Frankfurter Rundschau

Kolumne „Bruderküsse“

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Ruinanz

Mäusels Quantentheorie lautet: sexuell besonders aktive Männer haben große Füße!
Kanzlers Wirtschaftstheorie lautet: wirtschaftlich besonders innovative Männer haben ein hohes Einkommen, denn Leistung löhnt.
Aber Mäusel hat doch mehr Erfahrung auf ihrer Seite als der Kanzler. Denn wie Quanten bekanntlich springen, seit ihnen das Prof. Heisenberg in unendlicher Mühe beibrachte (ohne Auswirkung aufs Einkommen), so ermöglichen den Männern ihre Quanten, große Sprünge zu machen - von einer alten, erschöpften Partnerin zur neuen anderen: Quantensprünge der immer erfinderischen Liebeskraft!
Zwar lebt man auch mit hohem Einkommen auf großem Fuße; aber genau das verhindert innovatives, schöpferisches Wirtschaften. Das erzwingt sich nur aus Mangel an Großfußlebe, meint der Kanzler. Also raus aus den viel zu großen, zudem recht abgewetzten Latschen des Wohlstands, resp. den Quadtratlatschen des Wohlergehens (Wohlstand ist zu statisch gedacht; wohlergehen schon etwas dynamischer; Wohlrennen oder Wohlstandsflucht wäre zeitgemäß).
Und so wie die abgezehrten Männer Afrikas barfuß den olympischen Marathon gewannen, als wären sie auf einer panikartigen Flucht vor den Adidasluxusfußfesselträgern aus dem weißen Westen, so sollen auch wir wieder lernen, auf bloßen Sohlen im kalten Winter unserer Wirtschaft vor den Chefetagen der Wirtschaftspäpste, die mit dem Stillegungsbann drohen, unser Canossa zu erleben. Das ist kein Schnee von gestern, sondern das Wetter von morgen, außerdem orthopädisch empfehlenswert Was von einem deutschen König, ja Kaiser erwartet wurde, kann man ja wohl jedem Arbeitnehmer zumuten.
Übrigens, mit dem Hinweis auf Juliane von Toscana als Geliebter jenes bannfluchenden Papstes von Canossa kommt auch Mäusels Theorie beim Kanzler zur Geltung: Männer werdet hart, indem ihr fremdgeht; von der alten reizlos gewordenen sozialen Marktwirtschft hin zum Mannschätzerkapitalismus; ein Riesenschritt immer erfinderischer Wirtschaftskraft, egal in welche Richtung.
Und nun von der Theorie zur Praxis, Der kleinbürgerliche Sinn der Geschichte für schweinische Witze will es, daß fast gleichzeitig in Stockholm die Nobelpreise und in Frankfurt die Masterpreise des Tennis vergeben werden. Und der Kanzler schaut irritiert zu. Denn acht erfindungsreiche Geistesgrößen erhalten (aber das ist letztlich soziale Gerechtigkeit) für ihr lebenslanges Tüfteln an welteinmaligen Erkenntnissen etwa genausoviel Geld wie acht Spitzenspieler des Welttennis für ausdauerndes Balldreschen in fünf Tagen. Größe ist eben Größe überall; die Meister im Eierlaufen sind ebenso Meister wie die Meisterdenker, das ist klar. Aber wie steht es mit der innovativen Leistung für die Wirtschaft, für den Standort Deutschland, für die Erfüllung der Kanzlerforderung nach großen neuen Ideen und Produkten? Da hätten wir einen Vorschlag unter Brüdern: die höchstbezahlten Kräfte unserer Wirtschaft, die Tennisasse und Golfprofis, die Rennfahrer und Rennläufer, die Fußballstars und Eishockeychampions - werden per Bundestagsbeschluß zu Geistesarbeitern ernannt und die deutschen Forscher zu DM-Spielern (im Wettlauf um Marktchancen)! Die schwedische Akademie wird gezwungen, die Vergabe der Nobelpreise auf Golfer; Rennfahrer etc. zu beschränken - Voraussetzung für den schwedischen Anschluß an die EU – und die Firmen dürfen nur noch mit den Namen jener Wissenschaftlicher werben, die an der Erfindung der Produkte beteiligt waren. Der Erfolg im Sinne des Kanzlers wäre durchschlagend: Wer würde schon für einen Nobelpreis (einmal im Leben, wenn's gut geht) jahrelang wie bekloppt immer die gleichen Bewegungen ausführen wollen und sonst nichts? Aber umgekehrt stürzten sich sicherlich Millionen jungen Mitglieder des Deutschen Sportbundes in die Wissenschatten, um große Kasse zu machen! Und der Kanzler könnte noch eine rühmliche Erwähnung in den Geschichtsbüchern für sich erwarten.
Doch halt: Hohes Einkommen macht träge, sagt der Kanzler, macht schlapp und lustlos, denkfaul und einfallslos. Wieso steuern wir eine Reform, eine gemeinsame Kraftanstrengung, ein totales Umdenken an, wenn der Erfolg so schädliche Wirkungen hat? Wenn gerade Erfolg ruiniert, wie man an der politischen Führung, an den Bossen, den Professoren sieht?
Weil wir vergessen haben, daß der Erfolg der einen immer nur als Mißerfolg der anderen in Erscheinung tritt. Das meint ja das Prinzip der Ruinanz: durch Erfolg zerstört. Das ist unschön und macht eben lustlos und arbeitsscheu: Wem will man das verdenken?
Schwanz: Nach dieser Umwertung hätten Stich, Becker und Graf bereits 80mal den Nobelpreis gewonnen, aber Eigen, Mößbauer und Binnig zusammen nur 3 ATP-Turniere.