Frankfurter Rundschau

Kolumne „Bruderküsse“

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Bunkerdenken

Die Bundesregierung hob ein "Veränderungs- und Beseitigungsverbot" auf; eigentlich nichts Aufregendes in einer Gesellschaft, die uns allen geradezu zeitgemäße Veränderungspflichten auferlegt und die Beseitigung des Gegebenen als eine Tugend wirtschaftlicher Kräfteentfaltung propagiert.
Beseitigt und verändert werden soll aber jetzt, was bisher erklärtermaßen der unüberbietbare Ausdruck für Unzerstörbarkeit und garantierte Dauer gewesen ist: die Bunker in unseren Städten.
Mit dem Schutzbaugesetz vom September 1965 waren Kommunen und Länder verpflichtet worden, die aus dem Zweiten Weltkrieg überkommenen Bunker weder zu beseitigen noch zu verändern, sondern sogar auf den neuesten Stand der Schutztechniken zu bringen.
Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges nach Mauerbau und Kubakrise besann man sich des nationalen Erbes nicht nur als Memento der Geschichte; man nahm vielmehr das Erbe in Besitz, weil man damit rechnete, daß sich die Geschichte platterdings wiederholen könne.
Dann kam aber alles scheinbar ganz anders; die große: Friedenseuphorie von 1989 erklärte kriegerische Auseinandersetzungen für undenkbar. Aber schon zwei Jahre später setzte sich im jugoslawischen Bürgerkrieg das für Europäer vermeintlich Undenkbare als Alltagsrealität für Millionen Menschen in Szene. Die Medien versorgten uns mit peinigenden Bildern der Schutzlosigkeit von Zivilisten im mörderischen Treiben von nationalistischen Banden.
Deshalb mutet es erstaunlich unzeitgemäß an, wenn jetzt die Bundesregierung erklärt, wir brauchten die Schutzbauten nicht mehr. Ist das ein Zeichen der Realitätsflucht in beruhigende Illusionen? Im Gegenteil. Die Regierung erkennt eine Realität an, die wirtschaftliche nämlich:
Unterhalt und technischer Ausbau der Bunker seien nicht mehr zu bezahlen.
Ein seltsames Argument. Theoretisch gesehen, sind ja auch Kriege nicht bezahlbar und werden dennoch geführt. Die Produktion von Waffen ist ein Bombengeschäft, auch unter der politischen Einschränkung, sie nur in Länder liefern zu dürfen, in denen sie nicht gebraucht werden. Wäre das wirtschaftliche Argument für die Auflassung von Schutzbauten der Zivilbevölkerung stichhaltig, so hätte die Bundesregierung zugleich die Produktion von Waffen verbieten müssen.
Bleibt das Argument, unsere Bunker böten nur einem kleinen Teil der Bevölkerung im Ernstfall Schutz; sie seien deswegen eine asoziale Maßnahme. Sind etwa Kriege der Ausdruck für soziale Gleichheit, weil sie alle Zivilisten gleichermaßen bedrohen? Wenigstens im Tode sind alle gleich. Garantiert uns die Willkür tödlicher Bedrohung das Festhalten am Ideal der Gleichheit? Die Millionen Zivilisten, die das Bombardement 1942 bis 1945 in Schutzbauten überlebten und nach dem Kriege in ihnen ein provisorisches zu Hause fanden, reklamierten für sich nicht die Gleichheit im Tode. Auch diejenigen, die die Kriege führen, bunkern sich ein, weil es doch darauf ankommt, daß sie funktionstüchtig überleben. Hat etwa die Bundesregierung ihre Bunker bei Ahrweiler jetzt auch aufgelassen für Champignonzüchter oder Getränkegroßhändler? Na also!
Seit dem Zweiten Weltkrieg steht fest, daß die größere Zahl der Opfer in Kriegen aus Zivilisten besteht. Die Militärs trainieren neuerdings das Überleben als Menschheitselite um so aussichtsreicher, als sie Frauen in den Militärdienst übernehmen und damit die Nachkriegsfortpflanzung wenigstens soweit sichern, wie das planbar ist.
Fazit zum Beschluß, die Bunker zu Schicksalsruinen werden zu lassen: Zivilisten werden für eine Nachkriegszeit nicht mehr gebraucht; die Militärs sichern den Fortbestand effektiver. Eine gut ausgedachte Maßnahme zur Steigerung des Wehr-Willens. Wer in Europa einen Krieg überstehen will, hat dazu nur die Chance, wenn er als Frau oder Mann der militärischen Überlebensgemeinschaft beitritt. Die Überlebenseliten der Politik und Wirtschaft sichern sich - wie gehabt - durch rechtzeitige Flucht mit entsprechenden Vermögenswerten.
Der Rest nimmt seine Veränderung und Beseitigung ergebenst hin. Entlastende Witze dürfen bis dahin straffrei erzählt werden, zum Beispiel, daß mit der Promotionsurkunde jene blau/weißen Rauten verteilt werden, die den Träger als Kulturgut der Menschheit ausweisen, wie bisher schon unsere Schlösser und Museen.