Kunstforum International

Bd. 21, Talk show der documenta 6

Kunstforum International, Band 21, Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Dies ist der erste von 2 Sonderbänden (signalisiert durch den gelben Punkt statt des üblichen roten auf dem Rücken), die die immer noch wichtigste Kunstausstellung behandeln: die documenta. In diesem versucht Georg Jappe, in Gesprächen Motive und Strukturen aufzudecken, die zur Entstehung der Ausstellung, wie sie sich jetzt darbietet, und des zugrunde liegenden Konzeptes geführt haben, um somit eine Vorinformation zur Ausstellung und zusätzliche Hintergrundinformation zum Katalog zu bieten. Fotos vom Aufbau und der jetzigen Inszenierung sollen das unterstützen. Der nächste Band, 14 Tage später, behandelt die Fotografie der documenta mit über 650 Abbildungen. Damit schließen wir vorläufig die in den letzten Bänden schon begonnene historische und theoretische Aufarbeitung der Fotografie für den Kunstbereich ab, um zukünftig, hierauf basierend, speziellere Untersuchungen zu publizieren. Aktuelle Nachrichten etc... dann wieder in den Folgebänden.

Seite im Original: 77

Die d 5 war nicht die Erfüllung des eigenen Anspruchs

[Interview in letzter Minute zwischen zwei Vorlesungen an der Hamburger Akademie, daher sein allmähliches Verfertigen der Gedanken beim Reden unkonzentrierter als sonst, wodurch aber die ständige Spannung zwischen großem Bogen, pointiertem Eingriff und detaillierten Empfindlichkeiten besonders gut zum Ausdruck kommt.]

Wie bist Du dazugekommen in letzter Minute?

[Das ist nicht mehr der 'arrogante' Brock, als den ihn die Welt zu kennen glaubt, er spricht heute gedämpfter, auch gleichförmiger, mit einem fast resignativen Unterton, bei aller gedanklichen Dezidiertheit und Urteilsschärfe.] Ich hielt in Kassel einen Vortrag. Am Abend vorher hielt Schneckenburger einen Vortrag im Kasseler Kunstverein, er führte da seine Außenprojekte vor, mir schien das äußerst akzeptabel zu sein, er bezog sich dabei überhaupt nicht auf das Medienkonzept, sondern auf die innere Logik dieser Außenobjekte, das schien mir völlig richtig und vertretbar, ich merkte einfach, daß er das Medienkonzept wohl von außen aufgebrummt bekommen hatte, er hat sich vor allem nicht ins Bockshorn jagen lassen von denen, die meinten, ihr Konzept sei ein neues Konzept oder ein in sich geschlossenes, sondern sah durchaus, daß es nur eine von der d5 her zu verstehende Reaktion darstellt - am nächsten Tag also hielt ich selber einen Vortrag, und da hörte er Dinge, über die Differenz von Realisierung und Konzept etwa, die ihm unmittelbar auf seine Außenprojekte hin gesprochen schienen, und da hat er dann vier Wochen vor Beginn der documenta sich entschlossen, nochmal zu fragen, ob es nicht doch eine Möglichkeit gebe, schrieb also einen Brief, völlig unabhängig von Image-Fragen will er das jetzt aussprechen und so. Und da gab's das Hauptproblem: soll die Besucherschule diesmal wieder eine offizielle Darstellung des documenta-Konzepts sein, das letzte Mal war ich selbst am Konzeptentwurf und an der Realisation beteiligt. [Schneckenburger: nachdem keine andere Besucherschule der Brocks das Wasser reichen konnte, haben wir uns entschlossen, 'durch dieses kalte Wasser zu gehen' (vgl. auch Interview, Schneckenburgers Unterscheidung von Vorauskonzept und didaktischem Angebot) und last not least den energischsten Gegner der Konzeption der d6 zu integrieren; ob das Konzept die Auswahl auf der d5 bestimmt hat, vgl. Szeemann.] So daß die Besucherschule von dem ausgehen konnte, was da schließlich bestimmend gewesen ist für die Ausstellung und für das Auswählen. Diesmal konnte das nicht der Fall sein, weil ich erstens nicht dabei war und zweitens das sogenannte Medienkonzept mir immer noch kein Konzept zu sein scheint. Ich sehe eben die Leistung eines Konzepts darin, von einem einzigen Gesichtspunkt her durchgängig alle Ausstellungsobjekte im Zusammenhang sehen zu können [Der große Anspruch der d5 in einem Satz.]. Das Konzept soll die Leistung erbringen, die Vielfalt der Ausstellungsobjekte wenigstens in einem Sinne als eine im Zusammenhang stehende sehen zu können. So unterscheide ich auch die Besucherschule von Führungen, Führungen geben Informationen zu den einzelnen Objekten und Künstlern, während eine Besucherschule das Angebot macht, die Vielzahl der verschiedenen Objekte einheitlich unter einem Gesichtspunkt zu sehen, der nach Möglichkeit auch theoretisch abdeckbar sein soll.

Und wie wird das nun aussehen?

Ich mußte mich also dazu entschließen, die Themen vorzuschlagen, die ich heute für die bedeutsamen halte, um die Situation im Zusammenhang sehen zu können. Dabei habe ich vier große Aspekte der Thematisierung vorgeschlagen.
Das ist einmal die Frage: wie entsteht Bedeutung? Die Kernfrage an den Besucher, daß er nicht länger annehmen könne, daß das nur in den Objekten drinsteckte, was er Bedeutung nennt, und daß er es nur rauszuschälen hätte wie 'n Inhalt aus 'ner Schachtel, daß die Fragestellung falsch ist, man müßte diese Bedeutung nur enthüllen, also den Mechanismus der Bedeutungsattributierung klar zu machen.
Und zweitens eine Grundvoraussetzung für diese Bedeutungsattributierung darzustellen, nämlich die sogenannte Vergegenständlichungsfrage, das heißt, zu zeigen, daß alle menschliche Kommunikation prinzipiell vom gleichen Charakter ist, mit dem Spracherwerb wird da, wie Piaget und ich in Spezialuntersuchungen gezeigt haben, eine bestimmte Voraussetzung geschaffen, die erfüllt werden muß, damit man begrifflich denken und auch sprechen kann, ob in Worten oder Bildern, ist ganz gleich, und diese Vergegenständlichung, das heißt eine Materialisierung der Gesten, der kommunikativen Akte, insofern als es immer einen Gegenstand geben muß, vorgefunden oder angefertigt, an den die Bedeutungen attachiert werden, die wir probeweise zunächst einmal in die Kommunikation einbringen, das heißt, es muß vergegenständlicht werden, Bedeutung, wenn ich überhaupt von Bedeutung reden will. [Nicht aus Bosheit wird dieser Satzbau wörtlich abgetippt, sondern weil ich bei Raffung selbst nicht mehr herauskäme, ohne die Gedankenkette zu zerstören und dann nur ungenau zu rekonstruieren, gerade da ich auch den fortentwickelten Sprachentheorien wegen ihrer positivistischen Züge nicht traue.] Und da werden alle diese Objekte, ob nun beschriebenes Papier oder Leinwand oder Steine, oder Worte, als solche Vergegenständlichungen faßbar, neben ihnen und an ihnen dann die spezifischen Arten der Bedeutungen, weiterentwickelt dann, wie die nun zu fassen sind, einmal aus der Wort-Bild-Relation, das ist auch eine entwicklungsgeschichtliche Frage, über den Spracherwerb, daß jetzt eindeutig empirisch bewiesen ist, daß Sprachen, Bild-, Wort-, Körpersprachen beispielsweise nur als Einheit zu sehen sind, es gibt keine getrennten Ebenen Wort- und Bildsprache, daß der Wortanteil in Bildern und der Bildanteil in Worten so groß ist, daß sie sich voneinander gar nicht lösen lassen, die Begriffsakrobatiken in den Wissenschaften auch deswegen notwendig werden, weil diese Verquickung unauflösbar ist. Und das gilt für den Alltag genau so wie für spezialisierte künstlerische Äußerungen, da wird also diese Bild-Wort-Zuordnung ein weiterer Gesichtspunkt sein, die Bedeutungsfrage zu differenzieren, und... warte mal, was hatten wir dann als vierten Punkt... Also 1. prinzipiell, Bedeutung steckt nicht in den Dingen, 2. die Voraussetzung ist die Fähigkeit zur Vergegenständlichung, selbst das Zeigen mit dem Finger ist dann eine Vergegenständlichungsform, um einen kommunikativen Akt überhaupt aufnehmen zu können, wenn die vorliegt, wird daran die Bedeutung entwickelt, einerseits durch die Differenzierung von Wort-Bild-Vorstellungen, zweitens... [Lange Pause - Das sind die leider typischen Arbeitsbedingungen für Theoretiker und Kritiker im Kunstbetrieb, als brauchte ein Gedankengebäude weniger Zeit zu Fundamentierung und Errichtung als ein Materialgebäude von Serra.] ich arbeite ab heute Abend daran.

Wie wird das realisiert?

Die ganze Besucherschule besteht aus drei Feldern 1,50 x 1,50 x 1,50, die beiden äußeren sind Diafelder und das mittlere ist ein Video. Das Ganze soll natürlich wieder nicht länger als höchstens 30 Minuten sein! Wir werden versuchen, an den Wänden rundum den ganzen Ablauf und das Schema darzustellen, dann weiß man, wo man sich gerade befindet im Programm. Die ganze Anlage kann mit viel weniger technischem Raffinement bedient werden als das letzte Mal. Wichtig ist eben nur wirklich einzusehen, daß die Besucherschule nicht das offiziöse Sprachrohr der Ausstellungsmacher ist, zweitens daß die Besucherschule nicht eine Führung auf anderer Ebene ist, sondern die Verpflichtung hat, wenigstens einen Zusammenhang vorzuschlagen, in dem man das Ganze sehen kann - wenn man es so sehen will, es ist ja niemand gezwungen, reinzugehen, man kann die Ausstellung ebenso gut ohne sehen, ich hoffe, daß die Hängung in einem höheren Maße integrierend ist als bei der letzten documenta, wo es ja nicht ging, weil sich die Händler, die Künstler selber gewehrt haben, die Ausstellung so zu hängen, wie das Konzept es eigentlich notwendig machte, da blieb es ja bei den ausgegrenzten Einheiten, die waren zwar zusammengesammelt in Gruppen, aber die Gruppen untereinander waren scharf getrennt. [Das ist die erste Kritik an der d5, die ich von Bazon Brock höre, damals bestritt er heftig eben dies, die Ausstellung habe das Konzept nicht erfüllt. Vgl. Szeemanns Sicht. Ich meinerseits - um auch zu revidieren - hatte mit 'documenta 5 frißt ihre eigenen Revolutionäre' meiner Enttäuschung über den chaotischen Teilsieg des Kunstbetriebs zuviel Freilauf gegeben gegenüber der Würdigung der verbliebenen Leistung.]

Siehst Du die documenta 6 als eine Antwort auf die d5 oder

- Nein, das kann sie ganz und gar nicht sein, die documenta 5 hat einen derartigen Anspruch gesetzt, daß man noch lange Zeit damit zu tun hätte, diesen Anspruch sozusagen zu erfüllen. Documenta 5 war ja nicht die Erfüllung ihres eigenen Anspruchs. Sondern es war eben die Setzung eines Anspruches. In dem Sinne einer Begründung dieses thematischen Zusammenhangs gegenüber den Objekten. Und das wurde ja auch immer mißverstanden, man hielt das für eine Manipulation oder Nötigung des Besuchers, es gibt aber gar keine andere Möglichkeit mehr und das versteht man langsam, Ausstellungen können nur auf diese Weise organisiert werden - wenn es nicht eine reine Dokumentation von Vielfalt sein soll. [Dieser Anspruch Brocks ist bis heute 'Feuer unterm Hintern' der Kunstvermittler, der theoretischen wie der praktischen, und hat die siebziger Jahre vielleicht um so entscheidender mitgeprägt, als immer ein großer uneingelöster Rest blieb.]

Hättest Du Dir eine andere Antwort auf documenta 5 vorstellen können?

Sicher! Ich sage ja mit den Thematisierungen, die ich für die Besucherschule vorschlage, das sind die neuen Themata, Harry sagte, wenn Schneckenburger das nicht annimmt, dann ist das eben das Thema für die nächste documenta. Das sind zentrale Themen, weil daraus auch die Einheitlichkeit im Vorgehen von Kunstwissenschaft und Öffentlichkeitsbereich zu sehen ist und weil die stark inhaltliche Ausgerichtetheit aller Vorgänge heute darin besonders betont wird. Dieses jetzige Medienkonzept [diametral der d6 entgegengesetzt] behauptet, daß die analytischen, oder wie man es früher genannt hat, formalen Untersuchungen eine so große Rolle spielen, mir scheint das falsch zu sein, sie spielen eine nicht größere Rolle als vor sieben Jahren. Eine Antwort hätte es nur gegeben durch eine neue Thematisierung, oder aber man hätte das Konzept aufgegriffen und hätte gesagt, wie kann man denn diesen medienkritischen Anspruch - die letzte war ja die Mediendocumenta mit Bilderzeugung in Alltagswelt und Kunstwelten [vgl. Romain und Szeemann] - wie kann man das jetzt realisieren, wie kann man diesen Anspruch erfüllen, wie kann man die Folge dieses Konzepts durch Integration, durch Hängung und Aufbau, erreichen [Der Einwand einer verbesserten zweiten Auflage der d5 - deshalb ja eine neue Mannschaft - ist damit freilich nicht ausgeräumt]. Oder eben durch eine neue Thematisierung zu antworten und dabei thematisch genau so radikal konsequent zu sein wie es die documenta 5 gewesen wäre [wäre, wenn...].

Kannst Du noch mal ganz präzis zusammenfassen, welche sind diese Themata einer nächsten documenta?

Also die Frage: wie entsteht Bedeutung? Wie kommt es überhaupt dazu, daß die Dinge, die da hängen, eine Bedeutung haben, wie man sie ihnen abfragt? Zweitens: was sind innerhalb dieser Fragestellung die Voraussetzungen, also praktisch die Analyse, die Antwort auf diese Frage. Und eine eigenständige documenta hätte gemacht werden können, ich habe das also in diversen Vorträgen von 70 an immer wieder betont, in Kunstvereinen und Universitäten, Marburg beispielsweise, Berlin, Stuttgart, Karlsruhe - eine ganz eigenständige documenta hätte allein aus dem Thema Wort-Bild-Zuordnung gebildet werden können, nicht so mit Schrift und Bild wie bisher, das war ja nur eine äußerliche Addition, sondern als Themenstellung, das wäre eine Riesenausstellung geworden, weil nach Hunderten zählende Objekte da sind, allein durch Verwendung von Bild und Wort als Einheit schon vom Künstler her, das sind meiner Meinung die besten Arbeiten, die jetzt vorliegen. [Das hätte eine Antwort auf Fernsehen und Werbung werden können, vielleicht sogar das dringend erforderliche Parolibieten.] Dann die Frage der Vergegenständlichung [das trifft ja auf die Grundlagenforschung in Malerei und Plastik zu], das, was man früher als Form-, Material-, Farbfragen gesehen hat, also muß eine Vergegenständlichung bestimmte Minimalkriterien erfüllen, muß sie zum Beispiel einen bestimmten Differenzierungsgrad erreichen, damit sie benutzt werden kann, um Bedeutung an sie zu attachieren, die Frage kann man eindeutig mit ja beantworten. Dann die Medienfrage in dem nackten Sinne, ist bei uns ja nur ein Kleinst-Aspekt, also die Frage nach der Bilderzeugung im spezialisierten Kontext wie Kunst, Wissenschaft, Journalismus oder Alltag. Mit anderen Worten, diese Einzelaspekte wären nur Antworten innerhalb des gesamten Konzeptes: die Entstehung der Bedeutung.

[Die Besucherschule als Keimzelle der documenta 7 - da könnte jeder Besucher durch Stellungnahme zum ersten Mal aktiv mitwirken, ob er diesen Entwurf preisgekrönt sehen möchte.]