Suppenlöffel

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Suppenlöffel: Katalog zur Ausstellung Kunsthistorisches Institut, Bonn, 1982 / Mitwirkende Autoren: Tilmann Buddensieg, Bazon Brock, Reinhard W. Sänger

Seite im Original: 5

Wegwerfen? - eine schnell hingeworfene Bemerkung -

Das Gold der Archäologen war im wesentlichen stets Abfall, den man umstandslos zu Boden geworfen hatte: bereiten wir also mit Freuden das neue Gold für die Archäologen kommender Jahrhunderte, indem wir rückhaltlos wegwerfen, was uns gerade so wenig wert ist, daß wir's nicht aufbewahren möchten. Wer wird schon ein anspruchsvoll designtes Besteck in den Müll treten; Plastiklöffel werden zu nichts anderem hergestellt.
Wer heute eine positive Haltung zur Wegwerfbewegung bekundet, riskiert sehr schnell, als Sozialschwächling stigmatisiert zu werden: Plastikbestecke reizen das Umweltbewußtsein. Aber als wir in den 60er Jahren die Wegwerfbewegungen zu stimulieren versuchten, verstanden wir das Wegwerfen als eine Gymnastik gegen das Habenwollen. Der Heroismus des Alltäglichen teilte sich vor allem in den Versuchen mit, sich möglichst von allem zu befreien, was Menschen an totes Material zu binden vermag. Diese Bindung ist am stärksten, wo dem toten Material Werthaftigkelt zugestanden wird - sei es des Materialpreises wegen oder wegen der künstlerischen Bearbeitung dieses Materials.
Wie wir nicht mehr auf Goldgründen malten, wollten wir auch nicht mehr mit goldenem Besteck essen, denn die Bedeutungen steckten nicht in den Dingen wie das silberne Besteck im kostbaren Samtetui. Wir konnten uns recht gut vorstellen, daß Jesus jenes letzte Abendmahl ohne Zögern auch mit Plastikmesser und Plastikbecher bei MacDonalds eingenommen hätte, hätten die Umstände dazu veranlaßt.
In den 50er Jahren reagierte man noch mit gelindem Abscheu vor der Zumutung, ein köstliches Speiseeis mit einem Plastiklöffelehen verspeisen zu sollen oder die Bratwurst mit einem Plastikmesser schneiden zu müssen. Als bürgerliche Zöglinge reagierten wir auf derartigen "Ersatz" wie Pawlowsche Kulturhunde: wir waren auf das "echte", das "materialgerechte", das "ästhetisch überhöhte" Signal dezenter Nahrungsaufnahme konditioniert. Das war ja auch verständlich, da die gerade erst vergangenen Kriegszeiten mit ihren "Ersatz"-Angeboten in allen Lebensbereichen das Verlangen erzeugt hatten, den eigenen Kulturanspruch endlich wieder durch die Verwendung echten Gerätes repräsentiert zu sehen. Bis heute spürt man diese Abwertung der Ersatzgestaltung: keine Fluggesellschaft darf es wagen, ihre Passagiere auch in der ersten Klasse mit Plastikgeschirr- und bestecken abzuspeisen.
Es ist kaum zu belegen, daß die Tischkultur heute in ihren wesentlichen Aspekten (Nahrungszubereitung als Kulturtechnik, kommunikativer Akt des Essens als Sozialtechnik) sehr viel anders aussehen würde, wenn wir auf die Verwendung von Plastikbestecken und -geschirr verzichteten. Die Ökonomien der Massenspeisung in Kantinen und der informellen Zwischenmahlzeiten in Schnell-Imbissen werden durch andere Bedingungen geprägt: die Verwendung von Plastik-Besteck ist nur eine Folge dieser Bedingungen. Pervers, als bewußtseinsschädigend wirken sich diese Bedingungen nur dann aus, wenn das Plastik-Gerät durch seine Gestaltung so zu tun versucht, als sei es von seinen alteuropäischen Vorläufern nicht zu unterscheiden. Peter Behrens' Entwürfe in Plastik würden eine solche Perversion zur Kaufhausreife erheben. So lange aber das Plastik-Gerät möglichst demonstrativ durch seine Gestaltungsarmut und seine abstoßenden Materialqualitäten deutlich zum Ausdruck bringt, daß es nichts als totes Material ist, so lange läßt sich gefahrlos mit Plastikbesteck hantieren.
Hängt Euer Herz nicht ans Echte, nicht ans Gold: der Gedanke, es zu verlieren, würde den Genuß erheblich verschmälern. Es gibt heute sicherllch mehr Kulturkrüppel, die beim Essen mit Peter Behrens' Bestecken weniger Genuß verspüren als ein Rocker, der an einer Würstchenbude sein Schaschlik auf die Plastikgabel spießt.

Bonn, den 12.April 1982