Peter Bömmels: Bilder, die die Welt bedeuten

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes
Ausstellung: Museum am Ostwall <Dortmund> : 16.10.-4.12.1983

Seite im Original: 30

2.2 Kopfbühne

Unsere 2. Vergleichsreihe, römisch numeriert, versammelt Bilder, in denen Bömmels einen Themenkomplex zu verfolgen scheint, dem ich hilfsweise den Namen "Kopfbühne" geben möchte.
Bömmels gab Bild I den Titel "Die Geschlechter im Zeichen der dankbaren Formen". Im Rückgriff auf die Thematisierung der Hakenkreuzbilder identifizieren wir das Hakenkreuz (als männlich), der krebsscherenförmig geöffnete Fuß über einer Körperöffnung mit abstrahlenden Randfetzen; die vaginale Form im Bildmittelgrund hinter dem Hakenkreuz identifizieren wir als weibliches Geschlecht. Die dankbaren Formen wären dann jene, die im Bildhintergrund, im Inneren einer kopfförmigen Form horizontal paradieren: Seestern, Fahne, Autokarosserieprofil, Herzform, die bauchige Note. Dankbar sind diese Formen offensichtlich, weil sie den Ausdrucksmöglichkeiten von Bömmels entgegenkommen. Sie repräsentieren Gestalteinheiten, die sich auch dann noch durchsetzen, wenn stilistische und kompositorische Gründe diese Formen nur als Mittel zum Zweck erscheinen lassen. In I zwingt uns die natürliche Gestaltdominanz dazu, die große, in sich eine Bühne ausbildende Form des Bildhintergrundes als Kopf zu thematisieren, zumal von der Stirn ein ebenfalls scherenförmig geöffneter Greifarm die Bühnenhöhle überlagert, sodaß die Gestaltanalogie "Augen/Höhlen" entsteht. Der Arm greift in den Raum zwischen Vaginamandel und Kreuz in Richtung auf die Körperöffnung mit abstrahlenden Randfetzen.

II und III zeigen eine ähnliche Kopfform. Der Kopfarm greift aber, ähnlich wie in I positioniert, durch zwei in die Höhe gestreckte Armstümpfe. An den Armen hängt jeweils ein menschlicher Körper über Abgründen. Wir sehen die Körper schräg von hinten mit auf die Brust abgesenkten Köpfen.

In III wachsen aus den Schnittflächen der Stümpfe kleine Arme und Hände. Auf der "Kopfbühne" von III recken sich ähnliche Hände aus drei Kugeln, die an den Eckpunkten die Seiten eines Dreiecks miteinander verbinden.

In II (siehe Detail von II) ist der Bühnenhorizont als Kutscherleine auf eine weibliche Person zurückgebogen, die - auf dem Bühnenboden stehend - die Horizontleine an ihrer Brust befestigt hält. Im Horizontbogen drei gekippte dankbare Formen: seitwärts geneigte Hochhäuser. Eine Besonderheit von II: zwei Hirschtiere ziehen in entgegengesetzte Richtungen; beide sind mit einer Nabelschnur verbunden; die Schnur verläuft zwischen den aufgereckten Armstümpfen und wurde "soeben" von den scherenförmigen Griffarmen durchschnitten.

[BILD VI]
Sterben I 1982
Kupferbronze und Menschenhaare auf Papier
55 x 35 cm
Paul Maenz, Köln

[BILD II]
Sterben II 1982
Dispersion auf Papier
104 x 84 cm
Privatbesitz, Güggingen

In V erweist sich die Kopfbühne eher als Brustbühne in einem Torso, dessen beide Arme, schräg nach vorne ausgreifend, einen Spiegel halten. Der linke abgewinkelte Arm des Torsos übergreift die Brustbühnenöffnung; auf der Bühne drei weiter dankbare Formen:

Das umgesunkene Hochhaus mit Dachfahne, eine Spiralfrau und die Weltkugel mit Ausleger und Kreuz - offensichtlich analog zum Reichsapfel gesehen. Der Unterleib des Torsos ist geöffnet. In den Weichteilen wedelt der Schweif des Torsos, hängen sechs schlangenköpfige Zitzen. Außerdem ist durch einen Teil der Innereien eine kreisförmig gebogene Sonde geführt, durch die ein pelzvermummelter Mensch schaut, um durch die Rückbiegung der Sonde auf ihren Ausgangspunkt sich selbst zu sehen.

Die Form, die sich selber den Spiegel vorhält, und der Mensch, der bei dem Blick in die Welt nur sich selbst sieht, sind der "Doppelte Narziß", der in Bömmels Titel für dieses Bild angeführt wird.
VI liefert eine Variante als Haarbild - über den ausgereckten Armstümpfen des hängenden Menschen agiert auf einem Bühnenteller eine andere der dankbaren Formen von Bömmels, die er "Vaterform" nennt.

VII reduziert die Kopfbühne auf ein geschlossenes Auge, dessen einer Winkel wie ein Sprechblasenstiel auf eine venezianische Gondel hinabreicht. Der Thematisierungsvorschlag des Titels " Wenn eine Gondel träumen könnte" setzt das geschlossene Auge für das träumerische Vorstellen, also für ein Geschehen hinter herabgelassenem Vorhang der Kopfbühne. Über dem Auge ein Objekt, das offensichtlich den hinter geschlossenen Kopfbühnenvorhängen agierenden Vorstellungen, den Träumen, ähnelt. In welche Vorstellungen könnte sich eine venezianische Gondel verwandeln, wenn sie (und nicht wir mit ihr) auf unserer Bühne der Kopfträume agieren könnte?

VIII zeigt einen Kopf en face mit großen geschlossenen Lidern. Auf den Lidern die gestalthaften Befestigungen von je zwei gespannten Fäden, die die Lider mit der Oberlippe verankern. Sobald die Lider geöffnet werden, müßte sich der jetzt noch geschlossene Mund zu einem schmerzlichen Lächeln öffnen. Der Kopf sitzt auf einem bühnenförmigen Teller, dessen obere greifarmartige Ausstülpungen Telefongehäuse an roter Verbindungsschnur zeigen; entsprechend zeigen die vier fußförmigen Ausstülpungen nach unten jeweils einen angeschlossenen Telefonhörer. Der Thematisierungsvorschlag des Titels "Heilige brauchen keine Kommunikation" verweist ganz offensichtlich auf den Kopf des Täufers, den Salome auf einem silbernen Tablett, wie ein bühnenmäßig inszeniertes Schaustück, vorzeigte.

[BILD I]
Die Geschlechter im Zeichen der dankbaren Formen 1982
Dispersion auf Nessel
180 x 130 cm
Besitz des Künstlers

[BILD III]
Sterben III 1982
Dispersion auf Papier
104 x 84 cm
Sammlung Sorg, Langen

[BILD XI]
Leckender Fisch 1982
Dispersion auf Papier
104 x 84 cm
Privatbesitz, Köln

Der nachtblaue Hintergrund fordert durch faltenartige Hervorhebungen zur Imagination einer Pseudolandschaft oder eines Vorhanges auf.

IX thematisiert womöglich vor ausgezacktem Gebirgspanorama über rabenschwarzem Erdinnern einige Schachtformen; in der dreieckigen Ausstülpung einer Schachtform ein Bergmann mit Helm und Bohrer. Angeschnitten im Bildvordergrund im Schrägblick von oben die dankbare Form eines Hochhauses mit numerierten Abmessungen, die Stockwerksanzeigen bei Schächten und Aufzügen in Erinnerung rufen. Von der Oberkante der dankbaren Form führt in den Bildmittelgrund eine Schachtform, die senkrecht nach oben Töchterschächte abzweigt, welche mit einem rechtwinklig aufsitzenden Zwischenstück verbunden werden. Ebenfalls auf der Oberkante der dankbaren Form über dem Schachteinstieg ein glatzkopfähnliches Gebilde, in das wie in ,,(Gott) (Krüppel)", der Stil des Dreiecksschachtes hineingebohrt ist.

Die Titelthematisierung "Arbeitslos - Los der Arbeit" ließe sich als Verweis auf den psychischen Mechanismus identifizieren, demzufolge man besonders bei schwerer Arbeit hofft, die Arbeit möge bald zu Ende sein; sobald man aber nicht arbeitet, prompt das Arbeiten als eine wünschenswerte, unverzichtbare Form der Selbst- und Fremderfahrung herbeiwünscht.

X: "Ich wollte immer wissen, was eine Seele ist". Aus blauer Wasseroberfläche taucht im Profil ein Kopf auf, Schling- und Wasserpflanzen durchstoßend. In den Schädel sind sieben Banderillas gerammt, an denen Fischgräten flattern. Aus den sieben Einstichwunden strömt Blut über den Kopf unter das Wasser; aus den Blutströmen formieren sich unter der Wasserfläche die Silhouetten zweier menschlicher Körper, einer hat die Wasseroberfläche schon fast erreicht; seine Schwimmbewegungen zerteilen das Wasser und lassen es in kleine Bruchstücke zerspringen. Das Strichstakkato des Schlingpflanzenbündels weckt die Erinnerung an volkstümliche Erzählungen vom großen Wassermann, dessen Körperbehaarung eben jene Schlingpflanzen seien.

XI zeigt eine ähnliche Erhöhung einer Form über die Wasseroberfläche. Hände halten einen Fisch in die Höhe und pressen ihn aus. Seinen Seiten entströmt Wasser meerwärts, das ein Boot trägt. Der Mast des Bootes ist durch den Körper eines rittlings über das Boot gelegten Fischers gerammt. Das Meer ist fischlos, denn die Fische fliegen. Aber die Fische sind nur gestaltlose Striche, die waagerechte Bewegungsebenen markieren.

[BILD V]
Der doppelte Narziss 1983
Dispersion auf Nessel
240 x 180 cm
Paul Maenz, Köln

[BILD IX]
Arbeitslos, Los der Arbeit 1982
Pastellkreide auf Papier
20,5 x 14,5 cm
Christian Tannert, Zürich

[BILD X]
Ich wollte immer wissen, was eine Seele ist 1981
Dispersion auf Nessel
220 x 160 cm
Sammlung Onnasch, Berlin

[BILD VIII]
Heilige brauchen keine Kommunikation
Pastellkreide auf Papier
41 x 29,5 cm
Dr. Peter John, Großbottwar

[BILD VII]
Wenn eine Gondel träumen könnte
Pastellkreide auf Papier
20,5 x 14,5 cm
Esther Zwirner, Köln