BESUCHERSCHULE d 7

Die Hässlichkeit des Schönen - Spaziergänge Tempelgänge Paradegänge

Besucherschule zur d7 | Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Fotos: Lothar Koch. Verantw.: Walter Spötter
Besucherschule zur Documenta 7: Die Hässlichkeit des Schönen

  • Spaziergänge durch die Ausstellung – Im Gehen sehen
  • Tempelgänge in der Documenta – Im Sehen verstehen
  • Paradegänge zur d 7 – Im Verstehen weggehen

Seite im Original: 94

31 Longo

Die fünfgliedrige Werkeinheit Longos (vier großformatige Kohlezeichnungen auf Papier, ein noch größeres, lackiertes Holzrelief als herausgehobene Mitte) scheint Bewegung als Zustand auf Dauer zu beschreiben. Die exzentrischen Körperhaltungen könnten zunächst als Momentaufnahmen aus einer kontinuierlichen Bewegungsabfolge gelesen werden, wie sie beim Tanzen heute normal sind. Dann würden wir Longo eher in die Nachfolge der Fotorealisten stellen. Die auffällige Plazierung des Reliefs in der Mitte ruft jedoch Zweifel an dieser Zuordnung wach. Offensichtlich verfolgt Longo im Relief das gleiche Problem wie in den Zeichnungen. Die Verschachtelungen der reliefierten Körper, deren dynamisierte Durchdringung, bleibt undefinierbar; sind die bewegten Körper eher durch Kräfte bestimmt, die von einem feststehenden Mittelpunkt wegtreiben oder von Kräften, die die Körper zur Mitte hin ziehen?
Gewinnen die "Menschen in den Städten letztes Leben" aus einem Bewegungszentrum in sich, oder bewegen sie sich als Abschleuderungen? Daß für Körper und Körpererfahrung immer die natürliche Schwerkraft als letzte Orientierungsgröße bestehen bleibt, wissen wir. Aber die Haltungen der Tänzer scheinen nicht auf diese ohnehin unüberwindbare Größe ausgerichtet, die selbst dann bestehen bliebe, wenn sich die Körper in extremsten Flugbewegungen befänden und damit der Schwerkraft den entschiedensten Widerstand entgegenbrächten.
Wenn wir etwas Neues, Unzugängliches vor uns haben, sollten wir, so war unser Vorschlag, unserem instinktiven Verlangen folgen, zu dem zurückzukehren, was uns vertraut und bekannt zu sein scheint. Die Richtung zurück ergibt sich aus gewissen Ähnlichkeiten zwischen dem Neuen und dem Vertrauten. Wir glauben, uns z. B. daran erinnern zu können, daß im Manierismus des 16. Jahrhunderts in etwa ähnliche Probleme zur Diskussion standen wie hier bei Longo. Was war das Manieristische? Es war die Darstellung von bewegten Körpern in einer solchen Weise, daß die exzentrischen Positionen, die extremen Farben etc. überdeutlich werden ließen, wie psychische (seelische und gedankliche) Kräfte als Antriebe für die Bewegung der Körper zur Geltung kommen. Der Manierismus stellte eine bestimmte Vermutung darüber auf, in welcher Weise psychische und physische Bewegungen zusammenspielen, nämlich als einander bedingende.
Auf Longo hin und von Longo aus wird diese Auffassung zu verändern sein. In der Orangerie ist ein Relief Longos zu sehen: "Der Krieg der Konzerne/Mauer des Einflusses" (wiederum ausgearbeitet in der Bewegung von Menschenkörpern und Gegenstandskörpern). Der "Krieg" zeigt kämpfende Leiber in allen denkbaren Positionen (und daneben kämpfende Gegenstandsformen). Im "Krieg" scheinen die physischen Bewegungsvorgänge sich unmittelbar aus psychischen zu entwickeln wie im Manierismus; aber das ist ja bei einem Bewegungsgeschehen wie "Kampf" auch kaum anders denkbar. Völlig anders, also auch anders als der Manierismus die psycho-physischen Zusammenhänge sah, geht Longo in "Menschen in den Städten, letztes Leben" vor. Und das ist für unsere Gegenwart, unsere Selbstwahrnehmung von äußerster Bedeutung.
Nicht mehr ein psychisch vorgegebenes Gefühl oder ein Gedanke bilden das entsprechende Körperprogramm in Bewegung, Haltung und Ausdruck. Die Körperprogramme, so könnte man es spüren, laufen leer, ohne psychische Antriebe. Ja, die Tänzer scheinen gerade darauf aus zu sein, solange die Bewegungsprogramme an ihren Körpern zu vollziehen, bis sich endlich wenigstens eine ungefähre seelische und gedankliche Parallele zu den Körperbewegungen einstellt.
Wenn wir von Longo her das Problem grundsätzlich auffassen, dann könnten wir – und das müßten wir an Manierismuswerken überprüfen – sagen, daß wir die Manieristen bisher anders (falsch?) verstanden haben. Wir würden jetzt aus den Manieristen mehr herauslesen als bisher: Nur auf niedrigstem Niveau der Lebensäußerungen bestimmen psychische Antriebe physische Reaktionen. Darüber hinaus läßt sich nur ein unbestimmter Parallelismus von Physis und Psyche feststellen; und gerade in der Unbestimmtheit liegt das Problem.
Auf die Kunst eingeschränkt hieße das:
Nicht wir verstehen Bilder und haben dann die bekannten, mehr oder weniger schönen Gefühle und Gedanken; sondern die Wirkungen von Formen, Farben etc. übertragen sich auf unsere Körper, versetzen sie in Bewegungen und dann erst bauen wir zu diesen physischen Selbstwahrnehmungen psychische Entsprechungen auf, die wir zu identifizieren und zu interpretieren versuchen.
Die Unbestimmtheit dieser gefühlsmäßigen und gedanklichen Entsprechungen zu Körperprogrammen hat offensichtlich in der Gegenwart zugenommen, so könnten wir Longo verstehen. Die Körper sind von den Seelen und den Gedanken abgekoppelt, abgetrennt. Die Körper sind allein, ihre Bewegungen sind ziellos; sie sind bloße Reaktionen auf äußere Anstöße und nicht mehr auf innere Antriebe. Ja, mehr noch, schrecklicher. Nicht nur daß die Seelen, die Gedanken keinen Ort mehr in der Welt haben, sie können sich gar nicht erst entwickeln und wirken. Sie sind überhaupt nicht mehr vorhanden, weil sie keinen Ort (den Körper) in der Welt haben.
Den Gefühlen und den Gedanken diesen Ort und damit Entwicklung und Wirkung zu geben, war seit Platons Zeiten eine der wichtigsten Aufgaben der Kunst.
Longo gehört zur Gruppe der Jungen, die in den 50er Jahren geboren wurden (wie Dokoupil, Dahn, Salome, de Maria, CIemente und die vielen anderen, die wir hier nicht erwähnen konnten). Soweit sich auch gegenwärtig der Internationalismus der Moderne abgeschwächt haben mag; soweit auch die einzelnen Kulturregionen wieder stärker in den Werken der Künstler spürbar sein mögen – zumindest die westlichen Industrienationen haben derart viele unüberspielbare Probleme gemeinsam, daß die in diesen Ländern lebenden Künstler der jungen Generation doch (auch gegen ihren Willen) zu sehr ähnlichen Haltungen und Einstellungen genötigt sein sollten. Soll man diesen Zwang Zeitgeist nennen? Merkwürdig genug ist es, daß der Geist der Zeit am Ende stets am deutlichsten aus den Werken derjenigen spricht, die sich ihm entgegengestemmt haben und die vom Zeitgeist gebrochen, zerfetzt, erledigt wurden. Das sind die Opfer, die auch in der Kunst stets am eindeutigsten den zurückgelegten Weg markieren.
Die Jungen bieten einen zwiespältigen Eindruck. Sind sie als Widerständler gegen den Zeitgeist, gegen das allgemeine Desaster der Gegenwart, schon Opfer, ohne daß wir oder sie noch recht bemerkt hätten, wie sehr sie bloß den Zwängen des Zeitgeistes unterlagen? Oder sind sie tatsächlich so stark durch Gleichgültigkeit, so produktiv durch bornierten Künstleregoismus und so unbekümmert durch das Selbstbewußtsein der Jungen, wie ihre Werke das zu verstehen geben könnten?
Lassen wir es bei dem Eindruck der Zwiespältigkeit mit der Feststellung, daß diese jungen Künstler unbekümmert produktiv sind, weil die Zwänge der Zeit doch als unüberwindlich erfahren werden. Das ist nicht mehr das Pathos des "Dennoch-Künstlers" der Vorgängergeneration. Die Jungen reagieren einfach, möglichst umstandslos, je nach Gelegenheit, entweder als Maler oder als Musiker oder als Überlebenskünstler.
Alles geht, so lange es geht. Wie lange es geht, weiß niemand. Also warum soll man sich darüber, angestrengt stillsitzend, den Kopf zerbrechen?