Ästhetik gegen erzwungene Unmittelbarkeit

Die Gottsucherbande – Schriften 1978-1986

Ästhetik gegen erzwungene Unmittelbarkeit | Köln: DuMont, 1986. Ästhetik gegen erzwungene Unmittelbarkeit | Innentitel
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Als deutscher Künstler und Ästhetiker entwickelt Bazon Brock die zentralen Themen seiner Schriften und Vorträge aus der spezifischen Geschichte Deutschlands seit Luthers Zeiten.

Die Geschichte der Künste, der Alltagskultur und des gesellschaftlichen Wandels in Deutschland wird von Brock jedoch nicht nacherzählt, sondern in Einzelbeiträgen von unserer unmittelbaren Gegenwart aus entworfen. Nur unter dem Druck des angstmachenden radikal Neuen, so glaubt Brock, ist die Beschäftigung mit der Geschichte sinnvoll und glaubwürdig. Seiner Theorie zufolge lassen sich Avantgarden geradezu als diejenigen Kräfte definieren, die uns zwingen, die vermeintlich bekannten und vertrauten Traditionen neu zu sehen. »Avantgarde ist nur das, was uns zwingt, neue Traditionen aufzubauen.«

Kennzeichnend für die Deutschen schien ihre Begriffsgläubigkeit zu sein, die philosophische Systemkonstruktionen als Handlungsanleitungen wörtlich nimmt. Nach dem Beispiel des berühmten Archäologen Schliemann lasen die Deutschen sogar literarische und philosophische Dichtungen wie Gebrauchsanweisungen für die Benutzung der Zeitmaschine. Auch der Nationalsozialismus bezog seine weltverändernde Kraft aus der wortwörtlichen Umsetzung von Ideologien.

Durch dieses Verfahren entsteht, so zeigt Brock, zugleich auch Gegenkraft; wer nämlich ein Programm einhundertfünfzigprozentig erfüllt, hebt es damit aus den Angeln. Diese Strategie der Affirmation betreibt Brock selber unter Berufung auf berühmte Vorbilder wie Eulenspiegel oder Friedrich Nietzsche.

Es kann dabei aber nicht darum gehen, ideologische Programme zu exekutieren, so Brocks Ruinentheorie der Kultur, vielmehr sollten alle Hervorbringungen der Menschen von vornherein darauf ausgerichtet sein, die Differenz von Anschauung und Begriff, von Wesen und Erscheinung, von Zeichen und Bezeichnetem, von Sprache und Denken sichtbar zu machen. Das Kaputte, Fragmentarische, Unvollkommene und Ruinöse befördert unsere Erkenntnis- und Sprachfähigkeit viel entscheidender als alle Vollkommenheit und umfassende Geschlossenheit.

Andererseits entstand gerade in Deutschland aus der Erfahrung der menschlichen Ohnmacht und des kreatürlichen Verfalls immer wieder die übermächtige Sehnsucht nach Selbsterhebung, für die gerade die Künstler (auch Hitler sah sich ernsthaft als Künstler) besonders anfällig waren. Dieser permanente Druck zur ekstatischen Selbsttranszendierung schien nach dem Zweiten Weltkrieg der Vergangenheit anzugehören; mit der Politik der Ekstase glaubte man auch die Kunst der ekstatischen Erzwingung von Unmittelbarkeit, Gottnähe und Geisteskraft endgültig erledigt zu haben. Doch unter den zeitgenössischen Künstlern bekennen sich wieder viele ganz offen dazu, Mitglieder der Gottsucherbande zu sein, die übermenschliche Schöpferkräfte für sich reklamieren. Die Gottsucherbande polemisiert, wie in Deutschland seit Luthers Zeiten üblich, gegen intellektuelle und institutionelle Vermittlung auch ihrer eigenen Kunst. Bei ihnen wird die Kunst zur Kirche der Geistunmittelbarkeit; sie möchten, daß wir vor Bildern wieder beten, anstatt zu denken und zu sprechen. Gegen diese Versuche, die Unmittelbarkeit des Gefühls, der begriffslosen Anschauung und das Gurugesäusel zu erzwingen, setzt Brock seine Ästhetik.

Seite im Original: 65

Band VI Der Deutsche im Tode?

In: Arch+, Nr. 71, Okt. 1983

Als der Tod den Mann berührte, war er eine Frau.
Als der Tod das Mädchen küßte, nannte man ihn Syphilis.
Als der Tod den Deutschen führte, hieß er ihn Meister.

Gibt es den Deutschen im Tode? Solange es keine Deutschen, sondern nur Bayern, Schwaben oder Böhmen gab, beschrieb man in deutscher Sprache den Tod gerade so, als wollte er weder Bayern noch Schwaben oder Böhmen, und schon gar keine Deutschen oder Franzosen oder Spanier kennen. Denn der Tod war ein großer Gleichmacher und grausamer Würger, gegen den jedes Herz sich aufzulehnen auch dann verpflichtet sei, wenn der Verstand die Eigenmächtigkeit des Todes insofern gerade begrüßte, als der Tod alle Menschen unabhängig von ihrem Stand, Rang und Namen gleichermaßen treffe. Was der Verstand der Lebenden niemals begreife (die Herrschaft der Grausamen, die Macht der Bösen, die Gewalt der Willkürlichen), erweise der Tod ohnehin als bloß vorübergehende Anmaßung. Das Herz des Ackermanns aus Böhmen rebelliert noch gegen solche Tröstungen des Verstandes, ihm ist der Tod auf gar keinen Fall zu rechtfertigen. Denn das Herz will nicht das ununterscheidbare Alles, sondern nur das Einmalige und bestimmte Einzelne, die geliebte Frau. Die Herrschaft des Todes sei eine Perversion der Schöpfung, des Auftrages Gottes, schreit der Ackermann sich selbst entgegen.

War so um 1400 zu argumentieren eine deutsche Besonderheit? Eher schon Luthers brutale Aufforderung, die Toten ihre Toten gefälligst allein begraben zu lassen. Es gelte das Leben – den faulen Madensack des menschlichen Körpers überlasse man getrost den Säuen und der Soldateska. Luther führte wirklich einen makabren Totentanz auf, ein inneres Ballett der finsteren Gewalten, die den Menschen teuflisch aufblähen, bis er platzt. Ein Vorgeschmack darauf, mitten im Leben, sind alle jene Grimmen des Leibes – vor allem des Unterleibes – auf die man nur kräftig furzen solle, soweit man kann.

Diese grobschlächtige Distinktion von Seele und Madensack hatte Folgen für die Deutschen! Obwohl Luther eigentlich gerade die Feier des Lebens befördern wollte, indem er empfahl, sich um das Häufchen Dreck und um die Qualen der Seele, den teuflischen Unfug der Gewissensrechtfertigung nicht zu bekümmern, beriefen sich nicht nur die meisten Schlächter auf seine Worte, sondern auch viele ihrer Opfer. Denn gemeinsam war ihnen die überhöhte Geringschätzung des Leibes und seines Lebens; gemeinsam war Tätern und Abgetanen die irrwitzige Naivität zu glauben, daß zum Beispiel die Gedanken frei seien, auch wenn der Denkende in folternden Ketten liege.

Wer tatsächlich die Erfahrung gemacht hatte, daß der Geist frei sei, dem nützte diese Erfahrung nichts mehr, weil er in Ketten zugrunde ging. Der Dreißigjährige Krieg bot vor allem den Deutschen reichlich diese nicht nutzbare Erfahrung. Der millionenfache Tod schuf damals die ersten wahrhaftigen Deutschen, prägte ihre Psyche, ihre Einstellungen zum Leben, zur Gemeinschaft, zur Macht, zur Politik - prägte sie bis heute. Denn seit damals deklariert, wer Deutscher ist, seine Unfähigkeit, Erfahrungen zu machen, als besondere Prinzipientreue, als Hingabe an die Gesetze der unerbittlichen Mechanik, die auch jenseits von Leben und Tod für anhaltende Bewegung sorgen. Seither rechtfertigt der Deutsche, ja adelt er noch das sinnloseste Menschenopfer als pflichtbewußt dargebrachtes Selbstopfer. Und ist nicht die Synthese von Täter und Opfer im Selbstopfer die einzige geniale Leistung des Deutschen als Nationalcharakter gewesen, die Einheit von Führer und Geführtem, von Faktum und Fiktion, von Verbrechen und Wohltat? Das wurde eine genuine Bestimmung des Deutschen aus dem Tode. Die anderen, vor allem Engländer und Franzosen, dachten da anders. Die ließen auch im Umgang mit dem Tode nur Erfahrungen zu, die nützlich waren. Deutschsein hieß später, Menschen um einer Idee willen umzubringen. Jene anderen brachten Menschen höchstens um, weil sie deren Land oder Macht oder Geld störten und sie die haben wollten.

Schon mit dem Einsetzen der Gegenreformation, erst recht nach dem Dreißigjährigen Krieg war der humanistische Verweis auf die Natürlichkeit des Todes für Deutsche völlig unerheblich. Natürlich ist nur das Bedeutungslose, das Unerhebliche und Selbstverständliche. Da aber der Tod die Deutschen gebildet, galt es mit allen nur erdenklichen Mitteln, ihn zum Thema zu erheben. Der Tod ist das einzige Thema, zu dem die Deutschen wirklich etwas Einmaliges, jenen anderen ganz Unverständliches gesagt haben. Und sie haben es ja nicht nur gesagt, beileibe nicht. Leider nicht. Aber schon die deutsche Poesie, Literatur, Philosophie, Ästhetik und Geschichtsschreibung des Todes sind etwas ganz Einmaliges. Oder möchte jemand behaupten, er könnte, ohne potentiell Selbstopfer zu sein, auch nur Goethes ›Werther‹ verstehen? Man hatte ihn eben nur verstanden, wenn man wie er zum Revolver griff. Wie er oder jener Kleist, der seine Karriere als Selbstopfer der gesellschaftlichen Gegebenheiten mit deutscher Naivität, also systematisch plante; der sie literarisch entwarf und der dann seine Verliebtheit in den Tod mit »unaussprechlicher Heiterkeit« so feierte, wie andere ihr Selbstgeschriebenes zu Schulfesten aufführen.

Welche Anmaßung, hätte der Ackermann gesagt. Welche Überheblichkeit, gegen die jedes Herz leidenschaftlich zu protestieren hat. Aber gerade am Herzen mußte es ja den Deutschen gebrechen, als den Geschöpfen des Todes. Sie bildeten sich mehr darauf ein, eiskalt und ohne Gefühlsduselei zu sein als die Franzosen auf ihr »Clare et Destincte« Descartes’. Ist das Lateinische nur die vornehme Version? Der Lateiner, der Italiener und Franzose, deklariert mit Pathos besser als der Deutsche, aber er tut dann nur, was sich nun eben mal unter gar keinen Umständen vermeiden läßt. Diese Unzuverlässigkeit, diese Diskrepanz von Sagen und Tun, bezeugt wirkliche Aufgeklärtheit, Bildung des Herzens eben!
1944 wurde in Schleswig-Holstein folgendes Abiturthema gestellt: »Hätte H. v. Kleist auch Selbstmord begangen, wenn er SS-Offizier gewesen wäre?« Natürlich nicht, denn dann hätte er eben ein Selbstopfer dargebracht. Auf diesen Unterschied wollten die Notabiturprüfer hinaus, um die 17jährigen auf den richtigen Weg ins Schlachtfeld zu bringen. Dabei bedienten sie sich augenzwinkernd einer kleinen Unterstellung in guter Absicht: Derjenige hatte glänzend alle Anforderungen erfüllt, der zugleich nachwies, daß Kleist keinen Selbstmord beging, und der den Adel des Selbstopfers unter Hinweis auf Kleists ›Hermannsschlacht‹ als »germanischen Tod« besang. Möller van den Bruck starb wie Kleist, galt es zu schreiben. Und der ungermanische Päderast und Staatsstreichler Röhm habe sich gerade dadurch als solcher erwiesen, daß er sich geweigert habe, sich selbst zu opfern. Statt dessen habe er jüdisch-feige gefordert, daß der Führer kommen solle, um ihn zu töten. Ein Nationalsozialist tötet nicht, sondern überzeugt sein Gegenüber, daß er es und es sich selbst zu opfern habe. Das ist der Humanismus der Deutschen, der grenzenlose, denn dasselbe sind Sich-Opfern und Geopfertwerden!

Hat deshalb das Deutsche, obwohl sonst so reich an Unterscheidungsmöglichkeiten, in ein Wort zusammengeschmolzen, was etwa das Englische als victim und sacrifice unmißverständlich auseinanderhält?

Wie das funktioniert? Das führen uns die patriotischen Sadisten, die Kleist oder Arndt oder L. Jahn oder Fichte oder Angehörige der intellektuellen Elite des Lützowschen Freikorps vor. Letztere bestimmte in ihren schwarzen Uniformen mit Totenköpfen (schließlich hat sich die SS nicht zu Unrecht auf sie als Stammväter berufen) ein Selbstwertgefühl, das ihnen 1806 der Nationalheld Karl Theodor Körner so vorgedichtet hat:

Heran, heran zum wilden Furientanze!
Noch lebt und glüht der Molch!
Drauf, Bruder, drauf mit Büchse, Schwert und Lanze.
Drauf, drauf mit Gift und Dolch!
Was Völkerrecht! - Was sich der Nacht verpfändet,
Ist reife Höllensaat.
Wo ist das Recht, das nicht der Hund geschändet
Mit Mord und mit Verrat?
Sühnt Blut mit Blut! Was Waffen trägt, schlagt nieder!
s'ist alles Schurkenbrut!
Denkt uns'res Schwurs, denkt der verratenen Brüder,
Und sauft Euch satt in Blut!
Und wenn sie winselnd auf den Knien liegen
Und zitternd um Gnade schrein,
Laßt nicht des Mitleids feige Stimme siegen,
stoßt ohn' Erbarmen drein!
Und rühmen sie, daß Blut von deutschen Helden
in ihren Adern rinnt:
Die können nicht des Landes Söhne gelten,
die seine Teufel sind.
Ha, welche Lust, wenn an dem Lanzenkopfe
Ein Schurkenherz zerbebt,
Und das Gehirn aus dem gespaltnen Kopfe
am blutgen Schwerte klebt!
Welch' Ohrenschmaus, wenn wir beim Siegesrufen,
Vom Pulverdampf umqualmt,
Sie winseln hören, von der Rosse Hufen
Auf deutschem Grund zermalmt!
Gott ist mit uns! Der Hölle Nebel weichen;
Hinauf, du Stern, hinauf!
Wir türmen dir die Hügel ihrer Leichen
Zur Pyramide auf.
Dann brennt sie an!- Und streut es in die Lüfte.
Was nicht die Flamme fraß.
Damit kein Grab das deutsche Land vergifte
Mit überrhein'schem Aas!

Oh, ewiges Deutschland! Die, die du heute wie eh und je deine edelsten Söhne, deine pflichtstrengsten Helden und den Glanz deines Ruhmes nennst, haben tatsächlich zu allen Zeiten wie Körner argumentiert und sich dabei offensichtlich vor dir nicht einmal blamiert. Warum soll – fragt Körner – ein deutscher Held auf Völkerrecht oder Straf- und Zivilrecht Rücksicht nehmen, wenn seine Feinde, die Hunde, doch ihrerseits das Recht geschändet haben? Daß der Held damit selbst zum Hund wird, kann er in seiner grenzenlosen patriotischen Dummheit natürlich nicht verstehen. Der deutsche Held ist dennoch ritterlich. Er schießt - nach Körner - nur den nieder, der Waffen trägt. Wenn der Waffenträger dann – unbewaffnet – »winselnd auf den Knien liegt und zitternd um Gnade schreit«, wird er dennoch mitleidlos massakriert; auch, wenn der Feind glaubhaft machen konnte, daß er selbst Deutscher sei. »Die können nicht des Landes Söhne gelten, die seine Teufel sind!« – also z. B. Juden mit Eisernem Kreuz.

Nein, die Exzesse der Einsatzgruppen, der SS, der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg sind keine einmaligen Entgleisungen der deutschen Geschichte, die aufs Konto von ein paar verbrecherischen Usurpatoren gehen. Wir haben das Schlachten - zumindest schon seit Luthers, gewiß seit Körners Tagen – für gedichtfähige Taten, für lob- und preiswürdig gehalten.

Welche KZ-Poesie schon zur Hochblüte der deutschen Dichter und Denker: »Welche Lust, wenn das Gehirn aus dem gespaltenen Kopfe am blutgen Schwert klebt!« Hauptsache: »Gott ist mit uns«! Dann schichten wir, sternenüberstrahlt, Leichen zu Pyramiden auf und brennen sie an, daß sie im Schlote nur so qualmen.

»Wir fühlen tief die Notwendigkeit solcher Opfer!« – Dieser beständige Tenor von Todesanzeigen zwischen 1806 und 1945 machte die einzige Wahrheit vernehmlich, die tatsächlich den Toten gilt. Sie brauchte nicht einmal die kultische Opferhysterie der Mütter und die Verschlagenheit des Vaterstolzes zu fürchten. Väter, Mütter (die angeblichen Bewahrerinnen des Lebens), Söhne und seit 1939 Frauen und Töchter, Opfer und Täter, Militärs und Zivilisten sahen es als höchste Erfüllung ihres Lebens an, jene Notwendigkeit ins Werk zu setzen.

Daß der Tod durch Selbstopfer die Deutschen gebildet, darf uns nicht daran hindern, mit diesen Opfern zu rechten. Verschlagen oder treu-deutsch - in jedem Fall hat man darauf spekuliert, daß es allgemein als unwürdig gilt, über die Toten etwas Wahreres als bloß Gutes zu sagen. Die Kritik, die Analyse, der historische Vergleich, das Denken in Alternativen würden sich also gegenüber den Selbstopfern ganz ohne äußeren Zwang, ohne äußere Zensur verbieten. Bisheriger Höhepunkt dieser Perversion des Würdepathos ist die Mahnung, über die deutschen Juden doch bitte nur noch Liebenswertes zu sagen, da sie ja nun einmal fast alle tot seien, und über diejenigen, die sie ›pflichtgemäß‹ getötet hätten, gar nicht erst zu sprechen, da sonst die bemerkenswerte Widerstandslosigkeit, ja Bereitschaft zur Sprache kommen müsse, mit der die Juden sich hätten opfern lassen.

In unserem Jahrhundert sollte man jeden Anlaß meiden, bei dem man über die Toten etwas Gutes zu behaupten hätte - ihr Zustand könnte allzu verlockend erscheinen. Wer nur den Toten gewährt, was er den Lebenden auf das Grausamste vorenthält oder entreißt, überzeugt ohne große Mühe, daß tot zu sein, ein Vorzug ist. Der Tod durch Selbstopfer war für die Deutschen sehr häufig der einzige aussichtsreiche Weg in ein erfülltes Leben.

>Als allgemein menschlich verständlich könnte man akzeptieren, daß sich jemand aus Angst vor dem Tode umbringt. Der Deutsche dagegen mokiert sich höhnisch über derart Menschliches; er opfert sich aus Liebe zum Leben, weil der Tod der einzig sichere Garant eines erfüllten Lebens ist.

Viele deutsche Dichter, Denker, Staatsmänner, Künstler und vor allem Ordinarien malten diesen Zustand für die gerade als Selbstopfer geschätzten Deutschen so aus, daß dagegen eine Aufzählung der Aufklärer, Humanisten und Widerständler unter Deutschlands Geisteshelden kaum über drei Dutzend herauskäme (nur teilweise schwach Gewordene wie Jean Paul und Thomas Mann schon mitgerechnet).

Ob gegen Goethe oder gegen Böll: immer wird der Vorwurf laut, sie seien doch nur aus Feigheit klug, sie vernünftelten doch nur aus Egoismus, gäben nur vor, human zu sein, aus Mangel an natürlichen Instinkten, friedensselig seien sie nur durch den Verlust ihres kreatürlichen Willens zur Macht.

In dieser durchgehenden reichen und fast ausnahmslosen Selbsthuldigung aller deutschen Stände (Ärzte und Richter vorweg) und aller Ränge (Arbeiter der Faust und Arbeiter der Stirn) hat es immer wieder Höhepunkte des Deutschseins, also der Todessehnsucht und des Todeskultes gegeben. Den bisher nachhaltigsten und jüngsten versuchen wir gerade aus gegebenen Anlässen feiernd zu vergegenwärtigen; zum einen begann vor 50 Jahren der letzte Akt der deutschen Geschichte, zum anderen verlangt man uns gegenwärtig ganz ungeniert ab, Rollentexte dieses Dramas mitzusprechen, die uns merkwürdig bekannt vorkommen.

Ob da heutige Autoren bei Hitler oder Bismarck oder Körner abgeschrieben haben – oder ob nur das Ende aller Dramen stets das gleiche ist? Deshalb zunächst ein Hinweis auf eine besonders schöne Abschreibvorlage, und dann ein Blick auf die gegenwärtig vorgelegten Exposés für den Schluß des letzten Aktes unserer Geschichte.

Die Abschreibvorlage

Bei aller gebotenen Zurückhaltung läßt sich behaupten, daß der totale NS-Staat nichts anderes als eine besonders vollständige, geradezu minutiöse Verwirklichung der zuvor von Künstlern und Wissenschaftlern aller Sparten ausgedachten Konstrukte des Deutschseins gewesen ist. ›Verwirklichte Literatur‹ sozusagen. Von Hitler ist überliefert, daß er mit glaubhaftem Unverständnis gefragt habe, warum eigentlich alle die großen Geister plötzlich von seinem Handeln unangenehm überrascht zu sein behaupteten – jetzt, da er, Hitler, genau das ausführe, was sie immer schon in ihrem Dichten und Trachten so selbstherrlich gedacht und bebildert hätten. Hitler hatte insoweit ganz recht! Alle Programmatiken der Nazis stammen bis ins einzelne aus deutschen Universitäten, Ateliers, Dachkammern und aus deutschen Festspielhäusern. Zum Teil wurden sie seit gut hundert Jahren unbeanstandet – höchstens Diskussionen auslösend – aufgeführt, ausgestellt und disputiert. Um daraus etwas wahrhaft Deutsches und damit auf der Welt Einmaliges zu machen, fehlte bis dahin nur jemand, der mächtig genug war, diese Spekulationen, Fiktionen, diese Märchen und Philosophien ganz eindeutig zu verstehen und mit ihnen endlich ernst zu machen – also über sie nicht nur zu reden, sondern nach ihren Vorgaben auch zu handeln. Das taten die Nazis und scheinen darin selbst für den Bundesrepublikaner das Beispiel glaubhafter Politiker.

Es besteht kein Zweifel, daß Hitler die großen Kultfeiern des Regimes als unmittelbare Umsetzungen Wagnerscher Weihefestspiele in gesellschaftliche Realität verstand.

Er träumte nicht nur wie jeder sensible und begabte Jüngling davon, an die Stelle der geschauspielerten Imperatoren echte Herrscher zu setzen, statt eines Häufleins dilettantischer Statisten und Choristen abertausende wirklicher Menschen agieren zu lassen, statt phantastischer Bühnenkostüme echte Uniformen, statt gemimter Toter echte Leichen, statt der Aufführungszeit die Realzeit einzusetzen.

Er träumte nicht nur davon, sondern verwirklichte seinen Traum. Ein Programm, das dem Volke einleuchtete, weil es ja auch das je eigene Leben als zielstrebige, entbehrungsreiche Verwirklichung des Traums vom Glück darstellt. Vergeblich hatte Theodor Fontane, einer jener wenigen Humanisten, dem Deutschen bedeutet: »Wenn du die Sehnsucht hast, so hast Du alles«. Das Volk und seine Führer kannten nur zu gut die Sehnsucht, aber sie wurde ihnen erst als Handlungsanleitung für ihre Erfüllung verbindlich.

Bis in die Kriegszeit hinein nahm Hitler an den Bayreuther Festspielen teil. »Immer, wenn in Bayreuth die Götterburg unter musikalischem Aufruhr brennend in sich zusammenstürzte, ergriff Hitler im Dunkel der Loge die Hand der neben ihm sitzenden Frau Winifred und verabreichte ihr bewegt einen Handkuß«, schreibt J. Fest unter Berufung auf Speer. Hitler bekannte, daß Richard Wagner der einzige Vorgänger gewesen sei, den er akzeptieren könne. Auf den Reichsparteitagen in Nürnberg wurden die versammelten Funktionäre sogar per Erlaß zur Teilnahme an den Aufführungen von Wagners >Meistersingern< verpflichtet. Die Versatzstücke der NS-Ideologie wimmeln von Wagnerschen Bildern, die allerdings zur Beschreibung des NS-Weltbildes uminterpretiert werden mußten.

Zwar haben Hitler und Goebbels die Strukturierung des Jahreszyklus bewußt in Parallele zum christlichen Kalender entworfen und sich dabei auch der Pathosformeln des christlichen Kultus bedient; aber die Umwandlung des christlichen Kultus in nationalsozialistischen Ritus erfolgte weitgehend in der Weise, in der Wagner den christlichen Kult für seine Bühnenstücke ausbeutete.

Als Beispiel für die Umsetzung, Verwirklichung, Erfüllung künstlerischer Konzepte als NS-Strategie wählen wir die seit 1935 immer nach demselben Schema ablaufende Feier zur Erinnerung an den Marsch zur Feldherrnhalle in München, am 8./9. November 1923. Was Wagner auf der Bühne – zum Beispiel im >Ring des Nibelungen<, vor allem in >Götterdämmerung< – musikdramatisch als Gesamtkunstwerk realisierte, sollte als faktische Gegebenheit im Leben der Volksgenossen zum Ausdruck gebracht werden. Nämlich als Antwort auf die Frage, in welchem Verhältnis Leben und Tod der Individuen wie der völkischen und nationalen Gemeinschaften stünden; welcher Zusammenhang im welthistorischen Prozeß zwischen Vernichtung und Schöpfung, zwischen Untergang und Auferstehung bestehe. Unausweichlich ist ja für Individuen wie für Kollektive, daß sie zum Tode, zum Untergang bestimmt sind. Das unausgesprochene Vorbild für die Klärung dieses Zusammenhangs liegt auch für Wagner in der Theologie des Kreuztodes Christi, der ja die Voraussetzung für Auferstehung, für das eigentliche verheißene Wunder des Glaubens ist.

Um den ethischen Konsequenzen des christlichen Glaubenswunders zu entgehen, weil mit ihnen keine Totaltheater und kein totaler Staat zu realisieren sind, verlagerten die Nationalsozialisten – wie Wagner – das Beispiel des von ihnen zu erzwingenden Glaubenswunders in die vorchristliche bzw. germanische Antike zurück. Dabei kam ihnen die wissenschaftliche Spekulation zugute, daß die Dorer – wie die Germanen – Arier gewesen sein könnten, und daß erst durch die Einwanderung der Dorer nach Griechenland jene Kultur geschaffen worden ist, welche als ›die‹ Antike aller christlichen Kultur zugrunde liegt.

Man glaubte zu wissen, daß die weltschöpferische Kraft des antiken Menschen eben in seiner Bereitschaft zum Selbstopfer begründet war. Der Einzelne sei bereit gewesen, sich selbst zu opfern, weil ihm von den Mitgliedern seiner Polis, seines Sozialverbandes, die Garantie gegeben wurde, unsterblich zu werden. Und das nicht durch eine Verheißung auf jenseitiges Leben – ganz im Gegenteil, der Hades war kein Paradies! Vielmehr wurde das ewige Leben auf Erden realisiert, indem der sich für die Gemeinschaft Opfernde auf alle Zeiten im Gedächtnis der Lebenden präsent gehalten werde.

Die obligatorische Kultfeier ab 1935 zur Erinnerung an das NS-Glaubensbekenntnis im Jahre 1923, vergewissert die Teilnehmenden, daß sie das von ihnen für die Verwirklichung des totalen Staates geforderte Selbstopfer um so vorbehaltloser erbringen könnten, als der Staat die unverbrüchliche Garantie dafür übernimmt, daß ihr Selbstopfer im Gedächtnis der Lebenden unsterblich wird. Deshalb fand die Feier ihren Höhepunkt in einem Akt der Vergegenwärtigung der Toten. Das gesamte Ritual lief auf diesen Moment zu.

Hitler war – freistehend im offenen Wagen – vom Siegestor her zu mitternächtlicher Stunde durch die Ludwigstraße bis vor die Feldherrnhalle gefahren, umloht von wabernden Flammen und wallenden Rauchschwaden, die aus Opferschalen aufstiegen. Die Schalen standen auf hohen Pylonen, beidseitig entlang der Ludwigstraße.

Die Namen der beim Marsch auf die Feldherrnhalle gefallenen alten Kämpfer standen in bronzenen Lettern auf den Sockeln der Pylonen. Die Lichtregie strukturierte die links und rechts der Straße aufmarschierten Kolonnen von SS und SA zu Bühnenchören vielfacher Größe, wie Wagner sie in seinen kühnsten Visionen mit mehr als tausend Sängern vorausgesehen hatte. (An allen Nazifest-Inszenierungen waren professionelle Bühnenbildner, Kostümbildner, Regisseure, technische Stäbe beteiligt.)

Vor der Feldherrnhalle angekommen, verließ Hitler den Wagen. In Weltallstille schritt er auf einem roten Läufer die Stufen empor, um sich vor den Epitaphen der alten Kämpfer rituell zu verneigen. Die Intensität dieses Vorgangs, der noch nicht einmal der Höhepunkt der Feier war, läßt sich nur mit den besten Inszenierungen der Höhepunkte von Wagners >Götterdämmerung< vergleichen. Der Höhepunkt folgte im zweiten Akt: Die Naziformationen marschierten auf dem Königsplatz auf. Dieser Platz war von Troost, dem ersten Lieblingsarchitekten Hitlers, durch Pflasterung mit großen Steinplatten in eine Bühne verwandelt worden. Als Hauptkulissen hatte Troost steinerne Baldachine über gruftartige Vertiefungen gesetzt. Unter diesen Baldachinen standen die bronzenen Sarkophage der November-Gefallenen.

Ähnlich wie bei den Abschlüssen der Reichsparteitage waren die Kämpfer-Formationen auf dem Königsplatz so postiert, daß Hitler durch sie hindurch – wie aus der Ferne kommend – auf die Ehrenmale zuschreiten konnte. Die Gasse erweckte den psychologisch kalkulierten Eindruck, auf einen Punkt zuzulaufen, in dem sich Parallelen im Unendlichen überschneiden.

An diesem Punkt angekommen, wurde dem Führer als Inkarnation der Totalität von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, von Leben, Tod und Auferstehung Appell erstattet. Bei einem Appell überzeugt man sich von der realen Anwesenheit der Mitglieder eines militärischen Verbandes, indem man ihre Namen aufruft, und die Aufgerufenen sich nacheinander mit der Antwort »Hier!« zur Stelle melden. Die Erweiterung eines solchen, ganz alltäglichen militärischen Geschehens zum Kernstück des nationalsozialistischen Wunders des Glaubens gehört zum Effektvollsten und unleugbar Wirkungsmächtigsten aller Selbstverwirklichungen des Totalitarismus. Der Appellführer verlas jeweils den Namen eines November-Toten, woraufhin die versammelten Lebenden kollektiv mit »Hier« antworteten, also die faktische Gegenwart der Toten versicherten.

Die Toten bezogen »Ewige Wache« im Gedächtnis der Lebenden. Die Toten blieben in den Lebenden inkarniert.

Die philosophischen, theologischen Begründungen dieses Reiches der toten Lebenden und der lebenden Toten gehen über alles hinaus, was etwa die antiken Lokrer aufboten, um den toten Ajax zu vergegenwärtigen: Sie ließen in ihren Schlachtreihen – erste Reihe Mitte – eine Lücke, in der der tote Ajax als Kampfgenosse vorgestellt wurde. Ahnlich wurden in den Arbeitskollektiven der Sowjets, Mitte der 20er Jahre, Vorstellungsräume ausgegrenzt, in denen man allen erinnernd begegnen konnte, die bei der gemeinsamen Arbeit ums Leben gekommen waren. Im 18. Jahrhundert wurde es bei einigen christlichen Glaubensgemeinschaften zur Gewohnheit, am gedeckten Tisch einen Platz für Christus freizuhalten.

Minister Zimmermann plante offenbar, eine Baulücke an der B 9 zwischen Bonn und Bad Godesberg als Aufmarschgelände für Totenhuldigungen freizuhalten. Daß er dazu weder von den Lokrern noch von den Herrnhutern oder den Ursowjets angeregt wurde, dürfte feststehen. Und die Begründungen für dieses Vorhaben sind wohl auch nicht philosophisch/theologischer Natur, sondern schlicht, aber einprägsam: Wer von anderen die Bereitschaft zum Sterben als Ausweis demokratischer Gesinnung verlangt (»lieber tot als rot«), muß diejenigen vergegenwärtigen, die sich bereits als unbestreitbar glaubwürdig erwiesen haben. Das aber können nur die Toten sein. Sie werden in dieser Eigenschaft Märtyrer genannt. Und ein Märtyrer wiegt bekanntlich tausend Wahrheiten auf. Es geht also auch neuerdings darum, das Nachdenken durch schneidiges Paradieren zu ersetzen. Das ist doch etwas anderes, als was die Nazis sich dachten, oder nicht?

Das neue Exposé für den Aktschluß!

Aufregende Fragen in diesen Zeiten: Werden die Denker und Dichter den Wettlauf mit den Politikern gewinnen? Wer wird wohl als erster die große Wende schaffen, ohne alles in den Sand zu setzen? Die letzte große Wende hieß noch »Kehre« und wurde vom Philosophen Heidegger initiiert – allerdings dicht gefolgt von Adenauer mit seiner Abkehr von den Konsequenzen aus der Geschichte des Dritten Reiches. Diesmal hat schon ein Politiker, der gewandte H. D. Genscher, die Wende propagiert. Da hatten die Intellektuellen doch das Nachsehen, wenn sich auch etwa prominente FAZ-Autoren mit Falkland-Kriegshymnen sehr ins Schreibzeug legten. Inzwischen holen die Geisteshelden Germaniens erneut auf. Sie sind wieder die Speerspitze aller Wendemanöver. Unbestritten in dieser Position ist Ulrich Horstmann, dessen ›Philosophie der Menschenflucht‹ (Ulrich Horstmann: Das Untier – Konturen einer Philosophie der Menschenflucht, Wien 1983) das Entzücken der konservativen Revolutionäre des inneren Reiches wurde.

Horstmann widmet zwar seine Wende-Volte »den Ungeborenen und jenen Yahoos, die Wissenschaft von Satire wohl zu unterscheiden vermögen«. Was er dann aber schreibt, ist weder Wissenschaft noch Satire, sondern eben Wendemanöver. Ob man dafür auf die Kennzeichnung als »unfreiwillige Satire« oder »Wissenschaft als Verbrechen« zurückgreifen sollte, ist angesichts des von Horstmann selbst verfaßten Klappentextes völlig gleichgültig:

»Nur schwer wird man sich dessen enthalten können, den Autor als Ketzer, seine These als blasphemisch zu brandmarken, gilt ihm doch eben dieses Leben nicht nur nicht mehr als erhaltenswert, sondern erscheint ihm eine menschenleere, vermoderte Welt auch als überaus wünschbar und plädiert er offen und ohne jede Ironie für die unwiderrufliche Abschaffung des Menschen.«

Ulrich Horstmann lobt dann sein menschenflüchtiges Denken als eine »Rekonstruktion der Philosophiegeschichte aus radikal durchgehaltenen antihumanistischem Aspekt.«

Schonungslos die Selbstzensur aufdeckend, die er als Zeugen seiner Theorie aufruft – Voltaire etwa, d'Holbach, Klages, Freud, Foucault, Anders und Cioran – appelliert Horstmann gegen den Selbsttäuschungsmechanismus der aufklärerischen Vernunft an das mythische Bewußtsein von Götterdämmerung und Kataklysmus. Allein solches Bewußtsein vermag ihm zufolge das Gefängnis des Gattungsnarzißmus aufzubrechen, indem es realisiert, daß das Menschentier der Schöpfung Paria und Entarteter ist. In der modernen Waffentechnologie hat es sich die Mittel verschafft, jenes außer Façon geratene Euthanasieprogramm, den Evolutionsprozeß, bewußt und planvoll zu Ende zu bringen – mit der kollektiven Selbstvernichtung der Menschheit.

Dabei ist sich Horstmann gewiß, daß dieser ultimative Akt keine Wahl darstellt, zu der es etwa noch eine Alternative gäbe. Worum es ihm, der mit »Klages den Untergang für letztlich unabwendbar hält, deshalb geht, ist, daß die mit den Arsenalen der ABC-Waffen historisch erstmals gegebene Chance, unwiderruflich und erinnerungslos Schluß zu machen mit uns, jetzt nicht vertan werde«.

Die hundert Seiten des Pamphlets sind nur jeweils leicht variierte Paraphrasen dieses wahrhaft grundlegenden Klappentextes. Den naheliegenden Verdacht, Horstmann hätte – wie Eulenspiegel, Nietzsche oder Schweijk – gefährliche, weil eingängige Argumente dadurch aus den Angeln heben wollen, daß er sie affirmativ bis in ihre radikalen Konsequenzen vorantreibt – diesen Verdacht weist der Autor empört zurück. Er will sich seinen Stolz nicht nehmen lassen, ein Ketzer zu sein. Das kann er jedoch nur, weil er willkürlich darauf verzichtet, 3000 Jahre lang vorgetragene Überlegungen zu seinen Argumenten zur Kenntnis zu nehmen, obwohl er ja angeblich Philosophiegeschichte rekonstruieren will. Sie ist danach: sie sieht ihm ähnlich. Abgesehen von zahlreichen, normalerweise ganz harmlosen, aber gerade als wissenschaftliche Urteile grotesk pubertären Sentenzen wie: die Vertreter des deutschen Idealismus »haben sich vergangen an ihrem Metier und den eigenen, zum Teil überragenden Anlagen« – also abgesehen davon erweist sich der Wissenschaftler Horstmann auch in der Sache als beängstigend unfähig. So zitiert er zum Beispiel als einen unter vielen Belegen für seine menschenflüchtige Philosophie eine Passage aus Montaignes Essay ›Über die Kanibalen‹, wo es heißt: »Wir können die Wilden also Barbaren nennen, wenn wir ihr Vorgehen von der Vernunft aus beurteilen, aber nicht, wenn wir sie mit uns vergleichen, denn wir sind in vielen Beziehungen barbarischer«. Das meint jedoch das ganze Gegenteil zum menschenflüchtigen Angeberpathos. Das ist genuine Aufklärung, sowohl dem Selbstverständnis wie der Wirkung nach. — Noch ein Beispiel spiel für die vollständige Verdrehung der Philosophiegeschichte, die Horstmann als Rekonstruktion verkauft:
»Während sich Kant mit seiner Kritik d. r. V. ganz im Sinne d'Holbachschen Skeptizismus daran macht, die Grenzen möglicher Erkenntnis abzustecken. . .«, schreibt Horstmann, nachdem er zuvor d'Holbach zum Erzvater aller jener hochstilisiert hat, die – wie er – von rasendem Menschenekel angetrieben werden. Kant »steckte die Grenzen möglicher Erkenntnis« gerade nicht ab, um zu zeigen, warum es den Menschen besser nicht geben sollte. Im Gegenteil: Gerade der Skeptizismus ermöglicht eine positive Einschätzung der menschlichen Fähigkeiten, soweit sie im Bewußtsein ihrer Grenzen genutzt werden.
Nun könnte man Horstmann gegenüber ja dessen »Desiderat einer Anthropologie der Distanz« ernstnehmen und ihn also nicht beachten. Man könnte auch zynisch darauf abheben, daß Horstmann in Bezug auf sich selbst allen Grund hat zu fordern, daß es ihn besser nicht gäbe. Aber schon die ihn begeisternde Vorstellung, das bisher selbstverständliche, scheinbar universelle Gebot der Sympathie und Solidarität mit der Gattung aufzukündigen (zu der er selbst gehört), läßt sich nicht nachvollziehen, da unsereins ja gerade gegen beschränkte Gemüter sich zur Solidarität verpflichtet fühlt.
Es hilft alles nichts, das anthropofugale Denken ist ganz up to date und von absehbarem Erfolg: z.B. beim amerikanischen Innenminister Watts, der verlautbarte, ein Christ glaube an die Wiederkehr Christi am Weltende. Das Weltende ist aber dank der ABC-Waffen zum ersten Mal eine glaubwürdige Verheißung, deshalb könne man durchaus die atomare Apokalypse als endgültige Vollendung des biblischen Heilsplanes herbeisehnen. Die deutschen Choristen (unter ihnen Minister, Rektoren, Literaten, Professoren, Künstler und andere Bewunderer ewiger Dummheiten) beschränken sich noch auf die scheue Anfrage: »Na, hat denn Mr. Watts nicht recht?«
Sie setzen bis auf weiteres ihre gepflegte Unterhaltung darüber fort, wer außer ihnen noch zur Elite gehören sollte, wie man die inflationären Glücksansprüche des Untieres abwehren könne; ob nicht doch nur Sklavenhaltergesellschaften eine höhere Kultur entwickeln könnten, und ob es deshalb bald auch in unseren Privathäusern wieder reichlich Dienstpersonal geben müsse. Sie alle dürfen sich von Horstmann geschmeichelt fühlen wie bisher von Carl Schmitt. Übrigens fiel es auch immer schon schwer, bei Carl Schmitt irgendeinen wissenschaftstheoretisch oder anderweitig logisch/systematisch vertretbaren Gedanken zu entdecken, was den Huldigungen an ihn ebensowenig Abbruch tat, wie Horstmanns Philosophie seiner Beförderung zu einem der jungen Götter der Wende im Wege stehen wird. Sie alle dürfen sich erhöht fühlen, weil Horstmann sie so gut versteht: »ihr wirkliches Lebenselement geben das Autodafé und der Schindanger ab, und ihre Taten beseelt rasender Menschenekel.«
Was sind das doch für interessante Untiere, endlich ist der Menschenzoo verwirklicht! Wie aufregend, wie heroisch sind sie in ihrem Anihilismus – und wie spektakulär in der Darstellung von Menschenliebe als Perversion. Horstmann, der immer darauf hinweist, daß er und seinesgleichen auch Latein verstehen, empfiehlt die Wende als nahtlosen Übergang vom homo-mensura-Satz zur guten alten Mensur, die dem Menschen als Anmaß aller Dinge endlich die Fresse vollständig zerfetzt.
Aber Horstmann denkt ja positiv, und was ist positiver als der Gedanke ans Paradies. »Denn nicht bevor die letzte Oase verödet, der letzte Seufzer verklungen, der letzte Keim verdorrt, wird wieder EDEN sein auf Erden«, dichtet der Philosoph aus Münster. Der Vorgriff auf diese Öde seines Paradieses herrscht in den Köpfen unserer Wende-Denker.