BESUCHERSCHULE d 7

Die Hässlichkeit des Schönen - Spaziergänge Tempelgänge Paradegänge

Besucherschule zur d7 | Titelseite
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Fotos: Lothar Koch. Verantw.: Walter Spötter
Besucherschule zur Documenta 7: Die Hässlichkeit des Schönen

  • Spaziergänge durch die Ausstellung – Im Gehen sehen
  • Tempelgänge in der Documenta – Im Sehen verstehen
  • Paradegänge zur d 7 – Im Verstehen weggehen

Seite im Original: 72

21 PANORAMA

Ruthenbeck * Serra * Rabinowitch * Walther * Twombly * Bechers * Horn * Richter * Mangold * Artschwager * Lohse * Vedova * Levine * Chia * Armando * Van Elk

Ruthenbeck

Befremdlich zunächst Ruthenbecks Tischaufbauten. Aber sie sind eines der nicht so zahlreichen Werke der d 7, die nach mehrmaligem Besuch immer stärkeren Eindruck machen. Der Blickpunkt ist durch die Absperrung vorgeschrieben. Massig nüchtern wirken die drei weißen Holztische mit anstoßender Kugel, ziehendem Block und balancierender Rechteckscheibe.
Die Körper sind bis ins Mark vollgesogen mit Farben, von denen die Formen bildhaft plaziert werden. Ultramarin, rostbraun und oliv – oder rundes Blau von seitwärts, geschnittenes Braun von oben und gepreßtes Oliv nach unten. Form scheint ein Zustand ohne Dauer zu sein. Farbe ist wechselnde Spannung. Merkwürdige Aktivitäten von Kugel, Scheibe und Block? Sie werden konkret; sie provozieren Reaktionen der heroischen Zurückhaltung und stummen Stabilität, die von den Tischen ausstrahlt. Tisch ist immer stabiles Zentrum, ist Mitte. Tisch ist Podest, Thron und Behälter, Tisch ist Fläche nach außen und Raum nach innen. Tisch ist vollkommene Einheit von Stützen und Tragen. Dagegen kommen weder von oben noch von seitwärts oder unten die wirkenden Kräfte an, weder durch exzentrischen Stoß noch durch punktuellen Druck oder ziehende Last. Tische stehen gleichgültig, sie balancieren nicht ausgleichend. Der Tisch kritisiert die anmaßende Bildhaftigkeit freier Formen und verselbständigter Farben. Das soll nicht Bild werden, sondern bildloser Zustand von Dauer.

Serra - Rabinowitch - Walther - Twombly

Alles Quatsch – der sicherste Ort in der Nähe des Tisches ist unter demselben. Wer an die Tischkante stößt, bekommt blaue Flecken. Wer etwas Großes und Schweres auf den Tisch stellt, kann sich leicht die Finger klemmen.
Ein unbequemer Weg; aha, ein Lehrpfad.
Ein Lehrpfad der Erinnerungen. Denn die Positionen sind vertraut, die Haltungen schon fast zum Ritual abgeschliffen. Serra reibt einen blockhaft verfestigten Farbkörper aus Ölkreide auf dem bleiweißen, reißfesten Papier ab. Eine klare handwerkliche Anstrengung, die daran hindert, sich übermäßig dem Geheimnis der Kunst anzuvertrauen. Bei der Arbeit zu schwitzen, macht darauf aufmerksam, daß Körper und Geist gefordert werden und nicht Begriffsklauberei oder Talentdressur.
Verräumlichung in Schwarz gegen flächendeckendes Weiß ist das Thema; je fester der Auftrag der Ölkreide, desto tiefer dringt das Körpergefühl vor in den Raum.
Rabinowitchs handwerklich schwierige Stukkatur philosophiert über das Eine und das Viele: die mehr oder weniger tief reliefierten Kreise werden vereinzelt im Feld oder konzentrisch oder gereiht angeordnet. Das Eine (der Kreis) als vollkommene Form, die jedoch zumindest ihr ähnlicher Formen bedarf, um als die eine bestimmt zu werden. Deshalb ist sie nicht vollkommen. Wie sichtbar muß die Form sein, um als vorhandene gelten zu können? Was keinen Ort hat, ist nicht in der Welt. R. schafft einen Ort, an dem auch das Unsichtbare, Begriffliche, Ideelle als in dieser Welt Vorhandenes verstanden werden kann.
Aufwärts und abwärts des Körpers - und wie im Traum das Stehen und Schweben des Körpers.
Twombly, im Zwehrener Turm des Fridericianums mit einer Installation so vertreten, wie man ihn kennt, bietet hier erfrischende Naivität als meisterliche Bündigkeit. Die Traube, das Blatt werden vorgegeben und der Meister reagiert mit Linien, die in Duktus, Farbe und lakonischer Beiläufigkeit eine Handschrift zeigen, die nichts mehr zu verdecken oder zu beweisen braucht. Das ist schon wie ein letztes Wort gemeint; letzte Arbeiten, wie die gerissenen Papiere von Matisse oder wie der eine Pinselstrich, der letzte des 95jährigen Hokusai.

Bechers

Vor 15 Jahren entdeckten sie die Schönheit des Häßlichen, die der profanen Industriebauten. Das war Erschließung der Alltagswelt mit den Sehweisen der Künstler. Sie schärften unsere Wahrnehmung. Wir haben sie verstanden. Daß die Bechers heute immer noch die gleiche Haltung und Einstellung vorführen als sei sie gerade eben zum ersten Male erfaßbar geworden, enttäuscht selbst den, der Treue zu sich und seiner Aufgabe hoch schätzt. Sollten wir nicht auch gewandelt werden, verändert, gefördert, gestärkt, um neue Risiken eingehen zu können?

Horn

Auch das Kostbare wird zur erstickenden Künstlichkeit. Auch der höchste Anspruch der Kunst hat seine Grenzen. Rebecca Horns goldenes Bad könnte jemanden veranlassen, Vasari wieder zu lesen. Was für eine Wirkung! Vasari berichtet auch, daß Künstler ihre Modelle umbrachten, um möglichst effektvolle Wirkungen durch extremen Ausdruck zu erzielen. Ein Menschenleben (mit etwa 300,- DM aufgewogen), um für ein paar Stunden die Allegorie des noch jungen goldenen Zeitalters zu inszenieren und um als Künstler vom Auftraggeber der hinreißenden Einfälle wegen belobigt zu werden, – das demaskiert hohes Künstlerpathos als weihevolle Stilisierung von Machtanspruch und Machtrausch.

Richter

Ob nicht etwas überanstrengte Kritiker gerade deswegen die neuen Richters feiern, weil sie nach langem, strapaziösem Rundgang bei Sommerhitze die angenehme Kühle des Eissalons schätzen, den Richter hier ausstattet? Ein italienischer Eissalon im New York der 50er Jahre. Kristallfarbenfrisch ist alles. Alles frisch. Richter darf eine Werkgruppe zeigen, ein großer Vorzug vor anderen, die mit Einzelarbeiten auf die Probe gestellt werden.
Die drei Großformate nebeneinander an der Wand sollen sich gegenseitig stützen, damit sie dem Besucher den Eindruck aufnötigen können, viel vom gleichen sei ein Ausdruck für die Unumgehbarkeit des ausgearbeiteten Bildgedankens; da sei etwas gefunden, das schon langer Bearbeitung standgehalten habe und deshalb auch ernstgenommen werde müsse.
Wir nehmen sie ernst als Ausstellungsschinken akademischen Selbstbewußtseins.
Oder sollte das Gegenteil der Fall sein? Ein älterer Meister in akademischen Würden hat das Glück, eine junge Frau für sich zu interessieren, und da muß er beweisen, daß er noch jung ist, das heißt wandlungsfähig, gut für Überraschungen wie einer, der gerade anfängt und noch nicht weiß, worauf er hinaus will. In die Kampfstätten der jungen Wilden kann er nicht mehr gehen, um Kraft zu demonstrieren. Das Tempo in den Discos ist zu mörderisch, aber im Atelier läßt sich der Abenteuermut in aller Ruhe auf der Leinwand simulieren; und die junge Frau ist gefesselt von der Unberechenbarkeit und Spontanität des älteren Freundes.
Solche Überlegungen sind durchaus der Kunst nicht unangemessen; Vasari hat dafür schon ein Auge entwickelt. Fragen der Ernährung, der Lebensgewohnheit, der familiären Situation bringt er nach Möglichkeit zur Sprache. Vasari war selber Künstler und wußte, welche Einflüsse entscheidende Wendungen des Werkschaffens nach sich ziehen können. Aber natürlich ist das nicht bloß an privaten Ereignissen festzumachen. Anfang der 60er Jahre gehörte Richter zu denen, die die abstrakte Malerei für so ausgelaugt hielten, daß sie völlig nichtssagend geworden sei. Dagegen setzte er kapitalistischen Realismus wie fast alle: Pop-Art-Varianten. Jetzt kehren sie zwar nicht zurück zu dem, wovon sie sich verächtlich absetzen, aber vollziehen doch im eigenen Werk die Entwicklung nach, die die Malerei wieder, fast zyklisch, absolviert.
Was heißt "abstrakt"? Bloß "ungegenständlich"? Statt Tischfläche im Raum eine rhomboide Fläche, die aber, da sie andere Flächen überdeckt und von wischenden Farbzügen überschnitten wird, doch sofort und unvermeidbar räumliche Vorstellungen hervorruft? Die einzelnen Ebenen des Bildes stellen sich doch als gestaffelte, ineinandergewobene Schnitte durch die Sehpyramide heraus, auch wenn sie nur aus dem zeitlichen Prozeß der Entstehung des Bildes hervorgegangen sein sollten. Bei diesen Richters veranlassen vor allem die ausgedünnten Schleifspuren den Eindruck, vielfach gestaffelte Hinterglasmalereien zu durchschauen. Das Bild ist nicht nur ein Fenster, sondern ein rundes Dutzend Fenster, ein Glaspalast in eiskalter Luftleere.

Mangold

Mangold ist dagegen ein Asket. Die Formen und Farben sind freigestellt, aus der Leinwand herausgestanzt, sind einzelne, selbständige Einheiten; allerdings nur soweit, wie die weiße Wand sie nicht bloß wieder zu Malereien auf einem Bildfeld werden läßt, das jetzt die gesamte weiße Raumwand ist. Wie balancieren Oberflächen und Tiefenflächen, Gegenständlichkeit der Farben und Bildhaftigkeit der Formen? Das ist sehr interessant; Oberflächen und Tiefenflächen sind nicht in Reihe hintereinander gestaffelt, sondern nebeneinander gesetzt und wechselseitig miteinander in Beziehung gebracht. Das optisch zunächst schwächste Element, die Bleistiftlinie, führt das Auge in diese Beziehung ein.
Die Bleistiftlinien überschneiden sich; in ihrer Kargheit und Zurückhaltung markieren sie die Koordinaten, in denen die Farbformen und die Flächenformen stillhalten im Gleichgewicht.
Konzentrierte Arbeiten, die den Betrachter unmerklich durch ihre Zurückhaltung binden. Das ist ein hoher Wert gegen den Attraktionswettbewerb der expressiven Kraftprotze.

Artschwager

Artschwagers Pult: Ambo oder pergamo?
Für Lesung oder für die Predigt? Die Flügel des Adlers, des Attributtieres von Johannes dem Evangelisten, breiten sich weit aus wie an allen Kanzelpulten. Die Flügel entfalten das Buch, in dem die Erzählung zu lesen ist, als welche die d 7 verstanden werden will. Also Lesung, nicht Predigt. Nicht Amboß, auf dem verbindliche Urteile geschmiedet werden durch Worte, die wie Hammer fallen. Nicht mit dem Hammer philosophieren. Sondern erfahren, was in alten Pergamenten, in Urkunden geschrieben steht. Auch verkünden und feierlich vortragen, aber nicht auslegen, nicht interpretieren, nicht in Lebensanleitungen und Gesinnungen ummünzen. Die Bilder sind zugleich die Gemeinde, die dem Erzähler zuhört und sie sind die Urkunden, aus denen der Erzählende gerade vorliest. Was wird bekundet?

Lohse – Vedova

Die Altmeister Lohse und Vedova erzählen mit Respekt voreinander von ihrem jahrzehntelangen Kampf in der Fron der Malerei. Sie wollten stets mehr als Bilder machen. Lohse versucht, die Träume seiner Jugend zu bewahren, die Träume von der Demokratie als Form der Freiheit durch Gleichgewichtigkeit und Gleichrangigkeit. Jedes Farbfeld ist im Durchlauf der 18 Positionen zwischen Anfang und Ende, der wieder ein gleicher Anfang ist, gleichrangig und gleichgültig. Das Verfahren kann willkürlich sein, wenn es nur Kontinuität des Prozesses garantiert. Vedova behauptet die Kraft der spontanen Reaktionen, die aus jeder Fessel von Reihenfolge, Rang, Ordnung herausführten. Er bleibt dem Aufstand der Gefühle gegen die Kalküle treu, unbändigbar im Verlangen, jeden Augenblick völlig neu anfangen zu können und stets das Risiko, als Ausdruck von Lebens- und Leidensfähigkeit, erneut auf sich zu nehmen. Alter macht radikal; alte Menschen haben nichts mehr zu verlieren als den Anspruch darauf, von anderen noch wahrgenommen zu werden. In der Neuen Galerie, in einem Saal für sich, lassen sie alle kollegiale Zurückhaltung und seniorale Würde fallen. Lucius will beobachtet haben, daß die beiden kurz nach 20.00 Uhr aus ihren Werken hervortreten, und sich wechselseitig als Formaldemokrat und Anarcho-Kommunist beschimpfen. Mehrfach sei schon Rudi Fuchs aufgetaucht und habe gedroht: "Wenn ihr beide noch einmal von Politik sprecht, werdet ihr abgehängt." Gemeinsam seien sie dann auf Fuchs losgegangen, ihn als livrierten Tempeldiener und Salon-Ästheten verhöhnend.

Levine

Levine ist am entschiedensten. Sie dient und will dafür eine Aufgabe erfüllen. Jeder junge Künstler ist den Alten verpflichtet. Von ihnen zu lernen, kann auch heißen, auf eigene Ansprüche zu verzichten, Levine verzichtete angesichts der Radikalität des Werks von Schiele – die Grenzen waren schon erreicht, die es zu respektieren gilt, solange man noch diesseits steht.

Chia

Chias Haltung? Man muß leichtfertig genug sein, um das Neue zu wollen; ein Bilderstürmer in der Absicht, den Werken alles das abzuverlangen, was man ihnen an Ausdruck und Wirkung zuschreibt und zugesteht. Judas war der Gläubigste! Der Bilderstürmer ist eigentlich der wahre Bilderverehrer; er traut dem Bild am meisten zu. Das Bild muß provoziert werden, gereizt werden, radikal rangenommen werden; vielleicht setzt es dann seine Kräfte frei, in denen endlich zur Sprache kommt, was als totes Material so beharrlich schweigt, so beleidigend unansprechbar bleibt.

Armando

Armando wird uns unheimlich: "Erst wollen und tun sie was, dann glauben sie zu wissen, warum sie es wollten, und die anderen nehmen an, daß das wirklich der Grund ist." Aber grundlos ist nichts. Den Grund dennoch nicht zu kennen, macht Angst. Nicht einmal seine eigenen Gründe zu kennen und auch den eigenen Begründungen nicht trauen zu können, das auszuhalten gelingt nur dem starken Künstler, dessen Werk ihm zum hinreichenden, letzten Grund seines Tuns wird, weil das Werk ihn nicht mehr freiläßt. Das Werk wird zum Feldzeichen einer Ein-Mann-Armee, die den Feind noch nicht kennt: sich selber.

Van Elk


Van Elk lobt die heilsame Kraft der Selbstironie. Einen Bildgedanken gilt es so literarisch zu verdichten, daß er als Pointe platzt. Das Geheimnis der Kunst liegt in einem Vorgehen, durch welches das Akzeptieren unüberwindlicher Grenzen als lachende Befreiung hingenommen werden kann. Wir wollen gar nicht mehr, als wir können; und wir können schallend lachen über unsere Anstrengung, würdige Gedanken zu haben.