Denkerei mobil: Bildtheologie nach Luther

Besucherschule zur Ausstellung „Luther und die Avantgarde“ im Gefängnis

Mauricio Cattelan: Luther & the Avantgarde | Plakat, 2017.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Vierte Folge der Reihe „Denkerei mobil“ in Kooperation mit der Galerie GRÖLLE pass:projects.

Seit der legendären Ausstellung „Luther und die Folgen für die Kunst“ in der Hamburger Kunsthalle 1976 ist Luther als Schöpfer der Konzeptkunst erkannt:

„Im Zentrum von Luthers Rechtfertigungslehre steht die Behauptung: „sola fide …“, das heißt, nicht durch die Großartigkeit unserer Werke, sondern nur durch die Stärke unseres Glaubens, unserer geistigen Fähigkeiten können wir Gnade, also Anerkennung gewinnen.
Der Abschied von der „Werkfrömmigkeit“ (Luther) trägt die gesamte Kunstavantgarde des 20. Jahrhunderts – nicht nur in der ausdrücklich so firmierenden Konzeptkunst, sondern auch bei den Suprematisten, Dadaisten, action painters, Prozesskünstlern, Happenisten, social workers. Meine daraus entwickelte Summa heißt „Werk ist abgelegtes Werkzeug“; das war selbst für Beuys verbindlich, denn er ordnete an, seine großen plastischen Arbeiten in den Museen als abgelegtes Werkzeug zu behandeln, wie das etwa jeder Kunstinteressierte im Hamburger Bahnhof in Berlin mit der Präsentation der „Straßenbahnhaltestelle“ erfährt.
Luther verweist mit dem Theorem „sola scriptura …“ ausdrücklich auf den Vorrang der Begriffsarbeit, was etwa Arnold Gehlen mit seinem berühmten Wort von der Kommentarbedürftigkeit jeglicher Kunst wiedergab. Kunstwerke sprechen nicht für sich oder von sich aus, sie sind wie alle Formen der Expression von Menschen nur mit Blick auf theologische oder philosophische oder sozialpolitische Codes verstehbar. Auch zeigen die Berichte von Bildbetrachtern über ihre Erlebnisse, Erkenntnisse oder Erfahrungen, dass im wesentlichen Begriffe vermittelbar sind und nicht bloße sinnliche Eindrücke. Also lautet seither die Maxime für alle Modernen als Künstler: Schafft nicht Werke, schafft Probleme, damit wir etwas zu bedenken haben, statt bloß anzubeten, was doch nur Staub mit Farbe darauf ist!“ – Bazon Brock, in: 95 Anschläge. Thesen für die Zukunft: http://www.bazonbrock.de/werke/detail/?id=3457

Bazon Brock hat seine Besucherschule zur Ausstellung „Luther und die Avantgarde“ im Alten Gefängnis Wittenberg 90 Mal absolviert. Für die, die nicht nach Wittenberg kommen konnten, bietet er die Besucherschule anhand von Bildbeweisen.