Iconic Turn: die neue Macht der Bilder

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Bilder waren nie zuvor so präsent wie heute. Neben die künstlerischen Bilder sind gleichrangig technische, naturwissenschaftliche und mediale Bilder getreten. Die Allgegenwart der Bilder im Fernsehen, die zunehmenden Visualisierungen in den Naturwissenschaften und die Bild gebenden Verfahren in der Medizin haben Bildern eine nie gekannte Präsenz und Bedeutung gegeben, der sich niemand entziehen kann. Iconic Turn antwortet auf die Forderung nach einem interdisziplinären Blick auf die neue vielfältige Bilderwelt. Noch gibt es sie nicht, die fächerübergreifende Bildwissenschaft, die die spezifischen Blickwinkel von Geistes- und Naturwissenschaften zusammenführt. Doch ist innerhalb der Geisteswissenschaften, insbesondere unter Kunst- und Medienhistorikern, eine rege Debatte darüber entstanden, wie sie aussehen könnte und welche Themen sie vorrangig behandeln sollte. Iconic Turn ist der erste Versuch, das komplexe Thema Bild in seiner Vielfalt zu erfassen. Prominente Vertreter aus Geistes- und Naturwissenschaften, aber auch bekannte Bilder-Macher kommen zu Wort. Das thematisch breit gefächerte Spektrum berührt philosophische, kunst- und kulturwissenschaftliche Fragen ebenso wie Fragen der Naturwissenschaften nach dem Erkenntnisgewinn von Computervisualisierungen. Iconic Turn.

Die neue Macht des Bildes versammelt eigens für dieses Buch verfasste Originaltexte.

Autoren: Jan Assmann, Hans Belting, Gottfried Boehm, Reinhard Brandt, Stephan Braunfels, Horst Bredekamp, Bazon Brock, Norman Foster, Wolfgang Heckl, Stefan Heidenreich, Martin Kemp, Friedrich Kittler, Heinz-Otto Peitgen, Rolf Pfeifer, Willibald Sauerländer, Wolf Singer, Peter Sloterdijk, Barbara Stafford, Bill Viola, Peter Weibel, Wim Wenders, Anton Zeilinger und Semir Zeki.

Die Herausgeber: Christa Maar ist Präsidentin der Burda-Akademie zum Dritten Jahrtausend und Vorstand der Hubert Burda Stiftung. Die promovierte Kunsthistorikerin arbeitete zunächst als Drehbuchautorin und Regisseurin von Fernsehfilmen. Von 1988 bis 1992 war sie Chefredakteurin der Kunstzeitschrift PAN. Zuletzt erschienen die von ihr herausgegebenen Bücher Die Technik auf dem Weg zur Seele (1996), Virtual Cities (1997), Internet & Politik (1998), Gesundheit aus dem Darm (2003) und bei DuMont Weltwissen Wissenswelt (2000). Hubert Burda ist Verleger und Vorstandsvorsitzender der Hubert Burda Media. Der promovierte Kunsthistoriker initiierte zusammen mit Christa Maar die Vorlesungsreihe ICONIC TURN an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Als Leiter eines modernen Medienunternehmens und als Vorsitzender des Hochschulrates der LMU setzt sich Hubert Burda für die verstärkte Vernetzung von Wirtschaft und Wissenschaft ein.

Seite im Original: 323

„Quid tum“

Was folgt aus dem Iconic turn?

Wer in seinem Fach einen Paradigmenwechsel ausruft, begeht meist den Fehler, so zu tun, als habe er die Probleme seines Faches, die durch den Paradigmenwechsel angegangen werden sollen, gerade erst neu erfunden. Dadurch bleiben viele Erörterungen weit hinter dem historisch bereits erreichten Stand zurück. Die Folge ist, dass neue Wissenschaftsbereiche wie Designtheorie, angewandte Ästhetik, Medien-, Bild- und Kommunikationswissenschaften im Namen des Attributs »neuronal«, mit dem sie sich neuerdings versehen, Interesse und Gelder für Erkenntnisleistungen reklamieren, die die bildende Kunst im 15. Jahrhundert, die Theologie im 16. Jahrhundert, die Staatsphilosophie im 17. Jahrhundert, die Ästhetik im 18. Jahrhundert, die Kunstgeschichte im 19. Jahrhundert und die Sprachphilosophie im 20. Jahrhundert mit großen Auswirkungen auf Weltbild und Lebenspraxis längst erbracht hatten.

VORSCHLAG ZUR GÜTE

Wer etwas Neues entdeckt zu haben glaubt, beweist das durch einen neuen Blick auf das überholte Alte. Wenn unter diesem neuen Blick das Alte so anmutet, als sähe man es zum ersten Mal und als sei es Bestandteil der aktuellen Auseinandersetzung, dann hat die neue Methode ihre Bewährungsprobe bestanden. Indem sie nun ihrerseits angewandt und benutzt wird, wird sie selbst zum bewährten Bestand und auf Dauer redundant und konventionell, so dass sie durch etwas noch Neueres aktualisiert werden muss. Indem sie sich dem Neuen avantgardistisch verpflichtet, kann die Gesellschaft das Alte beständig aktualisieren und sich damit immer mehr Ressourcen für die Orientierung in die Zukunft erschließen. Viele Potenziale, die sich im Laufe der Menschheitsgeschichte als leistungsfähig erwiesen haben, werden mittels Avantgarden aus der Gegenwart heraus reaktiviert. Fortschritt in den Wissenschaften wie in den Künsten bedeutet nichts anderes als eine zunehmende Vergegenwärtigung ihrer Vergangenheiten. Diesem Ziel dienen Archive und Museen, die alle Vergangenheiten der Kulturen gleichzeitig vergegenwärtigen möchten und damit ein Indikator für Fortschritt sind.

Wenn wir den Anspruch der neuronalen Ästhetik, neuronalen Kunstgeschichte und neuronalen Medienwissenschaften, etwas tatsächlich Neues hervorgebracht zu haben, vor diesem Hintergrund sehen, muss man danach fragen, ob diese neuen Ansätze uns die historischen Leistungen der Künste, Theologien, Ästhetiken und Philosophien in einer neuen Weise erschließen. Lässt sich beispielsweise mit einem solchen Ansatz das preziöse, aber verschlissene Projekt des Wagnerschen Gesamtkunstwerks so vergegenwärtigen, dass wir es für die heutige Pädagogik verwerten können? Wagners Zeitgenossen der Helmholtzschule hatten mit dem Verständnis insofern kein Problem, als das Projekt mit der Entdeckung der Synästhesien als Resultat empirischer Forschung verknüpft war.

BEISPIELE FÜR VERGEGENWÄRTIGENDE RÜCKERFINDUNGEN

Wenn Bill Gates das von Microsoft entwickelte Betriebssystem Windows »Fenster« nennt, dann überträgt er die scheinbar konventionelle Auffassung der Renaissancekünstler, ein Tafelbild sei ein Fenster zur Welt, auf das Display des Computers. Wenn Felix Burda, ausgehend von zeitgenössischer Videokunst, in den Bildräumen barocker Deckengemälde Manifestationen von Vorstellungsräumen erkennt (Felix Burda: Andrea Pozzo und die Videokunst. Neue Überlegungen zum barocken lllusionismus. Berlin
2001)
, vergegenwärtigt er eine aus unserem Bewusstsein weitgehend verschwundene historische Leistung von Künstlern und zeigt zugleich, worin Sinn und Bedeutung der heutigen Video-Avantgarde liegen könnten. Wenn Markus Brüderlin auf höchst spekulative Weise die Rechtfertigung der so genannten abstrakten Kunst vornehmlich aus der mehrere tausend Jahre zurückreichenden Geschichte des Ornaments herleitet (Markus Brüderlin: Ornament und Abstraktion. Köln 2001), leistet er damit eine Rückerfindung des Ornaments von der Gegenwart aus, die sowohl der abstrakten Kunst wie dem aus Kunst und Design verdrängten ornamentalen Gestalten zu neuer historischer Bedeutung verhilft. Wenn schließlich Hubert Burda für das Verfahren des Kollagierens, wie es sich von Dada bis zur heutigen elektronischen Medienpraxis entwickelt hat, Analogien in den Bildprogrammen des capriccios sieht, trägt er dazu bei, die zeitgenössische Praxis zu qualifizieren und uns die historische zu vergegenwärtigen.

Die »vergegenwärtigende Rückerfindung«, die damals »Renaissance« hieß, ist bereits Mitte des 15. Jahrhunderts von Leon Battista Alberti, einem der Gründerväter der Neuzeit, zum signum temporis bestimmt worden. Alberti entwarf eine impresa, eine Art Logo, das von dem Künstler Matteo di Pasti zu einer berühmt gewordenen Medaille verarbeitet wurde (Abb. 1). Versehen mit der Unterschrift quid tum zeigt das Logo ein so genanntes geflügeltes Auge in einem Lorbeerkranz. Mit dieser Bilderfindung gelang Alberti die vergegenwärtigende Rückerfindung des allsehenden Weltenherrscher-Auges und gleichzeitig der Evidenznachweis für die behauptete »Allsehendheit«. In der Kunst der Romanik gelang es Künstlern mit einem raffinierten Trick, die Augen des auferstandenen Christus so darzustellen, dass der Betrachter sich von ihnen ununterbrochen an jedem möglichen Standort vor dem Triumphbogen fixiert glaubte. Selbst wenn sich der Betrachter bewegte, meinte er sich noch von den Augen des alles sehenden Christus verfolgt.

Heute bietet die Hirnforschung dank neuer bildgebender Verfahren wie der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) ein unmittelbares Evidenzerlebnis in der Parallelisierung von Begriff und Anschauung. Mit solchen Verfahren lässt sich untersuchen, welche Hirnareale bei welchen Aktivitäten, etwa beim Sprechen, Vorstellen, Wollen, Denken, Empfinden, aktiv sind.
Albertis geflügeltes Auge begründete humanistisch modern die »Allsehendheit« als Supervision, als Überblick, der es von einem erhöhten Standpunkt aus erlaubt, ein Ganzes in den Blick zu nehmen. Alberti überführte die Supervision ins Supervisionäre, indem er die Leistungen des Gesichtssinns mit den Flügeln der Imagination und anderen Leistungen des Gehirns verknüpfte. Das geflügelte Auge sagt uns, dass das Auge für die Wahrnehmung der Welt Arbeitsleistungen des Gehirns benötigt. Ohne Gedanken, ohne Einbildung und ohne Empfindungen blieben die Wahrnehmungen des Auges bedeutungslos. Die Flügel auf Albertis Impresa sind modernisierte Engelsflügel. Der Künstler hat so die überholte Engelstheologie für den zeitgenössischen Humanismus »rückerfunden« und wieder nutzbar gemacht. Die Wiederentdeckung und Neuaneignung von dauerhaft gültigen Grundlagen des menschlichen Daseins, wie sie das geflügeltes Auge symbolisiert, traf sich mit dem Credo der Humanisten »Ich will wissen, was ich glauben muss«.

STRICH DRUNTER

Die Kunst-, Bild- und Medienwissenschaften, die sich in ihrer Argumentation auf Erkenntnisse der Hirnforschung stützen, können ihre durch den neural turn vermittelten neuen Einsichten nur mit Bezug auf die alten Annahmen ihres jeweiligen Faches bewerten. Die neuen Einsichten führen zwangsläufig dazu, dass sehr alte Fragen plötzlich in einem völlig neuen Licht erscheinen. Dies wird umgekehrt wiederum die Hirnforscher dazu anregen, neue Hypothesen zu bilden, was bereits jetzt spürbar ist. Hirnforscher wie Wolf Singer, Ernst Pöppel und Semir Zeki beziehen bereits jetzt intensiv Resultate aus Ästhetik und Kunstgeschichte in ihre Untersuchungen mit ein, wohingegen die Arbeit anderer Hirnforscher die große Bedeutung hervorhebt, die Wahrnehmungs-, Kognitions-, Sprach- und Kommunikationswissenschaften vor der Entwicklung der bildgebenden Verfahren hatten. (Sigrid Schade: Vom Wunsch der Kunstgeschichte, Leitwissenschaft zu sein. Pirouetten im so genannten »pictorial turn«, in: horizonte. 50 Jahre Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaft, Zürich 2001, S. 369-378.)

EVIDENZBEWEISE

Es liegt zunächst nahe anzunehmen, dass das mit dem iconic turn einhergehende neue Interesse an der Macht der Bilder einem geschärften Problembewusstsein für die Risiken der Medienmacht entspringt. Möglicherweise hat es aber auch damit zu tun, dass durch die »Bilderschwemme« in nahezu allen Bereichen öffentlicher Kommunikation jede Form von rationaler Argumentation durch überwältigende und deshalb sehr riskante Evidenzerlebnisse ersetzt wird.

Was die erste Annahme anbetrifft, so liegt das Problem weniger auf der Ebene derjenigen, die die Medienmacht besitzen, als vielmehr auf der Ebene der höheren Funktionsträger des Kulturbereichs. Sie scheinen ein gesteigertes Interesse daran zu haben, die Macht der Medien als grenzenlos zu betrachten.

Es stärkt offenbar ihr Selbstbewusstsein, wenn sie sich als Teil der Medienmacht begreifen können, die angeblich das Unterbewusstsein der Bevölkerung manipuliert. Sie kommen sich umso erhabener und mächtiger vor, je mehr die Macht der Medien nach außen hin als gefährlich und verschwörerisch dargestellt wird. Wie wenig Medienmacht letztendlich ausrichten kann, zeigt das Beispiel Willy Brandts. Es ist bekannt, dass die angeblich von der Bild-Zeitung gegen den Sozialismus aufgestachelten Massen – das Blatt erreicht täglich immerhin zwölf Milionen Leser – dennoch Willy Brandt zum Bundeskanzler wählten.

Ähnlich verhält es sich mit den Klagen über Gewaltdarstellungen im Fernsehen. Sie werden vornehmlich von den Printmedien vorgebracht, die damit die Konkurrenz zu attackieren suchen. Mit schöner Regelmäßigkeit wird die Klage über Gewalt im Fernsehen damit begründet, dass diese Kinder und Jugendliche zur Nachahmung animiere. Die Logik der Argumentation klingt bestechend, beweist aber letztlich nur eines: dass diejenigen, die der im Fernsehen gezeigten Gewalt die Schuld an jugendlichen Gewalttaten zuschieben wollen, keine Verantwortung für das übernehmen wollen, was angeblich durch Bilder passiert. In Wirklichkeit aber ist Gewalt ein gesamtgesellschaftliches Problem. Im Übrigen hätten die Programmmacher des Fernsehens längst wegen Anstiftung zur Gewalt belangt werden müssen, wäre die Argumentationskette richtig.

Was die angebliche Verdummung durch die Bilder der Massenmedien anbetrifft, so haben die öffentlich-rechtlichen und die privaten Sender zwar in die Klage über die katastrophalen Ergebnisse der PISA-Studie kräftig mit eingestimmt, um im Anschluss aber verstärkt solche Programme anzubieten, die sich an die in der PISA-Studie als »leistungsschwach« eingestufte Bevölkerungsgruppe wenden. Untersuchungen zeigen, dass diese Gruppe keineswegs so kognitiv leistungsschwach, ästhetisch unansprechbar und moralisch abgestumpft ist wie die Programme der Sender uns glauben machen wollen. Zum Beispiel stehen Sex und der Gebrauch von Drogen bei Jugendlichen nicht deshalb so hoch im Kurs, weil das Fernsehen sie dazu animieren würde, sondern weil die Gesellschaft die Überwältigung der Gefühle durch Verführung als etwas geradezu Unwiderstehliches feiert. Die heutigen Jugendlichen sind vollkommen selbstverständlich mit Fernsehen, Video, PC und Stereoanlage aufgewachsen. Es ehrt sie, wenn sie sich die Unterstellung verbitten, sie würden die Differenz zwischen medialer Manipulation und der tatsächlichen Wirkung von Medien nicht kennen.

Ein anderes Beispiel betrifft die leider lange Zeit mit Erfolg durchgeführten Prozesse gegen Unternehmen aus der Tourismusbranche. Kunden verklagten Reiseveranstalter auf Prospektbetrug mit dem Argument, dass der weiße Sandstrand, die azurblaue Lagune und die schicken Holiday-Resorts, die im Reiseprospekt abgebildet seien, nicht mit dem Bild übereinstimmten, das man sich selbst vor Ort habe machen können. Es gehört schon eine gehörige Portion Chuzpe dazu, nach hundert Jahren massenmedialer Konsumwerbung und lebenslangem eigenen Gebrauch von Foto- und Filmkamera zu behaupten, man sei nicht in der Lage, zwischen Verpackung und Produkt, Erscheinung und Wesen, Bild und Abbild zu unterscheiden und habe daher keine Vorstellung vom Unterschied zwischen der Abbildung im Prospekt und der Wirklichkeit am Urlaubsort gehabt.

Der Konsument als armes Opfer der Medien – mit dieser Rolle scheint an deutschen Gerichten jetzt erst einmal Schluss zu sein. Zumindest spricht dafür die Tatsache, dass die Klage eines Rauchers gegen einen der großen Tabakkonzerne in erster Instanz sofort abgewiesen wurde. Der Kläger hatte sich vor Gericht geweigert, auch nur einen Anflug von Eigenverantwortung für sein Schicksal und seine Krankheit zu übernehmen. Er bestand im Gegenteil darauf, dass er in all den Jahren, in denen er die Zigaretten des Tabakkonzerns geraucht hatte, nichts von der krankmachenden Wirkung des Nikotins gewusst habe. Und selbst wenn er davon gewusst hätte, wäre er dadurch, dass der Tabakkonzern ihm mit seinem Produkt eine Sucht aufgenötigt hätte, trotzdem zum Opfer geworden. Im Übrigen sei auf der Verpackung nicht ausreichend auf die Gesundheitsgefährdung durch Rauchen hingewiesen worden. Die Richter mochten der Klagebegründung, die einseitig in Richtung Produzentenhaftung argumentierte und jegliche Konsumentenhaftung ausschloss, nicht folgen. Sie wiesen die Klage ab, noch bevor es zum Rückfall in die zwar politisch korrekte, aber immer schon unzutreffende Argumentation mit den Mechanismen der Bildwirkung und in der Folge zu einer weiteren Akzeptanz falscher Argumente in der Öffentlichkeit kommen konnte.

Die Auffassung der Richter, dass jeder Mensch prinzipiell aus eigener Erfahrung um die Möglichkeit wisse, wie Bilder manipuliert werden können, und jeder deshalb immer auf der Hut sei, Bilder als Evidenzbeweise anzuerkennen, scheint von den Medien, insbesondere der Werbung, nichtunbedingt geteilt zu werden. Sonst würden die Werber schwerlich weiter mit Vorher- Nachher-Vergleichen arbeiten. Allerdings weiß man in den Werbeagenturen natürlich auch, dass die adressierte Klientel sehr wohl über die Manipulationsmöglichkeiten von Bildern aufgeklärt ist, was sie dazu benutzt, Vorher-Nachher- Vergleiche mit Witz zu gestalten, der letztlich die behauptete Wirkung des Produkts in Frage stellt.

Ein weiteres Beispiel stellen die neuen multimedialen Spiele dar, die, anspruchsvoll inszeniert, den Nutzer in eine geschlossene virtuelle Welt einführen. Doch jeder Jugendliche kann ganz lebenspraktisch zwischen der Virtualität des Computerspiels und der Realität der Lebenswirklichkeit unterscheiden, auch wenn ihm von den Kritikern der angeblichen Macht der Medien immer wieder nahe gebracht wird, dass sich die Realität durch den Computer virtualisiere. Die Erfahrung zeigt, dass bereits kleinere Kinder sehr gut zwischen der Realität der Lebenswirklichkeit und der fiktiven Welt der Märchen und anderen Parallelwelten differenzieren können. Sie wissen, dass es sich bei Büchern und Filmen um Zeichensysteme handelt, mit deren Hilfe Vorstellungen und Gedanken realisiert werden, und dass dadurch keineswegs die Realität virtualisiert wird.

SO WHAT?

Die Probleme des Evidenzbeweises können im Alltag zumindest von den Jüngeren, die im Medienzeitalter aufgewachsen sind, hinreichend beherrscht werden. Das gilt übrigens auch dann, wenn man sie in bestimmten Bereichen der Alltagspraxis, beispielsweise in der Praxis des Arztes, auf die Probe stellt. Da die medizinische Diagnosepraxis stark von bildgebenden Verfahren geprägt ist, lässt sich im metaphorischen Sinn durchaus davon sprechen, dass man heute zum Arzt geht wie früher zum Porträtmaler oder zum Fotografen. Obwohl Ärzte mit ihren durch die Medien aufgeklärten Patienten über Röntgenbilder, CTs und Sonographien auf eine Weise sprechen, als würden sie, wie Galeristen, ein informelles Bild beschreiben (»Sehen Sie hier den Unterschied zwischen scharfausgezogener und aufgelöster Kontur, dunkleren und helleren Grauwerten« etc.), käme es keinem Patienten in den Sinn, die Querschnittaufnahme durch seine Wirbelsäule mit einer Capogrossi-Reproduktion zu verwechseln, da er ja weiß, dass es auf den Bedeutungszusammenhang ankommt.

In ganz anderer Weise stellt sich das Problem des Evidenzbeweises durch Bilder für Ärzte, Wissenschaftler und andere Berufsgruppen dar, die mit Imaging-Techniken arbeiten. Wenn etwa durch die ungeheure Verfeinerung der bildgebenden Verfahren bei der medizinischen Diagnostik präkanzeröses Zellgeschehen bereits zu einem sehr viel früheren Zeitpunkt als bisher erfasst werden kann, so verändert sie dadurch das gesamte Aussagengefüge von Diagnostik und Therapie. Die Tatsache, dass die Überlebenszeit von Patienten durch die Frühentdeckung steigt, verdankt sie in diesem Fall nicht der zellulären Krebsforschung, sondern den Fortschritten der Imaging-Technik.

Auf dieser Ebene den iconic, pictorial oder neural turn festzustellen, ist nur für die nichtausdrücklich als wissenschaftlich ausgewiesene medizinische Praxis und die Ingenieursarbeit irritierend. Für die explizit argumentierenden Wissenschaftler sind Probleme im Zusammenhang mit der Verwendung von Imaging-Technologien, wie sie die kontext- und erfahrungsabhängige Interpretation derart erzeugter Bilder oder die Nutzung solcher Bilder für die Rechtfertigung von Handlungsstrategien darstellt, mit der wissenschaftlichen Bearbeitung der Probleme identisch. Alternative Hypothesen und das Herausarbeiten von Zweideutigkeiten und Ambivalenzen sind geradezu gefordert. Die zusätzliche straf- und haftungsrechtliche Verantwortung, die sich im Fortschritt durch das unvermeidliche Überschreiten des state-of-the-art ergibt, muss über die Zustimmung der Klienten abgesichert werden.

Für Wissenschaftler ist das eigentliche Betätigungsfeld die Auseinandersetzung mit der Problematik ihrer Hypothesen. Sie ergibt sich aus der gewählten Vorgehensweise, dem festgelegten Rahmen und der Kontextuierung. Je unlösbarer die Problematik erscheint, desto höher ist der wissenschaftliche Rang der Argumente. Im Sinne des iconic turn heißt das, dass Imaging Hard- und Software zur Problematisierung von Erkenntnissen, Ideen und Methoden und zur avantgardistischen Erschließung alter Erfahrungen und Bewertungen gebraucht wird. Imaging hat für eine ganze Reihe von Wissenschaften deshalb einen hohen Stellenwert, weil mit dieser Technik Problematisierungsleistungen erbracht werden können, die zuvor unmöglich erschienen. Mit Hilfe von Imaging löst man nicht einfach alt bekannte Probleme. Diese werden vielmehr auf eine andere Ebene gehoben, in neue Perspektiven gesetzt und durch vergegenwärtigende Rückerfindung von Bekanntem bearbeitet. In der Medizin zeigt sich diese Tendenz zu Rückerfindung in der Renaissance der alternativen Medizin, spiritueller Praktiken und der Prophylaxe durch veränderte Ernährungs- und Lebensgewohnheiten. Diese Vorgaben für die medizinische Versorgung sind statistisch signifikanter und haben weitreichendere Folgen auf den Fortschritt der Medizin als noch so geniale Spitzenleistungen der Imaging-Wissenschaften.

FAZIT

Die Euphoriker des pictorial, iconic und neural turn sollten sich darauf einstellen, dass sie mit den bildgebenden Verfahren immer nur zur – freilich extrem interessanten – neuen Formulierung alter Hypothesen kommen können (zur Logik dieses Prinzips wissenschaftlichen Arbeitens hat Karl Popper Entscheidendes gesagt). Als Beispiel sollen hier die in der Öffentlichkeit groß propagierten neuen Erkenntnisse der Hirnforschung zur Gefühlsarmut (Alexithymie) dienen, die von Fachjournalisten wie folgt dargestellt wurden:

Franz und seine Mitarbeiter hatten den Versuchspersonen, die an das EEG-Gerät angeschlossen waren, Bilder emotional aufgeladener Szenen und Gesichter vorgelegt. Als die Wissenschaftler dann die EEG-Kurven auswerteten, trauten sie ihren Augen kaum: die Hirnströme der Gefühlsblinden zeigten nach zwei bis drei zehntel Sekunden heftige Ausschläge – heftigere sogar als die der Kontrollgruppen. »Es scheint also«, erklärte Franz, »als würden alexithyme Gehirne emotionale Eindrücke durchaus registrieren – aber sie blocken die emotionale Verarbeitung dann in einem sehr frühen Stadium aktiv ab.« (Aus: Der Spiegel. No. 4903.)

Das scheint zunächst ein recht bescheidenes Ergebnis für eine kostenintensive Untersuchung zu sein, zumal die Tiefenpsychologie immer schon von der Annahme ausging, dass Gefühlsblindheit nicht durch das Fehlen, sondern durch das Unterdrücken von Gefühlen entsteht. Die Aussage, »sobald es um Emotionen geht, kommt es bei Alexithymen zu einer massiven Hemmung«, bezeichnet aber nicht die Wiederholung von Bekanntem, sondern die vergegenwärtigte Rückerfindung bekannter psychoanalytischer Erkenntnisse. Sie verschiebt diese auf eine neue Ebene, von der aus die Psychoanalyse ihr Verständnis für die Therapie Gefühlsblinder erweitern kann. Das neurophysiologische Ergebnis des Versuchs bestätigt nicht nur das Faktum der Gefühlsblindheit, sondern liefert zusätzlich auch eine neurophysiologische Begründung für die alte Annahme, dass bei Alexithymen Emotionen unterdrückt werden, weil sie zum Beispiel mit Angst verbunden sind.

Für den Praktiker ergeben sich aus der Neuformulierung eines alten Problems neue Therapieansätze. Für den Wissenschaftler bedeutet die vermeintliche Platitüde, bei Alexithymen sei die Verarbeitung von Emotionen abgeblockt, hingegen ein ganz neues Niveau für die Argumentation und Problematisierung des Wissensbestandes. Denn bei der Abblockung von Gefühlen handelt es sich ja nicht um einen Betriebsunfall, sondern um eine Strategie des Gehirns. Die Frage ist nun, wie das Gehirn zur Bewertung von Strategien kommt, wenn, wie das bei Alexithymen der Fall ist, das limbische Regulativ ausgeschaltet ist. Eines scheint nach den vorliegenden Forschungsergebnissen aber klar zu sein: Das Gehirn fällt im Fall der Ausschaltung des limbischen Regulativs nicht in frühere Funktionsweisen zurück. Für die Psychoanalytiker bedeutet diese neue Erkenntnis der Hirnforschung, Gefühlsarmut nicht mehr als Krankheit oder Disfunktion anzusehen oder zu behandeln. Sie begreifen Alexithymie vielmehr als eine Bewältigungsstrategie des Gehirns, die sich zwar bewährt hat, aber – wie alle Problemlösungen – für das Gehirn nur um den Preis eines neuen Problems zu haben ist.