BESUCHERSCHULE d 7

Die Hässlichkeit des Schönen - Spaziergänge Tempelgänge Paradegänge

Besucherschule zur d7 | Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Fotos: Lothar Koch. Verantw.: Walter Spötter
Besucherschule zur Documenta 7: Die Hässlichkeit des Schönen

  • Spaziergänge durch die Ausstellung – Im Gehen sehen
  • Tempelgänge in der Documenta – Im Sehen verstehen
  • Paradegänge zur d 7 – Im Verstehen weggehen

Seite im Original: 88

27 Oldenburg

Wenn ein Architekt seinem Kunden das Modell des später auszuführenden Hauses zeigt, unterschlägt er etwas Entscheidendes. Für die Realität gibt es kein Modell, jedem Modell fehlt irgendetwas. Entweder stimmt das Material, dann stimmen aber die Proportionen nicht. Oder die Proportionen stimmen, dann stimmt das Material nicht.
Wir haben gleich drei Modelle vor uns. Erstens den Raum, in dem wir stehen, bei dem als Modell zwar das Material der Architektur stimmt, aber die Proportion des Handwerkzeuges nicht; zweitens das Modell für den Raum, in dem wir stehen, bei dem zwar das Handwerkszeug richtig proportioniert ist, aber das Material falsch bleibt. Und drittens das Modell des Modells jenes Raumes, in dem wir stehen, bei dem nichts mehr stimmt – außer daß es noch Modell ist. Alle Modelle sind gleich falsch, weil unser Modellbegriff falsch ist. Wir tun so, als ob zwischen Modell und Realität ein kontinuierlicher Übergang herrsche. Der Künstler weiß, daß das nicht stimmt. Von den sich einstellenden qualitativen Sprüngen lebt er. Wir wollen es immer erneut nicht glauben und müssen deswegen immer wieder, kindlich dankbar, von der Arbeit des Künstlers überrascht sein. Wofür ist das künstlerische Schaffen Modell? Heute? Früher einmal war es nichts als Nachahmung, und das Modell lieferte Gott in seiner Schöpfung. Bitten wir höflichst Gott oder die Natur, sich an unsere Modelle zu halten! Das tun wir ja schon. Und die Natur richtet sich tatsächlich danach; sie geht zugrunde.