BESUCHERSCHULE d 7

Die Hässlichkeit des Schönen - Spaziergänge Tempelgänge Paradegänge

Besucherschule zur d7 | Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Fotos: Lothar Koch. Verantw.: Walter Spötter
Besucherschule zur Documenta 7: Die Hässlichkeit des Schönen

  • Spaziergänge durch die Ausstellung – Im Gehen sehen
  • Tempelgänge in der Documenta – Im Sehen verstehen
  • Paradegänge zur d 7 – Im Verstehen weggehen

Seite im Original: 82

24 De Maria, Cucchi

N. de Maria hat seine "Reise" als Wandbild hier im Raum erarbeitet. Kleine Skizzen, handtellergroß bis DIN A 3, übertrug er ziemlich genau. Das ist verwunderlich, da ja die Kleinbildvorlage keine Möglichkeit bietet, von der auszuführenden Version vorweg schon einen Eindruck zu erhalten. Aber die Skizzen waren Gerüst, Stütze der Erinnerung daran, daß er, der Maler, etwas Bestimmtes erreichen wollte und nicht nur irgendetwas, das als Wandbild standhalten würde.
Auf der Skizze sah man deutlich, wohin die Erinnerung ging. Jede Erinnerung ist ja Rekonstruktion von heute aus, läßt das Vergangene zum heute Wirksamen, Gegenwärtigen werden. Boccioni wird als gegenwärtige, heutige künstlerische Kraft in diesem Wandbild de Marias sichtbar. Die "Reise" gilt auch Boccioni: Er kommt in de Marias Bild an, und de Maria reist mit ihm im Gepäck (Koffer). Boccionis Malerei und Plastik von vor dem ersten Weltkrieg sind, von den jungen Italienern her gesehen, der entscheidendste Beitrag eines Künstlers zur Geschichte der modernen Kunst in Italien.
Auch Cucchi scheint Boccioni zu sehen; allerdings einen anderen Boccioni als de Maria. Es ist der Boccioni der "Seelenzustände" von 1908! Harte, fast metallene Bildfeuer macht Cucchi an Boccioni sichtbar. Bei Boccioni ist die Bildmetapher das Kleinstkind in der Wiege; bei Cucchi der leidende Christus an der Martersäule. Aber es sind mehrere Christusköpfe, allgemeine Gesichter, die aus allen Menschen uns ansehen. Gefesselt an die Zeugnisse schon nicht mehr verstehbarer Kultur ("antike Säulen"), gehen wir durchs Fegefeuer der Zeit. Aber das Überkommene und Fremde bietet Halt und wird zur Stütze; die Tempel stürzen nicht ein, der Marmor wird nicht zu Gips. – Oder ist es doch ganz andersherum gemeint: Wenn wir die aus der Antike stammenden Kulturtraditionen aufgeben, indem wir sie rückhaltlos ausbeuten; indem wir den Marmor zu Gips verarbeiten, dann bricht auch unser christlicher Glaube zusammen, der an diese Tradition geknüpft ist. Glühen die Säulen schon vom Feuerstrom, der auf sie zurast? – Jedenfall sind die Kunstwerke auch im Tempel nicht sicher, weil der Tempel nicht sicher ist.
Die Kunst ist wieder eine Flucht, gerade heute; keine Reise, sondern eine Flucht mit dem kleinsten Gepäck. Die großen Werke lassen sich ohnehin nicht mitnehmen; deshalb konnte de Maria das große Bild ruhig so ausführen wie hier; das Bild kann seinen Ort nicht wechseln, es bleibt auf der Wand und teilt ihr Schicksal. Geht wirklich alle Flucht nach innen? "Reise aus dem Reich der Blumen ins Innere des Malers" heißt de Marias Wandbild. Was er in sich sieht sind Bilder, die nicht verloren oder zerstört werden können. Sind wir hier auf der d 7 schon wieder alle auf der Flucht vor den Bränden und Bilderstürmen? Ob auch für uns das Innere der Künstler der sicherste Zufluchtsort ist? Ob auch für uns das Innere der Künstler der sicherste Zufluchtsort ist?

[Bild]
Die links schräg abknickende, weiße Wand Ist beim WeiterschreIten optisch ein Bestandteil der "Reise". Wie sich Cucchis "Mediterraner Kalvarienberg" da hineinschiebt, das ist fast ein Modell der Versöhnung für die so unversöhnten Ansprüche der Bilder auf gegenseitige Dominanz.