Peter Bömmels: Bilder, die die Welt bedeuten

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes
Ausstellung: Museum am Ostwall <Dortmund> : 16.10.-4.12.1983

Seite im Original: 54

2.5 Stelenmenschen

Ein anderes Zentrum der Dortmunder Bömmels-Ausstellung wird sicherlich das im Museumsbesitz befindliche "Kelche, die die Welt bedeuten" bilden.
Wir konnten in unsere Vergleichsreihe zwei weitere Durcharbeitungen und eine Skizze aufnehmen. Die Zeichnung eins läßt das Grundmotiv deutlich werden. In der Bilddiagonale liegt, den Kopf links unten, eine Frauengestalt auf dem Rücken - den Nacken leicht nach hinten gebeugt. Die langen Haare fließen, ohne das Gesicht zu verdecken, strähnig über den Oberkörper. Auf Brust und Bauch scheint eine Hütte zu stehen, die ebenfalls von schräg vorne gesehen wird. Das Giebeldach der Hütte bildet ein Pferdekörper, dessen Schädel an der Schmalseite der Hütte hervorragt, die dem Frauenkopf zugewandt ist. Vor dieser Schmalseite kniet eine menschliche Gestalt, die ihre beiden Arme durch die Hüttenwände ins Innere zu bohren scheint. An der Längsseite der Hütte, nahe der Eckkante, kniet eine zweite Gestalt, die ebenfalls bis zu den Oberarmen in die Hüttenwand vorgedrungen ist - oder die in der Hüttenwand festgehalten wird. Die Längsseite der Hütte weist ein kleines Fenster auf, an dessen Vergitterung eine große menschliche Figur greift. Die Körperhaltung dieser selber etwa beinahe hüttengroßen Figur scheint nahezulegen, daß die Figur an den Gitterstäben des Fensters zerrt.
Die Durcharbeitung zwei dieser Zeichnung eins mit Dispersionsfarben auf Nessel ist in formaler Hinsicht auffällig, insofern Bömmels ein so gewaltiges Format wählt, (2.20 x 3.20), daß er zwei Bildtafeln in Anspruch nehmen muß. Undeutlich wird in zwei - gegenüber eins - der perspektivische Blick auf die Hütte. Variiert ist auch die in der Längswand festgehaltene Figur, die in zwei sich zum Betrachter umwendet und ihm den Blick aus dem Bild entgegenrichtet. Auch der Blick der liegenden Frauengestalt ist aus dem Bild unmittelbar auf den Betrachter gerichtet. Eine andere auffällige Umarbeitung von eins in zwei ist darin zu sehen, daß die Position des liegenden Körpers im Bildvordergrund verdeutlicht wird und daß das gesamte Bildraumgefüge deutlich in Bildvordergrund, Mittelgrund und nachtblauen Hintergrund unterteilt wird. Das lang ausflammende Haupthaar der liegenden Figur umrankt bis zur Höhe des pferdeförmigen Dachstuhls die Hütte. Auch die an den Gitterstäben des Fensters zerrende Figur entwickelt sich aus den Haupthaarfigurationen.

[BILD eins]
o. T. 1981
Plaka auf Papier
20,5 x 14,5 cm
Paul Maenz, Köln

[BILD drei]
Kelche, die die Welt bedeuten 1982
Dispersion auf Nessel
220 x 160cm
Museum am Ost wall, Dortmund

[BILD zwei]
Das Dach der Welt 1982
Dispersion auf Nessel
220 x 320 cm (2-teilig)
Paul Maenz, Köln

Die Außenwand der Hütte wie auch ihr Fundament sind ziegel- und feuerrot gehalten. Die einzelnen Rustica-Steine des Mauerwerks sind schwarz konturiert. Die Szene wird in scheinwerfergelbes Licht getaucht, das sich vor allem im Dachstuhl und in seiner pferdeköpfigen Giebelbekrönung reflektiert. Das Licht fällt aus der Höhe der Bildbetrachteraugen auf die Szene.
"Fallada, da du hangest . . ." bitte im Märchenbuch nachlesen!

Das Dortmunder Bild drei zeigt vor blutrot und konturschwarz schlierendem Hintergrund einen Kelch. Der Fuß des Kelches zeigt eine spitze Zahnumrandung. Auf und in dem Kelch liegt - rückwärts mit nach hinten abgeneigten Nacken - jene Frauenfigur , auf deren Oberkörpertorso die pferdeförmig bedachte Hütte aufsitzt. In drei fehlen allerdings sowohl die beiden ins Mauerwerk bis zu den Oberarmen gesogenen Figuren wie auch jene Figur, die an dem Gitterfenster rüttelt. Der Kelch steht in der Mitte des Bildvordergrundes. Der aus ihm nach links vorn in Bilddiagonale zurückgebeugte Oberkörper der Frau zeigt eine ganz auffällige Besonderheit gegenüber eins und zwei. Das im Bömmelsschen Farbstrichstakkato gekennzeichnete Frauenhaar fällt auch im Sinne natürlicher Schwerkraftvorstellungen nach unten. Diese herunterfallenden Strähnen haben sich um den Kelchstiel gebunden wie um eine rotierende Maschinenachse.
In einem Vorstadium zu drei ist einer der herabfallenden Haarstränge an ein Maikäfergespann angebunden, das mit der Haarsträhne sich so zu entfernen versucht, daß die Nackenwölbung der weiblichen Figur unerträglich zunimmt. Das Maikäfergespann wurde offensichtlich von Bömmels als zu begrifflich und so mit zu wenig bildwirksamer dynamisierender Kraft verworfen, obwohl es mir zum Beispiel unmittelbar einleuchtet - als Quelle der unaufhaltsamen und tödlichen Zugkräfte, etwas so Leichtes, Schwaches, Zerbrechliches wie ein Maikäferpaar anzunehmen.
Das Dortmunder Bild trägt den Titel "Kelche, die die Welt bedeuten". Kelche, von denen man wünscht, daß sie an einem vorübergehen?
Die im und durch den Kelch bewirkte Verschmelzung von beseelten Körpern und toten Objekten läßt sich vielleicht weitertragend thematisieren, wenn man auf zwei unter vielen Bildideen von Bömmels verweist, in denen sich dieses merkwürdige Ineinander und Auseinander von totem Material und beseeltem Körper, von Leben und Materie verdeutlichen läßt. In "Paradise lost" sitzen auf einer schwimmenden PIanfiguration, die uns jetzt hier nicht weiter interessieren kann, zwei Menschen an einer Tischplatte. Sie sitzen in der Tischplatte, wachsen aus ihr hervor, sind noch ihr Bestandteil, konnten sich noch nicht aus der Materie befreien, aus der sie gemacht sind; konnten sich noch nicht von ihrem Ursprung lebendig verselbständigen. Sie sind auch noch nicht Individuen mit eigenen Vorstellungen, sie verfügen erst über ein gemeinsames Bein, auf dem, um die Balance zu halten, noch keine großen Sprünge - spielerische Bewegungsfreude signalisierende Sprünge - möglich sind.

[BILD]
Paradise Lost 1982
Dispersion auf Nessel
160 x 130 cm.
Jürgen Bode, Königstein

Sie bleiben Stelenmenschen - halb erst Gewordene und halb niemals Seiende - wie jener Schwimmer, den Bömmels im "Selbstportrait als Geschnittener" zeigt.
Isoliert gegenüber jenen Bestandteilen seiner Umgebung, die eigentlich für ihn gemacht erscheinen und die nur auf ihn hin Bedeutsamkeit erlangen könnten, verharrt der Selbstportraitierte in einer unüberbrückbaren Distanz gegenüber allem, was ihn als lebendiges Wesen sich selbst erst erfahrbar werden lassen könnte.
Diese Hinweise auf die Ikonographie einiger Arbeiten von Peter Bömmels scheinen nur aus Bildbeschreibungen zu bestehen. Aber - die Bildbeschreibung ist ihrerseits nur möglich, soweit der Beschreibende bereits zu Thematisierungen fähig ist. Denn: nicht die Augen sehen, sondern das "Gehirn". Was beschreibt das Bild mehr als unsere Beschreibung des Bildes? Antwort: das Bild, natürlich der Maler, beschreibt den Anlaß zur Ausbildung vieler anderer Thematisierungen, die also immer einer bestimmten Bildbeschreibung zwangsläufig entgehen müssen. Nur der liebe Gott wäre heute noch als idealer Betrachter von Bildwerken zu bezeichnen. Wir haben aber gelernt, daß Gott sich in erster Linie als Schöpfer versteht - wie der Künstler selber. Unter dieser Voraussetzung müssen wir uns als Bildwerke in einem Museum verstehen, die niemals ein anderes Interesse finden werden als das derjenigen Bildwerke, die mit ihnen Wand an Wand im selben Museum hängen. Aber: ist das denn wirklich eine derartige Schreckensvision, überall nur noch Künstler und nirgends mehr Publikum zu finden? Bömmels ist der Exponent der gegenwärtigen Situation, die wir alle noch nicht kennen, insofern als er nicht wie das anmaßende Genie sein will, wie der Schöpfergott. Aber: was einer sein kann, hängt ja Gott sei Dank nicht von ihm allein ab. Die Thematisierung der Bömmelschen Arbeiten führt uns - nach meiner Empfindung - in der gegenwärtigen Situation unnachsichtig vor Augen, an welchen Fäden wir zappeln, mit welchen Ketten wir rasseln.

Und nun zurück zum Anfang.

[BILD]
Allgemeines Selbstportrait als Geschnittener 1982
Dispersion auf Papier
184 x 84 cm
Thies Marwede, Köln