BESUCHERSCHULE d 7

Die Hässlichkeit des Schönen - Spaziergänge Tempelgänge Paradegänge

Besucherschule zur d7 | Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Fotos: Lothar Koch. Verantw.: Walter Spötter
Besucherschule zur Documenta 7: Die Hässlichkeit des Schönen

  • Spaziergänge durch die Ausstellung – Im Gehen sehen
  • Tempelgänge in der Documenta – Im Sehen verstehen
  • Paradegänge zur d 7 – Im Verstehen weggehen

Seite im Original: 92

30 Salome

Er wurde umgehängt, stärker vereinzelt; hoffentlich nur, damit die Neue Galerei auch noch etwas Gutes bekam. Außerdem hing er neben Dokoupil-Schnabel besser als jetzt vor der hohlen Gipserei von Christians. Dem hilft das auch nichts mehr, aber Salome schadet es. Natürlich könnte das auch zeigen, was zu beweisen war, daß nämlich nicht viel dran sei an diesen Jungen und einem ihrer allgemein herausgehobenen Vertreter. War das der Zweck der Übung? Es beweist eher, daß man aus ausstellungspolitischen Gründen die jungen Wilden einlud; man war nicht überzeugt, aber durch die Verhältnisse genötigt.
Immer wieder haben wir bei Gelegenheit auf eines unserer Themen hingewiesen, das jetzt hier mit Bezug auf Salome noch einmal beigezogen werden soll. Nichts zeigt sich seit zehn Jahren so deutlich wie der Grundirrtum der Moderne. Malen auf das Bearbeiten von Flächen mit Farbe beschränken zu wollen, um die Eigengesetzlichkeit der Malerei gegenüber allen anderen künstlerischen Handlungsformen zu betonen, war ein historisch zwar verständlicher aber erfolgloser Versuch. Das Auge ist unteilbar; der Gesichtssinn beherrscht weitgehend auch die anderen Sinne. Zwar lassen sich die natürlich wie kultürlich antrainierten Kooperationen der Sinne voneinander abkoppeln. Im Traum geschieht das automatisch, in den Erkenntnisakten systematisch. Aber es muß immer wieder zu (allerdings leistungsfähigeren) Neukoppelungen kommen. Die Wahrnehmungen von Raum, Fläche, Farbe, Form, Volumen etc. kooperieren immer, ob man will oder nicht. Da kann man nur variieren, auf welche Weise sie bei einer bestimmten, von einem Bild gestellten Aufgabe kooperieren sollen. Farbe erzwingt selbst dann Verräumlichung der Vorstellung, wenn sie plattgewalzt und völlig gleich verteilt erscheint.
Die von der Natur unseres Auges erzwungene Verräumlichung zieht nicht zwangsläufig nur eine einzige mögliche Auffassung vom Bild als Raum (hinter und vor der Leinwand) nach sich.
Salomes Bewegungsmotive (hier das Schwingen – in dem großen Bild, das jetzt in der Neuen Galerie hängt, ist es die Bewegung einer Gruppe von Menschen bei der Strandgymnastik) geben einen Hinweis: eine Bewegung von links nach rechts in einem Bild könnte auf einer Ebene bleiben. Eine Bewegung von vorn nach hinten oder umgedreht durchschneidet und verknüpft viele Raumebenen des Bildes. In solcher Bewegung kann die hinterste Ebene bis weit vor das Bild herausschwingen. Diese Verräumlichung in der Bewegung ist kennzeichnend für Positionen der Jungen. Die Bewegungsformen schaffen nicht nur dynamische Räume, pulsierende, atmende. Der Raum wird ständig gewandelt in der Durchdringung von Tiefe und Vorvordergrund; die Raumschichten sind so zahlreich, wie Farbwerte und Flächenformen geschichtet, überschnitten und verlagert werden können.
Selbst wenn Farbe und Formen, Körper und Flächen im Bilde keinen Hinweis auf die Schwerkraft als Koordinate geben, wenn Bilder also völlig abstrakt sind, bleibt das betrachtende Auge, soweit es nicht rotiert und also gar nichts sieht, durch die Schwerkrafterfahrung des Betrachters räumlich fest koordiniert. Die Arbeiten von Salome sind dafür ein guter Beleg, und ihre räumliche Vielschichtigkeit hat kaum ein anderer bisher erreicht. Die Kubisten natürlich ausgenommen, aber die gingen ganz anders vor.