BESUCHERSCHULE d 7

Die Hässlichkeit des Schönen - Spaziergänge Tempelgänge Paradegänge

Besucherschule zur d7 | Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Fotos: Lothar Koch. Verantw.: Walter Spötter
Besucherschule zur Documenta 7: Die Hässlichkeit des Schönen

  • Spaziergänge durch die Ausstellung – Im Gehen sehen
  • Tempelgänge in der Documenta – Im Sehen verstehen
  • Paradegänge zur d 7 – Im Verstehen weggehen

Seite im Original: 102

4 Asher

Asher fordert zu einer sehr lohnenden intellektuellen Anstrengung heraus. Er überträgt (im rechten Flügel des 1. Stockwerks) teilweise den Grundriß von Haus Esters, das Mies van der Rohe Ende der 20er Jahre in Krefeld baute. Das Haus wird heute als Museum genutzt und ist als Gesamtobjekt ein Museumsstück. Asher wählte für seine Übertragung nur diejenigen Wände von Haus Esters, die heute als Hängeflächen bei Ausstellungen dienen. Die in die Orangerie übertragenen Wände werden in der Orangerie ihrerseits als Hängeflächen benutzt. Die Übertragung ist maßstabsgerecht 1:1.
Ein Haus wird in einem anderen ausgestellt, ein Museum in einem Museum. Ein Austellungsgebäude wird in einer Ausstellung ausgestellt, aber nicht als verkleinertes Modell, nicht als Konstruktionszeichnungen verschiedenster Ansichten; sondern als Vorstellung und Erfahrung, die man am Haus Esters; gewinnen kann.
Mies van der Rohe war ein hervorragender Vertreter des damals "neuen Bauens", das heute weitgehend mit der Gestaltungsprogrammatik des Weimarer/Dessauer Bauhauses identifiziert wird. Sie zeichnet sich durch radikale Abkehr von allen historischen Stilen aus, durch Verzicht aufs Ornament, durch die direkte Beziehung von äußerer Erscheinung des Baues und seiner inneren Struktur, durch klare Raumgliederung, die auch den letzten Winkel noch schonungslos offenlegt, als durchdringe das rationale Kalkül des Architekten auch die privatesten Geheimnisse der Bewohner. Vor allem legt sie Wert auf heilige Nüchternheit der inneren Wandflächen, die in Material und Formgebung sich selbst ausstellen, weil sie selber schon ein "Bild" formulieren, anstatt anderen Bildern und Möbeln nur als Halteflächen zu dienen.
Diese Architektur, die wir heute schon als historisches Kulturzeugnis museal pflegen, spiegelt Asher in den spätbarocken Baukörper der Orangerie. Aber auch der Barockbau ist nur noch ein musealer Pflegefall: das Stockwerk wurde während der Restaurierung eingezogen, obwohl der Originalbau dergleichen nicht kannte. Ashers Übertragung läßt die überschnittenen Bögen der Orangeriefenster schonungslos hervortreten.
Museale Pflege bewahrt und zerstört zugleich den historischen Bau. Die Nutzung greift immer auch in einen Bau als Kunstwerk ein. Die neue Nutzung der Orangerie hätte selbst dann den Bau verändert, wenn er seiner materialen Substanz nach unverändert geblieben wäre.
Asher konfrontiert also zwei Baugedanken als Kulturzeugnisse, wie sie sich in Haus Esters und der Orangerie manifestieren. Beide existieren nur noch als historische Rekonstruktion. Asher zeigt beide als Ruinen, aber als erkenntnisfördernde Ruinen, als Mittel der Erkenntnis unserer Auffassungen von Kunst und Kultur.
Alles Menschenwerk ist Ruine, wenn nicht als materialer Zustand, dann doch in der Art und Weise, wie wir uns auf diese Werke einlassen. Es in Dienst zu nehmen, heißt, es zu ruinieren. Wer das erfahren hat, wird entweder die zweckfreie Autonomie der Kunstwerke propagieren (was auf der d 7 nachdrücklich zu geschehen scheint), oder er wird sein Bewußtsein auf die unvermeidliche Häßlichkeit des Schönen so einstellen, daß ihm gerade das Häßliche zum tatsächlich stichhaltigen Anzeichen von Schönheit wird.