Ökonomien der Zurückhaltung

Kulturelles Handeln zwischen Askese und Restriktion

Barbara Gronau, Alice Lagaay (Hg.): Ökonomien der Zurückhaltung. Kulturelles Handeln zwischen Askese und Restriktion  | Bielefeld: Transcript, 2010.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Es gibt kulturelle, ästhetische und politische Handlungsformen, die einer Ökonomie der Zurückhaltung folgen. Handlung erscheint hier nicht nur als freiwilliges, affirmatives Tun, sondern auch als Zusammenspiel von Sich-Zurückhalten (Zaudern, Zögern, Diskretion) und Zurückgehalten-Werden (Nicht-Können, Nicht-Dürfen). Die interdisziplinären Beiträge des Bandes untersuchen ein diskursives Feld entlang der Begriffe Abstinenz, Diskretion, Reserviertheit und Beschränkung mit einem doppelten Fokus: der Askese als innerer, selbst auferlegter Zurückhaltung und der Restriktion als äußerem Zurückgehalten-Werden.

Mit Beiträgen u.a. von Giorgio Agamben, Bazon Brock, Sybille Krämer, Thomas Macho und Joseph Vogl.

Seite im Original: 147

Ästhetik des Unterlassens

Zur Geschichte des Nicht-Geschehenen: Intervento minimo

Woran ich Euch erinnert habe: Asketen des Luxus –
Gründung eines Konvents der goldenen Essstäbchen in München (2005)

Der Konvent versammelt Künstler, Vermittler, Wissenschaftler, gelehrte Geschäftsfrauen und Hausmänner, also Jedermann und jede Frau, die Liebe als Strategie der Nachhaltigkeit praktizieren, – die also zu sozialer Passion fähig sind. Diese Formen der Nachhaltigkeit lassen sich generalisieren.

Die historisch nachweislich erfolgreichste Form ökologischer, ökonomischer, hygienischer und ästhetischer Sorge und Fürsorge, kurz, Nachhaltigkeit, ist durch Luxurieren als Ausdruck der Askese zu erreichen. Dieses Prinzip vergegenwärtigen die goldenen Essstäbchen. Wenn wir Milliarden asiatischer Essstäbchenbenutzer unsere goldenen Essstäbchen überreichen würden, müssten die erhabenen Wipfel südamerikanischer Urwälder nicht dem Holzraub zum Opfer fallen, der zur Fertigung hölzerner Essstäbchen betrieben wird. Also erweist sich hier Luxurieren als tatsächlich erfolgreiches Prinzip ökologischer Sorge, soweit wir mit Gründen vermuten können, dass goldene Essstäbchen auch nicht umstandslos in den Müll verfrachtet werden, wie das mit hölzernen oder mit Besteck aus Plastik geschieht.

Es lässt sich leicht errechnen, dass die Kosten für ein paar hochwertiger goldener Essstäbchen pro wässrigem Mund sehr viel geringer sind, als die Kosten für die lebenslange tägliche Anschaffung von drei Paar hölzernen Essstäbchen. Durch diese Rechnung erweist sich Luxurieren auch als das ökonomisch sinnvollste Konzept. Goldene Askese, wussten die Aristokraten des Stammbaums und des Stils immer schon, heißt: Das Kostbare ist das Billigste, wenn es Generationen überdauert und dadurch seinen Wert noch steigert.

Im Ästhetischen bewährt sich Askese durch Luxurieren am Beispiel der goldenen Essstäbchen nach dem Generalmotto der Moderne: less is more. Die Stäbchen, jeweils von Meistern des Reduktionismus entworfen, verkörpern geradezu die Gestalt des Weniger, auch wenn man als Kritiker der konzeptionellen reduktionistischen Moderne behauptet, less is less and more is more.

Und schließlich nimmt Gold keinen Schmutz an. Die goldenen Essstäbchen sind das Emblem der Lebensreformmoderne „GeSoLei“ – Gesundheitspflege, soziale Fürsorge und Leibesübungen. Mit der sozialen Fürsorge schließt sich die Gemeinschaft der Liebenden aus sozialer Passion zur Tafelrunde zusammen, an der wir uns üben, das Unterlassen als nachhaltigste Form des Handelns zu verstehen. Askese heißt eben Ethik des Unterlassens als anspruchvollste Form des Tuns. Dafür steht die phrygische Mütze, das revolutionäre Zeichen überwundener Kultureselei. Denn König Midas schuf diese Mütze, um die ihm vom Gotte Dionysos verpassten Eselsohren zu bedecken – eine pädagogisch wertvolle Maßnahme, weil der König auf diese Weise ständig daran erinnert wurde, wie armem Geiste und schwachem Charakter der Wunsch von Menschen entspringt, es möge sich alles, womit sie zu tun haben, in Gold verwandeln, und jede Unternehmung zur Gewinnmaximierung führen, weil das Maß aller Dinge das finanzamtlich eingeforderte Gewinnstreben sei. Gegen dieses Diktat der Ökonomisierung von Liebe, Recht, Bildung und sozialer Passion tritt der Konvent der goldenen Essstäbchen an.


Was ich Euch da neulich erzählt habe: Lustmarsch durchs Theoriegelände (2006)

Jüngst, im Sommer 2006, habe ich in meinem Programm „Lustmarsch durchs Theoriegelände“ die Ästhetik des Unterlassens mit einem „Festival der Zivilisationsheroen“ auf dem Radlpass an der Grenzstation zwischen Österreich und Slowenien in Erinnerung gerufen. Das zielt auf eine grundlegende Umorientierung in der Bewertung von Handelnden und Aktivisten im Bereich des gesellschaftlichen Lebens – vom Kulturheros zum Zivilisationsheros. Wir wollten wissen, wie weit wir von dieser Umorientierung, von der Feier der Glorie des Außerordentlichen hin zur Würdigung der Sensation des Normalen, noch entfernt sind. Auf dem Radlpass versuchten wir, eine Würdigung derjenigen zu entwickeln, die nach allgemeinem Verständnis mit der Bewahrung der zivilisatorischen Grundsicherung von Alltagsleben beauftragt sind, also der Feuerwehrleute, der Notfalldienste, der Polizei, des THW und des Roten Kreuzes, derjenigen also, denen die Pflicht zur Rettung in ihren Tätigkeitsfeldern vertraut ist.

Nach Meinung der höchsten wissenschaftlichen Autoritäten rangieren immer noch Personen und Personengruppen als Souveräne an erster Stelle, denen es gelingt, wie der Staatsrechtler Carl Schmitt es formulierte, über den Ausnahmefall, über die Außerordentlichkeit, über das große Ereignis zu bestimmen. Wir wissen aber, dass inzwischen jeder mit ein bisschen Dynamit sofort in jeder Großstadt, in jedem U-Bahnschacht etwas Außerordentliches inszenieren kann. Es gilt also längst, dass nicht mehr derjenige souverän ist, der den Ausnahmezustand erzwingt. Souverän ist nur noch, wer den Normalzustand garantiert. Die Zivilisationsagenten, Feuerwehrmänner, Rettungseinsatzkräfte, Ärzte im fliegenden und rollenden Verkehr sind für eine Gesellschaft die Garanten, dass überhaupt das Normal-Null der Ereignislosigkeit gewährleistet werden kann.

Wir als Künstler und Wissenschaftler werden normalerweise danach eingeschätzt, inwiefern es uns gelingt, etwas Außerordentliches als Ereignis zustande zu bringen. Heroen der Zivilisation gelingt es, dafür zu sorgen, dass nichts Entscheidendes geschieht. Was wir retten sollten, ist die Rettung der Ereignislosigkeit in einer Zeit, wo jeden Tag rund um die Uhr jeder Fernsehsender, jede Hochschule, jedes Theater das gesamte lebendige Dasein der Menschen als ereignishaft vermarktet. Allmählich wird es unlogisch, sich auf diese Ereignisse überhaupt noch einzulassen, da sich ihnen gegenüber ohnehin nichts mehr absetzen lässt. Handelt es sich um ein Großereignis, dass ein Flugzeug abstürzt oder ein Brand ausbricht? Ist es nur deswegen eine Einmaligkeit, weil es sehr selten auftritt? Es tritt nur deswegen als Ereignis mit Seltenheitswert auf, weil es Menschen gibt, die das normale Auftreten dieser Außerordentlichkeit von Abstürzen, Bränden und Unfällen verhindern. Unter den Entwicklungen der modernen Zivilisation gilt nicht mehr als die Aufmerksamkeit fesselnd, was spektakulär, großartig, noch nie dagewesen ist, weil derartiges täglich berichtet wird. Eine Einmaligkeit jagt die andere, die Überbietungskonkurrenz hat sich schon so weit erschöpft, dass man es nur noch als sensationell empfindet, wenn es nichts Außerordentliches zu behaupten gibt. Zur Größe eines zivilisatorischen Ausdrucks gehört die Fähigkeit, das Nicht-Ereignis zu schätzen.

Wir möchten zum Bewusstsein bringen, inwieweit und auf welche Weise uns diese Umkehr in der Wertigkeit bereits beeinflusst. Als wir im Frühjahr 2006 im Karlsruher ZKM mit unserem Theoriemarsch anfingen, streikte dort die Müllabfuhr. Obwohl deren Tätigkeit in der Hierarchie der Kulturschöpfer so niedrig rangiert, dass sich für eine derartige Arbeit niemand mit ausgewiesener Berufsqualifikation zur Verfügung stellt, macht sich der Ausfall der Müllabfuhr sofort lähmend auf das gesamtgesellschaftliche Geschehen bemerkbar: ein krasses Missverhältnis von Bedeutung der Arbeit und ihrer öffentlichen Anerkennung. Wenn der Regierungspräsident, der Oberbürgermeister oder ähnlich hochrangiges Personal streiken, berührt diese Tatsache das Leben einer Großstadt in keiner Weise. Wenn aber die Müllabfuhr oder die Feuerwehr streiken, dann zerfällt das Zusammenleben der Menschen unter halbwegs antizipierbaren Bedingungen. Es ist offensichtlich, dass die faktische Bedeutung den hierarchischen Klassifikationen nicht entspricht.

Die Bedeutung dieses Verständnisses von Zivilisierung wird dadurch verstärkt, dass auch die christliche Ethik mit dieser Handlungsform übereinstimmt. Es ist klar, dass die Zehn Gebote im Grunde Gebote des Unterlassens sind. Die Aufforderungen zum Unterlassen lauten: Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht töten usw. Wenn uns allen gleichermaßen bewusst wäre, dass die Ethiken aller Zivilisationen auf Unterlassungsgeboten beruhen, dann sollte das in der Wertschätzung historischen Geschehens dazu führen, statt Religionsstifter und Kriegsherren diejenigen zu ehren, die nicht Schlachten schlagen.

In der Diskussion über die Durchsetzung eines generellen Rauchverbots spielte die Überlegung eine Rolle, dass es, wie jeder Raucher weiß, sehr viel mehr Anstrengung, mehr Aktivität, mehr Selbstbeherrschung, also generell mehr erfolgreichen Verzichts bedarf, nicht zu rauchen, als zu rauchen. Zu rauchen ist eine nachgerade lachhafte Selbstverständlichkeit geworden, der wir keine Beachtung mehr schenken. Aber nicht zu rauchen, verdient unsere Aufmerksamkeit. Durch die Mithilfe der Krankenkassen, die mit einer Erhöhung der Beiträge für Raucher wegen Selbstschädigung drohten, ist das Rauchverbot ja mittlerweile durchgesetzt. Zusätzlich zu dem bereits eingeführten Rauchverbot müsste jedoch noch ein Kult der Verehrung von ehemaligen Rauchern etabliert werden.

In der modernen Kunst begegnen wir in Marcel Duchamp demjenigen Künstler, der durch den Übergang von der Bewertung großartiger einmaliger Leistungen auf Leinwand oder Bühne hin zur Würdigung des Unterlassens herausragende Einsichten gewährte. Duchamp ermöglichte die Anerkennung des Verzichts auf künstlerische Werktätigkeit. Dennoch will heute jedermann seine künstlerische Selbstentäußerung als Maler oder Bildhauer einer Öffentlichkeit präsentieren. Allein in der BRD gibt es zehntausende eingetragene, nämlich bei Finanzämtern registrierte Künstler. Was soll es da noch bedeuten, auch zu pinseln, auch zu bildhauern und auch zu schauspielern? Wir rühmen daher all diejenigen, die soweit zivilisiert sind, dass sie den Wert des Unterlassens im Bereich der Wissenschaft und der Künste zugunsten einer neuen Orientierung auf die Bedeutung des menschlichen Handelns als Unterlassen darstellen. Niemand weiß, was im absoluten Sinne gut, wahr oder schön ist. Wir wissen aber alle genau, was es zu unterlassen gilt an unguten, unwahren und unschönen Handlungen.

Inzwischen haben wir angesichts weltweiter permanenter Kulturkämpfe allen Anlass, uns daran zu gewöhnen, dass die höchstrangigen Leistungen einer Zivilisation in der Sicherung des Friedens bestehen. Frieden heißt die Feier des Nicht-Ereignisses. Frieden existiert nur, wo es niemand nötig hat, sich in irgendeiner Weise hervorzutun, etwas Beliebiges in auffälliger Weise so zu behaupten, dass aus der Entgegnung ein Konflikt entsteht. Frieden ist die Souveränität der Möglichkeit, still in einem Zimmer zu sitzen, wie es bei Pascal heißt. (1) Nur derjenige ist souverän und normal ethisch funktionstüchtig, der es versteht, ohne den ständigen Drang zum Außerordentlichen zu leben, weil er Phantasie genug besitzt, die aufgeilenden Attraktionen gedanklich zu produzieren, für seinen Gefühlshaushalt zu nutzen und sie dann auf sich beruhen zu lassen.

DIE STILLE DER EREIGNISLOSIGKEIT

Aus der Reihe der bedeutenden Agenten der Zivilisierung heben wir die Hoteliers hervor. Sie traten höflich den wilden Rabauken und herumrotzenden Lümmeln entgegen und baten, im Hotel nicht auf den Boden zu spucken, nicht die Finger in die Soße zu stecken und nicht in die Ecke zu urinieren. Die Hoteliers waren Zivilisationsheroen, die den Naturburschen in ihren wilden Antrieben der Entäußerungskraft beizubringen hatten, daß ein zivilisierter Mensch nur derjenige sei, der derartige Machtgesten unterlässt. (2) Was besagt schon eine Machtdemonstration, bei der jemand mit einer Kalaschnikow Dutzende von Menschen in ein paar Sekunden niedermäht, gegenüber dem Bemühen, deren Lebensführung zu erleichtern?

Feuerwehr und medizinische Helfer nehmen zwar bei uns an nahezu jeder Kulturveranstaltung teil, werden aber nicht in ihrer objektiven Bedeutung gewürdigt, weil man die für völlig selbstverständlich erachtet. Seit sich Terroristen weltweit zu Herren der Lage aufgeschwungen haben, ist das aber leider nicht gewährleistet. Es bleibt zu hoffen, dass die Stille der Ereignislosigkeit, die Souveränität des Unterlassens, des Nicht-Tuns doch noch als höchste Erfüllung eines ethischen Anspruchs geschätzt und belohnt wird. Immer noch empfindet es die Mehrheit nicht nur als tolerierbar, sondern als wünschenswert, mit allem Nachdruck Dauerspektakeln ausgesetzt zu werden. Bei Protest gegen derart grundgesetzwidrige Verletzung der Integrität und damit der Würde des Menschen wird man vom Personal der Restaurants, Boutiquen, Arztpraxen mit schöner Regelmäßigkeit beschieden, man nehme den Musikterror nicht mehr wahr; auf den Hinweis, wenn das Personal den Terror gar nicht wahrnehme, könne man ihn unterlassen, heißt es ausnahmslos, der Lärm sei im Interesse der Kunden von der Direktion angeordnet. Auf den weiteren Hinweis, man sei selber Kunde und wünsche, verschont zu werden, lautet die Antwort: Sie können ja woanders hingehen – was aber unmöglich ist, da man inzwischen überall gezwungen wird, bei rabiatester Beatmusik zu essen, ohne Rücksicht auf die Physiologie. Beschwerden sind sinnlos, weil der Terror systemimmanent ist, was man spätestens feststellt, wenn man den angeblichen Kundenservice als Dauerverweis von einer Warteschleife des Call Centers auf die nächste erfährt.

INTERVENTO MINIMO

Die historisch hoch stehenden Gegenbewegungen gegen den Aktionismus bildeten die Zen- und die Hindu-Religionen, sowie im Westen die Mystiker. Sie legten es stets darauf an, im Bewusstsein der Zeitgenossen die Würde der Stille, die Großartigkeit des Nichteingreifens oder wenigstens des intervento minimo, des kleinstmöglichen Eingriffs zu würdigen, anstatt dem intervento maximo, des pompösen Eingreifens mit allen Mitteln zu huldigen. Intervento minimo bedeutet, mit einer Minimalbewegung etwas zu wenden. Einen tausend Jahre unbewegt ruhenden Stein umzudrehen, ist eine Sensation für jemanden, der noch weiß, was Ereignishaftigkeit bedeutet. Der Flügelschlag eines Schmetterlings oder das Umblättern einer Seite sind Formen des intervento minimo; obwohl es natürlich Gewürm geben mag, das sich selbst durch einen sanften Spaziergänger gestört fühlt, aber bei dem entschuldigt man sich als spirituell sensibler Buddhist oder Hinduist durch Glöckchen am Armgelenk oder an den Schuhen, damit das Getier rechtzeitig Reißaus nehmen kann.

Wenn wir uns hier erstmalig offiziell als Anwärter auf die Ehrenmitgliedschaft als Dichter und Künstler bei der Feuerwehr und bei der Polizei bemühen, dann in dem hoffenden Bewusstsein, dass sich auch Polizei, Feuerwehr und Ärzteschaft bei ihren Interventionen zu Wasser, zu Lande und in der Luft langsam ihrer eigenen Würde bewusst werden und sich deswegen nicht mehr so rigide zeigen müssen, wie das häufig der Fall ist. Ein Polizist in der Würde desjenigen, der den Normal-Null-Fall des Nicht-Ereignisses garantiert, ist eigentlich in keiner Hinsicht mehr, selbst für empfindlichste Künstler, der Ausdruck einer zwingenden Macht oder Autorität.

Wir feiern die Hausmeister in den Museen, das Reinigungspersonal, die Polizisten, die Straßenbahnschaffner, die Müllabfuhr als Souveräne der Normalität. Im Zuge der Entwicklung einer neuen Kulturhierarchie der Bedeutungen sollten sie auf den Schild der öffentlichen Wahrnehmung gehoben werden. Als Einübung in ein derartiges Würdigen lobe ich bei Preisvergaben stets diejenigen, die den Preis nicht bekommen, aber die Bedingung der Möglichkeit einer Auszeichnung darstellen. In Ausstellungen oder Theatern sollte man diejenigen beglückwünschen, die nicht mehr schreiben, malen oder spielen müssen. Leider gibt es noch keinen Kult für die Würdigung des Unterlassens, aber genau auf diesen Weg haben wir uns mit unseren Veranstaltungen auf dem Radlpass und im Theoriegelände begeben.

FESTIVAL DES NICHT-EREIGNISSES AM RADLPASS

Der Vorschlag, den Radlpass als Ereignisort der Zivilisationsbewegung auszurufen, knüpft an eine alte hellenistische Tradition an. Wir befinden uns gleichsam auf dem Berg Haimon. Wir tun, was einst die Verpflichtung eines intelligenten Vorgesetzten war, nämlich eine Übersicht zu gewinnen. Übersicht heißt auf Lateinisch supervisio, was bedeutet, sich einmal um die eigene Achse zu drehen und die Einheit der Welt im Zusammenschluss von Anfang und Ende der Besichtigungsdrehung wieder herzustellen. Eine solche Verpflichtung erfüllten die hellenistischen Nachfolger Alexanders, wenn sie in alljährlichen Ritualen den Berg Haimon bestiegen. Diese Einheit der Wahrheitsorientierung wurde seit langem als gestört wahrgenommen. Wir glaubten, es komme nur auf Präsidenten, Staatssekretäre, auf große Individuen an, die ihre Außerordentlichkeit darin betonten, dass ihnen ohnehin niemand folgen könne; eine logische Idiotie für jeden Künstler und Wissenschaftler. Es geht längst um die entgegengesetzte Annahme: Überlegenheit in der Souveränität des Menschseins zeigen wir dann, wenn wir uns selbst als Supervisionäre betätigen und damit für die Allgemeinheit verantwortlich fühlen, deren Bestandteil wir sind. (3)  Das ist das, was wir auf Bergeskuppen oder in Furten als Stätten des Übergangs zu leisten hätten. Seien wir also Alexander-Nachfolger und übernehmen die Aufgabe der hellenistischen Fürsten, die Einheit der Welt zu stiften, indem wir dem Außerordentlichen in der Seltenheit seines Vorkommens eine Chance bieten. Denn solange es keine Normalität gibt, ist es unsinnig, etwas als außerordentlich zu behaupten. Wenn der Normalfall inzwischen das Außerordentliche geworden ist, dann ist die Souveränität in der Herstellung des Nicht-Ereignisses zu sehen.


Wie Nicole Stratmann meine Erzählungen erzählte –
Bazon Brock: Der Selbstfesselungskünstler.
Einführung in eine Ästhetik des Unterlassens (1995)

„Denn das Gute [- dieser Satz steht fest -]
ist stets das Böse, [w]as man unterläßt.“ 
[Wilhelm Busch]

„... die Geschichte des Scheiterns zu [feiern] ... Die Tradition der Geschlagenen zu pflegen, Geschichten des Versagens zu erzählen: [e]s war der [7.] November. Oder der 31. Oktober. So gegen Morgen. Was immer es dann war, und ob es morgens war oder nachmittags oder überhaupt stattfand. Soweit es als historischer Ablauf beschreibbar ... und abbildbar ist, und wenn es auch nur so hätte sein können, wie es nicht war, und wenn es auch vergeblich war, wir mü[ß]ten es dazu bestimmen, für uns gewesen zu sein, damit es Beispiele gibt, Hinweise, und wenn auch nur die falschen, aber immerhin, denn anders spricht man von den Opfern gar nicht. Und Opfer sind ja die, von denen man nicht spricht.“ (4)

„WIR FORDERN SIE AUF, ALLES IN IHRER MACHT STEHENDE ZU UNTERLASSEN“

Auf dem Jahrmarkt in Wilster fand alljährlich die atemberaubende Vorstellung eines Entfesselungskünstlers statt. Tief beeindruckt muss der Schüler Jürgen Johannes Hermann Brock Jahr für Jahr diese Vorführung verfolgt haben. Damals mochte er nicht geahnt haben, dass jene heroische Selbstentfesselung später einmal – als Umkehr- und Kippfigur – sein Selbstverständnis als Unterlassungstäter und Künstler des Verzichts prägen und so zum zentralen Thema seines eigenen Schaffens werden sollte. Krieg und Vertreibung hatten Brock bereits als Kind gelehrt, dass es keiner Anstrengung bedarf, im Menschen den reißenden Wolf zu wecken, es hingegen aber ungeheures Durchsetzungsvermögen erfordert, die Zivilisierung zu meistern. Denn tatsächlich wird die Welt fast überall und zu jeder Zeit von Chaos beherrscht, von Krieg und Gewalt, Untergang und Vernichtung. Der sogenannte Normalfall, das langweilig anmutende Alltägliche, ist in Wirklichkeit die Sensation – diesen Ausnahmezustand aufrechtzuerhalten die eigentliche Leistung einer Gesellschaft: Die großen Taten der Weltgeschichte sind diejenigen, die sich selbst verhindern. (5)

50 Millionen Tote forderte der Zweite Weltkrieg: Opfer aus denen nichts folgte. (6) Aus seinen biographischen Erfahrungen heraus schien es für Brock immer eine der dringlichsten Aufgaben zu sein, die – wie er es in einem Interview formulierte – „natürlichen Affen in jedem Menschen zu zähmen“ (7). Affe steht hier wohl für Affekt. Ein unbedingtes Ausleben der Affekte stellt eine Gefahr für das menschliche Miteinander dar, vor der man sich nur durch die Anstrengung der Reflexion schützen kann. Diese Haltung erinnert an den bekannten Affektenverächter Spinoza, der ein von Gefühl und Irrationalität durchzogenes Leben für wenig erstrebenswert hält. In seinem Hauptwerk, der Ethik, empfiehlt er die Beurteilung sämtlicher Handlungen am Maßstab der Besonnenheit qua Vernunft: „Das menschliche Unvermögen im Beherrschen und Beschränken der Affekte nenne ich Knechtschaft. Denn der Affekten unterworfene Mensch ist nicht in seiner eigenen Gewalt, sondern in der des Zufalls, unter dessen Herrschaft er sich so sehr befindet, daß er oft, obwohl er das für ihn Bessere sieht, dennoch dem Schlechteren zu folgen gezwungen ist.“ (8)  – Bazon Brock also ein verkappter Spinozist, dessen höchstes Ideal sich in stoischer Gelassenheit beschreibt? Wohl kaum. Brocks Unterlassungsstrategie zielt weniger darauf, die menschlichen Gefühls- und Erregungszustände an sich aufzuheben, als vielmehr den angemessenen Umgang mit ihnen zum Thema zu erheben. Damit bezieht sich Brock nicht auf Spinoza, sondern auf Kant. Als „Philosoph des Antititanismus“ hatte Kant die „Position der Bescheidung“ im Blick auf die Grenze und das Maß des menschlich Angemessenen systematisch entwickelt und erkenntnistheoretisch begründet, und zwar „mit der frappierenden und bis heute kaum akzeptierten Schlußfolgerung des humanen Skeptizismus, daß die einzige Form des rechtfertigbaren Verlangens nach Selbsttranszendierung die Anerkenntnis der unendlichen Beschränktheit menschlichen Vermögens ist“. (9)

Unterlassen ist allein negativ beschreibbar. Da es dem Denken seit jeher darum geht, das, was ist, positiv zu fassen, findet jene Kategorie des Nicht-Tuns in der Philosophie kaum Erwähnung. (10) Von dieser Tradition grenzt sich Brock insofern ab, als er Unterlassen nicht im Sinne der Passivität einer „unterlassenen Hilfeleistung“ definiert, sondern vielmehr als aktive Tat verstanden wissen will. Die weitreichende Bedeutung dieses Nicht-Tuns zeigt sich besonders in ethischer Hinsicht. Moralische Ziele werden vorwiegend negativ beschrieben. Immerhin neun der zehn Gebote (also alle bis auf das Gebot, seine Eltern zu ehren) befehlen etwas zu unterlassen, sind also eigentlich Verbote, da sie sich an der Kraft des Faktischen als negativer Realität orientieren. Gesetze benutzen die schlechte Tat als zu verneinendes Positivum. (11)  Die Leistungsfähigkeit solcher Beschreibung liegt für Brock vor allem darin, dass sie die Negativität des Handelns in ihre Wahrheitsvorstellung miteinbezieht. Die Aufforderung, etwas nicht zu tun, umgeht die Versuchung, eine Wahrheit (als einzig denkbare) absolut zu setzen und zeigt, dass die Falschheit immer auch ein Teil von jeder Wahrheit ist – ebenso wie die Unvernunft nicht frei und unabhängig von der Vernunft gedacht werden kann: Nur der kann unvernünftig handeln, der zur Vernunft befähigt ist. Mit seinen Forderungen nach einer gewollten Beschränkung auf das menschlich Angemessene stand Brock im Nachkriegsdeutschland nicht alleine da. Das von ihm zum Lebensprogramm erklärte Motiv der Selbstfesselung spiegelt in seiner Negativität beispielhaft die Haltung einer ganzen Generation wider: der Generation all derer, die als Kinder das Grauen des Krieges miterleben und so am eigenen Leibe erfahren mussten, wohin das totale Ausleben des Willens, mag er sich noch so großartig und heldenhaft gebärden, am Ende führt – in Tod, Untergang, Vernichtung. Ahnend oder wissend, dass jeder neue Anspruch auf Totalität unweigerlich immer nur wieder in das gleiche furchterregende Elend führen würde, vollzogen jene Kriegskinder nach dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Systems einen überraschenden Rollenwechsel. Bis dahin allein geübt in der Identifikation mit den Tätern – vom Siegfried bis zum in der Wochenschau gezeigten jungen NS-Helden – weigerten sie sich, als potentielle Weltschöpfer und Geistestäter in Aktion zu treten und begnügen sich damit, das vermeintlich Große in sich klein zu halten. Und anders als bei anderen Heranwachsenden, bei denen der Widerstand gegen die Rollen und Klischees der Generation ihrer Eltern gewöhnlich nur solange währt, bis sie endlich selber fähig sind, diese auszufüllen, verweigerten sich jene Kriegskinder grundsätzlich einem wie auch immer gearteten Willen zur Macht. Der „Politik der Ekstase“ des Nationalsozialismus stellten sie den Verzicht auf die große Tat, den „Heroismus des Nicht-Tuns“ und das „Pathos der Prätentionslosigkeit“ gegenüber. Das war das bewundernswerte „Grundgesetz des intellektuellen Nachkriegsdeutschland“, welches lehrte, sich im Prinzipiellen zu bescheiden und „dem Wunder des Normalzustandes in Ruhe und Ordnung und äußerster Ereignislosigkeit gern das Opfer heldischer Größe“ brachte. (12) [Wer die „Erfahrungen meiner Generation gemacht“ und miterlebt hat, „wie wenig selbstverständlich das Selbstverständliche ist“, so Brock rückblickend [], „der wird sein Leben lang nur damit beschäftigt sein, sich selber zu fesseln und alle [...] unter der Dimension des Bösen angesprochenen Aspekte in sich selbst unter Kontrolle zu halten“]. (13)

Bemerkenswert erscheint, dass Brocks aufklärerisches Selbstverständnis als „selbstgefesselter Prometheus“, als Verhinderer und Unterlasser keineswegs die moralisierenden Warnungen der Kulturkritik vor den Gefahren übermächtiger Rationalisierungsansprüche eines technischen Zeitalters wiederholt. Im Gegenteil. Sein beharrlicher Widerstand gegen jede Form hybrider Selbst- oder Fremderhöhung thematisiert vielmehr den Missstand, dass die Rede von der Grenze der menschlichen Vernunft in unserem modernen Verständnis eine zweifelhafte Verkehrung erfahren hat. Die von Kant geforderte Besinnung auf eben jene Grenze, die sich in der Unterscheidung zwischen dem „Ding an sich“ und dem „Ding als Erscheinung“ begründet, reduziert die Welt auf die der menschlichen Erkenntnis. Es geht nicht mehr um den pathetischen Begriff der Wahrheit als Erfüllung maßloser Erkenntnisansprüche (also die Welt an sich), sondern um die Einsicht in die pragmatischen Bedingungen menschlicher Erkenntnis- und Handlungsfähigkeit. Die totale Erfassung der Welt, so wie sie eigentlich, d.h. an sich ist, erklärt ein kritischer Rationalismus für unmöglich. (14) Rationalität im Kontext der Kantschen Kritik bedeutet eine freiwillige Beschränkung des menschlichen Geistes auf das ihm Angemessene. Im Kontext der Brockschen Unterlassungsprogrammatik zeigt sich Rationalität demgemäß dort, wo Heroen und Tätertypen – ihrer eigenen Gefährlichkeit bewusst – alles daran setzen, sich selber zu fesseln, das heißt, die in jedem steckende Hemmungslosigkeit unter Kontrolle zu bringen. „Die großen, weil unvergleichlich mühevollen Taten sind die der Verweigerung und Verhinderung; heutzutage kann jeder kapitalkräftige Hanswurst zum Beispiel ein Atomkraftwerk bauen; es zu verhindern, [...] verlangt Genie, Durchhaltevermögen und Überzeugungskraft“. (15)

Die Bedeutung des Unterlassungspostulates zeigt sich besonders im Blick auf den für Brock im negativen Sinne zentralen Begriff des „Ernstfalls“. Gleichgültig, ob Ökonomie, Ökologie, ob in Fragen sozialer Innenpolitik oder im außenpolitischen Bereich – wenn wir die Chance wahren wollen, auf unsere Zukunft noch Einfluss zu nehmen, dürfen wir den Ernstfall, verstanden als Durchsetzung eines irgendwie gearteten letzten Zieles, nicht länger in unser Kalkül einbeziehen. (16) „Der tödliche Ernstfall ist keine Größe mehr, die sich ins Kalkül der Mächtigen einbeziehen ließe, es sei denn um den Preis von deren Selbstvernichtung“. (17) In Militärfragen ist das schon lange ein offenes Geheimnis: Eine Armee schlagkräftig zu halten ist heutzutage bekanntlich nur so lange sinnvoll, wie es keinen Krieg gibt. (18) Die Intellektuellen, so Brocks Kritik, werden diesen notwendigen Rationalisierungsansprüchen zumeist jedoch nicht gerecht. Statt sich auf das innerhalb der Grenzen der menschlichen Vernunft Mögliche zu beschränken, stimulieren diese hingegen im Kontext falsch verstandener „Selbstverwirklichung“ ein unmittelbares Ausleben der Triebe, der Empfindung, der Weltaneignung, der Allmachtsphantasie. In diesem Sinne leiden wir heutzutage nicht an einem Zuviel, sondern einem Zuwenig an rationaler Energie. Mit seiner Forderung nach einer Etablierung der „Kultur diesseits des Ernstfalles“ richtet sich Brock vor allem an die Intellektuellen. Diese müssen lernen, die Täterschaft in sich selbst zu suchen: Jene Katastrophe des Zweiten Weltkrieges, so Brock, wurde nicht von den Militärs provoziert, sondern ist das Ergebnis einer aus den Fugen geratenen Geisteswissenschaft. Es gilt, dem heroischen Kult des Entfesselungskünstlers, der sich Jahr für Jahr in die Flut des Jahrmarktteiches in Wilster stürzte, die Selbstfesselung als eigentlich heldenhafte Tat entgegenzustellen. Rationalität ist dabei die einzig legitime, zivilisatorisch akzeptable Fessel.

Ein Gleichnis vom verlorenen Intellektuellen (1982)

Wie attraktiv Carl Schmitts Werk gerade wieder für Intellektuelle geworden ist, die sich mit der alternativlosen Entwicklung zu einer Kultur diesseits des Ernstfalls nicht abfinden wollen, zeigte 1982 Karl-Heinz Bohrer in seinen Kommentaren zum Falklandkrieg. Ihm sei ein intelligenter Faschist lieber als ein dummer Sozialist, hatte Bohrer vorher schon mal verlauten lassen. Dass es doch keine intelligenten Faschisten geben kann, demonstrierte Bohrer nun mit seinen Kommentaren in schamtreibender Offenheit; immerhin ein Gewinn, allerdings nur für diejenigen, die das schon wussten. Die anderen fanden, endlich habe einmal einer gesagt, was man sich in der Bundesrepublik so lange verkneifen musste. Wer die begeisterte Zustimmung auch liebenswerter Durchschnittsdenker zu Bohrers Kriegsaufruf miterlebte, musste sich leider eingestehen, dass Bohrer nur ein Gleichnis war. Um so schlimmer. Ihn und viele andere langweilte offensichtlich die Trivialität des Lebens. Die Frustrierten konnten sich nicht länger aus bloßen Spekulationen und poetischen Schreckensbildern jene Kitzel verschaffen, nach denen sich besonders autistische Intellektuelle sehnen. Aber kann ihnen wirklich entgangen sein, dass diese Welt weit davon entfernt ist, satt und pazifiziert vor sich hinzudämmern? Ökologische Zusammenbrüche, Dauerbürgerkriege in Nordirland, Libanon, Kambodscha, neuer Nationalismus, Bankrotteursgesinnung der Parlamentarier, Bestechungsskandale, Selbstverstümmelung der Gewerkschaften, Minderheiten- und Ausländerprobleme – ganz abgesehen von den Zuständen in den Ländern der Dritten Welt, sind das Trivialitäten, die von Bohrer als kleines Spießerglück der Mainzelmenschen gewertet werden können? Selbst die immergleiche Dummheit und Trägheit der Menschen sind gerade, wenn man mit ihnen rechnen wollte, alles andere als trivial. Nein, das Problem liegt schon so, wie Bohrer aus vorführte; beim Mangel an intellektueller Selbstkontrolle, im Heroismus der aus Schwäche Gnadenlosen und in dem Versuch der Rhetoriker, endlich wieder, nachdem ihnen lange nichts mehr eingefallen ist, eine auffällige Rolle zu spielen. Diese phrasenspeienden Bombasten haben offensichtlich erfahren müssen, dass sie in allen wichtigen Bewegungen der jüngsten Vergangenheit keine Rolle spielten, weder in der Ökologiebewegung noch in der Friedensbewegung oder in den Demokratiebewegungen des Ostblocks, deren Strategien nicht aus Essaysammlungen oder Poesiebänden entnommen wurden. Solche Bedeutungslosigkeit empfinden die Rhetoren als Beleidigung ihrer intellektuellen Fähigkeiten. Auch Angebote von Professuren scheinen für den gekränkten Intellekt keine hinreichende Kompensation zu bieten, da die Studenten angeblich doch bloß labern. Da desavouieren die Herren sich schon lieber selbst, um wenigstens radikal schick zu sein und um vom lahmen Pegasus auf einen apokalyptischen Gaul umsteigen zu können. Endlich wieder eine bedeutende Rolle spielen – Ritter zwischen Tod und Teufel.

Wir glaubten bis dato, Bohrer habe Carl Schmitt, Ernst Jünger, Hanns Jost & Co. nur studiert; dass er ihnen nachschreiben wollte, hätten nur Böswillige vermuten können. Genau das aber tat er mit seinem Kommentar zum Thema „Falkland und die Deutschen“ in der FAZ vom 15. Mai 1982. Vor allem anderen mahnte Bohrer Prinzipientreue an – in der Prinzipienreiterei bis zum Selbstmord waren wir Deutschen ganz einmalig und sollten sie nun auf Bohrers Empfehlung bei den Engländern bewundern. Ein kluger Rat seit altersher: „principiis obsta!“ zu Deutsch, lass Dich auf nichts ein, das als unverzichtbar und notwendig ausgesprochen wird. Die Art der Zwangsläufigkeit bestimmen jene Prinzipien, jene „letzte causa“, die Bohrer bei uns Westdeutschen so schmerzlich vermisste. Ja, Gott sei Dank, denn wir haben aus unbeschreiblich grausamen Erfahrungen gelernt, daß man hehren Prinzipien nicht folgen sollte. Unterwirf Dich erst recht nicht Zwangsläufigkeiten, wenn der Gegner dieselben Prinzipien verficht. Bohrer hielt (und hält?), was Musil als tiefste Einsicht so formulierte: „Würde auch nur ein einziges Mal mit einer der Ideen, die unser Leben bewegen, restlos Ernst gemacht, unsere Kultur wäre nicht mehr die unsere“; oder wie Syberberg in seinem Hitlerfilm zu sagen versuchte: „Als Abraham den Auftrag erhielt, seinen eigenen Sohn zu opfern, um ernst zu machen mit der Religion und dem Gottesgesetz, war es Gott selber, der ihn im letzten Augenblick daran hinderte. Diese Gnade mußte Hitler vermissen in gottloser Zeit.“ (19) Dergleichen Gnade zu zeigen, das allein war und ist „ein Stück europäischer Zivilisation“ und nicht das Auslaufen von Truppentransportern bei Blasmusik, das Bohrer als Leistung dieser Zivilisation emphatisch feierte.

Bohrer zeigte sich auf alles gefasst, „prinzipiell“. Wenn der Ernstfall anders ausgehe als prinzipienmäßig geplant, dann sei der Falklandkreuzzug dennoch sinnvoll gewesen, weil er gezeigt habe, „wie unberechenbar trotz eben diesen genauen Berechnungen Beginn, Ablauf und Ende eines Zukunftskrieges sein kann“; als ob man das nicht gerade zuvor schon aus dem Vietnamkrieg hätte lernen können, falls das nicht ohnehin jeder längst wusste. Bohrer behauptete, diese Erfahrungen der Unkalkulierbarkeit „stünden im grellen Kontrast zur angedeuteten Friedenssoziologie“ – und angedeutet hatte er, diese Soziologie vertrete „den Frieden der infantil Gewordenen“, einen „verlogenen Pazifismus“ und „winselnde Harmlosigkeit“. Als Ausdruck „sonorer, seriöser, lakonischer, spiritueller Noblesse“ (Bohrers Hochstimulantien) mag der Maulheld so klägliches Geprotze verstanden haben, aber Prinzipienradikalität führt „prinzipiell“ entweder zur Lächerlichkeit oder in die Ausweglosigkeit, in der die letzten Grundsätze nur noch als Lügen ihre Aura wahren. Bohrer beschuldigte „Teile der politischen Elite Westdeutschlands“, schließlich aber „die kollektive westdeutsche Psyche“, zum Auslaufen der Kriegsschiffe ihre Plazet gegeben zu haben, um dann doch zu jammern, als es Ernst wurde. Bohrer log, denn er wusste natürlich, dass das Kollektiv der Westdeutschen sein Plazet zum Falklandkrieg nicht gegeben hatte; das Gegenteil war von zahllosen Bevölkerungsgruppen so ausdrücklich bekundet worden, wie ihnen das möglich gewesen ist. „Die sonore Symbolik der bekannten englischen Game-Stimmung und des notorischen englischen Zivilistentums sein von uns Westdeutschen nicht verstanden worden“, so Bohrer. Gelangte die Game-Stimmung der notorischen Zivilisten auf englischen Fußballfeldern nur zu symbolischen Ausdruck? Für Bohrer mögen Tote und Verletzte nur symbolisch wahrnehmbar sein. Wir können uns nur allzu gut an die Wirkung derartiger sonorere Symbolik und an die Menschenschlächterei derer erinnern, die diese Symbolik propagierten. Bohrer propagierte (ganz gesetzwidrig) den Krieg, der ja zwangsläufig die symbolische Ebene verlassen muss. Ein Intellektueller sollte den Unterschied zwischen symbolischem und irreversiblem Handeln kennen; selbstverständlich kennt Bohrer diesen Unterschied, also täuschte er nur Emotionen vor, wo er tatsächlich Verhandlungsbereitschaft und Vermittlungswillen verhöhnen wollte, zur Stigmatisierung des Konfliktgegners zum Kriegsfeind aufforderte, die Suche nach Auswegen als Gelabere verächtlich machte und die Zurückweisung sonorer Staatssymbolik als Mangel an Staatsbewusstsein auslegte. Dafür schob Bohrer den Exdeutschen Kissinger vor: „In der Falklandkrise erinnerte Britannien uns alle daran, daß gewisse Grundprinzipien wie Ehre, Gerechtigkeit und Patriotismus gültig bleiben und durch mehr als bloße Worte erhalten werden müssen“, habe Kissinger gesagt. Von dem Grundprinzip „Freiheit“ ist auffälligerweise nicht die Rede. Zum Erhalt dieser Grundprinzipien beizutragen, hätte Kissinger in Vietnam, Chile, Salvador und rund um die Welt reichlich Gelegenheit gehabt. Kissinger war offensichtlich doch zu klug, um in all diesen Fällen die Grundprinzipien um ihrer selbst willen bis zum bitteren Ende aufrechtzuerhalten. Kein Wunder, daß Bohrer meinte, „die Instinkte des alten Großmacht seien offensichtlich bei den Amerikanern nicht mehr so intakt wie bei den Engländern!“

Bohrer gab die Empfehlung auf Ehre und Patriotismus und schrieb: „Die Westdeutschen werden wieder lernen müssen, daß ihre eigene geschichtliche Katastrophe oder die Desillusionierung in der Niederlage den Wert des Patriotismus keineswegs relativierte“, also nicht einmal relativierte, geschweige denn in Frage stellte. „Die heldische Erbschaft ist, da sie nur Ruin und Tod brachte, mit Erfolg ins Gegenteil verkehrt worden“. Das ist der blanke Zynismus von Politikkriminellen als Friedensverbrechern: Ehre, Treue und Patriotismus führten die Deutschen „nur in Ruin und Tod“; draus aber zu lernen gilt dann als „Verkehrung ins Gegenteil“, was man ja nur gut psychoanalytisch, als ein Versagen auffassen kann. Versagt also haben die, so Bohrer, die aus dem Ruin und Tod, in den sie Ehre, Treue und Patriotismus geführt hatten, zu lernen versuchten.

Es war nicht nur „vulgäre Begriffsstutzigkeit“ (Bohrer), sondern niederträchtigste Anmaßung, uns vorzuwerfen, seinen abgewrackten Begriff von Ehre und Patriotismus nicht verstehen zu können oder in feiger, winselnder Gesinnung nicht verstehen zu wollen. Wir waren in seinen Augen wieder die vaterlandslosen Gesellen und Vaterlandsverräter. „Wer sich als Bürger nicht mit seinem Land identifiziert, muss als Feind betrachtet werden“, hörten wir aus England von jenem Massenblatt „The Sun“, aus dem Bohrer auch das ihm offensichtlich sympathischste Schimpfwort „winselnd“ abschrieb. Mit derartiger Propaganda für den Tod durch Ehre, Treuen und Patriotismus schändete Bohrer das Opfer von Millionen Menschen selbst dann, wenn sie selber an derartige radikal und wortwörtlich exekutierten Prinzipien geglaubt hatten. Noch schlimmer. Wie bekannt, hielten sich durchweg jenen Nazi- und andere Staatsgrößen des Dritten Reiches, sobald es für sie ernst wurde, nicht im geringsten an Ehre und Treue, die sie noch im Frühjahr '45 bei anderen mit Waffengewalt durchzusetzen versuchten. Solche Ehre und solcher Patriotismus der Maulhelden eine „heldische Erbschaft“? Die Händler rede hoffentlich nur vom Geldverdienen, und solange sie nur davon reden sind sie uns lieber als die Pathetiker der Ehre. Ebenso bekanntlich bezichtigten aber stets diejenigen alle anderen des platten Krämergeistes, die mit Ehre und Patriotismus im Ernstfall des Krieges die größten Geschäfte machten.

Bei uns stellten leider Intellektuelle, Professoren und Journalisten stets die Garde der Kriegstreiber und der Volksverhetzer. Dass es auch viele andere gibt, wird Bohrer wohl doch noch erfahren. Hoffentlich kehrt sich das von ihm geforderte „elementare Konsequenzbewusstsein“ nicht gegen ihn selbst, den damals frischberufenen Herrn Professor, Intellektuellen und Journalisten, den Carl Schmitt-Kenner und radikalen Verächter jeglicher Kultur diesseits des Ernstfalls.

Wie ich mir selbst die Referenz erweise vulgo mich kritikiere

Dreißig Jahre Arbeit an den Theoremen der „Ästhetik des Unterlassens“ und dem des „verbotenen Ernstfalls“ in Stichproben und Denkzetteln zu einem Symposium „Ökonomien der Zurückhaltung – Kulturelles Handeln zwischen Askese und Restriktion“ 2008 vorzutragen, führt unmissverständlich vor Augen: Fürs Gewesene gibt der Glückliche nichts, der Unglückliche schon etwas mehr, weil ihn der Verweis auf die Vergeblichkeiten auch mit seiner Zukunft vertraut macht.

In Deutschland muss man offensichtlich seine Interessantheit damit begründen, dass man nichts gelernt habe, weiterhin für die Bosse die Leichen im Keller unterbringe, mit Verbrechern auf Du und Du stehe und gnadenlos die tödliche Hingabe ans Ideal bei anderen einfordere. Wer nicht wenigstens einmal in Kuba der Revolution huldigte oder mit den FührerInnen in Bayreuth Erhabenheitsgefühle ausschwitzte, erhält niemals ein Stipendium, einen Produktionszuschuss oder einen Preis – erst Anrüchigkeit ist der Wohlgeruch der Machteliten!

Immer schon galt als attraktiv, wer schlau genug ist, sich nicht erwischen zu lassen. Das verweist auf die ultima ratio unseres Sozialverständnisses: die Unterscheidung zwischen legaler Kriminalität und illegaler Kriminalität. Und der Triumph intellektueller Leistungsfähigkeit äußert sich in der politisch korrekten Behauptung: Wenn zwei dasselbe tun, ist es nicht das Gleiche. Alle anderen Fähigkeiten des Urteilens sollte man opportunerweise gar nicht erst zur Geltung bringen. Deshalb mache ich jetzt lieber Schluss, denn auch ich möchte einmal ein Opportunist sein. Aber dafür bin ich wohl nicht schlau genug.

(1) „Wenn ich mir mitunter vornahm, die vielfältigen Aufregungen der Menschen zu betrachten [...] so fand ich, daß alles Unglück der Menschen einem entstammt, nämlich daß sie unfähig sind, in Ruhe allein in ihrem Zimmer zu bleiben ... Die Unterhaltung und die Zerstreuung des Spiels sucht man nur, weil man nicht fähig ist, [...] zu Hause zu sein.“ (Blaise Pascal) Siehe[: Bazon Brock: Lustmarsch durchs Theoriegelände, Köln 2008, S. 36f.] Kapitel „Musealisiert euch! Eröffnungsspiel: Preußische Partie“.

(2) Gerade Appelle an humanitäre Tugenden pflegen von der dringlichen Bitte begleitet zu werden, man möge alles in seiner Macht Stehende unternehmen, um…; an den Appell „Wir bitten Sie, alles in Ihrer Macht Stehende zu unterlassen“ konnte man sich noch nicht gewöhnen, denn er wurde selten gehört.

(3) Bazon Brock: „Das Plateau der Freundschaft – Probleme verbinden stärker als Bekenntnisse“, in: ders., Der Barbar als Kulturheld – Bazon Brock III: Gesammelte Schriften 1991-2002. Ästhetik des Unterlassens, Kritik der Wahrheit – wie man wird, der man nicht ist, Köln 2002, S. 390-393.

(4) Bazon Brock: [„Die Reformation der Reformation – zur Revolution des Ja“, in: ders.:] Ästhetik als Vermittlung. Arbeitsbiographie eines Generalisten, Köln 1977, S. 145.

(5) [Vgl.] Bazon Brock: [„Die Zukunft des Theaters in der Mediengesellschaft“, in: ders.:] Ästhetik gegen erzwungene Unmittelbarkeit: Die Gottsucherbande, Schriften 1978-1986, Köln 1986, S. [433].

(6) Vgl. „Querköpfe“. TV-Film von Ingo Hamacher. WDR Köln 1991.

(7) „Die utopische Vergangenheit ist für uns inzwischen wichtiger als die utopische Zukunft“, Hans Ulrich Reck im Gespräch mit Bazon Brock, in: Basler Magazin 1/1987, S. 9.

(8) Benedictus de Spinoza: Ethik, in: ders.: Opera. Werke, hg. von K. Blumenstock, Darmstadt 1967, Bd. II, Kap. IV, praef.

(9) Brock, [„Heiligung der Filzpantoffeln“, in: ders.,] Ästhetik gegen erzwungene Unmittelbarkeit, S. 25. 

(10) Bei Kant ist das Unterlassen beispielsweise – in Abhebung zu konstitutiven Ideen – eine bloß regulative Idee.

(11) In der Rechtsphilosophie wurde diese Figur von Jellinek als „normative Kraft des Faktischen“ eingeführt.

(12) Brock, [„Heiligung der Filzpantoffeln“, in: ders.,] Ästhetik gegen erzwungene Unmittelbarkeit, S. 24.

(13) [Ebd. und:] Bazon Brock: [„Selbstverwirklichung ist das Ideal von Vollidioten“, in: ders.:] Die Re-Dekade. Kunst und Kultur der 80er Jahre. Mit Zeichnungen aus Tagebüchern der 80er Jahre von Simon E. Waßermann/Bazon Brock, München 1990, S. 184f.

(14) Der Begriff des „kritischen Rationalismus“ wird heute wesentlich als Kennzeichnung der erkenntnistheoretischen Schule Karl R. Poppers verwendet. Vgl. Karl R. Popper: Logik der Forschung, Tübingen 1971.

(15) Brock, [„Arrièregardismus“, in: ders.,] Die Re-Dekade, S. 224.

(16) [Vgl. Brock, „Das Das Einzige, was Menschen in Zukunft gemeinsam haben werden, sind Probleme“, in: ders., Die Re-Dekade], S. 12.

(17) [Brock, „Kultur als erzwungene Dauer – Dauer des Wartens“, in: ders., Die Re-Dekade], S. 59.

(18) [Vgl. „Selbstfesselungskünstler zwischen Gottsucherbanden und Unterhaltungsidioten“, in: ders., Die Re-Dekade], S. 127.

(19) Hans-Jürgen Syberberg: Hitler. Ein film aus Deutschland. Reinbek bei Hamburg 1978, S. 247.