Frankfurter Rundschau

Kolumne „Bruderküsse“

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Umdenken? Besser nicht.

Robert Leicht, ein Schwergewicht unter den deutschen Intellektuellen, eröffnet in der ZEIT, der höchsten Papiergewichtsklasse, eine Artikelserie, die uns alle dazu anhalten soll umzudenken. Dabei fällt uns doch das Denken schon schwer, wie Leicht dokumentiert. Einerseits stellt er fest, "daß die Suche nach neuen Gewißheiten jedenfalls unfruchtbar bleiben wird, wenn nichts in Frage gestellt werden darf, und also nach dem Muster der political correctness vorab Denkverbote erteilt werden, statt daß die Denkergebnisse anschließend kritisiert werden". Da wollen wir uns nicht lumpen lassen. Andererseits heißt es bei Leicht wenige Zeilen später: "Ein Rückfall in den Nationalismus des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ist kategorisch ausgeschlossen"
Wie nun? Ist kategorischer Ausschluß nicht gerade das, was ein Denkverbot kennzeichnet? Der Rückfall in den Nationalismus wird sich wohl weniger danach richten, ob wir ihn kategorisch ausschließen oder bloß für nicht wünschenswert, halten. Aber Leicht hält zumindest einen gewissen Nationalismus durchaus für erstrebenswert, sozusagen als umgedachten, aufgeklärten, pluralistischen, freundlichen und gastfreundlichen: "..... und sei es auch nur, um nicht zu vergessen, für welche geschichtlichen Lasten die Deutschen noch lange zu haften haben."
Ein Haftungsnationalismus, ein Haftungspatriotismus - Umdenken zeitigt tatsächlich andere Ergebnisse als das Denken. Umdenken ist vielleicht die erfolgversprechendste Art, sich dem Denken zu entziehen, denn bei mehr oder weniger schlichtem Nachdenken landete man bloß bei Widersprüchen, die das Umdenken verhinderten. Man kann nicht – jedenfalls denkend - zugleich einen deutschen Sonderweg vehement und auch mit guten Gründen ablehnen, aber die deutsche Geschichte als Welteinmaligkeit ausrufen. Wenn der Holocaust die deutsche Nation von jeder anderen unterscheidet, dann ist eine Sonderrolle damit definiert, und zwar nicht für die Historie, sondern für die Zukunft; denn in Zukunft soll ja gehaftet werden von den guten Nationalisten. Haben etwa gerade, die unguten Nationalisten schon umgedacht, gar das Umdenken umgedacht? Denn sie wollen nicht haften und damit keine Nationalisten sein, weil jeder nur für das haften kann, was er getan hat oder tut.
Also, Bruder Leicht, sollte es, nicht dabei bleiben, das öffentliche, Nachdenken zu fördern, anstatt mit dem bloßen Umdenken der Begriffe das Nachdenken noch weiter zu erschweren? Den gesunden Nationalismus vor dem ungesunden zu schützen mit dem Verhüterli des guten Haftungswillens bringt zwar was für die Psychohygiene; aber gerade die Überzeugtheit von gutem Willen erfüllte alle nationalistischen Programme. Selbst Himmler sah sich in der Haftungspflicht für die zukünftige Reinheit der Rasse und einen gesunden Nationalismus.