BESUCHERSCHULE d 7

Die Hässlichkeit des Schönen - Spaziergänge Tempelgänge Paradegänge

Besucherschule zur d7 | Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Fotos: Lothar Koch. Verantw.: Walter Spötter
Besucherschule zur Documenta 7: Die Hässlichkeit des Schönen

  • Spaziergänge durch die Ausstellung – Im Gehen sehen
  • Tempelgänge in der Documenta – Im Sehen verstehen
  • Paradegänge zur d 7 – Im Verstehen weggehen

Seite im Original: 70

20 Immendorff, Haacke

Im anschließenden schmalen gangartigen Raum werden Immendorff und Haacke einander konfrontiert. Immendorff wieder mit einem seiner Monumentalgemälde aus dem Zyklus "Café Deutschland". Als Besonderheiten seiner Ikonographie auch in diesem Bild erkennen wir das links im Bildvordergrund stehende Monument "Brandenburger Tor" und das des Reichsadlers mit würgender Pinselpython (1 .I 2. Pfeiler in der Bronzeversion, die wir schon besprochen haben). Auffällig im Bildvordergrund Mitte, sowie unmittelbar dahinter, die wechselseitige kritische Bezugnahme von Bild als Spiegel, Zeitung als Gesichtsfeld und Tisch als Monumentsockel. Wenn man weiß, daß die gesamte Ikonographie auf die Lebenssphäre des Künstlers Immendorff bezogen ist, und wenn man deren Rahmen, wie wir das vorhin schon getan haben, einmal abgeschritten hat, dann macht es Spaß, auch ohne vorgegebene Interpretationen die Bild- und Formthematiken zu entschlüsseln.
Aber Immendorff setzt nicht einfach vorgegebene Thematiken in Bildzeichen um; das Überzeugende an seinem Vorgehen, die Einmaligkeit dieses Vorgehens, ist gerade darin zu sehen, daß die Bild- wie die Formthematiken unmittelbar wechselseitig auseinander entwickelt werden. Das schützt Immendorff davor, auf die Ebene der bloßen Illustration abzufallen.
Nach meinem Urteil wird die künstlerische Kraft Immendorffs dadurch abschätzbar, daß von seinen Werken her ein Maler wie Beckmann von uns mit ganz neuen Augen gesehen werden muß. Das gegenwärtige Interesse an der Ikonographie Beckmanns und an seiner unvergleichlichen Formensprache ist nicht zuletzt durch die Wirkungen Immendorffs auf uns befördert worden.
Hans Haacke, der auch in der Orangerie und in der Neuen Galerie mit je einer Arbeit vertreten ist, wendet ein im Grunde ganz naheliegendes, häufig auch von Klaus Staeck genutztes Verfahren an. Er übernimmt aus den üblichen Werbekampagnen eines Konzerns die allen Zeitgenossen vertrauten Erscheinungsbilder der Selbstanpreisung, gerade weil sie kaum noch einen Zeitgenossen überraschen. Gerade auf diese allgemeine Vertrautheit mit Aussageformen der Werbung setzt Haacke, um das mitzuteilen, was ihm über die Selbstanpreisung der Werbenden hinaus wichtig erscheint.
Die wirtschaftspolitischen, sozialpolitischen und kulturellen Hintergründe der unser Leben bewegenden Unternehmungen, deren Führer sich selbst als schöpferische Künstler verstehen, werden unter Vermeidung jeder gestalterischer Auffälligkeit und Abweichung in die Werbung eingeschmuggelt.
Es bleibt allerdings noch zu klären, inwieweit diese affirmativen Strategien tatsächlich Wirkung haben. Es ist ja bekannt, daß die Arbeiter, die Klaus Staeck davor warnte, sich nicht von der SPD ihre Villen im Tessin nehmen zu lassen, mit Empörung reagierten, als besäßen sie tatsächlich Villen im Tessin. Trotzdem: Ich glaube seit langem, daß ein derartiges affirmatives Vorgehen die einzige Möglichkeit ist, Aufklärung zu betreiben. Ihr Ziel ist es, die Betroffenen entweder zur Einsicht in die Unvereinbarkeit von ideologischen Rechtfertigungen und faktischen Gegebenheiten zu bringen, so daß diese Gegebenheiten nicht länger auf die gleiche Weise gerechtfertigt werden können; oder aber die Selbstrechtfertigungen so 150%ig beim Wort zu nehmen, daß sie aus sich selbst heraus als haltloser Unsinn erkennbar werden.