BESUCHERSCHULE d 7

Die Hässlichkeit des Schönen - Spaziergänge Tempelgänge Paradegänge

Besucherschule zur d7 | Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Fotos: Lothar Koch. Verantw.: Walter Spötter
Besucherschule zur Documenta 7: Die Hässlichkeit des Schönen

  • Spaziergänge durch die Ausstellung – Im Gehen sehen
  • Tempelgänge in der Documenta – Im Sehen verstehen
  • Paradegänge zur d 7 – Im Verstehen weggehen

Seite im Original: 54

12 Darboven

Locker schlendernd das Halbrund entlang, versuchen wir herauszufinden, welche Beziehungen zwischen den vielen hübsch gerahmten Einzelblättern bestehen mögen. Außer der durchgehenden Numerierung vermögen wir keinen Zusammenhang zu entdecken, obwohl wir wie der Flanagansche Hase von links nach rechts und von rechts nach links die Passagen absolvieren. Am Anfang und Ende und am Ende und Anfang ruft uns unser Kulturbewußtsein immer nur zu: "Ich bin schon da, die Künstlerin Hanne Darboven."
Der verehrungs- und unterwerfungswillige Liebhaber der schönen Künste bietet sein geschichtliches Wissen auf, um der Sache etwas abzugewinnen. Er erinnert sich an die Schreibstuben der mittelalterlichen Klöster, in denen, die Mönche, ohne unbedingt zu verstehen, was sie taten, nach feststehenden Arbeitszeitplänen fremdsprachige Texte abschrieben oder illustrierten. Scheinbar ganz äußerliche Hantierungen mit Zahlen und Buchstaben mündeten in Werke, wie wir sie von den konkreten Poeten unseres Jahrhunderts kennen. Derartiges auswendiges Arbeiten war Gottesdienst, Konzentrations- und Meditationsübung zum höheren Ruhm der göttlichen Weltordnung.
Darbovens Exerzitien gehen offensichtlich gegen die Leere des bloß kalendarischen Fließens der Zeit an. Sie sind Summenbildungen, wie der Kalender eine Summe der Tage bildet. Wer wird diesen Kalender je nutzen können? Die Künstlerin selber wohl nicht, da sie ihre Zeit mit dem Herstellen neuer Blätter verbringt. Wer könnte ihr Adressat sein?
Vom Ende des 2. Weltkriegs bis zu seinem Tod 1968 sah man Tag für Tag den japanischen Admiral Ohira am Kai eines ehemaligen Flottenstützpunktes der japanischen Marine sitzen, vor sich endlose Rollen Papiers, auf die er Tag für Tag und immer erneut die Namen der Soldaten schrieb, die unter seinem Kommando gefallen waren.