BESUCHERSCHULE d 7

Die Hässlichkeit des Schönen - Spaziergänge Tempelgänge Paradegänge

Besucherschule zur d7 | Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Fotos: Lothar Koch. Verantw.: Walter Spötter
Besucherschule zur Documenta 7: Die Hässlichkeit des Schönen

  • Spaziergänge durch die Ausstellung – Im Gehen sehen
  • Tempelgänge in der Documenta – Im Sehen verstehen
  • Paradegänge zur d 7 – Im Verstehen weggehen

Seite im Original: 100

3 Reiss

Die Alltagserfahrung identifiziert unter dem Plexiglaswürfel so etwas wie Puppenstuben für amerikanische Kinder. Können wir nur deshalb mit ihnen nicht spielen, weil die Objekte zu kostbar sind und vielleicht gestohlen würden, wenn jeder mit ihnen spielen könnte? Es gibt ja auch kostbare Puppenstuben, die durchaus zum Spielen gedacht sind, aber dennoch wegen ihres Sammlerwertes nicht mehr berührt werden dürfen. Aber der Anblick verlockt doch zum Eingriff, es juckt einen förmlich in den Händen.
Puppenstuben sind Modelle, an denen Kinder soziales Verhalten trainieren; den Umgang mit Arbeitsinstrumenten erproben, wie sie es bei den Erwachsenen gesehen haben; den funktionalen Zusammenhang von Objekten erschließen und vor allem lernen, daß die Dinge nicht ein für allemal so plaziert sein müssen, wie man sie vorfindet.
Reiss untersucht offensichtlich einen Modellbegriff, der über den der Puppenstube hinausgeht. Nicht die Hände des Kindes, sondern die Vorstellungen des Erwachsenen werden trainiert, und nicht die Objekte selbst, sondern ihre stilistische und materiale Ausstrahlung als Eingriffe in unser Verhalten und Befinden stehen zur Diskussion.
"Die Tanzstunde" thematisiert psychophysische Zusammenhänge, die wir unter anderem in der Tanzstunde durch Ritualisierungen unserer Haltungen zu bewältigen lernen. Die sich bewegenden Körper erschließen einen Raum als Erfahrung einer Totalität, die wir als Vorstellung aufbewahren. Das Modell steht für diese Erfahrung eines Gesamtzusammenhangs. Reiss stellt die Frage, was Miniaturisierungen im Unterschied zu Monumentalisierungen zu leisten vermögen. Die Grenze für die Miniaturisierungen liegt nicht da, wo uns die Gestaltwahrnehmungen unmöglich zu werden scheinen, sondern dort, wo die sinnliche Erfahrung des Materials durch das fühlende Auge unmöglich wird.