Westdeutsche Zeitung

130 Jahre WZ in Wuppertal

130 Jahre WZ in Wuppertal | 08.07.2017.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Seite im Original: 65

Historische Fakten ergeben ein Sinnbild für unsere Stadt

Hier schließen sich das Kleinmütige und das Großzügige zusammen.

Nicht nur Auswärtigen muss man von Zeit zu Zeit erklären, wie in Wuppertal die historischen Fakten der jüngeren Stadtgeschichte zum Bild, zum Sinnbild zusammenschießen: Elberfeld und Barmen, ganz eigenständige historische Größen, die erst seit 1927 in das synthetische Konstrukt Wuppertal hineingezwungen wurden;
das Urstromtal der industriellen Revolution in Deutschland und das gemütergreifende flache Rinnsal der Wupper;
die gotteslästerliche Ausgrabung des Neandertalers westlich der Stadtgrenzen durch den Elberfelder Gymnasialprofessor Fuhlrott und die das Jahrhundert bestimmende Gründung der Farbchemie durch den Elberfelder Färbermeister Bayer;
die frühkapitalistische Triebkraft des reformierten Protestantismus und die Lage der arbeitenden Klassen in England, die Friedrich Engels hier 1845 beschrieb.
Wie gehen Sektenbildung und das Wuppertaler Modell der Massenwohlfahrt zusammen? Das hiesige Anarchistenpotenzial der Kaiserzeit, eines der stärksten in Deutschland, und der Elberfelder Nationalsozialismus der Herren Goebbels und Strasser; Else Lasker-Schüler und Arno Breker;
der Elberfelder Enthaltsamkeitsverein und die Lustauen des Elberfelder Mäzens von der Heydt; die weltweite Einmaligkeit der Schwebebahn' und das ganz profan gigantische Betongeschlinge des Sonnborner Kreuzes samt Stadtautobahn;
die hiesige Erfindung des Aspirins und die Sorgen der heutigen Stadtregierung?
Wie und worin das zusammenschließt? In der Bergischen Universität – und ich bin sicher, dass der damalige Wissenschaftsminister Rau die Universität schon als Sinnbild des scheinbar Unvereinbaren gegründet hat.

Aber wir verharren nicht in dieser Verbindung von Region und Genius Loci! Ich zitiere dazu eine der mir wichtigsten Selbstfestlegungen: Günter Eich hat mit einem Gedicht in den „abgelegenen Gehöften“ von 1948 eine weiter ausgreifende Verbindung Wuppertals, die Vermittlung von Heimat und Weltgeist, folgendermaßen vorgeschlagen:

Gedicht von Günter Eich über Heimat und Weltgeist in Wuppertal

„Aurora Morgenröte, Du lebst, o Göttin, noch, der Schall der Weidenflöte tönt aus dem Haldenloch.
Wenn sich das Herz entzündet, belebt sich Klang und Schein, Ruhr oder Wupper mündet in die Ägäis ein.
Dir braust im Ohr die Welle vom ewigen Mittelmeer – Du selbst bist die Stelle von aller Wiederkehr. In Kürbis und in Rüben wächst Rom und Attika. Gruß Dir, Du Gruß von drüben, – wo einst die Welt geschah.
Wann und woran entzündet sich das Herz?
Wann wird man selber zur Stelle aller Wiederkehr?“

Eben nicht, wenn man in industriezeitalterlichem Heroismus Mauern türmt oder auf dem Weg zu Eichenlaub mit Schwertern und Brillanten Mauern stürzen lässt (beides hat Wuppertal in übergroßem Maß erfahren), sondern wenn man in Kürbis und in Rüben, auf einer Kokshalde, auf dem dreckigen Rinnsal der Wupper Rom und Attika als geschichtliche Größe erinnern kann.