ZEIT-Magazin

Flucht aus dem Flanell

Die Soziologie der Mode macht uns darauf aufmerksam, daß unsere Frauen bis auf den heutigen Tag in einem sehr starken Maße höfisches Leben praktizieren - so der Kölner Soziologe René KÖNIG. Die Frauen haben die Verbindung zur höfischen Kultur durch Nachahmung höfischer Lebensrituale und vor allen Dingen höfischer Kleidung aufrechterhalten.
Doch in verstärktem Maße versuchen immer mehr Männer, ihr Leben nach dem Vorbild fraulicher Existenz zu ritualisieren: Offenkundiger Ansatzpunkt ist das modische Gebaren der Frau. Ihm gilt es zu folgen.
Ein großer Teil des Repertoires fraulicher Verhaltensweisen ist nicht 'persönlich'.
Frauen veröffentlichen sich in viel größerem Maße als Männer, was natürlich auch dadurch bedingt ist, daß von Frauen gefordert wird, 'Angebote' zu machen.
Sich selbst auszustellen, ist nur möglich, wenn die Formen, in denen man das tut, allgemein verstanden werden. Das heißt, daß diese Formen keine spontanen und willkürlichen Erfindungen sein dürfen. Kleidung erfüllt diese Forderung; denn Kleidung hat von jeher nicht nur vor Hitze und Kälte geschützt, sondern auch dazu gedient, gewünschte und ersehnte gesellschaftliche Beziehungsformen eindeutig darzustellen.
Die Garderobe der Frau ist darum auch in der bürgerlichen Gesellschaft stets viel variations- und umfangreicher gewesen als die des Mannes; bürgerliche Frauen haben stets eine größere Anzahl von Angeboten zu gesellschaftlichen Beziehungsaufnahmen signalisieren können.
Die Kleidung des bürgerlichen Mannes hingegen war und ist trist und variationslos einsinnig. Er mußte sich komplizierter, hintersinniger und versteckter Methoden des Signalements bedienen; das ist anstrengend und mit der Gefahr von Mißverständnissen verbunden. Wer jedoch heute in 'sanften', 'weiblichen' Kleidern gesehen wird, hat nichts zu verstecken - er gibt sich zu erkennen: als Schutzbedürftiger.
Die Psychologie erklärt uns, daß bei der Ausbildung der Geschlechterrollen Männer wesentlich als Väter, Frauen wesentlich als Mütter bestimmt wurden. Jeder Mann, so meint MITSCHERLICH, geriet quasi unter der ehelichen Bettdecke in Konflikt mit seiner Mutter, weswegen er gezwungen wurde, die Erscheinung der Frau zur Jungfrau zu stilisieren, zur Reinheit und anbetungswürdigen Heiligen: Der Schutz, den Frauen so genießen, könnte neidisch machen - besonders Männer, die ihn nicht weniger nötig haben.
Männer, die über sich nachdenken, ja, die gezwungen sind, sich den Spuren des gesellschaftlichen Lebens an sich selbst zu stellen, können sehr wohl zu dem Schluß kommen, daß sie unvergleichlich schlimmere Opfer des gesellschaftlichen Lebens sind als die meisten Frauen. Schutz wird ihnen nicht geboten; Rücksicht auf Bedingungen ihrer Leistungskraft wird ihnen gegenüber in den seltensten Fällen genommen.
Ist es verwunderlich, daß sie da auf die Idee kommen, sich selber mit Hilfe der modischen, 'sanften' Kleidung in den Genuß des gesellschaftlichen Schutzes zu versetzen, der Frauen so offensichtlich gewährt wird?
Auch sie möchten als zerbrechlich, als heikel und delikat behandelt werden.
Auch sie möchten der Reinheit und Lauterkeit ihrer Motive versichert werden; auch sie würden gern in den Himmel und auf anbetungsfördernde Piedestale gehoben werden; selbst dann, wenn sie wissen, daß sie sich eine solche Behandlung durch die Gesellschaft im wesentlichen durch ganz formale und äußerliche Verhaltensweisen erobern können: Wenn sie sich 'weibisch' auffUhren; wenn sie die Schultern einziehen, durchaus lächelnd weich sind und ohne die bombastischen Konturen eines unangreifbaren Panzerschrankes auf Beinen.
Die Verhaltensforschung zeigt jedenfalls, wie wesentlich nicht-sprachliche soziale Kommunikation von den bloß umrißhaften Schemen abhängt, in welchen andere einen selber wahrnehmen: 'Mode-Schemen' etwa. Mager und schlank zu sein; unabgehoben von der Umgebung zu sein; nur auf Widerruf und versuchsweise sich gestisch und mimisch auszudrücken, fördert immer noch die Überlebenschancen.
Männlich-preußisches Brustrrraus! und stramme Waden, kräftiger Handschlag und Faust auf den Tisch hingegen werden nur als gut zu treffendes Ziel verstanden. Und es scheint, als ob sich immer mehr Männer aus der Ziellinie entfernen wollen.