Amtsblatt

Zollamt Eine Erhebung

Zollamt Amtsblatt | No.0, 15. August 2017
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Offizielles Journal des ZOLLAMT, Aufl.: 3.000, Seiten: 16; Sprachen: Deutsch, Englisch, Ungarisch, Kroatisch, Slowenisch

ZOLLAMT TEAM: Helene Baur, Joachim Baur, Barbara B.Edlinger, Karmen Jančar, Kristian Paternusch, Franz Spielbichler, Barbara Thaler, Walter Verhovnik. Supported by: Land Steiermark (Kultur, Europa, Außenbeziehungen), Bundeskanzleramt Österreich, Stadt Bad Radkersburg, diethARdT collection, Galerie Gerhard Sommer, Sicheldorfer Heilwasser, Galerie Meyer Kainer, WERKSTADT GRAZ

ZOLLAMT, EVIS – Ein Verein im Sinne des Vereinsgesetzes, Stadtgrabenstraße 33, A-8490 Bad Radkersburg

Seite im Original: A3

Zivilisierung durch Musealisierung

World Civilization Day/Zollamt Öffnung 2012-11-24

 „Ja, die Euphorie über das Verschwinden von Grenzen kann weder der Psychologe noch der Kulturwissenschaftler noch der Ästhetiker und auch nicht der Künstler so ohne Weiteres teilen. Es geht nicht darum, alles im Ungefähr der Gleichheit verschwinden zu lassen. Denn die Bedeutung der Grenzen liegt ja gerade darin, überhaupt Bedeutung zu schaffen, weil für Menschen auf Erden nur Bedeutung durch Unterscheidung existiert – hier und da, links und rechts, oben und unten, Herr und Knecht – [dies] ist die Begründbarkeit für das Erkennen von Bedeutung in der Fähigkeit zu unterscheiden, zu sehen, das heißt also auch eine Markierung für das Unterschiedene zu geben, das man herkömmlich mit Grenzziehung bezeichnet.

Es gibt jedoch einen fundamentalen Wechsel und das ist die europäische Zukunftsperspektive auf die Bedeutung des Unterscheidens in der Setzung einer Unterscheidungsmarkierung. Die bedeutendste aller Unterscheidungen in historischer Hinsicht war zwischen Freund und Feind gesetzt, zwischen wir und sie, wir und die Anderen, wir und die da drüben.

Diese Unterscheidung hat dazu geführt, dass beide Seiten in Hinblick auf die Unterschiedenheit je eine andere sahen, d.h. jeder behauptete seine einmalige kulturelle Identität, sprachliche, ethnische, kulturelle Identität, und zwar so, als stünde man miteinander im Gegensatz. Das hieß, eine Behauptung von Säkularität, von Einmaligkeit war sozusagen die Widerlegung des Anspruchs der Anderen ebenfalls einmalig zu sein. Daraus führte das Konzept des Kampfes der Kulturen als letzte Entscheidung darüber, wer nun Recht hatte, mit seinem Anspruch die überlegene, dominante, hegemoniale oder sonstige Konzeption zu vertreten.

Im europäischen Konzept, das wir jetzt mit dem Projekt Grenzstation verfolgen, dem Projekt Weltzivilisation, sieht es ganz anders aus: Dieses Konzept kommt aus den Künsten, es sind dies die Kunstwissenschaften, vor allem die der Archäologie, die methodisch am Weitesten entwickelt wurden und es besagt folgendes: Um die Einmaligkeit einer Behauptung begründen zu können, muss man sich auf die Gesichtspunkte der Unterscheidung einigen, nach denen unterschieden wird.

Also, Archäologen entwickeln Gesichtspunkte nach denen sie Artefakte unterscheiden, epochenmäßig, regional usw., dabei kommt Folgendes heraus: Wenn ein Archäologe 27 verschiedene Töpferwaren nebeneinander stellt und Kriterien des Unterscheidens entwickelt, dann wird jede dieser 27 Einheiten bedeutend, weil die Unterscheidung
aller nur im Hinblick auf die Beziehung aufs andere möglich ist. Das heißt, man braucht das Andere, um die Einmaligkeit des zu Unterscheidenden behaupten zu können. Mit anderen Worten: Die Herausforderung besteht darin, die Einheit in der Unterschiedenheit zu sehen und die Unterschiedlichkeit in der Einheit: Dies
ist ein altes strukturalistisches Grundgesetz.

Je besser wir unterscheiden können, desto bedeutender ist das Unterschiedene, aber nur im Bezug auf das jeweils andere. Denn ich kann nicht behaupten, dieses Eine sei die Erfüllung, die Suprematie, oder sogar der Führungsanspruch oder was auch immer in einem bestimmten Handwerk in einem bestimmten Artefakt. Diese Einmaligkeit existiert nur in Bezug auf das Andere.

Das heißt, das europäische Konzept der Einheit durch Unterscheidung beruht gerade darauf, dass man den jüdischen, türkischen, christlichen, muslimischen, buddhistischen oder sonstigen Positionen gerade zugesteht, je unterschiedlich zu sein, aber nur mit
Bezug auf die Anderen, die ja erst die Kriterien der Unterscheidung ermöglichen. Sodass es eine Einheit in der Verschiedenheit gibt und eine Verschiedenheit in der Einheit. Denn würde man die Verschiedenheit aufheben, hätte keine dieser Äußerungen eine Bedeutung, weil Bedeutung nur durch Unterscheidung entsteht.

Nun wurden Institutionen geschaffen wie z.B. Museen, in denen diese Art der
Vermittlung von Einmaligkeit, von Allgemeinsamem auf das Verschiedene dargestellt werden. Das Konzept heißt also, wir nivellieren nicht die Grenzen, sondern wir begründen sie in Hinblick auf die Möglichkeit, das Unterschiedliche gerade als Einheit zu sehen. Die Unterschiedenheit ist die Begründung für die Einheit und das Einheitliche ergibt die Unterscheidungskriterien.

Das ist das Zivilisationskonzept. Wir feiern ja heute den Weltzivilisationstag, indem es heißt die alten kulturalistischen Kämpfe um Vorherrschaft, um Einmaligkeit bedingen die Auslöschung aller Anderen: Ich behaupte meine Einmaligkeit, indem ich alle Anderen als marginal darstelle, als unbedeutend, als Nachäffer, als bloße After-Künstler oder After-Kulturen, das wird eliminiert durch die Übertragung des Konflikts in den wissenschaftlich-kulturellen künstlerischen Zusammenhang.

Das bedeutendste Beispiel für die Strategie zur Pazifizierung von Kulturkämpfen, gerade durch die Möglichkeit eines wissenschaftlichen Konzepts, ist ausgerechnet von Atatürk im Jahre 1934 und zwar am 24. November (also heute) entwickelt worden. Er hat in einer Hinsicht, und diese eine Hinsicht feiern wir, etwas Beispielhaftes gemacht, nämlich zu zeigen: [Die] Hagia Sophia wird dem Kulturkampf entzogen und musealisiert – Zivilisierung durch Musealisierung – Vergleichbarkeit aller Dinge im Hinblick auf ihre Unterschiedenheit.

Das nannte er Zivilisierung durch Musealisierung. Musealiserung bedeutet nichts Verstaubtes, Vertrocknetes, etc. sondern die Vergleichbarkeit aller Dinge im Hinblick auf ihre Unterschiedenheit in den Mittelpunkt zu stellen. Hier im ZOLLAMT – ihr macht dies ja schon zum zweiten Mal in dieser Dimension und ihr seid ja im Sinne dieser Weltzivilisierungs-Idee durch Musealisierung ziemlich führend in Europa – Radlpass vor 6 Jahren (Festival der Zivilisationsheroen, 2006), und heute hier in Bad Radkersburg.

Das Grenzamt (Zollamt) als Ort, an dem man erkennt, dass Transit das Übergehen von einem Zustand in den anderen die Fähigkeit ist, die Bedeutung der beiden unterschiedlichen Ebenen Diesseits/Jenseits, oben/unten, menschlich/göttlich etc. erkannt zu haben. Also ist das Zollamt hier in der Wandlung in einen Kunstraum das europäische Paradebeispiel für eine Weltzivilisation, in der alle ihre je unterschiedliche Geschichtlichkeit, Artefaktherstellung politischer, sprachlich ethnischer Auffassung erhalten können; jedoch nur im Hinblick auf die Fähigkeit, Gründe anzugeben, warum sie sich von Anderen unterscheiden und warum sie sich auf Andere beziehen müssen, um ihre eigene Einmaligkeit zu behaupten. Und das ist die Zivilisierung durch die Künste und Wissenschaften, das, was Weltzivilisierung durch Musealisierung heißt.

... Zivilisierung durch Musealisierung – Vergleichbarkeit aller Dinge im Hinblick auf ihre Unterschiedenheit.

Und wenn ein Zollamt in einen Kunstraum verwandelt wird, dann ist dieser Übergang von Dominanz des jeweils Unterschiedlichen durch das Eine, in die Anerkennung des Anderen gewandelt worden, als Bedingung von Unterscheidungsmöglichkeit. Dies ist eine welthistorische Leistung, die ab 1400 mit der Abspaltung der Künste und Wissenschaften aus dem religiösen Kontext in Europa entwickelt wurde, mit Autonomie, Autorität durch Autorschaft usw.,

Zollamt als exemplarischer Prozess europäischer Wandlung von Kulturantagonismen, von Gegensätzen mit der Distinktion – ich will den Anderen dominieren... in die Anerkennung – ich bin auf den Anderen gerade in seinem Unterschied angewiesen, weil die eigene Einmaligkeit... wer nicht unterschieden hat, kann nicht anerkannt werden. Verpflichtung auf die Unterscheidung, also Grenzen im Hinblick auf die Anerkennung, dass das je Unterschiedene voneinander abhängig ist, das sind die Differenzen, die sich aus der Einheit ergeben.

Dieses Projekt Zollamt ist das Aktivieren des längst bekannten komplementären Zusammenhangs von rational und irrational, von kontrafaktisch und faktisch, von Kalkül und Absurdität oder von Kalkül und Liebe – im Wesentlichen deshalb zivilisatorisch, weil es keine ideologische Abgrenzung in den Kulturen geben kann, aufgrund derer Selbstbehauptung, sondern nur eine Abgrenzung aufgrund der durch die Unterscheidung aller gemeinsam anerkannten Unterscheidungskriterien und das sind die wissenschaftlichen. Das ist das Programm. Danke."

Bazon BROCK, Auszug aus der Öffnungsrede vom 24/11/2012
TRANSCRIPTION: Barbara B. EDLINGER, Joachim BAUR