NEUES HÖRSPIEL Essays Analysen Gespräche Klaus Schöning

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes
Der Band enthält Aufsätze folgender Autoren: Bertolt Brecht, Kurt Schwitters, Helmut Heißenbüttel, Ferdinand Kriwet, Gerhard Rühm, Paul Pörtner, Werner Spies, Ernst Jandl / Friedrike Mayröcker, Hellmut Geißner, Peter Michel Ladiges, Jürgen Becker, Urs Widmer, Franz Mon, Heinz Hostnig, Peter O. Chotjewitz, Peter Faecke, Friedrich Knilli, Heinrich Vormweg, Hein Bruehl, Helga M. Novak, Michael Scharang, Jürgen Becker-Klaus Schöning, Ludwig Harig, Bernhard Höke, Bazon Brock, Gerald Kienast, Wolf Wondratschek, Mauricio Kagel-Klaus Schöning, William S. Burroughs, Klaus Schöning.

Seite im Original: 214

Auf dem Wege zu einer Grammatik akustischer Umweltwahrnehmung

An die, die dies hören, einen Hinweis auf den Ohr-Mundverbund, den Ohr-Ohrverbund, den Ohr-Hirnverbund.
Das Ohr fand sein Zeichen vor langer Zeit: an Arbeitsplätzen und in Schmusewinkeln, am öffentlichen Ort und im Privatreservat klebten Plakate, die den Ausschluß des Ohres von der Umweltwahrnehmung forderten, denn wer etwas hörte, war potentiell aus der Zwangsverfügung schon entkommen, er war zum potentiellen Feind geworden, der überall mithört und sich aus dem Gehörten einen schlimmen Reim aufs Gegebene machte. An allen Wänden stopften pssstende Münder die Ohren. "Pssst, Feind hört mit."
Für uns Jüngere ist solche Konditionierungsanlage nicht ohne Interesse, weil sie so total war für eine ganze Nation. Teilpraktiken dieser Art finden wir auch anderswo vor: in Filmen etwa, in denen sich Handelnde in ihrer Kommunikation miteinander aufs Gestische reduzieren, weil kein Geräusch oder Laut sie verraten darf. Gangster und Detektive, Indianer und Westmänner, Gefängnisinsassen und Soldaten in Einsatzbereitschaft versuchen in jedem Fall und mit allen Mitteln, die akustische Wahrnehmung ihres Vorhabens durch die "Gegner" zu verhindern.
In den letzten Minuten vor Eintreten des alles entscheidenden Ereignisses verstummen die Akteure. "Stille kündigt den Sturm." "Die Stille ist beredt."
Dafür kann es nur eine Erklärung geben. Das Ohr reicht weiter als alle anderen Rezeptionsorgane, das Ohr geht um die Ecke, das Ohr drückt sich durch Wände, das Ohr koordiniert die Umwelt trennscharf. Das Ohr vor allem bildet die Umweltbeziehungen in dem Vorstellungspotential ab, über das der Hörende verfügt: wer etwas hört, zieht unmittelbar daraus einen Erwartung begründenden Schluß, denn das Ohr verarbeitet simultan mehrere Reize zugleich und bietet damit immer den aktuellen Stand der Umweltbeziehung des Hörenden.
Aus den empirischen Untersuchungen von Physiologen ist bekannt, daß die Umweltrezeption am weitestgehenden gestört ist, wenn das Ohr als Rezeptionsorgan ausfällt. Blinde oder erblindete Kinder können nach einigem Training ihre Umweltwahrnehmung fast vollständig der von sehenden Kindern angleichen. Taube oder gar taubstumme Kinder, die sehen können, bedürfen unverhältnismäßig längerer Ausbildung, um auch nur einen minimalen Teil solcher Umweltrezeption zu erreichen.
Diese bekannten Tatbestände gewinnen heute höchste Bedeutung für Bereiche der Lebenspraxis, die wir eigentlich als ganz normal ansehen. Zum Beispiel für die Architektur. In zunehmendem Maße müßten Hochhäuser schallisoliert gebaut werden. Das hat viele Gründe, unter anderem aber auch den, daß das Ohr von den akustischen Wirklichkeitsbeweisen unserer Zivilisation überanstrengt ist. Die Lärmbelästigung führt heute schon in vielen Fällen zu Veränderungen der Rezeptionsleistung des Ohres, die bis zur vollständigen Taubheit gehen können. Wichtig zu bedenken ist dabei, daß solche Störung nicht aufs Ohr beschränkt bleibt, sondern Herz und Kreislauf, sensitive Wahrnehmung und vegetative Funktionskreise bis zum totalen Zusammenbruch stört. Um solche Schäden zu vermeiden, ist es eben notwendig, unsere Arbeitsstätten und Wohnungen gegen schädigende, durchs Ohr vermittelte Umweltdemonstrationen abzusichern.
Aber da wir von der Umweltwahrnehmung durch Hören in stärkstem Maße abhängig sind, müssen die schallisolierten Räume mit einem steuerbaren, jeweils veränderbaren Programm akustischer Umweltnachweise beschickt werden, die dem Hörenden erlauben, auch in abgeschlossenen oder isolierten Räumen seine vertraute soziale Umgebung bei sich zu behalten oder sogar erst zu begründen.
Die eben beginnende interplanetarische Zivilisation wird diesem Problem immerfort ausgesetzt sein. Die Orientierung der Raumfahrer als soziale Wesen in einer sozialen Umgebung kann in interplanetarischen Stationen und Fahrzeugen zum größten Teil nur durch Simulation von akustisch wahrnehmbarer und akustisch identifizierbarer Umwelt geschehen.
Deshalb beschäftigen wir uns seit einiger Zeit mit der Produktion von akustisch wahrnehmbarer und identifizierbarer Umwelt. Das Ziel ist die Herstellung von wählbaren Programmen, die etwa, im naheliegenden Fall, in den einzelnen Räumen schallisolierter Häuser von deren Bewohnern abgerufen werden können. (Ein Programm für Fahrstuhlkabinen liegt inzwischen vor.) Es dürfte einleuchten, daß die Hörspielabteilungen unserer Rundfunkhäuser am besten geeignet sind, die Realisation solcher Programme zu übernehmen. Sie haben die längste Erfahrung und auch die entsprechenden Produktivmittel zur Herstellung akustisch wahrnehmbarer Umweltsimulation.
Dazu einige Achtungshinweise: Erstens wird ein soziale Umwelt begründender akustischer Wahrnehmungsraum nicht mehr als ein Hörspiel im Sinne eines Kunstwerks zu verstehen sein, denn das zu Hörende zeigt nicht und dokumentiert nicht den Vorstellungsraum oder Erlebnisraum eines Künstlers, sondern untersucht den Vorstellungsraum und Erlebnisraum der Hörenden. Diese Arbeit geht von der Grammatik des Hörens aus, die von den Hörern gemeinhin eingehalten wird und aufgrund derer die Hörspielproduzierenden ihr Material kalkulieren.
Zweitens: kann das soziale Wahrnehmung trainierende Instrument "Hörraum" nicht als ein Hörspiel bezeichnet werden, das gegen die dominierenden Hörgewohnheiten anrennt, indem es einfach bewußt auf die Grammatik des Hörens verzichtet oder sie zerstört. Das ist der Weg des sogenannten modernen antiillusionistischen Hörspiels.
Hörräume ermöglichen die Untersuchung einer Grammatik des Hörens und die allmähliche Konstituierung einer Kosmologie des Ohres. Ziel ist die Herstellung eines Lexikons akustischer Umweltwahrnehmung.
Drittens: Die Produktion von Hörräumen unterschiedlicher sozialer Geltungsbereiche kann nicht als ein geschlossenes Programm verstanden werden, sondern muß als Aufschlüsselung eines Tatbestandes, als Demonstration eines Falles versucht werden. Das so gewonnene Material soll in weiteren Arbeitsgängen zu Programmtypen ausgebildet werden, die dann allerdings nicht mehr auf Hörfunkwiedergabe beschränkt sein dürfen.
Verfahrenstechnische Einzelheiten: Die Herstellung eines Hörraums ist wesentlich durch zwei Techniken bestimmt: erstens die Vereinzelungs- und zweitens die Verknüpfungstechnik.
Vereinzelung wird mit den Methoden der Analyse, Verknüpfung mit denen der Synthese zu erreichen gesucht.
Komplexe, akustisch wahrnehmbare Umwelt wird zunächst auf verschiedene Informationsniveaus reduziert: der simultane Prozeß der akustischen Umweltwahrnehmung wird in ein Nacheinander der einzelnen akustischen Wahrnehmungsebenen umgewandelt.
Die verschiedenen Wahrnehmungsebenen werden aus dem konkreten Fall, den wir abhandeln oder untersuchen, abgezogen, sie werden verallgemeinert. In solcher Verallgemeinerung kann der Hörer sich besser auf die Wahrnehmungsstrukturen einzelner Komplexe konzentrieren, weil er das Vereinzelte nicht immer sofort dem untersuchten Fall zuordnen muß. Er kann vordergründig hören und braucht nicht das vereinzelt erscheinende Material auf den Hintergrund der erzählten Geschichte, auf die Bedeutung des untersuchten Falls zu übertragen.
Der beispielsweise gewählte Fall ist eindeutig genug, seine Demonstration sehr klar: ein Junge bringt sich um und zeichnet die Minuten seiner Tathandlung auf Tonband auf. Dabei will er nicht gestört werden, vermutlich jedenfalls, denn während er sich selbst total negiert, also sich umbringt, läßt er eine Platte spielen. Sollte die familiäre Umwelt des Jungen auf ihn aufmerksam werden, so würde sie das, was der Junge tut, als einfaches Abspielen einer Platte verstehen. Die Vertrautheit der akustischen Wahrnehmung von "Plattenspielen" hindert die familiäre Umwelt daran, die Situation in anderer Weise zu verstehen. Das heißt, niemand fragt noch nach den Motivationen, die einer dafür hat, etwas Bestimmtes zu tun, also etwa eine Platte abzuspielen. Denn das Plattenspielen ist zu einer völlig verselbständigten Form sozialer Handlung geworden, hinter der nichts anderes vermutet wird. Die Handlungsweise ist eindimensional geworden, sie wurde uns total vertraut oder redundant. Aus diesem Grunde ist es eigentlich auch ganz gleich, welche Musik gespielt wird. Das Entscheidende für den Musikhörenden ist nicht die konkrete Information der Musik, sondern die eindeutig festgelegte soziale Handlungsweise oder Kommunikationsgeste, die wir alle Plattenspielen nennen. Mit dieser Beobachtung läßt sich ein häufig von Eltern ihren Kindern gegenüber gemachter Einwand entkräften: das "bloße Herunterdudeln", das "wahllose Konsumieren" von beliebiger Musik durch die Kinder sei Ausdruck von deren musikalisch-ästhetischer Verkommenheit. Nicht was gehört wird, sondern daß gehört wird, bestimmt die soziale Handlungsweise "Musikhören".
Das Verfahren der Verknüpfung der vorher allgemein und vereinzelt untersuchten akustischen Wahrnehmungskomplexe, ihre Synthese zum untersuchten Fall wird deutlich, wenn auf einen winzigen Umstand der Tathandlung hingewiesen wird. Der Junge hatte nicht bedacht, daß sein Sterben länger dauern könnte als die von der Platte abgespielte Musik. In diesem winzigen Moment wird sichtbar, wie stark die technische Reproduktion starrer unveränderbarer Umweltbestandteile unsere sozialen Kommunikationsformen festlegt - oder anders ausgedrückt: es kann uns nicht darauf ankommen, Umweltkonserven zur Verfügung zu stellen, also das Wahrnehmungspotential von Hörräumen an die Stelle von Musiknummern zu setzen, sondern Programme der Konstituierung von Umwelt zu ermöglichen. Wünschbare Umweltkonstituierung durch wählbare Programme, das sollte bald schon erreichbar sein.
Bei diesen Überlegungen darf deshalb der Hinweis auf den Hörer als eigentlichen Akteur oder Produzenten des Hörraums nicht ausgespart bleiben. Das klingt sehr zeitgemäß und deshalb schon fast nichtssagend, läßt sich aber konkretisieren. Der Hinweis auf den Hörer als Produzenten ist erstens so zu verstehen: Aus den Gewohnheiten des Hörens ergibt sich bei jeder einzelnen akustischen Demonstration für den Hörer ein fast unüberwindbarer Zwang zur assoziativen Ergänzung, zu Verarbeitung des Materials in einen vorgegebenen Sinnzusammenhang. Im analytischen ersten Teil des Verfahrens wird gezeigt, wie dieser Assoziationszwang gestoppt werden kann, damit überhaupt erst wieder akustische Information aufgenommen werden kann. Es wird gezeigt, wie wir z.B. zwanghaft Sachverhalte in ihr Gegenteil verkehren, weil die Bedeutungserwartung oder die Sinnforderung so stark sind, daß wir Vereinzeltes nicht als das zu rezipieren bereit sind, was es ist, sondern als das, wozu wir es machen wollen und als was wir es erwarten.
Der Hörer ist also insofern Produzent, als wir nur Konstellationen bestimmter Materialien anbieten, aus denen der Hörer sofort eine Geschichte bildet. Die angebotenen Wahrnehmungsbelege selber sind so beschaffen, daß dem Hörer klar wird, wie sehr er sich täuschen läßt, wie sehr er alle Wahrnehmung schon auf Bekanntes und Erwartetes reduziert. In diesem Sinne wird das akustische Material vom Hörer zum Hörspiel gemacht; wobei das angebotene Material diesen Weg oder diese Gewohnheit denunziert. Der Assoziationszwang muß aufgebrochen werden.
Zweitens ist vom Hörer als Produzenten dieser Arbeit in folgendem Sinne zu sprechen: Das angebotene Material besteht aus der Mobilisierung einer Umwelt zu akustischer Wahrnehmung. Der Hörer sollte angeregt werden, seine jeweilige soziale Umgebung akustisch zu aktualisieren. Er sollte also versuchen, sich in seinem Wohnzimmer, in dem er sitzt und zuhört, akustisch wahrnehmbar zu machen. Dabei sollte er auf die eindeutigen Formen solcher Aktualisierung verzichten, als da üblich sind: Hilferufe oder Schimpfkanonaden etc. Da diese Formen so eindeutig sind, sind sie den meisten Menschen zu vertraut, als daß sie sie noch als eindeutig wahrnehmbare empfänden. Die bloße akustische Signalisierung einer Umweltgegebenheit im Hilferuf etwa ist redundant geworden, weshalb sie ihren ursprünglichen Sinn kaum noch erfüllt. Wer an einem Badestrand solchen Hilferufen konfrontiert war, kann bestätigen, daß er kaum noch ihre Ernsthaftigkeit verspürte. Wenn aber einer der Hörer oder gar viele von ihnen zur akustischen Mobilisierung ihrer augenblicklichen Umwelt übergehen, wenn aber Hörer im Zimmer anfangen, Gläser gegeneinander zu schlagen oder Möbel umzuwerfen oder mit dem Fuß aufzustampfen oder Geschirr gegen die Wand zu werfen, dann sollten sie bedenken, daß wir keine Möglichkeit haben, jedenfalls augenblicklich noch nicht, diese ihre Tathandlungen ins Studio zu übertragen, von wo aus wir sie alle kontrollieren können, was eigentlich notwendig wäre, damit die von Hörern akustisch aktualisierte Umwelt als Hörraum reproduzierbar würde. Dann könnten nämlich die von Hörern hergestellten Hörräume von Dritten, von Adressaten, so benutzt werden, wie sie gemeint sind: als präzise Angabe oder Analyse der jeweiligen sozialen Umgebung von Menschen.
Fürs erste gilt: die Wahrnehmung komplexer sozialer Umgebungen in ihren Bedingungen und die Fähigkeit, sie auszudrücken, ist bei uns verkümmert zur unbestimmten sprachlichen Kommunikation. Bekundungen der augenblicklichen Situationsgebundenheit oder Umweltbestimmtheit, wie sie einstmals als Rülpsen oder Furzen oder Schniefen unser Repertoire bestimmten, sind sozialer Ächtung verfallen. Andere sind klassenspezifisch geworden, können also nur von den Angehörigen bestimmter Gesellschaftsgruppen noch benutzt werden. Die produzierten Hörräume müssen auf diesen Tatbestand immer wieder verweisen, damit sie überhaupt nutzbar sein können. So wird aber auch umgekehrt trennscharf die soziale Lage Handelnder erkennbar, wenn sich Handeln akustisch wahrnehmbar macht. Beispielsweise bei der akustischen Wahrnehmung von Handeln in Schlafzimmern. Jedermann dürfte erfahren haben, wie sein Handeln durch akustische Wahrnehmung produzierende Hotelbettmatratzen bestimmt werden kann.
Wenn also Hörer, dies im Sinn, sich bisher außerstande sehen, dem Angebot auf akustische Aktualisierung der augenblicklichen Umgebungen nachzukommen, dann könnten sie doch diesen Hinweis als Trainingsanleitung benutzen und verstehen.
Das Training der Fähigkeit, sich in seiner jeweiligen sozialen Umgebung akustisch wahrnehmbar zu machen, beginnt mit Grundgeräuschen, die sich zu einem Hörraum erweitern.