BESUCHERSCHULE d 7

Die Hässlichkeit des Schönen - Spaziergänge Tempelgänge Paradegänge

Besucherschule zur d7 | Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Fotos: Lothar Koch. Verantw.: Walter Spötter
Besucherschule zur Documenta 7: Die Hässlichkeit des Schönen

  • Spaziergänge durch die Ausstellung – Im Gehen sehen
  • Tempelgänge in der Documenta – Im Sehen verstehen
  • Paradegänge zur d 7 – Im Verstehen weggehen

Seite im Original: 49

10 Judd, Immendorf

Auf den ersten Blick:
Eine Konfrontation von Skulptur und Malerei in Kargheit und Fülle, Strenge und Großzügigkeit, Kalkül und Spontanität, Pathos der Zurückhaltung und Pathos der Überredung, Dekoration und Agitation. Bemerkenswert eng einander gegenüber gehängt. Soll man nicht weiter zurücktreten dürfen, um die "Cafélauscher" von Immendorff aus Distanz wahrzunehmen?

Auf den zweiten Blick:
Judds Wandstücke entschwinden der Aufmerksamkeit. Die Nähe zu Immendorff zeigt Wirkung, man fühlt sich in den Raum, den das Gemälde zeigt, hineingeschoben – gegen den Widerstand der wechselnden Perspektiven. Deutschland ein Nachtasyl der Schieber und Ausgeflippten, der Träumer und Unverbesserlichen; Parkett der tanzenden Erinnerungen.
Links die Adler der drei deutschen Reiche, in ihren Klauen die Literaturen der jeweils Andersdenkenden. In der Mitte auf vereistem Tisch das Modell der Situation: Penck und Immendorff grüßen von diesseits und jenseits der Mauer, jeder mit der von ihm niedergekämpften Symbolbeute, dem Wachtturm und dem Reichsadler. Rechts die Systemzwinge über Kulturmüll; der Maler Immendorff bei subversiver Aktion; er greift den Herren durchaus in die Tasche. Auf dem Boden Flugblatt mit Inschrift "Unser Weg ist richtig". An der Bar, unter zwei gewaltigen Verhör- und Operationssaalsonnen, acht Gäste, darunter vorn, zum Betrachter, wie Fernsehpublikum winkend, Immendorff oder Lüpertz. Im hinteren Raum tanzende Paare; ein Gast zieht Konsequenzen aus der deutschen Misere: Rückversicherer mit zwei Pistolen.
Das Farbklima des Bildes ist zugleich stumpf und herausfordernd. Das Sehen im Halbdunkel wird zum Ertasten der Körper; der Raum wird eher erfühlt als überblickt.

Auf den dritten Blick:

Judds Wandstücke (polierte Stahlboxen in Augenhöhe, Vorderseite geöffnet, hintere Wand mit blauem Stein oder poliertem Kunststoff ausgelegt) wirken plötzlich kräftiger, sobald der Blick vom Immendorff wegschwenkt. Obwohl Judd deutsche Themen kaum interessant finden dürfte, wird vom Immendorff-Gemälde her das innere Blau der Judd-Boxen mit Assoziationen belegt: Stein des Gral? Blaue Blume? Marienblau des Himmels? Jedenfalls unternehmen wir den Versuch, das Innere der Boxen gegen ihre äußerliche Härte und verschlossene Regelmäßigkeit arbeiten zu lassen; räumliche Vorstellungen arbeiten gegen abstrakte Gedanken; die Wiederholung des Gleichen als Reihung arbeitet gegen die Hoffnung, im Voranschreiten von einer Box zur anderen der Entschlüsselung doch noch näherzukommen. Aber das Ende ist wie der Anfang. Passiert nichts? Wenn die Boxen genau so weit voneinander gehängt gedacht werden, wie sie breit sind, schneidet der Zwischenraum ein Blickfeld aus der Wand, wie die Guckkästenrahmen den blauen Hintergrund ausgrenzen. Dann schweben die Boxen, der Raum wird immateriell, wird Gedanke (bitte überprüfen Sie das).