Ästhetik gegen erzwungene Unmittelbarkeit

Die Gottsucherbande – Schriften 1978-1986

Ästhetik gegen erzwungene Unmittelbarkeit | Köln: DuMont, 1986. Ästhetik gegen erzwungene Unmittelbarkeit | Innentitel
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Als deutscher Künstler und Ästhetiker entwickelt Bazon Brock die zentralen Themen seiner Schriften und Vorträge aus der spezifischen Geschichte Deutschlands seit Luthers Zeiten.

Die Geschichte der Künste, der Alltagskultur und des gesellschaftlichen Wandels in Deutschland wird von Brock jedoch nicht nacherzählt, sondern in Einzelbeiträgen von unserer unmittelbaren Gegenwart aus entworfen. Nur unter dem Druck des angstmachenden radikal Neuen, so glaubt Brock, ist die Beschäftigung mit der Geschichte sinnvoll und glaubwürdig. Seiner Theorie zufolge lassen sich Avantgarden geradezu als diejenigen Kräfte definieren, die uns zwingen, die vermeintlich bekannten und vertrauten Traditionen neu zu sehen. »Avantgarde ist nur das, was uns zwingt, neue Traditionen aufzubauen.«

Kennzeichnend für die Deutschen schien ihre Begriffsgläubigkeit zu sein, die philosophische Systemkonstruktionen als Handlungsanleitungen wörtlich nimmt. Nach dem Beispiel des berühmten Archäologen Schliemann lasen die Deutschen sogar literarische und philosophische Dichtungen wie Gebrauchsanweisungen für die Benutzung der Zeitmaschine. Auch der Nationalsozialismus bezog seine weltverändernde Kraft aus der wortwörtlichen Umsetzung von Ideologien.

Durch dieses Verfahren entsteht, so zeigt Brock, zugleich auch Gegenkraft; wer nämlich ein Programm einhundertfünfzigprozentig erfüllt, hebt es damit aus den Angeln. Diese Strategie der Affirmation betreibt Brock selber unter Berufung auf berühmte Vorbilder wie Eulenspiegel oder Friedrich Nietzsche.

Es kann dabei aber nicht darum gehen, ideologische Programme zu exekutieren, so Brocks Ruinentheorie der Kultur, vielmehr sollten alle Hervorbringungen der Menschen von vornherein darauf ausgerichtet sein, die Differenz von Anschauung und Begriff, von Wesen und Erscheinung, von Zeichen und Bezeichnetem, von Sprache und Denken sichtbar zu machen. Das Kaputte, Fragmentarische, Unvollkommene und Ruinöse befördert unsere Erkenntnis- und Sprachfähigkeit viel entscheidender als alle Vollkommenheit und umfassende Geschlossenheit.

Andererseits entstand gerade in Deutschland aus der Erfahrung der menschlichen Ohnmacht und des kreatürlichen Verfalls immer wieder die übermächtige Sehnsucht nach Selbsterhebung, für die gerade die Künstler (auch Hitler sah sich ernsthaft als Künstler) besonders anfällig waren. Dieser permanente Druck zur ekstatischen Selbsttranszendierung schien nach dem Zweiten Weltkrieg der Vergangenheit anzugehören; mit der Politik der Ekstase glaubte man auch die Kunst der ekstatischen Erzwingung von Unmittelbarkeit, Gottnähe und Geisteskraft endgültig erledigt zu haben. Doch unter den zeitgenössischen Künstlern bekennen sich wieder viele ganz offen dazu, Mitglieder der Gottsucherbande zu sein, die übermenschliche Schöpferkräfte für sich reklamieren. Die Gottsucherbande polemisiert, wie in Deutschland seit Luthers Zeiten üblich, gegen intellektuelle und institutionelle Vermittlung auch ihrer eigenen Kunst. Bei ihnen wird die Kunst zur Kirche der Geistunmittelbarkeit; sie möchten, daß wir vor Bildern wieder beten, anstatt zu denken und zu sprechen. Gegen diese Versuche, die Unmittelbarkeit des Gefühls, der begriffslosen Anschauung und das Gurugesäusel zu erzwingen, setzt Brock seine Ästhetik.

Seite im Original: 253

Band VIII.3 Kultur jenseits der Macht

In: KULTUR MAGAZIN, Nr. 56, Bern April/Mai 1986

Kultur ist das zentrale Sicherungsgefüge für Gesellschaften, die aus guten Gründen, die wir alle heute verstehen, nicht mehr mit Waffengewalt ausfechten können, was in ihnen an Gegensätzen vorhanden ist. Und die auch gar keine Klientel mehr finden, wenn sie mit bornierten ideologischen Auseinandersetzungen und den wechselseitigen Vorwürfen operieren wollten. Es bleibt gar keine andere Möglichkeit, die den Menschen nun einmal von Natur aus zukommende Lebensdynamik in einer anderen Weise ausagieren zu lassen als auf dem Felde der Kultur.

Die ersten, die das verstanden haben, waren die Ökonomen. Sie fanden nämlich heraus, daß beispielsweise ein rein kulturelles Phänomen wie die Differenzierung von Sozialcharakteren (aber auch von Individualitäten) über die Mode bei uns in der Bundesrepublik jährlich rund 25 Milliarden Mark Umsatz kreiert. Ein paar Leute beklecksen weißes oder sonstwie gefärbtes Papier mit ein paar Pünktchen und machen damit ebenfalls 25 Milliarden Mark Umsatz pro Jahr; das ist die sogenannte Musikbranche – also alles das, was auf der Ebene der vormals Mächtigen als Geklimper, als Überbauphänomen oder als Beliebigkeit von ein paar musischen Infantilisten angesehen wurde.

In der alteuropäischen Auffassung war die Kultur nur ein Vehikel – sozusagen das besonders geschliffene Schwert (ein Redner, der in der Manier eines Florettfechters focht, zeigt in der Analogie schon, was er mit der Kultur meinte), eine Kampfform zum Beispiel auf der Ebene der Auseinandersetzung zwischen zwei italienischen Stadtstaaten und ihren Potentaten oder von zwei Fürstenhöfen oder von Königen. Die jetzt gemeinte Kultur als Erscheinungsfeld dessen, was Menschen wert und wichtig ist jenseits der Macht oder des Todes – das ist eigentlich das Neue und Interessante; wobei sich natürlich Kulturtheoretiker seit Nietzsches Zeiten fragen, ob es so etwas wie eine Kultur, in der es nicht mehr um den Kopf geht, überhaupt geben kann, oder ob die nicht dann zu einer gewissen Beliebigkeit wie Freizeit, Hobby und Hausfrauenkunst und -kultur herabdemokratisiert würde.

Aber in der Tat, Kultur ist definierbar durch die Tatsache, daß der oder die Betreffende, die sich als kulturell Tätige verstehen, sich nicht mehr auf etwas außerhalb dieser Sphäre berufen können, zum Beispiel auf das Schwert oder die Moneten eines Mächtigen, sondern ausschließlich auf die Tatsache, daß sie sich selbst diese Probleme schaffen, um die es in der Kultur geht, das heißt, wer in der Lage ist, sich aus dem Leben, aus dem Zusammenhang mit anderen ein Problem, einen interessanten Aspekt seiner Arbeit oder Beschäftigung zu machen.

Die alteuropäischen Auseinandersetzungen sahen in der Kultur nur ein Mittel zum Zweck und der Zweck war der tödliche Endzweck. Während auf der Ebene, auf der Kultur eigentlich nur das ist, was an Problematisierung geleistet wird, es nicht mehr um den Kampf ums Dasein, um das Leben als Kampf gehen kann, sondern im Grunde genommen um eine Aufarbeitung dessen, was wir von Natur aus sind, nämlich nichts anderes als ziemlich dumme Tiere. Solange man noch glaubte, daß etwa Leiderfahrung oder auch Neid die soziale Dynamik beherrsche, wurden die Verhältnisse im Grunde genommen von einem Standpunkt aus betrachtet, der mit der Kultur wenig zu tun hatte. Wenn man sie aber unter der Möglichkeit auffaßt, sich selber Arbeit, also Probleme zu schaffen – und zwar vom einzelnen her –, dann wird das, was uns von Natur aus bestimmt, einen entscheidenden Stellenwert bekommen; und das ist der unserer natürlichen Dummheit – ich möchte sagen – unseres natürlichen Weltbildapparates, der in uns arbeitet. Die Maschinerie, die wir als leistungsfähige Überlebenssteuerung in uns tragen, ist ja von der Natur im Hinblick auf bestimmte Zwecke entwickelt und hat eine eigene Logik, eine eigene Arbeitsweise, eigene Formen der Bewältigung von Problemen; aber diese Probleme waren eigentlich auf natürliche Gegebenheiten der Auseinandersetzung, nicht auf kulturelle Gegebenheiten der Auseinandersetzung zwischen Menschen ausgerichtet. Solange wir also ums Überleben kämpften und mit Schwert, Steinen oder Maschinengewehr unsere Machtrangeleien austrugen, leistete dieser phantastische Apparat im Grade seiner Geschlossenheit, das heißt in seiner Unantastbarkeit, sehr gute Arbeit. Da aber nicht mehr diese Ebene natürlicher Auseinandersetzung für uns verbindlich ist, sondern die kulturelle, werden wir nur allzuleicht zu Opfern einer solchen Mechanik oder Logik der Dummheit.

Worauf es mir hier ankommt, ist zu sagen, daß die Kultur auf der Ebene der Problematisierung eine Verlagerung der Gegenstände unserer Auseinandersetzung vom natürlich Vorgegebenen in die Sphäre des Geistes, der intellektuellen Arbeit bedeutet. Nun kann man natürlich sofort fragen, hat die alteuropäische Kultur nicht das Reich der Innerlichkeit geboren, hat sie nicht sogar betont, daß es auf den Geist ankommt? Leider nein! Sie war immer darauf ausgerichtet, geistige Konzepte, systematische Entwürfe, subtile Konstruktionen von Sozialsystemen schlußendlich als Handlungsanleitungen für die Gesellschaft selbst zu sehen. Der Geist galt sozusagen nur, insofern er als Handlungsanleitung für die Macht selber Bedeutung hatte, und auch die Mächtigen leisteten sich die Intellektuellen, Künstler, Weltbildentwerfer, Philosophen nur darauf hin, daß sie ihnen Begründungen für das Führen des Schwertes oder analoge Formen der Ausübung von Verbindlichkeiten zur Verfügung stellten.

Der Vorbehalt der Herrschenden galt gerade dem freien Geist, dem bloßen Schwatzen, dem bloßen Theoretisieren, dem bloßen Konstruieren, dem bloßen Theatermachen, dem bloßen Opernaufführen – aber das genau ist, wie wir aus der Geschichte lernen können, das Entscheidende. Wagner ist gerechtfertigt, großartig und für uns alle ein Ereignis auf dieser Ebene einer Problematisierung der Kultur, solange er in Bayreuth bleibt. Würde er von einigen seiner besonders treuen Adepten – nicht nur zu Hitlers Zeiten – in die soziale Realität überführt, galt es also, aus Konzepten, wie sie in Bayreuth auf der Opernbühne vorgeführt werden, reale Gemeinschaften zu formen, dann landeten solche Initiativen immer und zwangsweise im KZ, ganz gleich, wie das Wagnersche Konzept inhaltlich ausgesehen hat. Der Weg hängt nicht von der Art der Entwürfe ab, sondern der Weg in die Tragödie ist vorgezeichnet, wenn jemand Gedanken, Vorstellungen und Phantasien als Eins-zu-Eins-Handlungsanleitungen für die soziale Wirklichkeit betrachtet. Dann ist es wirklich gleichgültig, ob er nun böse oder gute Absichten, ob er einen allgemeinen himmlischen Frieden für die Menschheit vorgesehen hat oder eine möglichst schnelle Herbeiführung der Apokalypse zur Beförderung der Wiederkehr Christi.

Auf der eben angedeuteten Ebene wird jetzt vielen sichtbar, daß es nicht mehr darauf ankommen kann, künstlerische, politische Weltentwürfe in soziale Realitäten zu überführen; denn das würde ja bedeuten, Auseinandersetzung ums Letzte, würde ja heißen, der Geist ist nur da bedeutsam, wo der Tod produziert, definitive, endgültige Zustände! Sondern es geht dahin, den Geist anzuerkennen darin, daß er bloß Vorstellung, nur Schein, nur Konzept, nur Philosophie produziert und daß dieser Schein das Höherwertige ist.

Das ist der Inhalt der Kulturinitiativen, die jetzt die Kultur jenseits von Macht, Geld und Tod sehen müssen, um soziale Gefüge stabil zu halten. Die zwischenmenschliche Beziehung muß vermittelt werden über Vorstellungen, die die Menschen gemeinsam bearbeiten, Probleme, die sie sich machen müssen, sobald, was wir heute wohl annehmen dürfen, die Überlebenssicherung im Sinne des Brotes für den nächsten Tag oder die Ökologiedebatte – die Sicherung der Naturbasis – nicht mehr entscheidend sind.

Wenn wir zurückkommen auf Auseinandersetzungsformen im Sinne der alteuropäischen Kultur, dann wissen wir, wie man Werte schafft: Man zieht die Pistole und schießt, das ist verbindlich. Als etwas, das nicht rückgängig zu machen ist, definiert sich die Verbindlichkeit. Und das simpelste Mittel, Verbindlichkeiten in diesem Sinne zu schaffen, heißt, den Tod zu verwirklichen.

Zweifellos haben viele Menschen, und gerade die, die dem Geist mehr zutrauen, leider Schwierigkeiten zu akzeptieren, daß die bloße Vorstellung, der bloße Wagner in Bayreuth, der bloße Nietzsche in seinem Studierzimmer, mehr sind als der Nietzsche und Wagner im Kopfe und in der Hand von Hitler. Die naiven Menschen glauben, daß die Bedeutsamkeit eines künstlerischen Genies, wie es Wagner zweifellos gewesen ist, sich darin zeigt, daß er Macht hat, sich gerade über soziale Prozesse hinweg durchzusetzen; daß er Macht hat, als Künstlerindividuum sogar den Gang sozialer Entwicklungen bestimmen zu können. Es ist zwar verständlich, daß man so denkt, es ist nichtsdestoweniger naiv, weil es vermeidet, Rückschlüsse aus dem Gang der doch ziemlich tragischen Geschichte des Wirkens des Geistes in unseren letzten zwei Jahrhunderten zu ziehen. Wenn wir uns auf den Geist der Goethe-Zeit einlassen, dann werden wir dort alle jene tragischen Konstellationen (oder, in meinem Sinne, logischen Dummheiten) (Vgl. hierzu ›Die Logik der Dummheit‹, S. 299-322) antreffen, die wir gewohnt sind, abstrusen Funktionären eines Typs zuzuschreiben, wie er in der NSDAP oder der Sowjetunion auftrat. Es waren nicht die Parteifunktionäre, es waren die erlauchtesten Geister der Goethe-Zeit, die die Vorstellung von »Scharrt sie zusammen, reißt ihnen das Herz aus der Brust, schmiert ihr Blut auf die Steine, legt die Leichen aufeinander und laßt sie durch den Schlot gehen« entwickelten. Es war nicht ein dummer, hassender, anmaßender Hohlkopf als Parteifunktionär vom Stile eines obersten Biologieprofessors der Sowjetunion oder obersten Physikanweisers im Dritten Reich, der etwa so einen Unsinn wie die »verjudete Physik« erfunden hat – es war ein Nobelpreisträger für Experimentalphysik. Und es war nicht ein Dummkopf als russischer Parteifunktionär, der bestimmte Auffassungen von der Vererbbarkeit erworbener Eigenschaften in die Wissenschaft einführte, es war einer der erlauchtesten Geister des 19. Jahrhunderts. Wo immer wir an unser schönes Vorurteil glauben, die Dummheit komme von den Dummen, da werden wir belehrt, daß das nicht der Fall ist, sondern die Dummheit kommt von den Klugen. Es gibt keinen Schwachsinn, der in Deutschland gewirkt hat, der nicht etwa von den Klügsten der Nation, aus dem aufgeklärtesten Jahrhundert, von den gymnasial und sonstwie gebildetsten Menschen stammte. Die sprachen alle fließend Griechisch, die da im Ersten Weltkrieg mit Hurra den Franzosen – wie sie sagten – ihre Eier vom Stock schlagen wollten. Es waren Geister vom Format eines Thomas Mann, die den Schwachsinn produzierten (Thomas Mann gehörte zu den ganz wenigen, die sich nach 1918/1921 fürchterlich geschämt und sich selbst entsprechend zur Ordnung gerufen und sich auch verändert haben). Wir dürfen also sagen, daß von diesen erlauchtesten Geistern alles das stammt, was wir eigentlich gerne den dummen Parteifunktionären, den ungebildeten Aufsteigern, den mit Ellbogengewalt, aber ohne historische, geistige Dimension nach oben gekommenen Geld- und Machtprätendenten zuschreiben wollten. Daraus gilt es, Schlußfolgerungen zu ziehen. Dann wird es vielleicht den Naiven, die glauben, Geist wirke da erst als Fundament, wo er in soziale Realität überführt wird, leichter zu erkennen, daß der Geist von Wagner in Bayreuth der eigentlich wichtige ist und nicht der auf den Münchner Heldengedenkveranstaltungen.

Die wahre Kraft von Geistestätern, von Leuten, die Vorstellungen haben, die glauben, etwas im Kopf zu haben, besteht gerade darin, ihre Konzepte auf der Ebene zu realisieren, die die Bühne, das Atelier, der Hörsaal vorgibt, und nicht auf jener, auf der eigentlich nicht sie und ihr Argument, nicht ihre Vorstellung und Vitalität als Denker zum Zuge kommen, sondern ein Bankier, ein Haufen Geld, eine Machtkonstellation. Die meisten Menschen lassen sich von der Bedeutsamkeit solcher Konzepte, sagen wir Friedrich Nietzsches, Richard Wagners oder Beethovens nur dadurch überzeugen, daß sich Menschen dieser Vorgaben bedienen, von denen man weiß, daß sie Macht haben. Derartige Beispiele sind das sogenannte Übertragungsgeheimnis im kulturellen Wirken. Ich habe nur ganz wenige Menschen bisher getroffen, die wirklich von Wagner fasziniert waren und nicht von der Tatsache, daß Wagner der Mann war, der die stärkste, politisch entscheidendste Bewegung des 20. Jahrhunderts kreiert hat; nämlich Nationalsozialismus und Faschismus als Verwirklichungsstrategien eines Welterlösungsprogramms, inklusive der wortwörtlichen Judenvernichtungsprogramme, wie sie dann auch tatsächlich ausgeführt wurden.

Die Künstler, die Denker selber haben über weite Strecken den Eindruck hervorgerufen, daß erst in der Wirkung der Gedanke, die Vorstellung sich erfüllten, und das heißt in der Macht, die man über andere Menschen gewinnt – seien die nun ein enthusiasmiertes Publikum oder nur eine indirekt betroffene Gruppe, die den künstlerisch kreierten Gedanken nachlebt. Macht durch Wirkung – und das sagen die neuen Kulturinitiativen – ist ganz offensichtlich eine der entscheidenden Ursachen für die Tragödie der europäischen Kultur des alten Typs, die nämlich nur Handlungsanleitung für die Macht vorzugeben versuchte.

Die jetzt in Gang gekommene Kulturinitiative will den Hinweis auf die eigentliche Bedeutsamkeit dieser Probleme verstärken. Wenn es uns schon auf Geist, wenn es schon auf Vorstellungen, auf Phantasie ankommt, dann soll man sie auch da ernst nehmen, wo sie als solche auftreten, und nicht da, wo sie das Gegenteil sind; denn wenn sie sich in geschichteten Ziegelsteinen und in marschierenden Kolonnen oder in Satzungen und Funktionärsverordnungen, in Nadelstreifen oder in Bankkonten identifizieren lassen, dann sind sie eben nicht Geist mehr, dann sind sie nicht Vorstellungen mehr, dann sind sie nicht mehr systemdenkende oder sonstige Kreation – dann sind sie soziale Wirklichkeit einer ganz anderen Art, doch nicht Geist. Alles Elend kam für die alte Kultur, so sagte der Ober-Dada-ldeologe und Sturm-Herausgeber Herwarth Walden, von dem Anspruch, den Geist zu verwirklichen – und Dada war eine der fundamentalen Oppositionen gegen die Verwirklichung des bürgerlichen Geistes im bürgerlichen Heldenleben als Frontkämpfer, als Bankier, als Erfinder etc. Dada hatte nichts gegen diese Art von Denken – die Dadaisten waren ja begeisterte Wagnerianer, Steinerianer, Nietzscheaner etc. –, die Dadaisten waren dagegen, daß man den Geist als Gegebenheit der Welt nur ernst nimmt, wenn er in soziale Fakten umgesetzt ist. Geist muß auf der Ebene der Phantasie bleiben, er muß auf der Ebene des Gedankens bleiben, um wirklich bedeutsam zu sein.

Ich habe den Eindruck, daß diejenigen, die sich diesem Sachverhalt verschließen, offensichtlich nicht hinreichend viel Phantasie haben, um sich selbst in diesem Sinne die problematische Auseinandersetzung, sprich Arbeit, zu schaffen. Sie sind nicht phantasievoll genug, um in der Phantasie selbst bleiben zu können. Sie sind nicht intellektuell trainiert genug, um unterscheiden zu können, wo Phantasie, Spekulation und Vorstellung und wo soziale Realitäten als Fakten aus Menschenfleisch oder Satzungen und Gesetze gemeint sind.

Die neue Kulturinitiative vertraut auf Phantasie, auf Vorstellungen, auf Geist, auf Denken gerade im Sinne der Schaffung einer solchen eigenständigen Sphäre für Menschen bedeutsamer Arbeit, die den großen Vorteil hat, eine Reihe von Endgültigkeiten zu umgehen. Wer daran glaubt, daß alles nur Spiel sei, wenn der Tod nicht im Spiele ist, wird sich als ein recht phantasieloser, reiz- und vorstellungsarmer Mensch erweisen.

Die alteuropäischen bürgerlichen Kulturvorstellungen waren von der Ausgangsvorstellung getragen, daß das, was sich aus den Vorstellungen, den Spekulationen ergibt, sozusagen ein Surplus der Kultur sei: Die Primitiven treiben solchen Animismus nur mit den Steinen; der bürgerlich Gebildete animierte Vorstellungsbegriffe, Anschauungsbegriffe. So konnte man dazu kommen, den Geist, die Kultur, die Intelligenz, die Vorstellung als Zulieferer für Rechtfertigungsstrategien, für Überbauphänomene zu halten.

Diese Art des Denkens ergibt sich nicht aus konkreten historischen gesellschaftlichen Prozessen, sondern sie hängt mit unserer Natur, unserer Wahrnehmung, mit unserem Weltbildapparat zusammen. Die ästhetische Dimension läßt sich aus der schlichten Tatsache heraus verstehen und auch allseits bestimmen, daß es uns unmöglich ist, unser Denken und das es bedingende Kommunizieren mit dem sprachlichen Ausdruck im Wort, in Zeichen, in Bildern je deckungsgleich werden zu lassen. Denn Sprechen und Denken sind niemals – außer in mathematischen Operationen – in der Relation von Eindeutigkeit zu denken. Ja, noch viel weitergehend, es gibt eine gewisse Abhängigkeit zwischen dem Denken und dem sprachlichen Kommunizieren, durch die wir gar nicht wissen können, was wir eigentlich denken, ohne sprachlich zu artikulieren, uns zu vergegenständlichen und zu kommunizieren. Kleist hat das etwa beschrieben mit dem Hinweis auf das »allmähliche Verfertigen von Gedanken beim Sprechen«. Aber es gibt nicht nur die Abhängigkeit des Denkens vom Sprechen, sondern auch des Sprechens vom Denken im Sinne einer Unkontrollierbarkeit der kommunikativen Akte. Jeder hat erfahren, daß er einen Gedanken, den er hat, auf sehr unterschiedliche Weise ausdrücken kann. Er hat auch die Erfahrung gemacht, daß er manchmal gegenüber bestimmten Menschen mit einem bestimmten Gedanken offensichtlich durchkam; wenn die dann wiederholten, was sie verstanden hatten, zeigte sich das totale Mißverständnis. Diese Differenz von Denken und Sprechen begründet die ästhetische Dimension.

Das entscheidende Phänomen für kulturelle Wirkungsansprüche, die ästhetische Dimension, kann man ganz jenseits von Überbau- und Unterbauphänomenen, von Machtstrategien und Inanspruchnahme von Künstlern durch Herrscher darstellen.

Wir können ohne diese Dimension nicht leben. Wir müssen nämlich vergessen können und bewußt lügen. Nicht nur sind wir gezwungen, immer die ästhetische Differenz zwischen Denken und Sprechen in Rechnung zu stellen, wir können sie auch willentlich erzeugen. Nur wer lügen kann, ist sich vollständig gewiß, daß er sich des von Natur vorgegebenen Apparats auch wirklich bedienen kann. Kinder sind erst dann kommunikativ wirklich voll leistungsfähig, also soziale Wesen, wenn man an ihnen entdeckt, daß sie lügen können. Das ist das entscheidendste Kriterium für geistige Reife der Menschen. Als solche können wir immer damit rechnen, daß andere voll bei Verstand sind, also unterscheiden zwischen bloßer, ›natürlicher‹ Unangemessenheit von Sprache und Gedanken und einer bewußten Lüge. Schwerter, Bomben und Goldklumpen lügen nicht.

Es läßt sich also eine Kultur im wesentlichen im Hinblick auf diese Aspekte der geistigen, intellektuellen, kreativen Produktion ganz jenseits von Macht, Geld und Tod begründen – und auch die Problematisierung, denn so ergibt sich die Problematisierung nun wirklich von alleine. Wenn anerkannt wird, daß es nicht schlechte Ausbildung oder persönliche Unfähigkeit sind, die uns zwingen, in andere Kulturformen auszuweichen, dann verstehen wir plötzlich, was es bedeutet, in ein Theater gehen, Galerien besuchen, also Kunstwerke sehen zu können. Denn in diesen Produkten erst kommen wir ja zu der Möglichkeit der Abschätzung des ganzen Spektrums jener für uns konstitutiven Differenz von Denken und Sprechen. Wir lernen überhaupt erst jene Dimensionen kennen, aus denen heraus wir den sozialen Zusammenhalt als Kommunikation begründen können. Das leistet im wesentlichen ein Verständnis von Kultur als ›Problematisierung‹, einer Fähigkeit, sich selber Arbeit zu schaffen; nicht mehr zu warten, bis einen jemand anweist, etwas und nur das zu tun.

Das Thematisieren, also das Problematisieren müssen wir akzeptieren: Wir können es nicht ausschalten wollen, um etwa das Leben sicherer zu machen. Diktaturen, die zum Beispiel die Offenheit der Interpretation von Denken und Sprechen einschränken wollen durch Vorschriften, zerstören das, was sie da angeblich bewahren wollen, als erstes. lm Namen der Tradition dieses weitgefügte Spektrum der Interpretationen in diversen Theaterstücken, in künstlerischen Aufführungen der Musik etc. einschränken zu wollen, ist der kürzeste und schnellste Weg zur Zerstörung dessen, was da eigentlich als Dogma bewahrt werden soll.

Die ethische Dimension der Sicherung von zwischenmenschlichen Kontakten ist nicht durch Regulierung, nicht durch Einschränkung möglich, sondern durch Abkoppelung der Welt des Scheins – wie es Schiller schon genannt hat – von den Realitäten, die uns außerhalb dieser interessieren. Es ist notwendig, diese verschiedenen Wirklichkeitsansprüche zu unterscheiden, das heißt, als ethische Dimension durchzusetzen, als Sicherung des kommunikativen Zusammenhalts über die Sicherung von Verbindlichkeiten. Die einzige Verbindlichkeit auf Erden für uns, die wir als bedeutend bezeichnen können jenseits der Kultur der Macht, ist das Unterscheiden von Wirklichkeitsebenen, das Unterscheiden von Erscheinungsformen.

Die ethische Dimension, die als Restriktion auftritt und behauptet: Wir sichern unsere Bevölkerung durch Abwehr von Gefahren finanzieller, moralischer oder sonstiger Art, ist eine Verarmung. Sie verhindert das Bedeutendwerden durch Zulassung möglichst vieler Unterscheidungskriterien, die man ja selbst nicht erfinden kann, sondern die man aus der Kultur, das heißt von anderen Menschen und ihrer Art, sich Probleme zu schaffen, vorgeführt bekommen muß. Und darin spielt etwa das Theater, spielen die Universitäten, spielen die Künstlerateliers, die Musiker eine enorme Rolle. Sie zeigen nämlich alle Unterscheidungsgesichtspunkte, die im sogenannten normalen Alltagsleben nicht vorkommen. Die ganze Kultur ist ein Gefüge von Bedeutung, weil in ihr nach Gesichtspunkten Dinge unterschieden werden, die es in der Natur überhaupt nicht gibt (Vgl. hierzu ›Bedeutung entsteht durch unterscheiden‹, Band VII, S. 147-166):

Die Kultur jenseits der Macht, die jetzt in Initiative tretende Kultur, die jetzt gebrauchte, verbindlich werdende Auffassung von Kultur garantiert im Unterschied zu denen, die sie durch Restriktion, durch Einschränkung glauben kontrollieren zu müssen in ihrer gesellschaftssprengenden Kraft, garantiert gerade Gesellschaft. Sie kreiert überhaupt erst Gesellschaft, wenn man anerkennt, daß das Schwert, die Todesstrafe, der soziale Tod durch Armut oder der physisch-biologische Tod durch Verhungern von Gesellschaften der westlichen Welt nicht mehr anerkannt werden als Letztbegründungen für die Werte, um die es in einer Gesellschaft gehen muß. Jenseits dieser allgemeinen Auffassung nicht mehr akzeptierter Letztbegründungen beginnt die Kultur ihre Rolle als einziges Gesellschaft schaffendes und sie stabilisierendes Medium zu spielen – und deswegen kommt ihr auch bereits jetzt in Europa eine derartige Beachtung zu. Es ist nicht Herrn Jack Langs Privatvergnügen, als kleiner Sonnenkönig aufzutreten, es sind objektive Zwänge, die ihn solche Initiativen entfalten lassen.

In der Bundesrepublik werden nicht etwa aus mäzenatischer Einsicht Museen und alternative Kulturschuppen in Massen gebaut, sondern aus objektiver Not, aus ökonomischen Gesichtspunkten.

Die wirtschaftliche Einsicht ist das bittere Argument: Wenn du es fertigbringst, allein durch ein paar Kultur-Hoppsassa pro Saison Milliarden umzusetzen, dann wärst du doch blöd, wenn du das nicht machtest! Das richtige Argument lautet: »Ästhetische Differenzierung in Mode, Musik, Gestaltung, Architektur muß ja vergegenständlicht werden. Das schafft Arbeit und ökonomische Masse. Kultur begründet Ökonomie. Also befördere die Kultur!« Auf diese Weise ist der gesamte Kultursektor heute bereits in der BRD der bedeutendste Wirtschaftsfaktor. Aber entscheidend bleibt: Die Gesellschaften des Westens können nicht mehr reguliert werden durch den Verweis auf Macht, Kapital und Tod, sondern nur noch durch kulturelle Differenzierung, durch das Schaffen von Unterschieden als Voraussetzung für Bedeutung. Jede menschliche kommunikative Handlung ist unter der Dimension der ästhetischen Differenz zu sehen; in jeder Handlung – auch der der Bankiers, der Händler oder der Professoren ist die Differenz von Denken und Sprechen konstitutiv für die Kommunikation – und ebenso die ethische und die erkenntnistheoretische Dimension, von der ich hier nichts andeuten kann.