BESUCHERSCHULE d 7

Die Hässlichkeit des Schönen - Spaziergänge Tempelgänge Paradegänge

Besucherschule zur d7 | Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Fotos: Lothar Koch. Verantw.: Walter Spötter
Besucherschule zur Documenta 7: Die Hässlichkeit des Schönen

  • Spaziergänge durch die Ausstellung – Im Gehen sehen
  • Tempelgänge in der Documenta – Im Sehen verstehen
  • Paradegänge zur d 7 – Im Verstehen weggehen

Seite im Original: 103

5 Leitner, Orr

Eine andere Art der Vermittlung von Architekturgedanken und konkreter Raumerfahrung bietet Leitner, unmittelbar neben Asher. Seine Aufbauten sind in erster Linie raffinierte Tragegerüste für Lautsprecherinstallationen und Experimentieranlagen. Sein eigentliches Baumaterial sind Töne, deren Steuerung architektonisch strukturierte Klangräume erzeugt, sobald der Besucher die gestalterisch markierten Liege- oder Standpositionen einnimmt. Dann erlebt er den Aufbau von Architekturen: spitzbogiges und rundbogiges Zusammenschließen über Tonsäulen und Tonpfeilern; quer- und hochformatige Tonwände; Raumzylinder und Raumkuben; Tonkuppeln als sphärische Räume und Tonlotungen gegen flache Decken; Verengung und Öffnung, Einlaß und Ausschluß.
Wenn wir schon durch die betonte Verwendung von Gold bei d 7-Künstlern veranlaßt waren, mittelalterliche Bedeutungsschichtungen in Erinnerung zu bringen, so könnten wir bei Leitner diesen Rückbezug noch ergänzen. Ein ganz wesentlicher Werkstoff der mittelalterlichen Kathedralen als Vergegenständlichungen des himmlischen Jerusalem war der hymnische Gesang der "Engelschöre". Licht und Ton vermittelten am nachdrücklichsten den Übergang vom Sichtbaren zum Unsichtbaren, vom Materiellen zum Geistigen, vom Körperlichen zum Seelischen.
Leitners akustische Skulpturen und Tonarchitekturen geben uns einen guten Hinweis auf die Zusammenhänge von Sehen und Hören der Räume und Körper. Architektur ist nur wahrnehmbar, wenn wenigstens zeitweilig Stille herrscht, damit das Auge hörend und das Ohr sehend werde.

Orr baute im rechten Flügel des Untergeschosses eine kleine Versuchsanlage: Zwei Wände, je mit einer gerahmten Öffnung, stehen parallel zueinander, der Zwischenraum ist ecken- und konturenlos modelliert und monochrom gestrichen. Wenn Sie sich vor eine der gerahmten Öffnungen stellen und in den Raum sehen, wobei Sie die gegenüberliegende Öffnung im Auge behalten, dann werden sich Ihnen die räumlichen Vorgänge hinter der anderen Wand, zum Beispiel stehende Besucher, in ein planes, zweidimensionales Bild verwandeln; ein Phänomen, das die Maler seit dem 15. Jahrhundert beschäftigt, also seit sie jedes Gemälde als einen Querschnitt durch die Sehpyramide verstanden. Die Modernen dieses Jahrhunderts setzten alles daran, dieses Verständnis des Gemäldes als Fenster in die Welt zu zerstören. Wie die Arbeiten der jungen Wilden zeigen, ist ihnen das nicht gelungen.