BESUCHERSCHULE d 7

Die Hässlichkeit des Schönen - Spaziergänge Tempelgänge Paradegänge

Besucherschule zur d7 | Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Fotos: Lothar Koch. Verantw.: Walter Spötter
Besucherschule zur Documenta 7: Die Hässlichkeit des Schönen

  • Spaziergänge durch die Ausstellung – Im Gehen sehen
  • Tempelgänge in der Documenta – Im Sehen verstehen
  • Paradegänge zur d 7 – Im Verstehen weggehen

Seite im Original: 84

25 Kounellis * Kiefer * Kirkeby

Die Dialektik von Zerstören und Bewahren hat Kounellis seit langem interessiert. Ihr geht er nach. Um sein eigenes Tun für sich bestimmbar werden zu lassen, forscht er historische Beispiele aus. Die Barbaren kamen nach Rom, zerschlugen sinnloserweise gerade das, was dort eigentlich habenswert und begehrenswert war. Die Barbaren konnten nicht anders; ihre Haltungen waren zu unterschiedlich; die Kulturen sind nicht miteinander vereinbar. Weil eine Kultur sich gegen die andere absetzt, um zu ihrem Selbstverständnis zu kommen, und die konsequenteste Absetzung die Zerstörung ist, erfüllten die Barbaren nur, was ihnen ihre Kultur aufgab.
So verfahren und verfuhren wir heutigen Barbaren ja immer mit den Kulturen der Dritten Welt. Aber wie ein Gutteil der fremden Kulturerzeugnisse nur in unseren Museen überleben konnte, so rettete gerade die Zerstörung, das Ruinieren, die antike Kultur als Beutestücke der wandernden Barbaren. Nur als Fragment überlebte das Alte, seinem tatsächlichen Charakter gemäß, nämlich fremd zu sein, unwiederholbar.
Die Barbaren legten Feuer an die Marmortempel und Statuen. Die Hitze zersprengte den Stein; die Fragmente sprangen ab – in so kleinen Stücken, daß man sie mit sich nehmen konnte. Und so wurden sie bewahrt – durch ihre Unvollkommenheit. Man bewahrte sie, weil sie den Barbaren als Zeichen ihres Triumphes über die andere Kultur erhaltenswert erschienen.
Das Lagerfeuer der Barbaren züngelt schon um den Tempel. Jeder Besucher hier auf der d 7 ist in der Art, wie er egoistisch und rücksichtslos sich gegen die Werke zu behaupten sucht, ein Barbar. Der Rauch ist Zeichen, er spricht in Bildern. Auf italienisch heißt Sprechblase wörtlich übersetzt "Räuchlein".
Es entsteigt dem Schornstein und wird am Himmel sichtbar. Es entsteigt den Lagerfeuern der Nomaden, die für einen Tag in den Tempel der fremden Kultur strömen, um sich bepackt mit sinnlosen Bruchstücken davonzumachen.
Aber die Besucher der d 7 werden gerade dadurch die Tempelwerke retten, daß sie sie, in kleine Erinnerungsstücke zerlegt, als Touristenbeute nach Hause schleppen.
Kiefers "Waterloo" über noch bebender Erde bestärkt Kounellis. Nachwirkungen der Geschichte lassen noch heute jeden unsicher schwanken, der daran geht, ein Werk zu schaffen, das erst in der Zukunft Geschichte werden soll. Was ist dafür zu hoffen, was anderes als Trümmer, Bruch und Spaltung?
Dennoch behaupten einige demgegenüber, wie Kirkeby im selben Raum, die unaufgebrauchte Vollkommenheit des aus sich restlos bestimmbaren Werkes der Malerei. Wenn morgen die Welt unterginge, würde er heute noch in aller Gelassenheit ein Bild malen, das so tut, als gebe es keinen Einwand dagegen und keinen gegen die notwendige Beschränktheit jedes Künstlers, der malt.