einfach alltäglich

über gegenstände und ihre geschichten

einfach alltäglich. über gegenstände und ihre geschichten | Innsbruck: aut. architektur und tirol, 2017.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Unser Leben ist geprägt von gestalteten Gegenständen, die unser Alltagsleben durch ihre Funktionalität erleichtern und mit ihrer Ästhetik bereichern. Meist werden diese Objekte so selbstverständlich wahrgenommen und benutzt, dass ihr Wert und ihre Bedeutung erst in einer zweiten Lesung ersichtlich werden.

Die im Frühjahr 2017 im aut gezeigte Ausstellung "einfach alltäglich" versammelte über 150 derartige Gegenstände, zur Verfügung gestellt von 138 Personen bzw. Bürogemeinschaften – ArchitektInnen, GrafikerInnen, DesignerInnen, KünstlerInnen und TheoretikerInnen –, die in den vergangenen zehn Jahren zum Programm des aut beigetragen haben. Ergänzt durch kurze, persönliche Texte bot diese Phänomenologie des Alltäglichen einen Einblick in Lebensweisen, Berufsfelder und Kulturen. Eine faszinierende Wunderkammer von Objekten unterschiedlicher Dimensionen und Materialitäten, die miteinander kommunizierten, aber vor allem durch die persönlichen Texte zum Sprechen gebracht wurden.

Mit der zur Finissage erschienenen Publikation "einfach alltäglich" wird dieses Panoptikum aus Alltagsgegenständen einer interessierten Leserschaft zugänglich gemacht. Wurden die Objekte in der Ausstellung soweit wie möglich nach Themen geordnet präsentiert, so bringt die "pragmatische", alphabetische Sortierung nach den Nachnamen der TeilnehmerInnen in der Publikation eine neue, "zufällige" Zusammenstellung der Gegenstände mit sich und damit eine andere dialogische Lesemöglichkeit.


einfach alltäglich. über gegenstände und ihre geschichten
138 Beiträge zur Ausstellung (3. März bis 3. Juni 2017)
Herausgeber: aut. architektur und tirol
Redaktion: Cam nhi Quach, Arno Ritter, Marina Treichl, Claudia Wedekind
erschienen 2017 im Eigenverlag
168 Seiten, zahlreiche Farbabbildungen
ISBN 978-3-9502621-6-2
Preis euro 19,00 (für aut: Mitglieder euro 15,00) zuzüglich Versandspesen

dokumentation einer ausstellung mit gegenständen und geschichten von
Monika Abendstein • Friedrich Achleitner • Walter Angonese • ARTEC Architekten • Christian Aste • Maria Auböck • Bernardo Bader • Stephen Bates (Sergison Bates) • Ruedi Baur • Ernst Beneder • Renate Benedikter-Fuchs • Sabine Bitter und Helmut Weber • Walter Bohatsch • Jakob Breitenlechner • Bazon Brock • Angelo Bucci (SPBR arquitetos) • Werner Burtscher • Andreas Cukrowicz • Hermann Czech • Astrid Dahmen • Roman Delugan • Elke Delugan-Meissl • Thomas Eisl • Yvonne Farrell (Grafton Architects) • Thomas Feichtner • Martin Feiersinger • Werner Feiersinger • Arno Fessler • Günther Feuerstein • Wolfgang Feyferlik • Finsterwalder Architekten • Andreas Flora • Helga Flotzinger • Tony Fretton • Konrad Frey • Susanne Fritzer • Fügenschuh Hrdlovics Architekten • Hans Gangoly • Reinhard Gassner • Thomas Giner • Patrick Gmür • Hansjörg Griesser • Hans Peter Gruber • Harald Gründl (EOOS) • Manfred Gsottbauer • Peter Haimerl (mit beierle.goerlich) • Wolfgang Hainz • henke und schreieck Architekten • Anna Heringer • Gernot Hertl • Margarethe Heubacher-Sentobe • Jost Hochuli • Hertha Hurnaus • János Kárász • Christoph Katzler (Numen / For use) • Christian Knechtl • Rainer Köberl • Cornelius Kolig • Brigitte Kowanz • Wolfgang Kritzinger • Daniela Kröss • LAAC • Gabriele Lenz • Armin Linke • Elmar Ludescher • Philip Lutz • Nina Mair • Gerhard Manzl • Christian Mariacher • Bernhard und Stefan Marte • Manfred A. Mayr • Iris Meder • Konrad Merz • Miller & Maranta • Gerhard Mitterberger • Wolfgang Mitterer • Bruno Moser • Thomas Moser • Lars Müller • Anton Nachbaur-Sturm • Werner Neuwirth • Walter Niedermayr • nonconform • Simon Oberhammer • Ohnmacht Flamm Architekten • Paul Ott • Thomas Parth • PAUHOF • Georg Pendl • Robert Pfurtscheller • Sasha Pirker • Alberto Ponis • PPAG architects • Walter Prenner • Bas Princen und Milica Topalovic • Carl Pruscha • Cam nhi Quach • querkraft architekten • Verena Rauch • Max Rieder • riccione architekten • Hans-Jörg Ruch • Armando Ruinelli • Kurt Rumplmayr • Stefan Sagmeister • Arthur Salner • Manfred Sandner • Sauerbruch Hutton • Martin Scharfetter • Nikolaus Schletterer • Hanno Schlögl • Willi Schmid • Rudolf und Christine Scholten • Michael Steinlechner • Hannes Stiefel • Teresa Stillebacher • Erich Strolz • Daniel Süß • Mario Terzic • the next ENTERprise–architects • Francesca Torzo • Marina Treichl • Astrid Tschapeller • Wolfgang Tschapeller • Dieter Tuscher • Andreas Uebele • Rens Veltman • Elias Walch • Albert Weber • Claudia Wedekind • Lois Weinberger • Günter Richard Wett • Roland Winkler • Manfred Wolff-Plottegg • Erich Wucherer • Raimund Wulz • Karl Wutt • Cino Zucchi

Seite im Original: 26

bazon brock: goldene essstäbchen

luxurieren als wertschätzungsstrategie (asketen des luxus)

Goldene Essstäbchen, theoretisches Objekt nach einem Konzept von Bazon Brock
[links]: Typ „Bambusbauhaus“, gestaltet von Gilda Fucker, Wien 1980
[rechts|: Typ „Doppelhelix“, gestaltet von Georg Hornemann, Düsseldorf 2013
Foto: Ulrich Klaus

Der Konvent der Goldenen Essstäbchen – Asketen des Luxus wurde gegründet von Bazon Brock, Stephanie Senge und Wolfgang Ullrich am 28. April 2007 in der Rathausgalerie München im Rahmen der Konsumprozession und der Ausstellung „Der glückliche Konsument“. Der Konvent versammelt Künstler, Vermittler, Wissenschaftler, gelehrte Geschäftsfrauen und Hausmänner, also jedermann und jede Frau, die Liebe als Strategie der Nachhaltigkeit praktizieren – die also zu sozialer Passion fähig sind. Diese Formen der Nachhaltigkeit lassen sich generalisieren: Die historisch nachweislich erfolgreichste Form ökologischer, ökonomischer, hygienischer und ästhetischer Sorge und Fürsorge, kurz, Nachhaltigkeit, ist durch Luxurieren als Ausdruck der Askese zu erreichen.

Dieses Prinzip vergegenwärtigen die goldenen Essstäbchen. Wenn wir Milliarden asiatischer Essstäbchenbenutzer unsere goldenen Essstäbchen überreichen würden, müssten die erhabenen Wipfel südamerikanischer Urwälder nicht dem Holzraub zum Opfer fallen, der zur Fertigung hölzerner Essstäbchen betrieben wird. Also erweist sich hier Luxurieren als tatsächlich erfolgreiches Prinzip ökologischer Sorge, soweit wir mit Gründen vermuten können, dass goldene Essstäbchen nicht umstandslos in den Müll verfrachtet werden, wie das mit hölzernen Stäbchen oder mit Besteck aus Plastik geschieht.

Es lässt sich leicht errechnen, dass die Kosten für ein Paar hochwertiger goldener Essstäbchen pro wässrigem Mund sehr viel geringer sind, als die Kosten für die lebenslange tägliche Anschaffung von drei Paar hölzernen Essstäbchen. Durch diese Rechnung erweist sich Luxurieren auch als das ökonomisch sinnvollste Konzept.

Goldene Askese, wussten die Aristokraten des Stammbaums und des Stils immer schon, heißt: das Kostbare ist das Billigste, wenn es Generationen überdauert und dadurch seinen Wert noch steigert. Im Ästhetischen bewährt sich Askese durch Luxurieren am Beispiel der goldenen Essstäbchen nach dem Generalmotto der Moderne: less is more. Die Stäbchen, jeweils von Meistern des Reduktionismus entworfen, verkörpern geradezu die Gestalt des Weniger, auch wenn man als Kritiker der konzeptionellen reduktionistischen Moderne behauptet, less is less and more is more. Und schließlich nimmt Gold keinen Schmutz an.

Die goldenen Essstäbchen sind das Emblem der Lebensreformmoderne „GeSoLei“ – Gesundheitspflege, soziale Fürsorge und Leibesübungen. Mit der sozialen Fürsorge schließt sich die Gemeinschaft der Liebenden aus sozialer Passion zur Tafelrunde zusammen, an der wir uns üben, das Unterlassen als nachhaltigste Form des Handelns zu verstehen.

Askese heißt Ethik des Unterlassens als anspruchsvollste Form des Tuns.

Dafür steht die phrygische Mütze, das revolutionäre Zeichen überwundener Kultureselei. Denn König Midas schuf diese Mütze, um die ihm vom Gotte Dionysos verpassten Eselsohren zu bedecken – eine pädagogisch wertvolle Maßnahme, weil der König auf diese Weise ständig daran erinnert wurde, wie armem Geiste und schwachem Charakter der Wunsch von Menschen entspringt, es möge sich alles, womit sie zu tun haben, in Gold verwandeln und jede Unternehmung zur Gewinnmaximierung führen, weil das Maß aller Dinge das finanzamtlich eingeforderte Gewinnstreben sei.

Gegen dieses Diktat der Ökonomisierung von Liebe, Recht, Bildung und sozialer Passion tritt der Konvent der Goldenen Essstäbchen an.

Aus: Bazon Brock: Theoreme. Er lebte, liebte, lehrte und starb. Was hat er sich dabei gedacht? Hrsg. von Marina Sawall. Köln: Walther König, 2017, [S. 490].

Bazon Brock, geb. 1936, Künstler und Kunsttheoretiker, Berlin [D]
Vortrag 2015