Mode - das inszenierte Leben

Kleidung und Wohnung als Lernenvironment

Mode - das inszenierte Leben: Kleidung und Wohnung als Lerninvironment | Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

 Dieses Paperback ergänzt die Ausstellung „Mode – das inszenierte Leben"

Seite im Original: 11

Mode – Ein Lernenvironment zum Problem der Lebensinszenierung und Lebensorganisation

Dazu ein Vorschlag zur Anwendung der Aussagen im Sozio-Design

a An wen richten sich diese Ausstellung des IDZ Berlin und die begleitende Lehrveranstaltung?
b Was ist ein Lernenvironment?
c Was heißt, Leben zu inszenieren und zu organisieren?
d In welchem Sinn wird hier der Begriff Mode verwendet?
e Wie läßt sich Sozio-Design als Anwendungstechnik bestimmen?

a
An wen richten sich diese Ausstellung des IDZ Berlin und die begleitende Lehrveranstaltung?

Die Untersuchungsergebnisse der Ausstellung könnten für diejenigen von Nutzen sein, die bereits ähnliche Beobachtungen wie die nachfolgenden gemacht haben, ohne eigentlich zu wissen, was sich in diesen Beobachtungen ausdrückt.

1
Der internationale Schachgroßmeister N. sagte aus, er habe das dringende Bedürfnis, vor einem jeden entscheidenden Spiel sich neu einzukleiden – also in einem neuen Anzug, Hemd und Unterwäsche am Brett zu erscheinen.

2
Die Familie des Oberstudienrats N. kam überein, mit den allseits als hohl und formell empfundenen Geschenkübergaben an Weihnachten für dieses Mal aufzuhören. Ebenso sollte der Weihnachtsbaum und „das ganze Brimborium an Dekoration“ fortfallen. Als indes die festliche Zusammenkunft stattfand, stellten die Familienmitglieder übereinstimmend fest, daß ihnen ohne die abgeschafften Gegenstände der konkrete Anlaß fehle, sich gegenseitig in der unbestimmt erwarteten Weise in „Stimmung“ zu versetzen, miteinander zu kommunizieren; die aufgegebenen Gegenstände waren in den Jahren zuvor offensichtlich Veranlasser eines gewünschten Verhaltens gewesen, das ohne die Mithilfe der Gegenstände sich nun nicht herstellen ließ.

3
Die Klasse 10 der Oberschule in N. beschloß, die Anordnung ihrer Sitzplätze zu verändern, und zwar so, daß nicht mehr die Schüler in Reihen jeweils nebeneinandersitzend zur Wandtafel und zum Lehrerplatz hin ausgerichtet sind, sondern die Sitzgelegenheiten zu kleinen Gruppen zusammengestellt und nach Belieben im Schulraum verteilt wurden. Zudem wurde beschlossen, die Schüler sollten nicht mehr auf einem kleinen Schreibbrett arbeiten, das seitlich an ihren einzelnen Sitzen angebracht war, sondern an Tischen, deren Fläche von zumindest vier Schülern als gemeinsame Arbeitsfläche genutzt werden sollte.

Von diesen Veränderungen in der Raumgestaltung versprachen sich die Schüler eine Veränderung ihres Verhaltens zueinander und zum Lehrer wie auch eine veränderte Einstellung zu der ihnen abverlangten Arbeitsleistung.

4
Die Eltern des Studenten N. stürzten sich in neuerliche Unkosten durch den Kauf von Möbeln und Einrichtungsgegenständen, obwohl sie erst kürzlich ihre Wohnung eingerichtet hatten. Student N. hatte ihnen nämlich zu verstehen gegeben, daß er sich deswegen stets bei seinen Bekannten aufhalte, weil er sich in deren Wohnung wohler fühle. Die Eltern richteten ihre Wohnung genauso ein wie die der Bekannten ihres Sohnes; sie standen indes vor einem Rätsel, als der Sohn diesen Akt übertrieben lautstark geißelte und zwar mit dem Hinweis, man dürfe nicht einfach andere nachahmen, sondern müsse eigene Vorstellungen, einen eigenen „Geschmack“ entwickeln.

5
Die Architekten der Südoststadt bei N. wurden gefragt, warum sie die Häuser innen wie außen derart einförmig, kleinfenstrig zementgrau, kastenstarr, gebaut hätten – ob das vielleicht an den Wünschen der Bauherren gelegen habe oder an Vorschriften und Wünschen der zukünftigen Hausbewohner.

Die Architekten sagten: diese Häuser haben wir ausschließlich nach unseren eigenen Vorstellungen gebaut. Das hat sogar mehr Geld gekostet als unbedingt notwendig wäre, um ein Mietshaus zu bauen. Wir wollten endlich einmal auf großem Areal und mit gewaltigen Baukörpern eine künstliche Landschaft gestalten, die dem Geist unserer Zeit entspricht.

6
Der Leiter der Kundendienstabteilung eines Versandhauses hatte sich kürzlich mit einem sonderbaren Fall zu beschäftigen: Kunden aus dem Dorf N. im Bayerischen Wald hatten Kleidungsstücke nach Katalog per Post geordert und erhalten. Nun beschwerte sich die Familie, sie sei beim sonntäglichen Kaffeetrinken im Freundeskreis darauf aufmerksam gemacht worden, daß die georderten Kleidungsstücke nicht der Mode dieses Frühjahres entsprächen. Zwar hätten die Kleidungsstücke das Gefallen der Besteller gefunden, weshalb man sie ja auch geordert habe. Man sei aber davon ausgegangen, daß es sich um die neuesten Schnitte und Entwürfe handele, die das Haus anzubieten habe. Das sei aber nach Meinung der Bekannten nicht der Fall. Schließlich kaufe man ja nicht Kleider, die schon aus dem vorigen Jahr stammten. Da nach Gebrauch der Kleidungsstücke ein Umtausch nicht möglich war, versuchte der Kundendienstleiter mit Erfolg, wie er stolz berichtete, seinen Kunden klar zu machen, daß sie nicht modische Kleidung gekauft hätten, sondern zeitlos elegante und immer wieder gern getragene.

In allen hier wiedergegebenen Beobachtungen glauben Menschen, ihre Lebenssituation und ihr Verhalten dadurch verändern zu können, daß sie die materialen Bestandteile ihrer Lebensumgebung gegen andere austauschen. Dahinter steckt die richtige Überlegung, daß die materialen Bestandteile unserer Lebensumgebung einen erheblichen Einfluß auf unser Verhalten, ja auf unsere Lebensmöglichkeit haben. Die dabei bedeutsame Frage ist: Wie müssen die materialen Bestandteile unserer Lebensumgebung beschaffen sein, damit wir in einer solchen Lebensumgebung gewünschte und wünschbare Lebensformen entwickeln können? Diese Frage scheint den meisten Menschen durchaus nicht eindeutig beantwortbar, weshalb sie mehr oder weniger wahllos experimentieren, indem sie beispielsweise durch das Anschaffen neuer Möbel und Kleidungsstücke ihren Wünschen näher zu kommen suchen. Indes hat jeder schon die Erfahrung gemacht, daß mit dem bloßen, immer erneuten Anschaffen solcher Gegenstände nur in geringstem Umfang tatsächlich die Lebensformen verändert werden.

Die hier kommentierte Ausstellung und die begleitende Lehrveranstaltung richten sich demnach an Menschen, die Begründungen für das enttäuschende Scheitern derartiger Veränderungsversuche suchen, Wer solchen Begründungen auf die Spur gekommen ist, wird möglicherweise bereit sein, seine Vorgehensweise zu verändern, das heißt, den Einsichten gemäß zu handeln.

b
Was ist ein Lern-Environment?

Ein Lernenvironment unterscheidet sich von einer üblichen Ausstellung dadurch, daß nicht nur die Resultate einer angestellten Untersuchung dem Publikum vorgeführt werden, sondern auch die Tatbestände, an denen die Untersuchung geführt wird. Dadurch wird es möglich, die Erarbeitung der Resultate an dem untersuchten Fall nachzuvollziehen und möglicherweise parallel zu den demonstrierten Untersuchungsformen andere zu entwickeln. Dadurch kann der Besucher am Beispiel einer demonstrierten Untersuchungsweise selbst zu einem Untersucher werden.
Ein Environment ist eine Lebensumgebung.

Ein Lernenvironment ist eine Lebensumgebung, die aus ihrem alltäglichen Zusammenhang herausgelöst wird, um sie auf möglichst einfache Weise untersuchen zu können. Die Einrichtung eines Lernenvironments im Untersuchungsraum verändert die zu untersuchende Lebensumgebung insofern, als im Aufbau bereits die möglichen Untersuchungsformen berücksichtigt werden müssen. Die Lebensumgebung wird im Lernenvironment eben zum Zweck der Untersuchung rekonstruiert.

Ein solches Lernenvironment bietet gegenüber anderen Formen der Demonstration von Untersuchungsgegenständen die Möglichkeit, nicht nur einzelne Faktoren anzugehen, sondern eine Vielzahl voneinander abhängiger und miteinander in Beziehung stehender. Das hat den Vorteil, daß das Gelernte leichter in die alltäglichen Lebensumgebungen rückübersetzt und angewendet werden kann, da wir es in der alltäglichen Lebensumgebung immer auch mit einer Vielzahl von Faktoren zu tun haben, niemals mit nur einzelnen und isolierten.

c
Was heißt, Leben zu inszenieren und zu organisieren?

Bei der Untersuchung von Lebensformen ist man zunächst veranlaßt, von zwei Möglichkeiten ihres Zustandekommens auszugehen, Erstens: die Lebensformen können vorgegeben sein. Zweitens: die Lebensformen können als Ausdruck bewußter und zielausgerichteter Organisation durch den Betroffenen selber verstanden werden. Dabei ist zu berücksichtigen, daß wir alle in gewissen Lebensbereichen auf uns vorgegebene und angebotene Lebensformen zurückgreifen, in anderen selber sie zu entwickeln suchen.

Werden vorgegebene Lebensformen benutzt, so wollen wir inszeniertem Leben sprechen, werden Lebensformen bewußt und willentlich durch diejenigen, die sie praktizieren, selber entwickelt, so wollen wir sie als organisiertes Leben kennzeichnen. Dabei kann man sich auf das umgangssprachliche Vorverständnis berufen, das etwa von der Inszenierung eines Theaterstückes durch einen Regisseur spricht, also davon, daß jemand Handlungsabfolgen in konkreten Lebenssituationen für andere (die Personen des Stückes) bestimmt. Ebenso umgangssprachlich ist Lebensorganisation zu verstehen, wenn man etwa daran denkt, daß sich Menschen zusammensetzen, um herauszufinden, wie sie ihr Handeln in konkreten Lebenssituationen organisieren müssen, um ein gewünschtes Ziel zu erreichen. Lebensorganisation ist dabei Mittel zum Zweck.

d
In welchem Sinn wird hier der Begriff Mode verwendet?

Lebensformen sind Orientierungsmuster in der sozialen Wirklichkeit, Mit der Entfaltung der Industriegesellschaft ist ein immer schnellerer Wechsel solcher Orientierungsmuster zu beobachten. Große Gruppen unserer Gesellschaft scheinen wie auf Kommando saisonweise oder umständehalber ihre Lebensformen in Gestalt von Sprachformen, Einstellungen, Urteilen, Idealen, Wunschvorstellungen und Verhaltensweisen zu wechseln. Beobachten läßt sich der Wechsel am eindeutigsten an der Veränderung von Kleidungsstücken, Gebrauchsgegenständen, Wohnungseinrichtungen, Haartrachten, Körperpflege etc. Man hat sich angewöhnt, die Wechsel, die auf dieser Gegenstandsebene ablesbar sind, als „Moden“ zu bezeichnen. Da ein Zusammenhang zwischen dieser Gegenstandsebene und dem sozialen Verhalten besteht, wie unsere Beispiele angedeutet haben, ist es sinnvoll, unter Mode alle kurzfristigen Veränderungen sozialer Verhaltensweisen der Menschen zu fassen.

Dann läßt sich Mode als ein sozialer Steuerungsmechanismus bestimmen. Die Bedeutung des Steuerungsmechanismus Mode wird sichtbar, wenn man ihn mit dem ihm entgegengesetzten Steuerungsmechanismus vergleicht, dem der Tradition. In diesem Vergleich stünden sich Steuerung des sozialen Verhaltens auf Grund ständig wechselnder Ziele und Verfahren (Mode) und Steuerung auf Grund lange Zeit geltender und unantastbarer Ziele, Werte, Vorstellungen (Tradition) gegenüber. Jede Beobachtung des Sozialverhaltens von Mitgliedern unserer Gesellschaft wird zu dem Resultat kommen, daß für uns der Steuerungsmechanismus der kurzfristigen Trendbildung und Orientierung (Mode) bei weitem den Steuerungsmechanismus durch langfristige, unverändert geltende Orientierungen (Tradition) übertrifft. Ja, es scheint geradezu als notwendig zu gelten, wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, politische Stabilität und das Mindestmaß an Orientierungssicherheit unserer Gesellschaft dadurch zu garantieren, daß der Einzelne wie ganze Gruppen sich in jeder Saison oder wenigstens etliche Male in einem Lebensabschnitt zum Wechsel der Verhaltensmodelle entschließen. Solche Mobilität wird betontermaßen als erforderliche Tugend bezeichnet. Man kann sie pointiert als jedem Einzelnen abverlangte Veränderungspflicht („Dynamik“) kennzeichnen. Dabei ist es nicht so, daß Einzelne oder Gruppen aufgefordert wären, sich ein für allemal auf ein bestimmtes Ziel hin zu verändern, sondern daß die Veränderungspflicht permanent durch ein ganzes Leben gelten soll. Was einstmals in vor- und frühindustriellen Zeiten unserer gesellschaftlichen Entwicklung als möglichst zu vermeidende Gefährdung der Einzelnen angesehen wurde, nämlich der umstandslose Wechsel von Ehepartnern, Arbeitsplätzen, Parteiungen und sozialen Bezugsgruppen, gilt jetzt als stabilisierend und hilfreich bei der Bewältigung der Lebensanstrengung. Erst allmählich werden die Probleme solchen absolvierten Pflichtpensums an Mobilität sichtbar. Beispielsweise darin, daß immer mehr Menschen dem Pensum an Veränderungspflicht nicht gewachsen sind, was ihnen ganz offensichtlich Benachteiligungen bei der Erlangung von allgemeinen Lebensmitteln einbringt. Alle diese Probleme lassen sich in die Frage zusammenfassen, wie sich solche ständigen Veränderungen der Lebensformen auf die Fähigkeit der Menschen auswirken, überhaupt noch sinnvolle soziale Beziehungen miteinander einzugehen. Unbestreitbar ist ja doch, daß wir als soziale Wesen nur leben können, wenn wir Gesellschaftlichkeit in unserem Verhalten, unseren Vorstellungen, Zielen, Orientierungen, Äußerungsformen usw. ausbilden können. Diesem Problem kann indessen nicht begegnet werden, indem man einfach unser soziales Leben von der Steuerung durch kurzfristige Trendbildungen wieder auf die Steuerung durch Tradition umstellen wollte, da die Bedingungen unserer industriegesellschaftlichen Produktion von Lebensgütern eine solche starke Vereinheitlichung und Festlegung auf ein für allemal geltende Ordnungen nicht zuläßt.

Denn in massenhaft produzierte Güter gehen kaum noch Wertvorstellungen, Sinnaussagen und Orientierungsmuster ihrer Hersteller ein, sondern die Bedingungen ihres Umschlags am Markt. Die Gesetze des Marktes aber sind von den Gütererzeugern nicht ihren Wert- und Zielvorstellungen gemäß veränderbar, auch dann nicht, wenn Käufer und Verkäufer miteinander argumentierend ihre jeweiligen Zielvorstellungen und Orientierungsmuster austauschen könnten.

Die mit kaum einer anderen Bestimmung als der, verkaufbar zu sein, ausgerüsteten Güter werden durch den Kauf Bestandteil unserer Lebensumgebung; als solche aber werden sie für uns bedeutungsvoll, denn sie bestimmen unsere Verhaltensweisen wie alles, was Bestandteil unserer Lebensumgebung ist. So werden den eigentlich auf diesen Gebrauch hin nicht erzeugten Gütern durch unseren Umgang mit ihnen dennoch Bestimmungsqualitäten zugesprochen. Wir machen die Güter zu etwas, was sie nicht sind: indem wir Erinnerungen an sie binden, indem wir ihnen Gebrauchsspuren einprägen, deren umstandslose Identifizierung uns den problemlosen Umgang mit den Gegenständen ermöglicht. Die Gegenstände werden vertraut, an ihnen manifestieren sich unsere Gewohnheiten, die das Bestehen des Tageslaufes erleichtern.

Wenn wir aber durch die Bedingungen der Güterproduktion zu immer erneuten schnellen Wechseln der Gegenstände veranlaßt sind, mit denen wir umgehen, dann werden diese Gegenstände unmöglich noch mit Bedeutung im eben angedeuteten Sinne zu belegen sein. Sie verlieren die Funktion, unser Verhalten in der Welt zu stabilisieren und überschaubar zu machen. Die Gegenstände vergrößern dann nur noch das Chaos der Vielfalt unserer Lebensumgebung.

In dieser Situation ist es durchaus nicht spitzfindig zu behaupten, daß der ständige Wechsel die einzige Form von Dauer sei, daß wir also, wenn wir unser Leben unter dem Gesichtspunkt länger geltender Orientierungen bestimmen wollen, sagen müßten, eines wenigstens ist sicher: daß es beständig und fortwährend Wechsel geben wird.

Auf diesen scheinbar rettenden Gedanken stützen sich mehr und mehr Menschen, beispielsweise dann, wenn sie sich der Aufforderung zur Übernahme einer neuen Bekleidungs- oder Verhaltensmode gegenüber sehen. Bei der für sie undurchschaubaren Begründung für diese Aufforderung trösten sie sich mit der Gewißheit, daß diesem nun für kurze Zeit geltenden allgemeinen Verhaltensmuster mit Sicherheit schon bald ein nächstes und anderes folgen wird. Doch solcher Trost schwindet bald dahin. Über den Zusammenhang von sozialen Steuerungsmechanismen aufgrund kurzfristiger Trendbildung (Mode) mit denen durch langfristige Traditionsbildung müssen sinnvollere und besser anwendbare Aussagen gemacht werden. Auf dem Wege dahin befindet man sich möglicherweise, wenn man in Form von sozialen Experimenten Einzelnen wie ganzen Gruppen unserer Gesellschaft Verfahren anbietet, mit denen sie in ihr alltägliches und konkretes Leben diese Problematik bewußt einbringen können. Als Rahmenbestimmung für solche Experimente schlagen wir das Sozio-Design vor.

e
Wie läßt sich Sozio-Design als Anwendungstechnik bestimmen?

Für das vom IDZ Berlin zu diesem Zweck eingerichtete Lernenvironment galt es zunächst, eine eindeutige Gegenstandsebene als Ausgangspunkt festzulegen. Dabei haben wir uns auf den Gegenstandsbereich beschränkt, der auch umgangssprachlich als im wahrsten Sinne des Wortes modisch bezeichnet wird, also den Bereich der Bekleidung, Gebrauchsgegenstände, Wohnungseinrichtung. Da aber diese Gegenstände nicht in der Isolation auf ihren bloßen Materialcharakter untersucht werden können, sondern in ihrer Bedeutung für das Verhalten von Menschen, wurden jene modischen Gegenstände in die Rekonstruktion von sozialen Lebenssituationen eingebracht. Solche sozialen Lebenssituationen sind für das Lernenvironment beispielsweise das alltägliche Wohnen und Arbeiten und die Bewältigung eines außerordentlichen Ereignisses, wie es ein Fest darstellen sollte. Um die Aussagefähigkeit der rekonstruierten Lebensumgebungen zu garantieren, waren prinzipiell folgende Vorgehensweisen möglich:

1
Die realen Lebensumgebungen dreier Berliner Familien werden in den Ausstellungsraum geschafft. Das ist verständlicherweise schwierig, da es eine Zumutung bleibt, zum Zwecke einer Untersuchung als Demonstrationsobjekt benutzt zu werden. Allerdings hätte es eine Möglichkeit gegeben, reale Lebensumgebungen in die Ausstellung zu schaffen, siehe die Veranstaltung „Wie werden wir leben können?“ (Bazon Brock) zur Jahrestagung des Bundes Deutscher Architekten 1967 in der Stadthalle Hannover. Wie damals wäre auch jetzt nur eine bestimmte Gruppe von Angehörigen unserer Gesellschaft bereit gewesen, sich und ihre Lebensumgebung ins Ausstellungsgelände transportieren zu lassen. 1967 in Hannover gelang es, die Wohnung des Redakteurs Werner Kließ auf der Bühne zu Demonstrationszwecken aufzubauen. Der Wert einer solchen Untersuchung hätte sich aber beträchtlich vermindert, wenn sie nur in den Lebensumgebungen von Angehörigen einer einzigen sozialen Gruppe geführt worden wäre.

2
Drei Berliner Familien aus den drei üblicherweise grob unterschiedenen sozialen Schichten unserer Gesellschaft, also die Familie eines Arbeiters, eines Redakteurs und eines Unternehmers, wären aufgefordert worden, mit einem angemessenen Geldbetrag nach ihren Wünschen und Vorstellungen beispielsweise eine Lebensumgebung vom Typ Wohnzimmer in Geschäften ihrer Wahl einzukaufen. Die von den drei Familien eingekauften Wohnzimmerbestandteile wären ins Ausstellungsgelände geschafft worden, um dort im Hinblick auf die Fragestellung untersucht zu werden. Diese Vorgehensweise entfiel aus Kostengründen.

3
Eine dritte Vorgehensweise hätte darin bestehen können, daß die Untersuchung in den Schaufensterauslagen von Möbel- und Oberbekleidungsgeschäften geführt worden wäre, indem man in diese zumeist ohnehin schon als komplette soziale Umgebungen inszenierten Auslagen durch Puppen demonstriertes Sozialverhalten eingebracht hätte. Der Vorteil dieser Vorgehensweise liegt darin, daß die Aussagen eben dort gemacht werden, wo die meisten Menschen mit den Veränderungsverpflichtungen konfrontiert werden, nämlich im Schaufenster eines Kaufladens. Zudem wären so viele „window shoppers“, die ansonsten kaum als Ausstellungsbesucher zu gewinnen wären, auf die Fragestellung der Untersuchung aufmerksam geworden. Es war daran gedacht, die Ausstellung in den Schaufenstern des dem IDZ benachbarten Europa Center stattfinden zu lassen. Die geringe räumliche Tiefe der Schaufenster im Europa Center ließ den Aufbau solcher räumlich ausgedehnten Lebensumgebungen nicht zu.

4
So blieb die Möglichkeit, drei nach statistischen Durchschnittswerten für Angehörige der sozialen Schichten als typisch bestimmbare Einrichtungen von familiärem Wohnraum und Arbeitsplatz aus Möbelgeschäften auszuleihen und in diesen Lebensumgebungen nach eben solchen statistischen Durchschnittswerten bestimmte soziale Verhaltensweisen zu demonstrieren.

Die Untersuchung wird geführt durch den Vergleich der jeweils parallel ausgebildeten drei Wohn-, Arbeits- und Festsituationen. Es steht zu vermuten, daß jeder potentielle Ausstellungsbesucher in die Lage versetzt werden kann, den Unterschied des Sozialverhaltens in den neun speziellen sozialen Lebensumgebungen zu bemerken. Auch dürften ihm für diesen Unterschied einige Begründungen zur Verfügung stehen, beispielsweise, daß sich eben die Moden änderten oder daß jeder nun mal seinen eigenen Geschmack habe oder daß die Unterschiede sich durch die den einzelnen Familien zur Verfügung stehenden Mittel erklärten. Es wird den Besuchern nahezubringen sein, daß sich mit diesen Begründungen der problematische Sachverhalt nicht hinreichend bestimmen läßt. Die Begründung, die betroffenen Familien folgten eben einer modischen Tendenz, muß erweitert werden durch den Verweis auf die Bedeutung des sozialen Steuerungsmechanismus Mode für historische und gegenwärtige Gesellschaften; die Begründung, jeder habe nun mal seinen persönlichen Geschmack und richte demzufolge seine soziale Lebensumgebung ein, muß ergänzt werden durch den Hinweis auf das Bestimmungsverhältnis von materialen Bestandteilen einer sozialen Umgebung und dem sozialen Verhalten; die Begründung, die finanziellen Mittel bestimmten die Einrichtung der sozialen Lebensumgebung, muß mit den Beobachtungen konfrontiert werden, daß etwa Angehörige einer intakten Oberschicht sich kurzfristigen modischen Trendbildungen viel weniger unterwerfen als die Angehörigen anderer sozialer Schichten und daß beispielsweise bei vorausgesetzter Gleichheit der Mittel die Angehörigen ein und derselben sozialen Schicht dennoch unterschiedlich eingerichtete soziale Lebensumgebungen haben.

Eine zweite durchgehende Untersuchungsebene wird sich daran anschließen. Sie wird bestimmt von der anschaulich belegbaren Feststellung, daß die Angehörigen der unterschiedlichen sozialen Schichten auch in unterschiedlichem Maße den Steuerungsmechanismen kurz- oder langfristiger Orientierung unterworfen sind, und der Frage, warum das so sei. Dazu wird es notwendig sein, die prinzipiellen Funktionen von Mode für das soziale Leben von Menschen zu untersuchen und darzustellen (siehe Beitrag von Matthias Eberle). Hierzu liegen einige ausführliche wissenschaftliche Untersuchungen vor, mit deren Resultaten die Ausstellung den Besucher konfrontieren möchte.

Eine dritte, die Ausstellung durchziehende Thematisierung liegt in den Aussagen darüber, wie in konkreten Fällen sowohl langfristige wie kurzfristige Verhaltens- und Orientierungsmuster erworben werden und wie sie demzufolge veränderbar sind. Augenfällig, aber auch nachweisbar, ist der Zusammenhang zwischen sozialem Verhalten und den Lebensbedingungen der Einzelnen. Wer sich nicht damit begnügt, als Lebensbedingung eben das ganze Leben anzunehmen und demzufolge die Veränderung der sozialen Verhaltensweisen nicht von der prinzipiellen Veränderung des gesamten Lebens abhängig macht, wird bereit sein, auch in Teilbereichen und mit konkreten Zielen die Veränderung der sozialen Verhaltensweisen für möglich zu halten. Solchen konkreten Veränderungen gilt der zweite Hauptteil der IDZ-Untersuchung im Lernenvironment Mode. Die Techniken dieser Veränderung werden als Sozio-Design bestimmt. Das heißt, wenn die materiale Organisation der sozialen Umgebung auf das soziale Verhalten nachgewiesenermaßen einen Einfluß hat, dann läßt sich auch durch die Veränderung der materialen Bestandteile einer Lebensumgebung soziales Verhalten verändern. Die materiale Bestimmung von Bestandteilen einer Lebensumgebung wird allgemein als Gestaltung bezeichnet, als Design. Mit ihr befassen sich seit langem eben die Designer. Zumeist aber wird solches Gestalten eben nur auf die materialen Bestandteile von Lebensumgebungen ausgerichtet, nicht auf die in der Konsequenz liegende Veränderung des sozialen Verhaltens (mit einer Ausnahme: dem sogenannten funktionsgerechten Gestalten von Gegenständen der sozialen Umgebung Arbeitsplatz). Design wird zum Sozio-Design, wenn das Ziel der Gestaltung materialer Bestandteile einer Lebensumgebung in einer zielausgerichteten Veränderung sozialer Verhaltensweisen liegt. Um aber solche sinnvollen und wünschbaren Ziele, von denen die Verhaltensänderung abhängig ist, auffinden und ihrer Bedeutung nach aufschließen zu können, bedarf das Sozio-Design einer klaren Bestimmung des Verhältnisses von kurz- und langfristigen Orientierungs- und Verhaltensmustern. Die Bestimmung dieses Verhältnisses wird ehestens noch, will man nicht bloß in allgemeinen und deshalb nicht anwendbaren Aussagen steckenbleiben, im konkreten Bezug auf das Problem der Inszenierung oder Organisation von sozialem Leben der einzelnen Menschen oder kleineren Gruppen möglich sein. Aus diesem Grunde müssen Lebensentwürfe sichtbar gemacht und angeboten werden, die den sozialen Lebenssituationen entsprechend jeweils inszenierend oder organisierend verwirklicht werden. Um solche Lebensentwürfe über die allseits bekannten Berufsrollen und Lebensbilder hinaus den Einzelnen demonstrieren und anbieten zu können, wird im Verlauf der IDZ-Ausstellung ein Trainingsseminar zur Lebensinszenierung und Lebensorganisation abgehalten, an dem im wesentlichen Designer teilnehmen sollten. Dieses Trainingsseminar wird, soweit die Umstände und Mittel es zulassen, auch mit ihrem konkreten Fall beschäftigten Privatleuten zugänglich sein, die sich unter Anleitung des Trainingsseminars Entwürfe von Lebensinszenierung und Lebensorganisation skizzieren lassen können. Die Zielsetzung der Ausstellung, die am Untersuchungsgegenstand gewonnenen Aussagen in bestimmbare einzelne Lebensplanung einzubeziehen, wird hoffentlich wenigstens für einige Ausstellungsbesucher tatsächlich gelingen. Es ist daran gedacht, im Seminar ausgeschriebene Entwürfe für Lebensinszenierung und -organisation später allgemein zugänglich zu machen.