BESUCHERSCHULE d 7

Die Hässlichkeit des Schönen - Spaziergänge Tempelgänge Paradegänge

Besucherschule zur d7 | Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Fotos: Lothar Koch. Verantw.: Walter Spötter
Besucherschule zur Documenta 7: Die Hässlichkeit des Schönen

  • Spaziergänge durch die Ausstellung – Im Gehen sehen
  • Tempelgänge in der Documenta – Im Sehen verstehen
  • Paradegänge zur d 7 – Im Verstehen weggehen

Seite im Original: 52

11 Syberberg

Abwärts in die Katakomben des Fridericianums und in die Kapuzinergruft Syberbergscher Leidenschaften. Dort sind die Requisiten seiner Parzifalverfilmung zu sehen. Zur d 7-Eröffnung wurde "Parzifal" hier für Deutschland uraufgeführt.
Im hinteren Hauptraum linke Seitenwand: Adolf Hitler, der Spieler als Puppe, auf der Irminsul, die Karl der Große in Sachsen fällen ließ, um so die Ohnmacht der alten germanischen Götter zu demonstrieren. Daß mit der Christianisierung wenig erreicht war, bewies Hitler, der sich, wenn auch aus polit-strategisehen Gründen, des verdrängten Erbes für seine Zwecke bemächtigte. Da wir das NS-Erbe auch nur verdrängen, anstatt es auf uns zu nehmen, wird eines Tages jemand dieses NS-Erbe erneut nutzen.
Auf der Stirnwand von links: die Köpfe von Nietzsche und Aischylos über der Totenmaske von Wagner. Nietzsche hatte mit seinem Essay "Über die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik" Wagners Musiktheater beeinflussen wollen.
In der Mitte der Stirnwand der Aachener Thron Karls des Großen. Dann rechts die Köpfe von Marx, Wagner und König Ludwig von Bayern, die gleichzeitig drei völlig verschiedene Gesellschaftskonzepte vertraten, welche Syberberg aber bewußt als gleichsinnig hinstellt. Unter den Köpfen ein Modell des Bayreuther Festspielhauses in einer Gralsschale aus Kunststoff.
An der rechten Seitenwand ein Königssarkophag mit dem bekrönten Tod wie aus der Kapuzinergruft in Wien.
Mitten im Raum die Totenmaske Wagners auf dem Krankenbett des Gralskönigs.
Vor der Eingangswand die Kunststoffdraperie einer Guckkastenbühne, in der Wagner als Marionette seiner eigenen Besessenheit agiert. Die Puppen wurden Karikaturen nachgearbeitet, die von dem Wagnerkritiker Hanslik mit denunziatorischer Absicht in Umlauf gebracht worden waren. Sie zeigen Wagner als Dirigent mit Schlachtenlenkerallüren; Wagner als Märtyrer seiner selbstauferlegten Mission, die Welt durch seine Musik zu erlösen; Wagner als Zerstörer bisheriger Hörgewohnheiten, der mit Stimmhammer und Notenmeißel ein Gehör zertrümmert.
Syberberg, der mit seinem Hitlerfilm tatsächlich ein Jahrhundertwerk schuf, sieht sich, wie Wagner sich sah, nämlich als Künstler mit dem größten überhaupt denkbaren Anspruch auf Führung seiner Mitmenschen. Was daraus wird, bleibt abzuwarten; einen so unzeitgemäßen Anspruch für den Künstler wieder zu reklamieren, ist tollkühn genug.