mediale Artefakte im Zivilisationsprozeß

Herbert A. Simon hat in seiner grandiosen Studie zur "Wissenschaft vom Künstlichen" (der Artefakte) definiert: "Naturwissenschaft ist das Wissen über natürliche Objekte und Erscheinungen. Wir fragen, ob es nicht auch eine Wissenschaft vom Künstlichen, von den Artefakten geben kann." Und er antwortet im Gang seiner Argumente, daß diese Wissenschaft am Ende zu einem tieferen Verständnis des Natürlichen führt und darin ihren Sinn hat; "denn die Dinge, die wir Artefakte nennen, also das von Menschen Gemachte, sind nicht von der Natur getrennt. Sie haben keine Freiheit, Naturgesetze zu mißachten oder zu verletzen."
Seine kulturwissenschaftlichen Argumente und Beispiele nimmt er deshalb aus demselben Fundus wie die Naturwissenschaften. Deswegen kann er, z. B. für die Untersuchung der Funktionslogiken der künstlichen und natürlichen Welten von der gleichen Annahme ausgehen. Artefakte und Naturproduktionen sind als Schnittstellen zwischen innerer Umgebung, der Substanz und inneren Gliederung, sowie einer äußeren Umgebung, der Umwelt, zu denken. Die Schnittstellen für Naturerscheinungen wie für Artefakte bestehen als Systeme der Symbolisierung oder der Repräsentation. Das natürliche Substrat Gehirn repräsentiert sich in seinen Leistungen als Denken und Vorstellen, wie sich in Artefakten das Vorstellen und Denken repräsentiert, das zu ihrer Herstellung führte.
Wenn wir Substrat, Substanz, nicht nur in der Natur, sondern auch für Artefakte von ihrer symbolischen Repräsentation unterscheiden, bietet es sich an, die Substrate als Inkorporationen, als Verkörperungen (Embodiment) eben jener Natur (oder Gottes oder des Geistes) zu sehen, die wir im Denken wiederum repräsentieren. Daraus ergibt sich die alte Philosophen- und Theologenfrage, warum die Naturgesetze oder Gott oder der Geist sich überhaupt verkörpern müssen. Daß sie das in unterschiedlichen Verkörperungsformen tun können, ist evident. Aber Leben ist von Leben nicht verschieden; in ihrer Verkörperung oder in Systemen von Verkörperungen lassen sich alle Bedingtheitsverhältnisse erkennen, die wir zum Beispiel als Naturgesetze in mathematischen Formulierungen symbolisieren oder repräsentieren. Der Begriff der Evolution faßt die Antwort auf die alte Frage. Natur, Gott oder Geist können sich als die Logiken der Wirkungsverhältnisse nur in Inkorporationen beweisen, wie wir unsere Fähigkeit zur symbolischen Repräsentation nur im Artifizieren beweisen können.
Das kann man mit Schelling naturphilosophisch oder mit Spinoza theologisch, mit Hegel dialektisch, mit Heidegger ontologisch, oder wie historisch beispielhaft auch immer illustrieren. Heute würde man wohl systemtheoretischen Vorstellungen der Autopoiesis oder der Selbstorganisation den Vorzug geben. Wie auch immer, Faktum ist, die Verkörperung von Natur, Gott und Geist ist evidentermaßen unumgänglich, weil es sie gibt. Von der unverkörperten Natur, von Gott und Geist können wir nur sprechen, soweit wir Repräsentationen in Symbolen, also in Zeichen, nicht ihrerseits als Verkörperungen sehen, obwohl es keine Repräsentation ohne substantielle, materialisierte, verdinglichte Verkörperung gibt. Selbst die Mathematik, das bisher reinste System der Repräsentation, ist noch auf Verkörperung des gesetzmäßigen Prozedierens angewiesen. ]ahrtausendelang verkörperte die Natur die Mathematik, bevor Menschen sie symbolisch repräsentieren konnten. Ihre Wirksamkeit setzte sich auch in Kulturen in Geltung, die sie nicht zu repräsentieren vermochten, resp. nur als Abstraktion aus Erfahrungen berücksichtigen konnten. Abstrahierbare Erfahrungen der Schwerkraft oder der Hebelgesetze gelangen Menschen, auch ohne diese Kräfte mathematisch repräsentieren zu können. Die Leistungen des Gehirns waren der menschlichen Erfahrung zugänglich, bevor sie dessen organische Funktion etwa in der Erörterung des sprachlichen Relativismus oder der Mediatisierung von Wahrnehmung zum Problem machen konnten. Das war nur möglich, weil das Gehirn, so Simon, selbst mit seinen Leistungen evolvierte, indem es Repräsentationen der Naturgesetze verkörperte, diese Verkörperung repräsentierte und seine eigenen Repräsentationen wiederum verkörperte und so fort.
Wenn wir Verkörperung als biochemische oder bioelektrische oder neurophysiologische Bildungen ansprechen, dann ist die Evolution als sich selbst organisierende Verknüpfung von Substrat-gebundener Biochemie und -physik und dem Resultat ihrer Funktionen zu beschreiben. Rückkoppelungseffekte sind die beliebteste Art dieser Verknüpfung. Durch Hierarchisierung werden die Verknüpfungen, die ja allesamt nur Zwischenformen zu neuen Verknüpfungsleistungen sind, relativ stabil. Diese Stabilität der Hierarchien optimiert sich selbstorganisierend durch die Bildung von Hierarchien der Hierarchien, also von Systemen in der Differenz von hierarchisierten und nichthierarchisierten Prozeßelementen. Das Eigentümliche der Stabilisierung von Repräsentationsleistungen des Gehirns besteht darin, daß die Ordnung der Hierarchien in Dominanz und Unterwerfung im Dreisekundenbereich (E. Pöppel) beständig wechselt. Das Gehirn kommt zu seinen Leistungen durch ständigen Differenzabgleich im Wechsel der Dominanzen in den Hierarchien. Evolution als Reflexivbildung von Inkorporation und Repräsentation (z.B. als Verkörperung der genetischen Repräsentation eines Lebewesens, die ja nichts ist als eine Kette von Instruktionen zur Verkörperung), von genetischer Instruktion und ihrer Ausführung läßt erkennen: Der Organismus ist die Verkörperung seiner genetischen Instruktionen. Ohne die Verkörperung kann sich die genetische Instruktion nicht erhalten, sie steht unter Verkörperungszwang. Analog kann sich die operative Leistung des Gehirns (zumindest beim Menschen als Bewußtseinsproduktion) nur erhalten, wenn sie sich als Handeln und Erleben des Organismus manifestiert.
Wir können Bewußtsein als Differenzabgleich getätigter Wahrnehmung und ihrer Verarbeitung mit deren Verkörperung im Handeln und Erleben verstehen. Ein Bewußtsein, das sich nicht manifestiert, zerfällt. Es manifestiert sich im Abgleich von den Resultaten der Muskelinnervierung, der neuerlichen Wahrnehmungsfocussierung und dergleichen zu den bewußtlosen Stamm- und Zwischenhirnaktivitäten, die sich in endokrinen Prozessen der maximalen Streßkooperation, der Einfärbung von Stimmungen und dergleichen zeigen. Die Differenz wird ihrerseits inkorporiert als Spannungsgefälle. Wie diese Differenz, biochemisch oder bioelektrisch manifestiert, inkorporierbar ist, das bleibt das bisher unaufgeklärte Geheimnis für Neurowissenschaftler (Annäherungen versprachen jüngst Versuche von Wolf Singer zur zeitlichen Oszillation von Neuronenaktivitäten).
Aus diesen Hinweisen, daß Repräsentationen aus Ketten von Instruktionen zur Verkörperung bestehen (damit die Repräsentationen erhalten bleiben und die Verkörperungen die Chance bieten, die Instruktionen zu modifizieren, um den Differenzabgleich von Repräsentation und Verkörperung zu optimieren), läßt sich die Vermutung Dietmar Kampers kommentieren, Artefakte (z. B. als Kunstwerke) erregten unser Interesse gerade in dem Maße, wie sie Verkörperungen des Nicht-Repräsentierbaren seien; denn bisher seien alle Versuche gescheitert (z. B. die der Informationsästhetik im Umfeld von Max Bense), das System der Instruktionen aus Gemälden zu externalisieren, dem sie ihre Entstehung verdanken. Die externalisierten Instruktionen für das Herstellen eines bestimmten Gemäldes in Algorithmen umzusetzen und sie von elektronischen Bildgebern realisieren zu lassen, scheiterten. Aber: Mit Verweis auf die Geschichte der Entschlüsselung genetischer Codes (als Instruktionen zur Verkörperung) sollte man aus dem Scheitern der Benseschen Versuche nur schließen, daß es bisher nicht möglich ist, Artefakte als Systeme symbolischer Repräsentationen, als Instruktionsalgorithmen zu lesen; zum anderen ist ein Artefakt auf seine Wahrnehmbarkeit hin formuliert, in deren Verarbeitung zu Bewußtsein und Kommunikation es doch wieder repräsentiert werden muß, und zwar in "sprachlichen" Verkörperungen der Medien von Kommunikation.
Die Kampersche Vermutung muß sich also auf das Verhältnis von Verkörperung und Repräsentation resp. Repräsentation und Verkörperung beziehen - etwa mit der Begründung der prinzipiellen Nichtidentität von Instruktionen und ihrer Verkörperung. Beispiele für die Erörterung dieser Frage bieten die Zwillingsforschung (welche Differenzen in der Verkörperung sind trotz identischer genetischer Instruktion feststellbar?), oder die Kognitionsforschung (welche unterschiedlichen sprachlichen Verkörperungen lassen sich identischen Prozessen neuronaler Operationen zuordnen?), oder die vergleichende Kulturforschung (wie erklärt sich trotz Strukturgleichheit deren unterschiedliche Ausprägung in symbolischen Repräsentationen?). Kampers Vermutung bescheiden wir also: Es gibt bis auf weiteres keine Möglichkeit (auch Popper und Eccles kamen in ihrem 1976er Disput nicht weiter), Geist- oder Naturgesetze oder kulturelle Repräsentationen ohne ihre Verkörperungen zu denken, denn dieses Denken muß sich seinerseits im neuralen Prozeßgeschehen und in sprachlicher Vergegenständlichung von Bewußtsein verkörpern. Aber darüber hinaus erhalten sich die Systeme der Instruktionen als Repräsentationen eben nur durch ihre Verkörperung und den beständigen Differenzabgleich zwischen ihnen.
Und nun zur zentralen Frage, ob Artefakte, die aus der Verwendung elektronischer Zeichengebungsmaschinen hervorgehen, diesen Differenzabgleich erweitern oder einschränken. Die Einschränkung könnte sich daraus ergeben, daß die Computer ihre Artefakte ja nur nach algorithmierten Instruktionen zustandebringen, die ihren Operationen zugrundeliegen. Erweiterung, Optimierung des Differenzabgleichs ist erwartbar, weil die Zeichengebungscomputer schneller und variantenreicher sprachliche Verkörperungen zu produzieren vermögen als unsere natürliche Symbolproduktion durch Prozessieren der neuronalen Netzwerke. Letztere Vermutung steht aber unter der einschränkenden Bedingung, daß von den computererzeugten Repräsentationen bisher noch und auf absehbare Zeit vor allem natürliche Gehirne Gebrauch machen, die diese künstliche Optimierung des Differenzabgleichs von Denken und sprachlicher Vergegenständlichung, von Bewußtsein und Kommunikation, von zentralnervensystemischer Operation und Körperbildung nur sehr eingeschränkt zu adaptieren vermögen.
Das wird sich ändern, sobald die Rechner direkt über Neurochips und nicht mehr über elaborierte Algorithmen den Differenzabgleich von Bewußtsein und Kommunikation, von Kognition und sprachlicher Vergegenständlichung optimieren können, oder wenn das parallele Prozessieren von Rechnern so komplex geworden sein wird, daß sie sich selbst generieren - darauf richteten sich ja lange die Anstrengungen der Künstliche-Intelligenz- bzw. Künstliches-Leben- Forscher.
Sehr früh haben die Science-Fiction-Autoren erörtert, ob der Zivilisationsprozeß nicht tatsächlich erst darin bestimmbar wird, daß die fatale Einheit von Fleischgenetik und Kulturgenetik durch abgekoppelte generative Prinzipien einer globalen Zivilisation domestiziert wird, also unter die Kontrolle von Regelungssystemen gebracht wird, die von menschlichen Individuen oder ihren kulturellen Gruppierungen nicht mehr beeinflußt werden können. Das gilt vielen als erschreckende Vorstellung - aber ist sie erschreckender als die faktische Demonstration der Kulturkämpfe? Eines kann man gewiß aus systemtheoretischen Überlegungen lernen, nämlich, wie Systeme operieren können (in der wechselseitigen Repräsentation anderer Systeme als Natur oder Welt innerhalb jeden Systems), ohne noch vom kulturellen Mutwillen beherrschbar zu sein.

Fazit

Wir nennen Objekte, die durch das Prozessieren mit elaborierten Instruktionen in Zeichengebungsmaschinen zustandekommen, mediale Artefakte. Sie sind Vergegenständlichungen algorithmisierter Repräsentationen von Symbolsystemen. Damit unterscheiden wir diese Objekte von Hervorbringungen, die als Verkörperungen natürlicher neuronaler Repräsentationen, oder besser als Verkörperungen der Selbstrepräsentation natürlicher neuronaler Operationen entstehen.
Mediale Artefakte sind also durch einen hohen Grad an Selbstbezüglichkeit gekennzeichnet, weil sie die Logiken ihres Entstehens zugleich verkörpern und repräsentieren, diese Differenz ihrerseits in Instruktionen umwandeln und so fort. Darin liegt die Einheit von natürlicher und artifizieller Produktion, nach der Simon fragt. Im Unterschied zu Kunstwerken gibt es also bei medialen Artefakten keinen Zustand, der als Vollendung, als Abschluß oder erreichtes Ziel bestimmbar wäre - so wie in der Natur die einzelnen Organismen nicht Vollendung der genetischen Instruktion sind, sondern Verkörperungen zur Erhaltung der Instruktion. Ist diese Instruktion weitergegeben, kommt es auf den einzelnen Organismus nicht mehr an.
Im Unterschied zu Kunstwerken kommt es auch bei medialen Artefakten nicht mehr auf die einzelnen Verkörperungen als Zeichengefüge an, sondern "nur noch" auf die Fortsetzung des Verhältnisses von Verkörperung und Repräsentation. Die relative Gleichgültigkeit des einzelnen medialen Artefaktes, seine bereits nach kurzer Zeit aufgegebene Verkörperung, wird in abwehrenden Formulierungen als Überflutung durch Bilder oder generell durch Zeichensysteme beklagt, desgleichen der Zwang, den mediale Artefakte zur Geltung bringen, sich immerfort selbst zu überbieten und damit zu eliminieren.
Bemerkenswerterweise haben Künstler, als sie mit Medien, die aufgrund externalisierter Instruktionen operieren, konfrontiert wurden (also schon in der Konfrontation mit dem Medium Fotografie), damit begonnen, ihren Hervorbringungen einen anderen Status als den von Kunstwerken zuzugestehen. Die auffällige Gleichgültigkeit, auch ostentative Gesten der Entwertung, mit der die frühen Fragmentaristen/Dadaisten, die informellen Prozeßkünstier und die Dekonstruktivisten ihren Werken begegneten, belegen das. Dergleichen war keine schockante Attitüde, sondern früh spürbare Reaktion auf die Entstehung eines anderen Objektcharakters im medialen Artefakt. Wie er sich bisher bestimmen ließ, könnte man von der ephemeren Ereignisarchitektur, der auf Verfallsdaten hin organisierten Festarchitektur oder der akustischen Verkörperung von in Noten symbolisierter Musik resp. der auf ein paar Stunden angelegten theatralischen Verkörperung von in Literatur symbolisierten Schauspielen ableiten. Die Zumutung, die darin steckt, hat schon Schiller mit der Feststellung formuliert, daß die Nachwelt, also das auf Dauer organisierte kulturelle Gedächtnis, dem Mimen keine Kränze flicht.
Nun bieten aber gerade Maschinen zur Erzeugung medialer Artefakte eine ihrer inneren Leistungen als Speicherung ihrer Operationen und deren Wiederholbarkeit im Recording an. In den natürlichen Zeichenproduktionen des Großhirns ist das Recording als Erinnerungsvermögen zwar auch gegeben, und es kann anhand von aufbewahrten Verkörperungen ehemaliger Operationen sein Potential enorm erhöhen, aber jede erinnernde Wiederholung verändert das Erinnerte: Selbst hochleistungsfähige Fälscher können letztendlich die Anstrengung identischer Reproduktion nicht durchhalten.
Gerade das aber zeichnet die Produktionslogiken medialer Artefakte aus, es sei denn, sie löschten sich selbst aus, was ihnen nach ihrer Funktionslogik genauso gut möglich ist wie die potentiell endlose Wiederholung. Mit dem Löschen geht aber ihre Verkörperungsform verloren - im Unterschied eben zu den natürlichen Erinnerungstimuli in den aufbewahrten Spuren natürlicher Symbolproduktionen.
Sind wir deshalb so befremdet oder so enttäuscht, wenn wir in ein Museum medialer Artefakte geführt werden sollen - und solche Museen werden gegenwärtig vielerorts etabliert? Ähnliches Befremden oder ähnliche Enttäuschung überfiel uns, als die Bense-Schüler Herbert Frank und Co. bezeichnete Blätter Ende der 60er Jahre vorzeigten mit der Behauptung, sie seien von Maschinen geschaffene Kunstwerke (Tinguely erzählte uns zu diesem Ansinnen mit seinen Malmaschinen die angemessenen Witze).
Auch heute noch spekuliert man mit der Adelung medialer Artefakte zu Kunstwerken oder der Überbietung von ehemaliger Kunstproduktion durch zeitgemäße mediale Artefakte. Aber es wird immer deutlicher, daß wir uns zu entscheiden haben, wie schon öfter in der Kultur- und Zivilisationsgeschichte: Für die Liebe zu einem konkreten Individuum, anstatt es als Träger fleischgenetischer oder kulturgenetischer, genealogisch bedeutsamer Instruktionen zu werten - oder eben doch (umgekehrt) nach fleisch- oder kulturgenetischem Optimierungskalkül Verbindungen einzugehen. Das Zusammenfallen von personaler Liebesbeziehung und dynastischem Kalkül bildete hierzu eine rare Ausnahme.
Wer heute produziert, wird sich für die Kunst gegen mediale Artefakte oder umgekehrt zu entscheiden haben. Daß ein mediales Artefakt zugleich als ein Kunstwerk von einigem Anspruch wirksam werden könnte, ist die Ausnahme. Fatal an dieser Entscheidung ist, daß sie auch die Entscheidung für Kulturproduktion oder Dienst an der nicht mehr auf Individuen oder Gruppen zurechenbaren globalen Zivilisierung zu sein hat. Wenn sich die Zivilisierung als neutralisierende Kontrolle kultureller Selbstbehauptung aber durchsetzen muß, ist die Neutralisierung von Kunst zur Folklore oder Musealisierung unvermeidbar; d.h. Kunstproduktion wird es nur noch um den Preis des Verzichts auf kulturelle Wirkung geben können, als nicht mehr mögliche oder als nur im Bewußtsein ihres Vergangenseins mögliche. Aber als solche wird sie eine neue Verkörperungs- und Repräsentationskraft entwickeln: Die Kraft zur Vergegenwärtigung dessen, was wir vergessen müssen, um als Gattung in der Evolution weiter vorzukommen.

Literatur

  • Gustav Theodor Fechner: Über die physikalische und philosophische Atomlehre, Leipzig 1864, neu hrg. von Ecke Bonk, Wien / New York 1995
  • F. v. Paula Gruithuisen: Anthropologie oder von der Natur des menschlichen Lebens und Denkens für angehende Philosophen und Ärzte, Jena 1810
  • Odo Marquard: Zur Geschichte des philosphischen Begriffs Anthropologie seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, Konstanz 1965
  • Heiner Mühlmann: Die Natur der Kulturen - Entwurf einer kulturgenetischen Theorie, Wien / New York 1996
  • Karl Popper und John Eccles: The mind and its brain, Cambridge 1977
  • Hans Ulrich Reck: Zugeschriebene Wirklichkeit, Würzburg 1994
  • Herbert A. Simon: Die Wissenschaften vom Künstlichen, dt. von Oswald Wiener, Wien / New York 1994