BESUCHERSCHULE d 7

Die Hässlichkeit des Schönen - Spaziergänge Tempelgänge Paradegänge

Besucherschule zur d7 | Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Fotos: Lothar Koch. Verantw.: Walter Spötter
Besucherschule zur Documenta 7: Die Hässlichkeit des Schönen

  • Spaziergänge durch die Ausstellung – Im Gehen sehen
  • Tempelgänge in der Documenta – Im Sehen verstehen
  • Paradegänge zur d 7 – Im Verstehen weggehen

Seite im Original: 19

3 Mario Merz

Die Iglus – dies Iglu von Merz hält uns auf Distanz. Vorsichtige Bewegung scheint geboten; Deckplatten und Gerüst sind nur lose verbunden; die Deckplatten scheinen sich dagegen zu sträuben, ihre eigene, wenn auch unregelmäßige Gestalt und Materialität den Vorgaben des Gerüsts anpassen zu müssen. Form als konstruktiver Gedanke und die Gesamtgestalt des Iglu werden nicht zur Deckung gebracht. Was sagt mir diese demonstrative Unangepaßtheit von Form und Gestalt? Alles Perfekte wird anonym und unmenschlich, Formgedanken gehen verloren, wenn sie in vollkommene Gestaltung umgesetzt werden.
Zwischen Idee und Realisierung muß ein spannungsvolles Verhältnis sichtbar bleiben; ihre Einheit finden sie nur als von vornherein geplante Ruinen. Wie die mit neuem Material fachgerecht in die englischen Parks des 18. Jahrhunderts als Ruinen gebauten Aquädukte, Tempel und Lustarchitekturen den Verständigen auf die antike Geschichte und die Gegenwart der Toten verweisen, so verweisen die Merzschen Iglus auf die absoluten, aber nie menschlich realisierbaren Ordnungen des Kosmos (jede Kuppelform übertragen wir auf die Wahrnehmung des Himmels als Gewölbe). Wie sah Adams Hütte im Paradies aus?
Wie in anderen seiner Werke erweist sich Merz auch in seinen Iglus auf einer Ebene als Allegoriker. Die Wiederkehr der Allegorie, der Mut zur Allegorie, ist ja bei erstaunlich vielen Künstlern beobachtbar. Die abstrakten Begriffe, die Merz im Iglu als Allegorie vergegenständlicht, scheinen "Heimat als Haus" oder "Ausgrenzung als Form der Beziehung" zu umkreisen. Auch das Material, das Merz für den Bau der Iglus verwendet, ist bereits allegoriefähig: ungefähr in dem Sinne, wie man im Mittelalter Glas und Blei, Kupfer, Silber, Gold und vor allem die verschiedensten Steine bestimmten Temperaturen und situativen Gemütsverfassungen zuordnete. Sanguiniker und Phlegmatiker, Saturn- oder Merkur-Beherrschte, Herren und Knechte, Junge und Alte sahen in entsprechenden Materialien ihre Wesensmerkmale allegorisch ausgedrückt; Sandstein, da leicht ritzbar, war Schreibtafel der Widergänger, der strafenden Toten: wir verdienen die Strafe, sobald wir sie vergessen.