BESUCHERSCHULE d 7

Die Hässlichkeit des Schönen - Spaziergänge Tempelgänge Paradegänge

Besucherschule zur d7 | Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Fotos: Lothar Koch. Verantw.: Walter Spötter
Besucherschule zur Documenta 7: Die Hässlichkeit des Schönen

  • Spaziergänge durch die Ausstellung – Im Gehen sehen
  • Tempelgänge in der Documenta – Im Sehen verstehen
  • Paradegänge zur d 7 – Im Verstehen weggehen

Seite im Original: 14

1 Oldenburg

Ein Denkmal für den Arbeitssklaven

"Eine Skulptur im Freien sollte ein unabhängiges Werk sein, wie es jedes Museumsobjekt ist. Sie sollte weder als Dekoration für ein Gebäude oder als Werbung und Markenzeichen noch als Symbol für eine Ortschaft oder Gemeinschaft verstanden werden. Sie soll keine besondere Funktion haben außer der, sie selbst zu sein", sagt Oldenburg. Zugleich aber merkt er auch an, daß eine Skulptur wie die seine "ihre Umgebung reflektiert und damit das Werk nicht nur in formaler und struktureller Weise mit dem Ort seiner Aufstellung identifiziert". Das scheinen zwei widersprüchliche Aussagen zu sein.
Mit der ersten wird betont, daß auch eine Skulptur im Freien - wie jedes Kunstwerk zunächst - aus der Bearbeitung künstlerischer Probleme hervorgeht. In diesem Fall ist das für Oldenburg die Frage nach den Maßstäben.
Immer schon haben Oldenburg zwei Probleme besonders interessiert: Wie verändert sich die Wirkung einer Skulptur, wenn ich sie entgegen den herkömmlichen Regeln von einem kleinplastischen Entwurf kontinuierlich vergrößere oder quantitativ entfalte? Der akademische Skulpteur behauptet mit Recht, daß eine solche kontinuierliche Vergrößerung zu qualitativen Sprüngen führt, das heißt, verschiedene Formate plastischen Ausdrucks haben eigene Gestaltungsgesetze. Genau diese qualitativen Sprünge durch kontinuierliche Vergrößerung interessieren Oldenburg vor allem insofern, als er fragt, wie sich die quantitative Entfaltung eines Objekts (Lippenstift, Handwerkszeug, Eis am Stiel) auf die Lesbarkeit, auf das Verständnis für das Objekt auswirkt. Bis zu Oldenburg hin haben wir kontinuierliche quantitative Entfaltung immer als Monumentalisierung gelesen. Was aber geschieht mit einem Alltagsobjekt, wenn es monumentalisiert wird? Wie verändert es seine Bedeutung?
Die zweite Frage Oldenburgs: Was geschieht mit einem Objektausdruck, wenn man das Objekt aus dem herkömmlich vertrauten Material in ein anderes Material überträgt oder in einem anderen Material nachbildet? (z. B. eine Scheibmaschine in Sackleinen und Holz gestaltet und zusätzlich in einem anderen Maßstab). Diesen Übertragungsvorgang kennt man bei Oldenburg als "Weichmachen"; durch ihr Material hart konturierte feste Körper erhalten durch die Übertragung in ein weiches Material völlig andere Strukturen.
Für seine große Hacke in der Fulda-Aue scheint Oldenburg sich zunächst nur auf das Problem der Maßstäblichkeit, der kontinuierlichen quantitativen Entfaltung zu beschränken.
Die Wahl des Objekts "Spitzhacke" (wir sind daran gewöhnt, Herrscher und Götter öfter zu monumentalisieren, nicht aber ein alltägliches Arbeitsgerät) traf Oldenburg, als er beim Spaziergang durch Kassel während der Vorbereitung der Bundesgartenschau bemerkte, daß eben mit dieser Hacke als Arbeitsgerät die Landschaft umgestaltet wurde.
Als es darum ging, den Aufstellungsort für sein Monument "Spitzhacke" in Kassel zu wählen, kam der Gesichtspunkt zur Geltung, daß ein solches Monument als Kunstwerk immer auch seine Standortumgebung reflektiert und interpretiert.
Die Hauptcharakteristika für Kassel als Standort von Kunstwerken werden durch die Stadtbaugeschichte vorgegeben. Die geschichtlich bedeutsamste Struktur entstand unter den Landgrafen Carl und Friedrich II. im 18. Jahrhundert. Die alles beherrschende Struktur ist die Achse Herkules – Karlsaue und die zur Wilhelmshöhe und Karlsaue gehörenden Gestaltungsprogramme. Auf diese beherrschende Achse wollte Oldenburg sein Monument ausrichten, wodurch das Monument die beherrschende Struktur zu interpretieren und zu reflektieren vermag. Da aber zur formalen Struktur dieser Achse auch das Gestaltungsprogramm Wilhelmshöhe gehört, interpretiert und reflektiert Oldenburgs Monument vor allem den Kern des Gestaltungsprogramms Wilhelmshöhe: das Herkules-Monument.
Auf Veranlassung des Landgrafen Carl, eines sehr ambitionierten Barockfürsten, wurde das Monument vom römischen Architekten Guerniero von 1705 bis 1717 gestaltet. Damalige Fürsten wie Carl verglichen sich und ihre Taten gern mit den Taten des griechischen Halbgotts Herakles, lateinisch Herkules. Er repräsentierte für sie das Wesen der Macht als Wille, schier unmögliche Aufgaben dennoch zu bewältigen, so wie Herkules die ihm gestellten Aufgaben bewältigte. Die Wahl für den Typus der Herkules-Darstellung fiel auf den damals sehr populären Herkules-Farnese, heute im Nationalmuseum Neapel. Diese antikrömische Skulptur (Höhe 3,17 m) war im 3. Jahrhundert nach Christus vom Bildhauer Glykon als Kopie nach einem griechischen Original des 4. vorchristlichen Jahrhunderts in Marmor gehauen worden. Carl und Guerniero beauftragten den Augsburger Kupferschmied Anthoni, nach dem Vorbild des Herkules-Farnese in den Kasseler Metallschmieden eine dreimal so große Kopie in Bronze auszuführen. 1717 war die Monumentalplastik vollendet, am 30. November desselben Jahres wurde die gesamte Anlage, also Herkules auf einer Pyramide, die Pyramide auf einem achteckigen Monumentalbau, Gesamthöhe 70 m, eingeweiht. Die gesamte Anlage steht auf einem künstlich inszenierten und von Grotten durchzogenen Felssturz, dessen beherrschende Schauseite Richtung Kassel eine gewaltige Kaskade bildet.
Ein gedankliches Konzept verbindet die Elemente der Anlage: Herkules steht nicht am Scheideweg vor der Wahl seines Lebensweges, wie ihn der Herkules-Farnese eigentlich zeigt. Der Kasseler Herkules verharrt im Bewußtsein seines Triumphes und gezeichnet von der Anstrengung seines Kampfes mit dem Giganten Enkelados; auf Keule und Löwenfell, die ihn kennzeichnenden Attribute gestützt, sieht er auf den vor ihm liegenden Enkelados herab. Herkules hatte ihn schließlich besiegt, indem er jene Felsbrocken auf Enkelados warf, die nun den Felsberg bilden, auf dem die ganze Anlage steht. Die Felsbrocken haben Enkelados auf den Rücken geworfen, nur sein Gesicht schaut noch hervor; als Zeichen seiner Verachtung für Herkules und als letztes Aufbäumen des Besiegten, versucht Enkelados, den Herkules anzuspeien; der Geiferstrahl aus seinem Mund ist der Ursprung der Kaskade, die sich in raffinierten Fließprogrammen (als Sinnbild des menschlichen Lebenslaufs) talabwärts ergießt.
Dieses Gestaltungsprogramm wird auch dann durch das Oldenburgsche Monument reflektiert, wenn Oldenburg die Erzählung über die Auseinandersetzung zwischen Herkules und Enkelados nicht kannte. Die Spitzhacke (im Hinblick auf die Anlage des Herkules-Monuments scheint sie gar nicht mehr so monumental zu sein) kann so als Arbeitsinstrument des Giganten Enkelados verstanden werden. Er selbst wird zum Repräsentanten jener Arbeitssklaven, die im Bergbau des Habichtswaides eingesetzt waren und die sich gegen diese Fron empörten. Herkules und damit der Landgraf als absolutistischer Fürst schlugen den Aufstand nieder; Herkules entwand Enkelados die Spitzhacke, die der aufständische Arbeitssklave als Waffe gegen Herkules einsetzte, und schleuderte sie so weit als möglich fort.
260 Jahre später wird dieses Arbeitsgerät als Waffe der Aufständischen an der Fulda-Aue sichtbar durch Oldenburgs Monumentalwerk reflektiert und interpretiert. Auf ihre engste Umgebung bezogen, eine ziemlich unmenschliche 50er-Jahre-Wiederaufbauarchitektur, erhält sie eine mitschwingende Bedeutung als Hinweis darauf, daß man sich gegen diese Architektur nur mit der Spitzhacke wehren kann.
Oldenburg traf unter mehreren Alternativen die Entscheidung, die Spitzhacke so im Fuldaufer einzuschlagen, daß sich die statische Labilität als Dynamik ihrer kraftvollen Handhabung ansehen läßt. Der Stiel der Hacke weist schräg nach oben in Richtung auf die Achse und das Herkules-Monument, so daß die Achse als Flugbahn der von Herkules geschleuderten Hacke interpretiert werden kann.
Zur Anlage Wilhelmshöhe gehören aber noch zahlreiche weitere Programme, die unter Friedrich II. in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts realisiert wurden. Wir können darauf nicht eingehen. Sie kreisen alle um das Verhältnis von Natur und Kultur, so daß auch dieses Verhältnis durch Oldenburgs Monument interpretiert werden kann. "Wachsen als organischer Prozeß" und "quantitative Entfaltung als Kulturtechnik" werden so zum Thema des Spitzhackenmonuments.