BESUCHERSCHULE d 7

Die Hässlichkeit des Schönen - Spaziergänge Tempelgänge Paradegänge

Besucherschule zur d7 | Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Fotos: Lothar Koch. Verantw.: Walter Spötter
Besucherschule zur Documenta 7: Die Hässlichkeit des Schönen

  • Spaziergänge durch die Ausstellung – Im Gehen sehen
  • Tempelgänge in der Documenta – Im Sehen verstehen
  • Paradegänge zur d 7 – Im Verstehen weggehen

Seite im Original: 128

Das fruchtbare Missverstehen

Die Differenz von Bedeutung und Vergegenständlichung, von Gedanke und Sprache, von Konzept und Realisierung bleibt unaufhebbar.

Das kann man sich am besten wiederum klarmachen an einem Beispiel, hier wieder aus dem 18. Jahrhundert, und wieder aus Kassel, und wieder mit dem Hinweis an Sie, daß Sie nicht von vornherein vermuten sollten, die heutigen Künstler behandelten hier spinnerte Probleme, die es vorher nie gegeben hat. Ich wähle dieses Beispiel ebn, um Ihnen zu zeigen, wie großartig solche Probleme früher behandelt wurden, und andererseits, wie großartig heutige Künstler genau entsprechend vorgehen, allerdings mit anderen Mitteln, in anderen Zeiten, vor anderen Betrachtern.
Im Park der Karlsaue gibt es unter den vielen Gartenarchitekturen unter anderem diese beiden Rondells, die Sie hier sehen: Das eine in der Mitte leer, ohne Bäume, ein Negativ, aber die Begrenzung des leeren Rondells wird durch einen Kranz von Bäumen, durch eine Allee gebildet.
Auf der anderen Seite, über eine der Parkachsen gespiegelt, liegt das zweite Rondell, dessen inneres Feld dicht von Bäumen bestanden ist, dessen Umgrenzung aber durch eine Schneise gebildet wird. Der Wechsel von baumbestandenen Flächen und baumlosen Flächen ist als jeweiliges Verhältnis von positiv zu negativ lesbar. Wann immer jemand im Park spazieren geht, sieht er nur einzelne Aspekte dieser Anlage. Damit sich ihm diese Einzelaspekte zur Gartenarchitektur zusammenschließen, ist der Wanderer genötigt, in seiner Vorstellung den Plan der Anlage stets präsent zu halten und seine jeweilige Standposition gedanklich zu markieren. Er sieht immer nur ein bißchen totes Zeug, Bäume, Gras, Sandwege; damit ihm durch seine Bewegung dieses Material bedeutsam wird, muß er eine gedankliche Leistung vollbringen: Konstruktiver Plan und das konkrete gestaltete Naturmaterial müssen aufeinander bezogen werden und dennoch als zwei verschiedene Ebenen der Erfahrung auseinandergehalten werden. Die Einheit von gedanklichem Konstrukt und gestaltetem Material in ihrer dennoch herauszuarbeitenden Nichtidentität macht die eigentliche Bedeutung aus.
Die Gartenbaumeister des 18. Jahrhunderts haben in der Karlsaue auf raffinierte Weise immer wieder dazu anhalten wollen, so den Park für den Wanderer bedeutsam werden zu lassen. Hier schaut man von einem Standpunkt auf einem Wege geradeaus, am Ende des Weges bemerkt man eine betonte Anhäufelung, auf der ein einzelner Baum steht. Rückwärts blickend die gleiche Konstellation. Wieder ist rechts am Endpunkt des Weges eine betonte Anhäufelung mit einem geschlossenen Buschwerk zu bemerken. Wenn nun der Wanderer die Intention hat, diese Gestaltung nicht auf sich beruhen zu lassen, sondern sie für sich bedeutsam werden zu lassen, dann ist er aufgefordert, diese zunächst belanglos anmutende Konstellation dadurch zu erschließen, daß er sich selbst in die Konstellation einbezieht. Er kann dann z. B. auf dem Wege seine beiden Arme in Richtung auf die beiden Endpunkte des Weges entgegengesetzt ausstrecken, so daß optisch ein Handrücken und eine Handfläche jeweils an die betonten Aufhäufelungen stoßen. Diese Aufhäufelungen scheinen nun wie Schwunggewichte an den Händen zu ziehen. Wenn der Wanderer diesem optischen Eindruck folgt, wird er sich im Uhrzeigersinn in Rotation versetzen. Bildlich gesprochen erlebt sich der Wanderer als Speiche in einem laufenden Rad; sinnbildlich wird er zur Speiche im Rad des Lebens.
Das Verhalten oder die Reaktion des Wanderers vermittelt das bißchen gestaltetes Naturmaterial mit dem zugrunde liegenden Plan und Konzept. Mit Bezug auf unser Beispiel der beiden Liebenden heißt das, die Liebesbriefe, die Geschenke etc. sind zwar nicht die Liebe, obwohl ohne solche Vergegenständlichungen von der Liebe schwerlich geredet werden kann. Erst das Verhalten der Liebenden vermittelt Liebe und Liebesbriefe oder die Objekte mit ihren Bedeutungen.
Kunstwerke können wir geradezu von Vermittlungsleistung her definieren, sie provozieren unser Bewußtsein davon, daß Zeichen und Bezeichnetes, Vorstellung und Name, Anschauung und Begriff zwar immer nur als Einheit auftreten, dennoch aber nicht identisch sind. Dazu in Analogie zum Vorgehen der Gartenbaumeister des 18. Jahrhunderts einige kurze Hinweise auf ganz ausgezeichnete Beiträge von documenta-Künstlern.
Zunächst das Brückenobjekt von [George] Trakas. Trakas richtet sich der Parkanlage entsprechend mit einem Teil seines Objektes, dem Stahlweg, auf das Zentrum des Parks, nämlich den Zentralpavillon der Orangerie, aus – so wie alle anderen Achsen des Parks auch. Bei diesem Versuch der Ausrichtung werden bereits Probleme sichtbar, die Trakas bearbeitet.
Er richtet seinen Steg auf den Zentralpavillon der Orangerie aus, aber was heißt das? Man sieht deutlich, daß er seinen Steg auf das Portal der Orangerie orientiert, also auf die äußere Begrenzung des Pavillons. Zu dieser Fassade gehört aber der gesamte Baukörper mit einem in seinem Inneren liegenden Mittelpunkt. Dieser Punkt scheint für die Orientierung auf einen Körper im Raum entscheidender zu sein als der Mittelpunkt seiner Außenfassade. Mit seiner Art der Ausrichtung zeigt uns Trakas dieses Spannungsverhältnis der Orientierung auf einen Körper im Raum: zwar richtet er seinen Steg auf das Portal aus, aber durch den optisch dominanten Mittelpunkt des gesamten Gebäudes werden wir gezwungen, gedanklich in leichter Abweichung von der tatsächlichen Steglinie, eine zweite optische Achse zu ziehen.
Auch auf andere Gegebenheiten des Parks hin demonstriert Trakas die Leistung solcher gedanklicher Operationen, die sich selbstverständlich auf die uns von Natur aus vorgegebenen Funktionen des menschlichen Wahrnehmungsapparates verlassen. Wenn man zwischen vereinzelt stehende Bäume gedanklich eine solche Achse zieht, treten die Bäume für Menschen zwangsläufig in Beziehung. Die zunächst belanglos nebeneinander stehenden Bäume bilden dann z. B. hier die Figuration eines Dialogs aus: zwei Bäume im Gespräch. Gleich daneben treffen wir einige Birken an, die miteinander in Wechselwirkung gebracht, die Eckpunkte geometrischer Figuren regelhafter Ordnungen repräsentieren.
Der Metallsteg selbst wird zunächst von einzelnen eisernen Trägern umstanden, wie ein Weg von Bäumen, also beschreiten wir den Metallsteg wie einen Weg. Beim Beschreiten eines Weges orientieren wir uns mit den Augen weit voraus immer schon über seinen Verlauf, wir stellen uns bereits vor, wie der hinter der Achsenbiegung sich fortsetzen wird. Wir sehen uns gleichsam schon an einem fernen Punkt, den wir aber erst nach entsprechender Wanderzeit erreicht haben werden. Diese Vermutungen über etwas zu Erwartendes beeinflussen unser Verhalten, z. B. werden alle Wanderer kurz vor Erreichen einer Kuppe den Schritt beschleunigen, weil sich das Verlangen verstärkt, möglichst schnell zu erfahren, was sie jenseits der optischen Sperre sehen werden: etwas, was sie weitgehend vermuteten oder etwas davon erheblich Abweichendes.
Trakas baute seinen Metallsteg nun so auf, daß der Steg durch Schwingung jeweils unmittelbar auf die veränderten Bewegungen der Wanderer reagiert, die sich auf dem Steg bewegen. Die Wahrnehmungen über die Augen und die Wahrnehmungen über den Bewegungsapparat geraten dabei in Kollision oder verstärken einander, je nach Bewegungsart. Die Informationen, die man über die Füße aufnimmt, werden bewußt, was uns umso überraschender vorkommt, als wir gewohnt sind, auf unseren zivilisierten Wegen über optische Informationen immer schon genau voraussagen zu können, welche Art Weg wir beschreiten. Typisch für uns Zivilisationskrüppel ist, daß wir auf nicht normierten Wegen stets mit unmittelbar vor die Füße gerichtetem Blick wandern, also eigentlich gar nichts mehr sehen, weil der Blick nicht mehr weit vorausgerichtet ist. Trakas veranlaßt uns durch unberechenbare Schwingungen seines Stegs, unsere verschiedenen Wahrnehmungsorgane in einer neuen Weise miteinander kooperieren zu lassen, oder sie ineinander zu transformieren. Der Fuß wird zum Auge, das Auge zum Fuß.
Trakas' Objekt bietet aber noch Anlaß zu einem ganz anderen Gedanken. Das Objekt besteht ja nicht nur aus dem stählernen Steg, sondern auch noch aus einem ganz anders gestalteten hölzernen Steg, dessen Boden nicht durchgängig ist, sondern aus einer Reihe von Schwellen besteht, wie wir sie von Eisenbahngleisanlagen kennen. Der Abstand der Schwellen variiert. Man kann also nicht gleichförmig gehen, weder mit sehr kurzen Schritten von Schwelle zu Schwelle, noch mit sehr langen Schritten, die immer die gleiche Anzahl von Schwellen überspringen. Das Holz dieses Steges ist im Unterschied zum Stahl sehr starr, es antwortet nicht auf den Schritt des Wanderers. Der Holzsteg setzt der Bewegungsintention einen völlig anderen Widerstand entgegen als der Stahlsteg. Durch den Holzsteg wird also auch eine andere Zuordnung unserer verschiedenen Wahrnehmungsorgane in Aktion erzwungen.
Mit Blick auf unser Generalthema kann man sagen, Holzsteg und Stahlsteg nötigen uns zu anderen Unterscheidungen des Zusammenspiels unserer Wahrnehmungsorgane. Sie bieten verschiedene Unterscheidungsgesichtspunkte und damit auch Bedeutungen. Trakas stellt nun die Frage, was eigentlich passiert, wenn diese unterschiedlichen Bedeutungsgefüge, die wir normalerweise Ordnungen nennen, zusammentreffen. Trakas meint, wie er demonstriert, daß dieses Zusammentreffen unterschiedlicher Bedeutungsgefüge Chaos produziert. Wo Stahlsteg und Holzsteg aufeinandertreffen, ereignet sich chaotische Zerstörung, die Trakas mit einer Sprengung erzeugt hat.
Ein sinnvolles ganzes Bedeutungsgefüge, eine Ordnung ist noch relativ leicht zu durchschauen. Mehrere gleichermaßen durchformulierte Bedeutungsgefüge muß man entweder nebeneinander bestehen lassen als einander funktional äquivalent; sonst heben sich die verschiedenen Bedeutungsgefüge gegenseitig auf, sie schaffen wieder eine Tabula rasa.