BESUCHERSCHULE d 7

Die Hässlichkeit des Schönen - Spaziergänge Tempelgänge Paradegänge

Besucherschule zur d7 | Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Fotos: Lothar Koch. Verantw.: Walter Spötter
Besucherschule zur Documenta 7: Die Hässlichkeit des Schönen

  • Spaziergänge durch die Ausstellung – Im Gehen sehen
  • Tempelgänge in der Documenta – Im Sehen verstehen
  • Paradegänge zur d 7 – Im Verstehen weggehen

Seite im Original: 61

15 Ryman

Man glaubt, gehört zu haben, daß so etwas, wie Ryman es bietet, unter die Sammelrubrik monochrome Malerei falle. Malen mit einer Farbe mag ja noch angehen, aber malen in Weiß? Ist Weiß überhaupt eine Farbe?
Bedeutung muß es ja immerhin auch heute noch haben. Warum sonst sehnten sich junge Mädchen danach, in Weiß zu heiraten? Weiß ist die Farbe der Unschuld, sagt man; die der Reinheit, der Unzerstörtheit, der Widerspruchsfreiheit, der festlichen Selbstgewißheit. Malen in Weiß, mit Weiß, ein Ausdruck festlicher Selbstgewißheit des Künstlers, gerade dort das Außergewöhnliche zu leisten, wo andere nichts sehen?
Eine der entscheidenden Auseinandersetzungen der Neuzeit wurde zwischen den Verfechtern einer physikalischen (Newtonschen) Auffassung von Farbe und einer psychologischen Theorie der Farbe geführt, wie Goethe sie vertrat. Das durchs Prisma in die Farben des Spektrums auseinandergelegte weiße Licht schien Goethe der höchste Ausdruck einer Vorstellung von Totalität zu sein; ein Beispiel dafür, wie alle Vielfalt in dem Einen und aus dem Einen sich entwickelte.
Die Empiriker sahen in dem Phänomen nichts anderes als einen Hinweis auf die unterschiedliche Reflexionsfähigkeit verschiedener molekularer Strukturen. Die Goethesche Lichtmetaphysik, fast gotisch in ihrem Glauben an die geistige Beseelung der Materie, rebellierte gegen die Erklärungsmodelle der modernen Physik, die sich der Alltagsverstand mit seinen Sinnforderungen an das große Ganze nicht zumuten lassen wollte.
Was will sich Ryman von der Geschichte der Malerei nicht zumuten lassen? Welche Sinnforderungen versucht er einzulösen? Unzumutbar erscheinen ihm die konventionellen Unterscheidungen zwischen Bild und Nichtbild, wie sie zum Beispiel die Rahmung eines Gemäldes definiert. Auch die rahmenlosen Gemälde beharren auf dieser Konvention, wenn sie auch die weiße Galerie- oder Museumswand, ja den gesamten weißen Präsentationsraum als Rahmung in Anspruch nehmen. Die weiße Wand isoliert das Werk gegen alle Wirkungen, die nicht aus ihm selbst zu kommen schienen.
Ryman experimentiert mit Rahmungen (hier 3 Varianten), um die weiße Wand als Anbetungsmauer der Moderne zu eliminieren. Die Wand wird wieder zum bloßen Bildträger, anstatt erst das moderne Bild zu schaffen. Malerei hat auf externe Wirkungen zu reagieren und sich zu behaupten, sonst ist sie sinnlose Verdoppelung des ohnehin Gegebenen.