BESUCHERSCHULE d 7

Die Hässlichkeit des Schönen - Spaziergänge Tempelgänge Paradegänge

Besucherschule zur d7 | Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Fotos: Lothar Koch. Verantw.: Walter Spötter
Besucherschule zur Documenta 7: Die Hässlichkeit des Schönen

  • Spaziergänge durch die Ausstellung – Im Gehen sehen
  • Tempelgänge in der Documenta – Im Sehen verstehen
  • Paradegänge zur d 7 – Im Verstehen weggehen

Seite im Original: 66

18 STANDPUNKT

Nauman * Penck * Gilbert & George

Mit schnellem Blick vorbei an zwei Zitaten von Kosuth: Die bei den Monumentalfotografien, unterst zu oberst, mit ihren gerade nicht analytisch gemeinten Kommentaren, müssen unverständlich bleiben; denn sie sind nur zwei unselbständige Einzelheiten aus einer sehr umfangreichen Werkeinheit.
An der Stirnwand eine Kippfigur von Sol LeWitt, ein nur mit vertikalen, horizontalen und diagonalen Bleistiftstrichen gezeichneter Würfel. Zunächst sieht man den Würfel von außen in leichter Aufsicht, dann kippt die Wahrnehmung um; die am dichtesten schraffierte Würfelseite ändert ihre Flächenrichtung, so daß wir in einen Innenraum schauen, der aus zwei Seitenflächen und einer dritten Fläche als Decke über den beiden Seiten erscheint. Wir kommen ja gleich noch auf Sol LeWitt zurück.
Beachtenswert ist das Zusammenspiel der Würfelwand mit der zugemauerten Fensternische (links), die man zunächst gar nicht wahrnimmt. Die Nische wird ihrerseits zu einer Kippfigur, sie erscheint einerseits als illusionistische Zeichnung auf der Wand und andererseits als Raumplastik.
Die sich uns nun eröffnende Konfrontation von Naumann, Penck sowie Gilbert & George hat wohl für die Ausstellungsleitung einen hohen Stellenwert. Als dekorative Hängung verstanden, führt sie uns drei Möglichkeiten vor Augen, in denen heutige Künstler auf soziale und politische Probleme antworten. Denn schließlich leuchtet ja ein, daß etwa Bruce Naumanns "South American Triangel" als Reaktion des Künstlers auf politisch motivierten Terror und seine Folterpraktiken nur eine Umschreibung der tatsächlichen Bedeutung solchen Geschehens darstellt.
Auch in den Monumentalbildfeldern von Gilbert & George wird auf dieser Ebene nur mitgeteilt, was Benjamin in dem Begriff "Faschismus als Ästhetisierung der Politik" faßte. Pencks Arbeit erscheint auf dieser Ebene als eine zufriedenstellend harmonisierte Komposition von Standards des menschlichen Verhaltens.
Verstehen wir die Präsentation als inthronisierende Hängung, mit der die autonomen Wirkungsansprüche von Kunstwerken hervorgehoben werden sollen, und in der das Museum als eigenständiger Lebensraum behauptet wird, dann überträgt sich von der Arbeit Naumanns auf uns (über das von Natur gegebene psycho-physische Zusammenspiel) der Eindruck, in diesem Augenblick als Betrachter gerade selber einer angstmachenden Situation ausgeliefert zu sein.
Die Brutalität des verwendeten Materials und der Formen versetzen uns als Opfer unbeherrschbarer Verwirrung in die Maschinerie, deren Rotation uns der Besinnung beraubt.
Die Übertragungswirkungen vom Bildmaterial der G & G-Arbeit bedrohen uns mit ihrem hohen Grad an Ambivalenz (gegenläufige Bewertungstendenzen). Zugleich werden Ekel und Attraktivität des Ekelerregenden, werden Pathos und kleinbürgerliche Muffigkeit als Ausstrahlung spürbar. Ununterscheidbar durchdringen sich Politpornographie (das ist die bewußtlose Behauptung des Schreckens als Schönheit) und tapfere Selbstüberhöhung durch bewußt auf sich genommenes Risiko des Selbstopfers.
Pencks Grundkonstellation Schwarzfeld gegen Weißfeld beziehungsweise Rotfigurig gegen Schwarzfigurig, entwickeln Übertragungswerte, die man als archaisch erleben könnte. Nicht nur, daß sie in formaler Hinsicht die archaische Konfrontation von rotfigurigem und schwarzfigurigem Stil in Erinnerung rufen, auch die Figurenprogramme sind von archaischer Ausdrucksstärke. Daß sie zugleich auch Allegorien sind (rechte Bildhälfte oben: das Schwarzfeld mündet in die Gestalt eines Stierkopfes, der in der Archaik als Allegorie eines lebensspendenden Wasserlaufs verbindlich war), ist ihrem archaischen Charakter angemessen.
Aus der Fülle der Einzelheiten nur einige Hinweise: Der uns wie ein Hakenkreuz (gleich Sonnenrad) anmutende Fuß des großen Zeusadlers ist das sogenannte Triskelis, das archaische Zeichen der schnellen Bewegung. Ist es hier bewußt in Beziehung zum Stierkopf gesetzt, dann könnten wir es als Hinweis auf Ereignisse im sizilianischen Gela der Antike verstehen; denn der Triskelis stand in der Antike für Sizilien als Teil Großgriechenlands und der Stierkopf für die Stadt Gela (Schauen Sie zu Hause nach, was sich dort im 5. Jahrhundert vor Christus ereignete).
Das dem Zeus geweihte Stieropfer als Versöhnungs- und Unterwerfungsangebot vermittelt zwischen der dunklen Sphäre unbeherrschter Aggression des Menschen und "(+)" der hellen Sphäre kultureller Produktion in Arbeit und Denken. Werkzeuge und Produkte der Arbeit (Hammer, Brille, Auto) sowie die entsprechenden wissenschaftlichen Theoriebildungen (zum Beispiel der Satz der Identität) werden vorgeführt. (Es lohnte sich, den Penckschen Hammermann im Vergleich zu dem Hammermann Borofsky wahrzunehmen.)
Auf der Ebene einer demonstrierenden beziehungsweise argumentierenden Hängung würden wir aus den drei Angeboten etwa folgendes herauslesen können: Im Unterschied zu Sol LeWitt spielt Naumann nicht nur wahrnehmungspsychologische Erkenntnisse durch, sondern zeigt sich vor allem daran interessiert, wie er zu einem entlastenden Ausdruck für seine eigenen psychologischen Probleme (vor allem der Beherrschung von Ängsten) kommen könnte. Seine Arbeiten sind in erster Linie auf ihn selbst hin konzipiert.
Gilbert & George, die beiden lebenden Toten, die singenden Skulpturen, die Programmatiker der Kunst als Ritual, drehten im Sommer 1981 einen Film über sich selbst, der während der d 7 im Dachgeschoß vorgeführt wird. Man wird beständigen Wechselbädern von heiterer Sympathie und wütender Antipathie gegenüber G & G durch diesen Film ausgesetzt, gerade gegenwärtig, das heißt, nachdem wir zur Kenntnis nehmen mußten, wie die englische Massenpresse im Falklandkrieg den ganzen verquasten Begriffswirrwarr von Vaterland und Heldentum, Prinzipientreue und Berufung zum Höchsten, Opferbereitschaft und Hysterie propagierte. "Glaube der Jugend" und "Bewaffneter Glaube", "Sieg" und "Heilige Hoffnung", wie auch die drei anderen auf der d 7 überbetont präsentierten Fotoarbeiten mittelältlicher Pfadfinder der Seele, sind die formulierten Höhepunkte des Selbstverständnisses von Gilbert & George als Künstler, wie es im Film zum Ausdruck kommt.
Sollten dieses Selbstverständnis auch andere Künstler teilen, und dafür spricht manches, dann stehen uns demnächst Auseinandersetzungen bevor, wie sie am Ende der Weimarer Republik unter Künstlern und Intellektuellen geführt wurden. Daß ausgerechnet Ernst Jünger in diesem Jahr den Goethepreis der Stadt Frankfurt erhielt, muß ernstgenommen werden, wenn sich zwei führende Künstler wie Gilbert & George mit Bildgewittern in Szene setzen, wie wir sie hier vor uns haben. Noch schützt sie vielleicht ihr künstlerischer Anspruch vor allzu großer Eindeutigkeit, aber man weiß ja, wie schnell sich Künstler zu Bekennern fremder Ansprüche wandeln können.
Pencks Haltungen werden mehr und mehr undeutlich. Es gibt bereits Stimmen, die ihn nach seiner Aussiedlung aus der DDR als Renegaten und Anpassungsakrobaten zu stigmatisieren versuchen. Bisher war er selbst in seiner Lebenssituation stets hinter seinen Arbeiten (als Garant ihrer Ernsthaftigkeit) sichtbar. Sollte er bloß einer wie wir werden, so würde sich seine Malerei zwangsläufig zur harmlosen Illustration abmildern.