BESUCHERSCHULE d 7

Die Hässlichkeit des Schönen - Spaziergänge Tempelgänge Paradegänge

Besucherschule zur d7 | Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Fotos: Lothar Koch. Verantw.: Walter Spötter
Besucherschule zur Documenta 7: Die Hässlichkeit des Schönen

  • Spaziergänge durch die Ausstellung – Im Gehen sehen
  • Tempelgänge in der Documenta – Im Sehen verstehen
  • Paradegänge zur d 7 – Im Verstehen weggehen

Seite im Original: 60

14 Anselmo

Der kleine Raum zum Innenhof des Museums ist leider wegen versuchten Vandalismus abgesperrt, so daß Sie die Zeichnungen an den Wänden nicht genau sehen können (Wärter bitten!). Aber die Arbeit ist auch daraufhin konzipiert, daß sie von der Tür her gesehen werden soll. Die Arbeit besteht aus zwei Einheiten, die eine im linken Raumteil, die andere im rechten.
Links von der Tür: An der Stirnwand des Raumes die Zeichnung einer nicht zentral plazierten Hand, die freundlich, aber auch lakonisch, das Handinnere nach oben, aus dem Bild zeigt. In der linken oberen Ecke der Fensterwand zwei dunkle Granitblöcke. An der Tür links ein hellerer, schmalerer und großflächigerer Granitstein mit eingelassenem Kompaß, dessen dunkle Nadel konventionsgemäß nach Norden zeigt. In diese Richtung ist der Block selbst auch ausgerichtet.
Rechts von der Tür: An der Türwand eine Zeichnung wie eben schon gesehen. Jetzt sieht man sie nicht, aber man weiß, daß sie dort hängt. Vor der Zeichnung ein heller Granitblock, flach gelegt. Gegenüber an der Fensterseite drei hoch und quer gehängte dunkle Granitblöcke. Unter ihnen eine kleine ultramarin gestrichene Tafel, die in dieser Einheit den Stellenwert der Kompaßnadel in der anderen Einheit einnimmt.
Anselmo gibt der Arbeit keinen Titel, sondern eine Beschreibung mit, die als Titel verwendet wird: "Das Panorama mit Hand, die auf das Panorama zeigt, während sich gegen 'oltremare' die Grauzonen verflüchtigen." Aus dem Bildaufbau ergibt sich, daß oltremare in der linken Einheit "Norden" meint. Jenseits des Meeres, nach Norden, wo schon im schwachen Licht die Grauzonen, die durch die Granitfarben repräsentiert werden, sich verflüchtigen. Für die rechte Einheit bezeichnet oltremare ultramarin, das wörtlich auch "jenseits des Meeres" heißt, aber zugleich auch einen Farbwert kennzeichnet.
Die Hand, beziehungsweise derjenige, der sie aufs Panorama weisend ausstreckt, steht also in einer Landschaft Italiens. Er schaut nach Süden über das Meer, wo Himmel und Meer schon ultramarin nachdunkeln, und die Grauzonen vom hellen Granit im Vordergrund zum dunkleren Granit im fernen Hintergrund sich bereits verflüchtigen. Dann schaut er nach Norden, wo sich auf eine ganz andere Weise die Unterscheidbarkeit von Formen und Farben verflüchtigt.
Ich würde mich am späten Abend dort stehen sehen; in der Erinnerung kann ich jenen Vorgang gut nachvollziehen.
Eine wunderbare Arbeit, poetisch, sparsam, intensiv und den Betrachter mit allen seinen Fähigkeiten fordernd.