Ausstellung: Hans Pels-Leusden

Hans Pels-Leusden
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Um 1970 herum hat mich die großartige Marie-Luise Scherer zur Galerie Pels-Leusden führen wollen. Marie-Luise, scharfsichtige und scharf schreibende Tochter der legendären „Weltbühne“-Autoren und -Denker, hatte meine Berliner Aktionen wie zum Beispiel „Gymnastik gegen das Habenwollen“ auf dem Parkplatz des Hotels Kempinski begleitet. Bei solchen Gelegenheiten pflegte ich den Triumph der Künstler über die Philosophen zu beschwören, zum Beispiel mit der Behauptung, sie hätten immer erneut die Seiltänzer des Zirkus faszinierend dargestellt, weil so der hermeneutische Zirkel, ein Prunkstück der philosophischen Logik, aufgelöst werde: Man kann sich sehr wohl an etwas festhalten, was man selber trägt.

Marie-Luise wußte, dass Pels-Leusden zum Thema Zirkus/Varieté und ihrem Personal eine Ausstellung präsentieren wolle, die auch wir Jungmodernisten als Porträt verstehen könnten. Pels-Leusden gehörte der Generation Weimarer Republik an, aber in der Ausprägung seiner Künstlerrolle war er gerade für die Fluxus- und Pop-Generation interessant. Zwar haben seit Vermeers Zeiten Künstler ihr Auskommen immer schon mit kunstaffiner Galeristen-Tätigkeit zu erreichen versucht, sie blieben jedoch aktive Maler oder Bildhauer. Pels-Leusden hingegen repräsentierte jenen Typus des Universalpoeten, der nach Friedrich Schlegel in jeder Rolle, die er auszufüllen hat, künstlerisch denkt und handelt: Künstler als Geschäftsmann, Künstler als Organisator von Märkten, Künstler als Kunstkenner und Kritiker, Künstler als Mäzen und Museumsgründer.

Auf der Treppe zur Ausstellungsfläche bei Pels-Leusden versuchte ich, Marie-Luise und ihrer Freundin nach der Demonstration meiner intellektuellen Beweglichkeit auch die meines Leibes und seiner Organe zirkushaft vorzuführen. Ich beugte mich mit dem Oberkörper rückwärts so tief nach unten, dass Marie-Luises Freundin über meinem Gesicht zu schweben schien. Dabei schlug mich Apoll und seither habe ich trotz Operationen und Therapien mit mir als meinem Untermann zu tun.

Zu Pels-Leusden kamen wir an dem Tag nicht, kamen wir nie mehr. Das ist sehr merkwürdig, weil ich bereits im Kaiser-Karl-Gymnasium in Itzehoe durch den Kunstlehrer Kuka (Kunst-Karstens), einem Nolde-Schüler, in höchst bedeutsamer Weise auf die „Bruderschaft“ der Expressionisten orientiert worden war; bekanntlich spielen in solchen Zusammenschlüssen die Zweit- und Drittligisten die entscheidende Rolle. Unvergeßlich, geradezu mein Leben prägend war Kukas Ermahnung, gerade die in der öffentlichen Geltung Zweit- und Drittrangigen zu würdigen, denn ohne sie gäbe es keine Erstrangigen. Und mit triumphaler Stimmverstärkung verwies er mich auf das Urteil der Geschichte, das manchen Zweit- und Drittrangigen auf den ersten Platz erhob und viele in Gold aufgewogene Stars doch dem Vergessen auslieferte.

Das Renommee von Pels-Leusden litt in der Republik an dem allgemeinen Hochmut gegenüber der Künstler-Bohème in Berlin, die angeblich nicht durch Eigenleistung, sondern durch Subvention auf den Beinen gehalten wurde. Außerdem traten bildende Künstler weit hinter dem Glanz der Akteure der Theater- und Kabarettszene zurück. Selbst der eiserne Personalbestand der Berlin-Identitären bezog Außenposten in der Lüneburger Heide und weit südwärts bis in die Toskana. Das wurde von außen als Einknicken vor dem Zeitgeist belächelt, und der letzte Rest von Führungsanspruch der Berliner Kunstszene schmolz dahin. Die Knallchargen der politischen Radikalität beherrschten das Berlin-Bild.

Allgemein galt es als zeitgemäß, in Berlin gerade nicht Personen und Institutionen zu würdigen, die an den Zusammenhalt in der Berliner Kultur seit den Goldenen Zwanziger Jahren erinnern wollten. Umso größer und nachhaltiger wurde deren Geschichtsverständnis durch die „Wiedervereinigung“ bestätigt. Man kann die innere Genugtuung nachempfinden, die einen Ur-Berliner wie Pels-Leusden (weit weg geboren wie alle Ur-Berliner) seit 1989 erfüllte. Was sie immer schon und unter allen Umständen hochgehalten hatten, beeilten sich, angeführt von Bonner Opportunisten, selbst diejenigen als Berliner Institution nachzuholen, die vor 1989 jeden Gedanken an die Einheit der Deutschen in Ost- und West als Sabotage am Fortschritt gegeißelt hatten. Da endlich konnte der Künstler Pels-Leusden auch wieder Maler sein in südlich gelegenen Ateliers.

Wir sollten heute bereit sein, dem Leben von Künstlern wie Pels-Leusden den größten Respekt zu zollen – gerade auch als Malern und Bildhauern, als Architekten und Landschaftsbildnern. Pels-Leusden hatte früh, schon 1942, in den Berliner Bombennächten sein gesamtes Werk verloren. Und Verloren hieß wirklich Verloren, denn es gab ja noch nicht die Möglichkeit, mit privat verfügbarer Bildgebung das jeweils eigene Schaffen so zu dokumentieren, dass es halbwegs angemessen die zerstörten Originale repräsentieren konnte. Welche Großmut und welche Kraft beweist das Nachkriegswirken von Pels-Leusden, des damaligen Künstlers ohne Werk, sich fortan der Durchsetzung glücklicherweise erhalten gebliebener Werke seiner Zeitgenossen zu widmen – mit aller Kraft und ohne Selbstmitleid. Wären wir zu diesem Dienst auch heute fähig, gerade weil inzwischen jeder künstlerisch interessierte Mensch als Förderer künstlerischen Wirkens gelten will, wenn er sich selbst „Kurator“ nennt und sei es auch nur als Kurator der Schuhe, die er im Laden verkaufen soll?

Künstler: Nicht bloß Maler!

Zur fälligen Erinnerung an Hans Pels-Leusden, eine zentrale Berliner Nachkriegsgestalt auf dem Trümmerfeld der Kunst