Peter Bömmels: Bilder, die die Welt bedeuten

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes
Ausstellung: Museum am Ostwall <Dortmund> : 16.10.-4.12.1983

Seite im Original: 48

2.4 Rückenkörper

Ein zentrales Bild der Dortmunder Ausstellung dürfte die neueste Durcharbeitung des Themas "Kreuzigung von hinten" sein. Das Werk befand sich noch auf der Staffelei, es hatte das Endstadium seiner Ausarbeitung noch nicht erreicht. Für unseren Versuch, den Leser und Betrachter zu eigenen, möglichst unterschiedlichen Thematisierungen anzuregen, mag hier der Hinweis auf die erste ausgeführte "Kreuzigung von hinten", die den Titel ‘Identitätsdrama' trägt, genügen. Diese Arbeit ist mit Pastellkreide auf Papier ausgeführt. Wir sehen im Bildmittelgrund vor durchgängig schmutzblauem Bildhintergrund - fast bildfüllend - das plumpe Körperschema einer menschenähnlichen Gestalt. Die Körperkonturen sind weiß überhöht, die Körperfläche schwarz. Den Rücken dieses Körperschemens mit angedeuteter Brustkorb- und Hüftlinie deckt eine rechteckige gelbe Tafel weitgehend ab. Auf dem oberen Rand der Tafel die Andeutung zweier ausgestreckter Arme, Schultergürtel, Hals und Kopf eines nicht identifizierbaren Lebewesens; möglicherweise ist die merkwürdige Kopfgestalt auch als Kranz oder Krone zu identifIzieren.
Aus der Position der ausgestreckten Arme entsteht die Vermutung, daß an dem gelben Rechteck ein menschlicher Körper hängt (Kreuzigungshaltung). Aus den Wunden an Armen und Nacken tropft über das gelbe Feld Blut in ein topfförmiges Gefäß, dessen Lokalisierung auf oder vor dem gelben Feld nicht möglich ist. In den Bildhintergrund neben die Konturen des dunklen Körperschemen sind links und rechts vertikal übereinander je drei Pflöcke eingerammt. Das untere, mittlere und obere Pflockpaar wird jeweils durch ein Band oder einen Draht miteinander verbunden. Die drei Drähte verlaufen parallel zueinander. Sie scheinen nicht straff gespannt zu sein. Deshalb kann sich die Vorstellung nicht entwickeln, daß die gelbe Tafel, auf deren nicht sichtbarer Vorderseite ein gekreuzigter Körper hängt, dem körperlichen Schemenschatten mit Drähten aufgebunden ist, bzw. daß die Figur an das Kreuz gefesselt sei wie der Riese in "Gullivers Reisen". Wie gesagt: wir interpretieren nicht, wir ziehen keine Schlußfolgerungen, wir beurteilen nicht, sondern versuchen nur, zu ikonographischen Thematisierungen anzuleiten.
Da die Möglichkeit zur Thematisierung nur im Vergleich gegeben ist, führen wir zwei weitere Bearbeitungen von Rückenfiguren an. "Der große Bär" läßt uns eine rotgewandete Rückenfigur erkennen, die sich im Bildraum von nahezu links unten nach rechts oben entwickelt. Die rechte Bildkante überschneidet die Rückenfigur auf der Linie rechtes Ohr - rechtes Schulterblatt. Linkes Ohr, Kopfsilhouette und strähnig nach hinten zurückgeworfenes, nackenlanges Haupthaar sowie eine kurz aus dem Gewand ausgestülpte linke Hand sind die beherrschenden Akzente der Gestaltkontur.

[BILD]
Das Identitätsdrama 1983
Öl und Pappmaché auf Nessel
300 x 200 cm
Paul Maenz, Köln

[BILD]
Das Identitätsdrama 1983
Pastellkreide auf Papier
29,5 x 14,5 cm
Paul Maenz, Köln

Im Felde des fließenden Gewandes ist - direkt unterhalb des Nackens nahe dem Bildrand - eine kleinere, menschengestaltige Figur als gelb farbiges Schemen mit ausgestrecktem Arm zu erkennen. Über der linken Schulter der großen Gewandfigur sind gelbe und weiße Strichfetzen als Bewegungsspuren sichtbar. Diese Bewegungsspuren hinterlassen eine kleinere - also wohl fernab gedachte - wie zwei größere weiße, rechteckige Tafeln, die als auf den Betrachter zufliegend verstanden werden können. Die beiden Tafeln sind an den Füßen einer weiteren menschlichen Figur befestigt, wie Skibretter. Die Figur ist vornübergeneigt wie ein Skispringer. Die weit nach vorn gestreckten Arme scheinen ein weiteres Körperschemen gerade noch zu halten, vielleicht ist es die durch die Bewegungsgeschwindigkeit des Springers ihm vom Leibe gerissene und ihm vorausgeschleuderte Bekleidung. Die Skibretter - so deuten die Bewegungsspuren an - scheinen von einem Podest herunter zu fallen, auf dem, über der linken Schulter der Gewandfigur schwebend, ein Astronom steht, der durch ein langes Fernrohr auf eine ähnliche Tafel schaut. Auf dieser Tafel ist eine Unzahl von Sternpunkten erkennbar. Die mehrfach übersetzte Bewegung aus der Ferne der Welt in die Nähe des Bildraumes beherrscht als Richtungsdynamik das Bild.
Der Astronom trägt das gleiche rote Gewand wie die den Bildmittelgrund beherrschende Rückenfigur, so daß das Geschehen im Bildmittelgrund wie eine Zoomübersetzung des Bildhintergrundes (Astronom beim Studium) zu sein scheint.
Der Bildhintergrund wird im unteren Bilddrittel von erdferner Nachtschwärze und im oberen Bildhintergrund von erdnaher Nachtbläue erfüllt. Durch die Himmel ziehen weiße Bewegungsspuren.
Die dritte Rückenfigur ("Es ging der Tod auf Fahrt") ist in den Vordergrund eines Bildfeldes gerückt, das bis zum Bildmittelgrund ein heftig bewegtes Blutmeer erkennen läßt. In diesem Blutmeer ist die schlanke Rückenfigur eingetaucht, bzw. wird die schlanke Rückenfigur etwa in Kniehöhe reflektiert, so daß der untere Teil ihres Leibes als bootsförmiger Körper auf dem Blutmeer zu schwimmen scheint. Die Konturlinien der Rückenfigur sind lichtgelb überhöht. Die Rückenfigur streckt ihre Arme zum Himmel hinauf, der rechte Arm mündet in eine im Profil sichtbare Sense. Der linke Arm mündet in einen aufgesägten Totenschädel, der auf einem dicken Stab steckt. Die Rückenfigur ist grün gewandet. Im Grün brechen sich Lichtreflexionen großflächig wie in silbergrauen oder eisstarren Bruchstücken. Das Gewand schließt nach oben mit einem Pagenkragen ab, der eng anliegt. Der Kopf der Rückenfigur zeigt nach hinten gesträhntes Haar, auf dem ein Pagenhütchen sitzt. Die Rückenfigur schaut auf ein Meer jenseits des Blutmeeres.

[BILD]
Der große Bär 1980
Dispersion auf Nessel
268 x 177 cm
Wolfgang Max Faust, Berlin

Die erhobenen Stockarme mit Totenschädel und Sense erwecken die Vorstellung eines mit Flaggen signalisierenden Matrosen. Die Signale gehen in Richtung auf elf Schiffe, die sich in dem fernen Meer zu behaupten versuchen.
Einige scheinen bereits unterzugehen. Die Schiffe sind offensichtlich alle aus dem Innern des Totenschädels herausgeschleudert worden wie jenes Schiff, das gerade eben in diesem Vorgang wahrgenommen werden kann.
Der Tod ging nicht auf Fahrt, er geht auf Fahrt. Und während wir ihn immer erst vor uns - uns abgewandt - zu sehen glauben, ist die nackte Schädelvisage längst auf uns gerichtet. Wir werden nicht erst dem Tode verfallen, sobald sich unser Leben endigt. Unser Leben verdankt sich dem Tode - aber lebend, zwischen Tod und Ende, bleiben wir ein Versprechen des Todes: die Lebensschiffchen sind rot wie das Blutmeer. [Dies ist eine Thematisierung von jenem Typ, den ich hier bewußt vermeiden wollte - aber es mußte ja an einer Stelle gesagt werden, was ich strikt vermeiden wollte.]

[BILD]
Es ging der Tod auf Fahrt 1981
Dispersion auf Nessel
220 x 160cm
Jeanette Bonnier, New York