Playboy, Mai 1992, Elizabeth Ward Gracen

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes
Interview:
BAZON BROCK.
MICHAEL JORDAN.

Erotik:
MISS AMERICA – ELIZABETH WARD GRACEN.
MISS APRIL.
FLOTTER VIERER.
BRAUTSCHAU.

Reportagen:
FREUNDIN FÜR EINE NACHT; UNERSÄTTLICHE FRAUEN.

Lebensart:
WAS UNS AN FRAUEN STÖRT.

Ein offenes Gespräch mit Deutschlands streitbarstem Denker, dem ein geistreicher Witz lieber ist als eine fade Wahrheit

PLAYBOY: Sie haben zu jedem Thema eine originelle Meinung. Was motiviert einen zu dieser Mühe?

BROCK: So etwas steht einem gar nicht frei: Einem halbwegs geistesgegenwärtigen Zeitgenossen werden die Themen doch laufend frei Haus geliefert. Ein bedeutendes Thema erweist sich dadurch, daß man mit ihm, im wahrsten Sinne des Wortes, nicht fertig wird; sich dazu eine originelle Meinung abzuringen, ist lediglich ein Reflex auf diese Zumutung. Andere flüchten in den Drogenkonsum oder in die kleinbürgerliche Gemütlichkeit - ich setze mich mit den Widerwärtigkeiten auseinander. Sonst wäre ich doch als Zeitgenosse gar nicht mehr vorhanden.

PLAYBOY: Sie sind ein Wissenschaftler, der sich als Künstler bezeichnet. Ab dem 13. Juni steht in Kassel wieder die "documenta" ins Haus, Deutschlands größter Kunstauftrieb: Ist sie Überhaupt noch zeitgemäß? Was kann und was soll sie uns noch vor Augen führen?

BROCK: Die "documenta" ist tatsächlich in einer kritischen Lage. Was sie uns eigentlich vor Augen führen sollte, ist die Leistungsfähigkeit der Künstler: Sind sie in der Lage, die aktuellen Probleme der Gesellschaft und der Menschheit auszudrücken? Gehen sie über das hinaus, was auch Wissenschaft, Kirche und Politik zu leisten imstande wären? Denn wenn sich in der Kunst auch nur das halbherzige Hantieren, das mutlose Verdrängen und Zuschmieren der Probleme zeigt - wie in der Politik -, dann wird das Interesse an der Kunst bestenfalls ein Interesse an einer "Fluchtburg" sein. Doch die Kunst eignet sich gar nicht zum Ausmalen der Luftschlösser einer heilen Welt - das macht das Fernsehen viel besser.
Das also müßte die "documenta" zeigen. Sie müßte auch zeigen, daß viele Künstler sich ins Private veabschiedet haben, ins Geldmachen, in den Kreislauf musealer Selbstbeweihräucherung, kurz: daß sie gar nicht mehr in der Lage sind, Aussagen Über den Stand der Dinge in der Welt zu machen.

PLAYBOY: Früher waren es häufig die Künstler, die die Öffentlichkeit mit den wichtigen Themen konfrontiert haben. Warum ist davon nichts übriggeblieben?

BROCK: Ist es nicht verständlich, daß ein Künstler wie Anselm Kiefer langsam auf seinem Museumspodest versteinert? Stellen Sie sich doch mal vor, Sie spannten eine Leinwand auf, hantierten daran ein bißchen rum, und nach ein paar Tagen bekommen Sie dafür 200.000 oder 400.000 Mark. Da müßte man schon ein Heroe sein, um nicht gewissen Suggestionen zu unterliegen …
Natürlich wird über den Ankauf auch eine Freistellung vom Anspruch der Werke erkauft: Wer zahlt, braucht nicht zu argumentieren. Wer zahlt, hat recht. Und daß die Künstler dieser Verlockung erliegen, ist doch ganz verständlich: Wie würde ich denn aussehen, wenn mir jemand für meine Behauptungen 300.000 Mark bieten würde? Gott sei Dank bietet mir das keiner!

PLAYBOY: Schade eigentlich. Warum will sich kein Künstler mehr verweigern, warum nicht mehr das Ärgernis provozieren?

BROCK: In den 60er Jahren wurden wir alle von jedem Feuilletonisten zur Sau gemacht. Es gab keine Medien, die das, was wir taten, gut fanden. Heute findet sich, schon aus Gründen der Konkurrenz, überall irgendein Redakteur, der einen Furz gerade deswegen aufgreift, weil kein anderer sich dafür interessiert. Man setzt heute ein Fürzchen in die Welt - und schon schreit jemand: "Großartig! Genial!" Wie wollen Sie denn in dieser Situation die Rolle eines kritischen Interventionisten durchhalten?

PLAYBOY: Verfettet die Kunst durch zuviel Kommerz?

BROCK: Mit der Kunst verhält es sich wie mit dem öffentlich-rechtlichen TV: Wenn ARD und ZDF heute glauben, sie müßten mit den Privaten um die Gunst des Publikums buhlen, dann machen sie sich Überflüssig. Wenn ZDF und ARD genauso verfahren wollen wie RTL plus und SAT I, dann sollte man sie schnell abschaffen! Dann gibt's die nur noch zur Sicherung der hohen Gehälter ihrer Angestellten - im Durchschnitt höher als die der Universitätsprofessoren.

PLAYBOY: Sehen Sie noch einen Sinn im öffentlich-rechtlichen TV?

BROCK: An sich ja! Wenn ein Redakteur einer kommerziellen Anstalt etwas tut, was dem Geldgeber nicht paßt, verschwindet er in der Versenkung. Bei den Öffentlich-Rechtlichen sollte ein Journalist geschützt sein - damit ihm, wenn er etwas "im öffentlichen Interesse" zur Diskussion stellt, nicht der Strick um den Hals gelegt werden kann. Wenn der Journalist aber nichts mehr sagt, das ihm den Strick verdienen könnte, dann muß er weg! Traurig, aber wahr: ARD und ZDF sind heute leider nur noch Privilegien-Erschleicher: Wanzen, die sich am Körper der Pflicht-Gebührenzahler mästen.

PLAYBOY: Ist der Niedergang von ARD und ZDF also fest programmiert?

BROCK: Es scheint so. Aber langsam dämmert sogar schon unserem Kanzler Kohl, was er da angerichtet hat. Die CDU hat das kommerzielle Fernsehen ja nur zugelassen, um die kritischen Potentiale der Öffentlich-Rechtlichen einzuschränken. Er merkt nun, daß sich Sender wie RTL plus den Teufel darum scheren, was den Herren Politikern paßt! Er merkt nun, was für eine wahnwitzige Art von Selbstüberschätzung und Selbstvergottung er betrieben hat.

PLAYBOY: Was werfen Sie Helmut Kohl konkret vor?

BROCK: Ich höre heute noch diesen Spruch: "Mensch, reden Sie doch nicht, Wiedervereinigung machen wir doch mit links!" Heute wissen die Menschen, daß es nicht nur auf Versprechungcn ankommt. Jeder Trottel kann doch die Republik regieren, wenn's nur ums Würfeln geht! "Was, wir haben ein Zahlungsproblem?" - Neue Schulden! "Was, da will einer den Mund nicht halten?" Bestechung! So wird hier regiert! Und nun bricht dieses Lügengebäude rund um die Wiedervereinigung zusammen. Plötzlich reicht es nicht mehr, mit der Geste des lieben Gottes die West-Mark aus dem Hosensack zu schütteln. Man müßte ja denken, man müßte Konzepte haben. Es war alles bloß Lüge!

PLAYBOY: "Lüge" ist ein harter Vorwurf …

BROCK: Aber jeder in Deutschland lügt doch wie gedruckt! Es ist doch jeder zur Lüge gezwungen! Wenn ich einen Antrag auf Förderung eines Forschungsprojektes stelle, muß ich lügen, sonst bekomme ich gar nichts. Und offensichtlich ist das allgemein akzeptiert! Wenn heute eine Bauausschreibung stattfindet, bekommt ein Unternehmer X den Zuschlag für 60 Millionen. Nach zwei Jahren sind es plötzlich 75, nach vier Jahren 90 Millionen. Und dann heißt es: Jetzt können wir nicht mehr zurück, denn die ersten 60 Millionen sind schon weg! Ja warum denn? Weil von vornherein gelogen wurde … Ganz offen nimmt jedermann an, daß man in diesem Land nur etwas durchsetzen kann, wenn man lügt.

PLAYBOY: Wie kommen wir aus dem Schlamassel?

BROCK: Ein Großteil der Dynamik der Deutschen ist dem Umstand geschuldet, daß sie eine bedeutende Figur hervorgebracht haben, die einmalig auf der Welt ist - nämlich den deutschen Beamten. Im Beamtengesetz steht drin, daß der Beamte sich im öffentlichen Interesse so zu verhalten hat, wie es keinem anderen zumutbar wäre. Das ist etwas Einmaliges, etwas Geniales! Da könnte einer ohne Angst um sein Auskommen, um seine Familie und seine AItersversorgung das, was er für richtig hält, vertreten - vom Amtmann bis zum Regierungsrat. Wenn wir heute noch von irgendeiner Figur Freiheit erwarten dürfen, dann vom Beamten!

PLAYBOY: Der deutsche Beamte ist aber doch obrigkeitshörig bis zum Anschlag. Wer könnte uns noch aus der Sackgasse führen?

BROCK: Die Künstler. Mit ihrer Fähigkeit, Probleme aus sich heraus zu formulieren - ohne einer "Schule", einer "Disziplin" zu folgen wie die Wissenschaftler -, werden sie immer wichtiger. Künstler wie früher mal Joseph Beuys wären wichtig, wenn sie mit ihren Mitteln zeigten, daß es Probleme gibt, die man nicht mit ein paar Milliarden erledigen kann, nicht mit einem bißchen Goodwill, nicht mit der Postulierung einer multikulturellen Gesellschaft oder von Sozialismus oder einem anderen Schwachsinn. Künstler müßten zeigen, daß es Probleme gibt, denen man sich einfach stellen muß, die man aushalten muß. Leider denken immer noch zu vieIe Leute, daß es bloß darauf ankomme, "Experten" zu finden, die ein Problem vorgeblich lösen - damit wir weiter in der Schlafmützigkeit seliger Paradiesnulpen vor uns hinvegetieren können.

PLAYBOY: Angesichts der vielen Folgeprobleme der Wiedervereinigung sind allerdings Beamte wie Künstler in kollektivem Schweigen erstarrt …

BROCK: Ja, leider. Nur ein Mensch wie Wolf Biermann, der mir nun extrem unsympathisch ist - eben diese Art von Saufkopp-Künstler-Klimperer -, erhebt plötzlich einen höheren Anspruch auf Positionsbehauptung als irgendwelche, na sagen wir, elaborierten, hochdifferenzierten, stillen und verbissenen Arbeiter im Bereich der Kunst. Biermann wagt es einfach, die wahren Probleme auch zu benennen. Die anderen behaupten immer noch, es gebe keine: Sie waren nicht bei der Stasi, sie haben nichts gemacht, sie glaubten nicht an den Sozialismus und waren immer schon im Widerstand. Während Biermann simpel sagt: "Na, Kinder, was habt ihr denn eigentlich davon, immer zu leugnen?"

PLAYBOY: Was finden Sie so spannend daran?

BROCK: Spannend ist, wenn einer sagt: "Merkwürdig, wie im Dritten Reich …". Spannend ist, wenn einer fragt: "Was veranlaßt einen Menschen bloß, unter den Voraussetzungen einer Diktatur zu funktionieren?" Das ist spannend! Warum? Weil es den Blick auf unsere heutigen Verhältnisse erhellt. Auf unsere hier! Und ausgerechnet so einer wie Wolf Biermann macht das plötzlich klar - so unsympathisch einem der Kerl mit seiner Unterhaltungsgemütlichkeit von links auch ansonsten sein mag.

PLAYBOY: Was, bitte, hat die Stasi-Kultur der ehemaligen DDR mit uns zu tun?

BROCK: Die Leute im Westen Deutschlands würden niemals zugeben, daß sie sich unter ähnlichen Verhältnissen ganz genauso verhalten hätten wie die im Osten. Sie würden leugnen, daß sie selbst genauso wankelmütige Kandidaten sind, so verleumderisch und verräterisch, so einflußgeil und privilegiensüchtig. Sie würden bestreiten, daß sie hier genauso Täter sein könnten, wie die da drüben Täter waren. Die Leute im Westen wollen ein anderer, ein demokratischer Menschenschlag sein?
Ja, du lieber Gott: Wo ist denn hier bei uns ein Demokrat? Wenn wir die Institutionen und das Grundgesetz nicht hätten, säßen wir doch tagtäglich im selben Schlamassel!

PLAYBOY: Sie meinen das jetzt ganz im Ernst? Jeder Westdeutsche ein potentielles Stasi-Schwein?

BROCK: Wer annimmt, daß es Menschen schlechterer und besserer Art gibt, der ist falsch gewickelt. Aber auch der Umkehrschluß, die Verhältnisse seien schuld, ist nicht richtig: Es sind nicht die Verhältnisse. Der Mensch im Westen ist genauso anpaßlerisch wie der im Osten Deutschlands. Hier passiert dasselbe, was drüben passiert ist: permanentes Lügen! Die Menschen in den alten Bundesländern wollen einfach nicht wahrhaben, daß sie dieselben Schleimscheißer sind - nur durch demokratische Institutionen daran gehindert, den Selbstlauf menschlicher Dummheit zu so fatalen Auswirkungen zu führen wie im Osten.

PLAYBOY: Sie haben mal geäußert, daß der Tod das Einzige wäre, zu dem wir Deutschen Originäres beigetragen hätten. Wollen Sie das nun um Feigheit und Dummheit ergänzen?

BROCK: Nun ja, es gibt vieIe Bereiche, zu denen Deutsche Unvergleichliches beigetragen haben. Beim Deutschen muß immer das Grundsätzliche auf den Tisch kommen, und dazu gehört auch das Verhältnis zum Tod. Sagen wir's so: Jemand, der ein ganz besonderes Verhältnis zum Tod hat, wird als politischer oder auch sonstwie aktiver Täter manche Anstrengung nicht scheuen. Das hat im Dritten Reich funktioniert, wo man Leute millionenweise dafür begeistern konnte, sich zu opfern.

PLAYBOY: Wie erklären Sie den deutschen Hang zur Tode?

BROCK: Im Grunde genommen ist das Deutsche erst durch die lutherische Reformation geschaffen worden: die MögIichkeit, sein Heil in die eigenen Hände zu nehmen, unmittelbar und selbstverantwortlich zu sein vor Gott - ohne die Vermittlung einer Priesterkaste. Diese "Unmittelbarkeit des Heilsgeschehens" gilt den Wirtschaftswissenschaftlern als erste Voraussetzung für die Moderne, für die Entwicklung des Kapitalismus.
Luther war die direkte Voraussetzung für alles, was in Deutschland sich danach vollzog - für den Dreißigjährigen Krieg, für die Ausformung des Kapitalismus, für Adolf Hitler. Und die deutsche Haltung zum Tod - die macht uns so schnell keiner nach …

PLAYBOY: Reden wir doch mal von was "Leichterem", zum Beispiel von der Gemütlichkeit, dem Volksgut und Liedgut. Paßt Ihnen ja auch alles nicht! Das läßt doch den Verdacht aufkommen, daß Ihnen das Deutsche an sich nicht paßt! Oder was stört Sie an einer harmlosen Zeiterscheinung wie den Fischer-Chören?

BROCK: Nein, nein! Ich möchte fast sagen: Fischer-Chöre sind nicht deutsch! Das ist keine Breitenkultur, das ist eine via Volksmusik kaschierte Art von elitärem Anspruch! Die Musikindustrie verkauft diese Musik mit dem Hinweis auf das "Volk", weil sie glaubt, eine Autorität anrufen zu können, die in demokratischen Verfahren nicht in Frage zu stellen ist. Wer diese "Volks"-Musik in Frage stellt, wäre somit "undemokratisch". Aber Wahrheit ist: Das Heile-Welt-Gejodel, das uns als "Volks"-Musik verkauft wird, ist verdummend und verbIödend.

PLAYBOY: Ist das nicht ein deutsches Phänomen? In den USA etwa scheint diese Musik doch weit weniger kitschig und wirklichkeitsverdrängend zu sein.

BROCK: So was wie Country hat doch zum Untergang der USA vehement beigetragen! Was die da über ihren Westen singen, ist doch der reine Schwachsinn, ist doch Amerika pur: eine Gesellschaft auf der geistigen Ebene von Viertkläßlern mit inzwischen 15 Prozent Analphabeten. Dabei kann ja nichts rauskommen! Jedenfalls habe ich noch nicht gehört, daß sich die Anhänger der Volksmusik in den USA als radikale Kritiker gesellschaftlicher Probleme erwiesen hätten. Im Gegenteil: Die singen ihre Probleme auch bloß weg.

PLAYBOY: An anderer Stelle haben Sie über deutsche Unterhaltung gesagt: "Die bloße Erfüllung der Erwartungen des Publikums - das kennzeichnet jede Unterhaltung - ist wohl nicht endlos durchzuhalten …" Der Aufschwung der Privatsender steht dagegen.

BROCK: Daß die Unterhaltung nicht durchhält, sehen Sie unter anderem daran, daß die jugendlichen Hooligans nicht vor dem Fernseher sitzen bleiben und dort den inszenierten Krawallen zugucken. Sie ziehen lieber selber in die Stadien und schlagen sich die Schädel ein. Die Unterhaltung ist eben nicht stark genug: Sie ist keineswegs fesselnd. sie hält nicht von radikalen Vandalismen ab - etwas, das die Kulenkampffs und andere nach dem Krieg noch geschafft haben. Und die Tatsache, daß immer mehr Unterhaltungssender auftreten, schwächt die Unterhaltung noch mehr: Sie wird vielfältiger, beliebiger. lmmer weniger Menschen sehen zur gleichen Zeit die gleichen Sendungen. Die soziale Bindung, die aus dem gemeinsamen Erlebnis auch noch der letzten Schnulze entstanden ist, fällt damit weg.

PLAYBOY: Aber wer steht denn heute noch auf Einheitsbrei? Wir lieben doch die Vielfalt, den Krieg der Ideen und der Moden!

BROCK: Mode ist ein gutes Stichwort. Heute gibt es kein Mode-"Diktat" mehr, sondern jeder fühlt sich selbst dazu berufen, durch bestimmte Kleidung eine Auskunft über seine Persönlichkeit zu geben. Die Verantwortung ist also vom Macher auf den Träger übergegangen, der Konsument wird wichtiger als der Initiator. Das ist ein durchgehender Prozeß der Kulturentwicklung: Erst wenn jeder anfängt, gestalterisch und künstlerisch zu sein – nicht, indem er malt, sondern indem er mit den Augen des Malers sieht -, wird ein Prozeß bedeutsam.

PLAYBOY: Erübrigt sich bald die Haute Couture, weil doch der street style der Jugendlichen das wirklich Revolutionäre bringt?

BROCK: 0h nein! Auch die Haute Couture leistet Revolutionäres - nämlich die Art und Weise, wie sich die Models bewegen! Die Gesten der Models, die Bewegungen, das Rumwatscheln auf dem Laufsteg - das fasziniert die Leute! Es geht heute eben nicht mehr um die Kleider, es geht um die Träger. Kleider sind nur noch ein Mittel: Ich zeige mich bewußt in dem Wissen, daß ich mich zeigen muß. Mode soll Aufmerksamkeit erregen, damit der Mensch überhaupt noch wahrnehmbar ist. Mode soll signalisieren, daß der Mensch eine Rolle spielt. Das ist kurioserweise notwendig geworden, da die Menschen heute objektiv eine immer geringere Rolle spielen. Die Mode zeigt also, was der Fall ist: Die Leute haben Angst, daß es auf sie nicht mehr ankommt.

PLAYBOY: Ist das nicht so? Haben wir denn nicht mit der Kapitulationserklärung des bankrotten Staatssozialismus gleichzeitig auch jede Utopie einer sozialeren Welt zu Grabe getragen?

BROCK: Ja, jetzt ist alles vorbei: Der Sozialismus ist vorbei, der Humanismus ist Quatsch, und mit Utopien will jeder bloß verschont bleiben. Das ist alles Humbug: Die Utopie ist die Quelle jeder Kritik an der Wirklichkeit, sie ist die Quelle von Wahrheit oder Offenbarung. Deshalb werden die Leute schon bald merken, daß sie mit ihrem ganzen Gerede vom Ende der Utopie, vom Ende des Sozialismus, absurd falschliegen.
Natürlich: Wenn man die Utopie im Sinne einer Handlungsanweisung versteht, wie den Plan eines Architekten, dann ist sie für die Katz. Man muß den prinzipiellen Unterschied zwischen Plan und Ausführung begreifen: Nichts kann so ausgeführt werden, wie es einmal geplant war - nicht einmal ein Atomkraftwerk. Eben deswegen kann man keine Atomkraftwerke bauen! Es kann gar nicht das sein, was auf dem Plan steht, und deswegen muß es schiefgehen.
Es ist sogar wichtig, die Denkmäler der sozialistischen Zeit zu bewahren. Es wäre Schwachsinn, sie kaputtzuschlagen, nur weil die damals geknüpften Utopien den Bach runtergegangen sind! Wer sich das Alte nicht ansieht, kann vom Neuen gar nicht reden: Die Kraft des Neuen besteht darin, daß es das Alte verwandelt.

PLAYBOY: Sie sind etwas anstrengend: Man redet über Unterhaltung und Mode und landet bei Karl Marx. Haben Sie niemals Lust zur Entspannung?

BROCK: Doch, doch. Natürlich, ja. Aber die meisten Menschen flüchten heute in die Verdrängung, in diese gemütvolle, heile Welt, um sich mit der Wirklichkeit nicht auseinandersetzen zu müssen. Dabei macht gerade das den Wert menschlichen Lebens aus. Sonst könnten wir doch gleich alle freiwillig in die Irrenanstalten ziehen. Da leben lauter Leute, die die Welt so sehen, wie sie sie sehen möchten: Der eine hält sich für Napoleon, der andere für Goethe. Und häufig hat man den Eindruck, als lebten wir schon längst dort, als sei die Welt ein Irrenhaus. Aber die Manager dieses Irrenhauses sind die Verdränger und die aggressiven Zerstörer - nur noch ein kleiner Rest läßt sich auf die Wirklichkeit ein. Ob das reicht, weiß ich nicht. Jedenfalls scheint mir ein Leben ganz sinnlos zu sein, wenn man sich nicht etwas stellen muß, das mehr ist als man selbst.

PLAYBOY: Was fehlt uns? Kultur?

BROCK: Nur das nicht! Die Kulturen sind heute das reaktionärste und zerstörerischste auf der Welt, Multikultur ist das Zerstörerischste schlechthin! Wenn heute jeder seine Art, Schaschlik zuzubereiten, Stoffe zu bedrucken und Volkstänze zu arrangieren, als Hinweis darauf ansieht, international als Staat anerkannt werden zu müssen (oder als bewahrenswerte Kultur), dann ist das objektiv zerstörerisch.
Es gibt gegenwärtig einen entscheidenden Krieg der Zivilisation gegen die Kultur, wobei die Kultur strikt unter Aufsicht gestellt werden muß.

PLAYBOY: Klingt ausländerfeindlich!

BROCK: Wenn wir in Deutschland den hier lebenden Minoritäiten der Jugoslawen, der Kurden, der Türken, der Spanier, der Italiener und Osteuropäer ihr eigenes Museum, ihre eigene Universität hinstellen sollten, wären wir total überfordert. Aber darin einen Beleg für Fremdenfeindlichkeit, für Eurozentrismus in der Kulturpolitik zu sehen, ist geradezu absurd.

PLAYBOY: Sind wir Deutsche tatsächlich so gut, wie Sie uns jetzt stilisieren?

BROCK: Die Deutschen sind heute im Hinblick auf die Durchsetzung universaler Geltungsansprüche von Menschenrechten am fortschrittlichsten in der ganzen Welt. Die Deutschen repräsentieren heute die Avantgarde einer WeItgesellschaft. Mit anderen Worten: Wir sind heute die am wenigsten noch kulturell fixierte, sondern schon zivilisatorisch bestimmte Gesellschaft - dank des Grundgesetzes, der sozialen Marktwirtschaft und des sozialen Netzes. Deswegen sind wir so attraktiv für die anderen.

PLAYBOY: Konkret, bitte, konkret!

BROCK: Wir Deutschen sind am weitesten entfernt von der Borniertheit eingegrenzter kultureller Autonomie. Wer in Deutschland integriert werden will, der muß akzeptieren, daß es unaufhebbare, auch durch das Grundgesetz repräsentierte Standards gibt. Wer diese Standards nicht anerkennt, der ist nicht Mitglied dieser unserer Gesellschaft. Wer auch immer aus Ghana oder aus Jugoslawien, als Zigeuner oder als Moslem, hier leben will, muß diese Standards anerkennen und sie selbst offensiv vertreten.

PLAYBOY: Was sagen Sie zum neuen Rechtsradikalismus in Deutschland?

BROCK: Wenn von CDU und SPD permanent geleugnet wird, daß Menschen unglaubliche Probleme mit Minoritäten haben, dann darf man sich nicht wundern, wenn die Leute zu einem Schönhuber überlaufen. Es ist also das Versagen der angeblich staatstragenden Parteien, daß sich hier eine rechtsextreme Szene entwickelt. Wenn in einer Großstadt wie Frankfurt bereits jeder vierte ein Ausländer ist, ist die kritische Größe längst überschritten: So ein Verhältnis erzeugt enormen Druck und unglaubliche Probleme.

PLAYBOY: Ist das nicht erschreckend? Kosmopolitismus ist doch gut!

BROCK: Das ist eben der Irrtum! Es geht heute nicht um Kosmopolitismus! Es geht nicht um die Anpassungsfähigkeit an jamaikanisches oder japanisches Essen. Im Gegenteil: Weltgesellschaft bedeutet nicht, die Lebensformen um Tausende Alternativen zu erweitern sondern um sie einzuschränken. Würde eine Weltgesellschaft etwa die bei uns durch das Grundgesetz festgelegten Spielregeln nicht einhalten, wäre sie für die Katz! Und genau das kapieren die Leute nicht: Weltgesellschaft bedeutet, daß die Vielfalt aufhört.

PLAYBOY: Ist das denn erstrebenswert? Wird nicht alles fad und öd?

BROCK: Das interessante Leben findet im Kopf statt - und sonst nirgends, Die Basis dafür ist aber minimal eingehaltene Rechtsstaatlichkeit, minimal eingehaltene materielle Absicherung, minimal eingehaltene Voraussetzungen für die Entwicklung der Persönlichkeit wie Schulbildung, Kommunikation und dergleichen. Es muß also auf der ganzen Welt ein gleichförmiges Minimum an positiven Voraussetzungen geschaffen werden - oder es geht gar nicht weiter. Dann bleibt alles, wie es ist. Und das heißt: Es kommt zu einer Katastrophe.

PLAYBOY: Auf die wir ja zusteuern - siehe Zerstörung der Natur.

BROCK: Der Natur entsteht kein Schaden, nur dem Menschen. Objektiv spielt der Mensch in der Natur überhaupt keine Rolle, der kann so schnell verschwinden wie die Saurier. Die Natur kann ganz gut auf uns verzichten: Die gibt sich auch mit Viren, Bakterien und strahlenresistenten Küchenschaben bequem zufrieden. Ob der Geist das auch tut, weiß man nicht. Aber vielleicht ist es das, was bei der Evolution des Menschen herausgekommen ist: Der Geist schafft sich andere Voraussetzungen seiner Entfaltung. Vielleicht ist es sogar notwendig, daß die Menschen sich selber abschaffen.

PLAYBOY: Könnte das Ziel der Evolution also das Ende der Menschen sein?

BROCK: Es könnte sein, daß das Ziel der menschlichen Evolution darin besteht, die Großhirnrindenaktivität so weit zu steigern, daß es möglich wird, diese zufällige Zellversammlung aufzugeben. Das ist möglich - und sonst wäre es ja auch schwierig, den individuellen Tod irgendwie zu rechtfertigen. Daß es nur beim Absterben dieser "Madensäcke", wie Martin Luther sagte, bleibt, das kann doch wohl nicht sein …