BESUCHERSCHULE d 7

Die Hässlichkeit des Schönen - Spaziergänge Tempelgänge Paradegänge

Besucherschule zur d7 | Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Fotos: Lothar Koch. Verantw.: Walter Spötter
Besucherschule zur Documenta 7: Die Hässlichkeit des Schönen

  • Spaziergänge durch die Ausstellung – Im Gehen sehen
  • Tempelgänge in der Documenta – Im Sehen verstehen
  • Paradegänge zur d 7 – Im Verstehen weggehen

Seite im Original: 89

28 Dokoupil, Dahn

Alles geht, wenn es geht. Also probieren wir's. Probieren geht in jedem Fall über Studieren. Wie neidisch sind wir vorsichtigen Lebenseinrichter, wir beflissenen Kunstplaner, wenn wir jetzt auf junge Leute stoßen, die sich noch einen Deubel darum kümmern, was wir von ihnen halten. Bis in dieses Frühjahr hinein waren sie alle, Clemente, Cucchi, Chia und die Deutschen, noch nicht zur Teilnahme an der d 7 eingeladen. Man wollte erst noch prüfen, ob sie denn auch reif seien, ernsthaft genug, um durchzuhalten; ob sie Substanz hätten. Die Burschen haben nur gegrinst, als die Kommissare sich überwanden – eigentlich wohl, um sich nicht ganz lächerlich zu machen mit ihren großväterlichen Qualitätskriterien, die denn doch bei jeder unvermeidbaren Gelegenheit schnell vergessen wurden. Jammervolle Frackaffären. Und wen sie dann einluden? Zum Beispiel nicht Bömmels, dessen Arbeit genauso eigenständig und stark ist wie die von Clemente oder Paladino. Er ist am weitesten unter allen Jugenddeutschen; er erarbeitete Ikonographie und Bildklimata, die heute die 16- bis 20jährigen bestimmen. Und die haben den weitestreichenden Anlaß, nach der Zukunft zu fragen; mit ganz anderem Nachdruck zu fragen, als er von der Sorge um die malerische Qualität und Reife ausgeht.
Sie haben zum Beispiel Julian Schnabel nicht eingeladen, weil er so überstürzt Karriere gemacht hatte in den USA. Schnabel ist zwar Amerikaner, aber die bisher wichtigsten Entwicklungsjahre hat er im Rheinland verbracht. Dokoupil knallt der d 7 mit allem Mutwillen einen Schinken an die Wand, der Werkeigentümlichkeiten von Schnabel zeigt: statt der Schnabel-Keramik sind es Bücher. Da habt ihr Schnabel, den ihr nicht wollt! Und wie sie die Schinken hier anlieferten! Während die kostbaren Werke in Dreifach-Verpackung mit Spezial-Kunsttransportern schwebend und behütet hierher ihren Weg nahmen, warfen die Kölner Jungs ein paar Decken um ihre Werke, stellten den Plunder auf ein Last-Taxi, zurrten mit harten Knoten fest, und ab ging's. Hier packten sie selbst locker an, und nach ein paar problemlosen Stunden war der ganze Fall ausgestanden, der bei den lieben, reifen, ernsthaften Kollegen viele Wochen bedenkliches Kopfschütteln in Sorge um die Kunst hervorrief.
In solchem Verhalten teilt sich mehr über die Werke der Jungen mit als in werkimmanenten Erörterungen. Man spürt es ja empathisch, worum es geht; lapidarer als mit dem Hinweis "Raucherbein" kann man es eigentlich nicht sagen.
Dies ganze Gerede von den "Jungen Wilden", diese hämische Suche nach Vätern und Großvätern; als ob das was anderes sagen könnte als "aha, alles bloß Neuaufguß, alles bloß Reflex." Lachhaft! Diese Jungen setzten ihre Lappen in die Welt, wie immer willkürlich oder abgeleitet, entwickelt oder bloß mal kurz gedrückt. Was das dann sein könnte, bleibt uns herauszubringen, wenn wir von dem Neuen so erschreckt sind, daß wir gleich zu den gesicherten Beständen zurückfliehen müssen, wie der erschreckte Hund in seine Hütte.
Und da liegt dann der Casus im Pfeffer!
Nicht Vorbilder sind die alten Wilden oder Expressionisten für die Jungen, sondern Rückbilder. Erst nach rückwärts erscheinen uns die Alten jetzt so, als hätten sie Ähnlichkeit mit den Jungen, weil wir an den Alten das stärker als bisher heraussehen, was wir ohne die Jungen kaum wahrgenommen hätten. Die, wie immer auch, arbeitenden jungen Wilden schaffen uns unter dem Druck ihrer neuen angstmachenden Behauptungen ein neues Bild der alten Wilden. Voilà, das ist Avantgarde; Avantgarde hat die Kraft, uns neue Traditionen aus den abgedroschenen Beständen herauszubilden. Nur die Avantgarde schafft Traditionen; nur die jungen Wilden lassen die ausgelutschten Bilder der alten Wilden wieder zu einer gegenwärtig wirksamen Kraft werden.
Also setzen Sie sich zu Hause hin und blättern Sie in den Reproduktionen von Werken der alten Wilden. Besser, sehen Sie sich die Werke in Museen an. Es werden Ihnen die Augen aufgehen.
Inzwischen aber haben die Jungen schon wieder ganz andere Rückbilder parat. Der andere, rechts hängende, große Dokoupil ist schon wieder so beängstigend neu und unverständlich, daß wir gleich anfangen müssen, in anderen Museumsbeständen zu suchen.