BESUCHERSCHULE d 7

Die Hässlichkeit des Schönen - Spaziergänge Tempelgänge Paradegänge

Besucherschule zur d7 | Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Fotos: Lothar Koch. Verantw.: Walter Spötter
Besucherschule zur Documenta 7: Die Hässlichkeit des Schönen

  • Spaziergänge durch die Ausstellung – Im Gehen sehen
  • Tempelgänge in der Documenta – Im Sehen verstehen
  • Paradegänge zur d 7 – Im Verstehen weggehen

Seite im Original: 78

22 Broodthaers

In der Originalaufstellung nahmen die beiden Teile der "Schlacht von Waterloo" je einen rechteckigen Raum ein; beide Räume waren durch Sichtachse miteinander verbunden. Hier erzwingt der Aufstellungsort eine panoramische Rundung, die vom Blick hin und her (am besten von der Empore gegenüber, ein Stockwerk höher) abgeschwenkt wird. Schlußendlich kommt das der Arbeit von Broodthaers zugute. Das Panorama war ja die effektvollste Demonstration von Bildhorizonten, bevor es die Kinos und den Film gab; und die Schlacht von Waterloo, anno 1815 als endgültiger Sieg der vereinigten Restauration über Napoleon, war eines der Lieblingsthemen in jenen Panoramen. Heute noch feiert man in England alljährlich das Andenken an die Schlacht. Die paradierenden Soldaten stecken in Haltungen und Kostümen, als hätte sich inzwischen an der Auffassung vom Krieg nichts geändert. Die Feier beschwört das Selbstverständnis der alten Krieger, die in exotischen, fremden Landschaften, mit edlem Rum und Tee zur Kampfpause versorgt, liebevoll auf ihre Waffen schauen, welche umständlich und eigenwillig, mit bedächtiger Rücksicht bedient werden wollen.
Die Feldherren haben ihre Wohnkultur mit ins Feld genommen; die Silberleuchter waren ihnen unverzichtbar, weil Kriegführen ein völlig unbezweifelbarer Teil kultureller Tätigkeit sein konnte. Die Ehre auch im Letzten zu wahren, hatte der edle Krieger sein Pistol; entweder, um damit persönlich gegen einen anderen vorzugehen, der sich ebenso persönlich gefordert sah; oder um das Pistol gegen sich selbst zu richten, wenn kein anderer Ausweg blieb.
Diesem kulturell vermittelten Selbstverständnis alteuropäischer Kulturträger setzt Broodthaers in der zweiten Einheit die heutige Realität des Krieges gegenüber.
Wir lesen in erster Linie von links nach rechts. Hätte da nicht die alteuropäische Version von Kultur links stehen sollen, im übertragenen Sinne also am historisch früheren Punkt des Panoramas? Nein, denn das gute alte Waterloo ist eine Fiktion aus heutiger Sicht, vermittelt als ein Bilderpuzzle, das auf dem Gartentisch gerade zusammengelegt wird, um die Langeweile zu vertreiben. Von heute her rückwärts erscheint Waterloo als das verklärte Bild alteuropäischer Kultur. Von heute her, wie die linke Einheit des Werkes das unserem Gefühl einschreibt. Jede Waffe ist eine automatische, selbständige Maschinerie geworden; die Soldaten sind Bedienungspersonal mit Freizeitregelung und der Mentalität von Bürokraten oder Laborexperimentatoren. Kühl und sachlich wollen sie sein, ohne Emotionen. Sie haben ihren Job wie jeder andere, eben den des Täters. Im Freizeitdress, mit lässiger Gleichgültigkeit, erfüllen sie, was von ihnen von Berufs wegen erwartet wird. Auch der Tod hat nicht ein Herr bleiben können!
Beide Bilder entsprechen einander. Welche Vergangenheit wir uns zulegen, das hängt von der jeweiligen Gegenwart ab. Vergangenheit wie Gegenwart werden zu sich wechselseitig bedingenden Fiktionen.