Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes
07. Januar

Syberbergs Hitler Film.Wer Schuld nicht will verliert Geschichte.

Kann es noch etwas bedeuten zu sagen, Syberbergs neues siebenstündiges Werk sei der hervorragendste Beitrag eines einzelnen zur Filmgeschichte der Bundesrepublik? Daß Syberberg ein Meister jener Bild- und Inszenierungstechniken ist, die er selber erfand, bestreitet kaum einer seiner zahlreichen kritischen Gegner und feindlichen Kritiker. Sie werden auch wohl zugeben. daß Heinz Schubert als Himmler und Hitler in diesem Film bei weitem einen Alec Guinness in vergleichbaren Rollen übertrifft; daß der schwierige André Heller als Erzähler nie zuvor so klar und bestimmt von einem Regisseur durch eine Rolle geführt wurde; sie werden Peter Kern und Hellmut Lange in den Rollen von Zeitzeugen würdigen wie auch die Leistungen des technischen und künstlerischen Stabes hervorheben.
Und alle erkennen ohne Vorbehalt an, daß Syberberg mit wenig selbst beschafftem Geld und in kürzester Zeit ein solches Werk überhaupt zu realisieren verstand.
Aber Syberbergs >Hitler< als »dritten Faust« und neuen »Dr. Faustus« zu sehen oder eine solche Wertung des Werkes durch französische Kritiker auch nur zur Kenntnis zu nehmen, erscheint der deutschen Filmkritik mit ganz wenigen Ausnahmen geradezu als Blasphemie.
Doch was bedeutet schon die deutsche Filmkritik für die Wirkung dieses Kunstwerks, das in unseren Kinobetrieben doch nicht vorgeführt werden könnte. Syberberg zeigt sein Werk dort, wo man schon darauf trainiert ist, sich so umfangreichen fordernden Werken auszusetzen: nämlich im Theater und in den Museen.
Deren Publikum versteht offenbar, daß kein anderes Kunstwerk gegenwärtig derartige Wirkungen zu erreichen vermag, wenn man denn zugibt, daß auf uns überhaupt noch irgend etwas Wirkung hat. Daß jene Franzosen und Engländer, die den Film vor uns sahen, eine derartige Wirkung bekunden, vergleichbar nur jener von Hochhuths >Stellvertreter< einst, mag auch Gründe haben, die für Deutsche nicht gelten. Aber die französische Begeisterung für Syberbergs Film entstammt nicht dem Hochgefühl, sich wieder einmal selbstgerecht von den »Boches« absetzen zu können; vielmehr versteht man, daß jetzt zum erstenmal ein Deutscher in die Diskussion um die Zeit des Nationalsozialismus völlig neue, bedeutsame Gesichtspunkte einbringt.
Der Film aber ist für Deutsche gemacht und nur von Deutschen so zu verstehen, wie Syberberg ihn konzipiert hat. Der Film ist ein Film aus dem heutigen Deutschland: >Hitler< heißt er. weil mit dessen Namen alles erscheint, was unserer Gegenwart erst ihre Geschichte sichert. Lebende Leichname sind wir ohne das, was mit dem Namen Hitler unsere Geschichte zur Gegenwart macht; Gegenwart ist nur erfahrbar, wo Geschichte vergegenwärtigt wird: Und das ist immer nur möglich in der Konstruktion eines Mythos.
So durchzieht denn auch den Film dieses Motiv der Vergegenwärtigung: zum einen als immer erneuter Verweis auf das Symbol solcher Vergegenwärtigung. auf den Gral. Wieweit Syberberg es vermag, filmische Realisation und gedankliche Konstruktion einander entsprechen zu lassen, geht daraus hervor, daß er den Gral als >Black MaryHitler< leistet und wie sie bereits Hitler dem Film zutraute: er sah fast täglich zwei Filme (tut Syberberg in seinem Werk kund) und legte größten Wert darauf, die >Bewegung< in den bewegten Film zu überführen: mit ihm als größtem Helden und Regisseur; er war der >Gröfaz