art, das Kunstmagazin 9/1996

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Seite im Original: 90

Falsche Verheißungen, wohin man blickt. Bazon Brock geht mit postmodernen Designern scharf ins Gericht

Die Designer von heute kokettieren mit postmodernen Objekten, die keiner benutzen kann. Sie wollen freie Künstler sein und sollten sich lieber an vier Reinheitsgebote halten, die von den Vätern der Moderne stammen.

Wie soll man sich das erklären? Wohin man blickt, nichts als Stilgepansche, Gestaltungswirrwarr, lebensfeindliche Sprachlosigkeit der Dinge. Aufgaben zuhauf, sollte man meinen, für die Meister der angewandten Künste, des Designs - und dennoch Verzagtheit der Gestalter, allenthalben endlose und zumeist leider fruchtlose Diskussionen, als gäbe es nichts zu tun.
Von gestalterischer Umweltverschmutzung lamentieren inzwischen selbst Politiker, die sich bisher darin gefielen, auf Wanderprozessionen die Schönheit der Heimat zu preisen. Ja, und warum geschieht da nichts oder doch nur so herzlich wenig? Weil sich die Gestalter am Ende der siebziger Jahre angesichts der Misere zu falschen Schlußfolgerungen verleiten ließen. Gestützt auf die postmoderne Behauptung vom Bankrott der Moderne à la Werkbund, Bauhaus und UImer Hochschule für Gestaltung, fühlten sie sich geradezu genötigt, wieder zu freien Künstlern und nichts als Künstlern zu werden.
Aus dem Design verabschiedeten sie sich auf französisch. Sie entwarfen phantasievolle Skulpturen und plazierten sie dort, wo bisher Stühle, Tische, Vasen und Schränke standen. Das sollte dem Publikum den Schluß nahelegen, jene Skulpturen seien Stühle, Tische, Vasen und Schränke, wenn man sie nur als solche ansähe und benutzte. Doch mit dem Benutzen haperte es. Worauf die Künstler antworteten, das Publikum - nicht etwa der Künstler - müsse dann eben eine völlig neue Art des Benutzens erfinden. Wer dieser Aufforderung nachkam, erlebte ein paar amüsante Stunden, rückte dann aber seine alten Möbel wieder ins Licht der profanen Erleuchtung: Wie man sich bettet, so liegt man.
Freikünstlerische Skulpturen unterscheiden sich von gestalteten Gebrauchsgegenständen des Alltags nicht nur dadurch, daß man anders mit ihnen umgeht. Wesentlicher ist: Design-Objekte müssen auch aus anderen Ansprüchen legitimiert werden als Kunstwerke, und genau an dieser Tatsache hakt die Diskussion der Designer.
>Was könnte denn einen heutigen Designer legitimieren, mit den von ihm gestalteten Produkten in die Lebensführung der Käufer einzugreifen, ja, ihnen durch das Design der Gebrauchsgegenstände gar Vorschriften zu machen? Darauf aber läuft jedes anspruchsvolle Design hinaus, das muß es wollen.
Es kann nicht nachdrücklich genug daran erinnert werden, daß die Geschichte der· Gestaltung (des Designs) seit mehr als 100 Jahren mit der Geschichte der Lebensreform-Bewegungen verknüpft ist. Mit anderen Worten: >>Ein umfassender Anspruch der Designer auf Gestaltqualität konnte sich nur dann entwickeln, wenn die Gestalter zu wissen glaubten, was als das gute, das richtige und sinnvolle Leben ihrer Klientel zu gelten habe. Die Arbeit im Sinn eines solchen Anspruchs durfte nicht nur als freibleibendes Angebot verstanden werden; die Gestalter verstanden sich auch als Erzieher des Volkes. Das war keine Anmaßung.
In den Gründungsurkunden der Museen und Hochschulen für angewandte Künste ist seit Mitte des 19. Jahrhunderts regelmäßig die ästhetische Erziehung der Bevölkerung als Aufgabe dieser Institutionen festgelegt worden - im Interesse der Wirtschaftsentwicklung. Wie gegen den Analphabetismus durch Einführung der Schulpflicht vorgegangen wurde, um das Volk für die moderne Industriegesellschaft tauglich zu machen, so glaubten die Stifter, den Geschmacks-Analphabetismus durch institutionelle ästhetische Erziehung beheben zu müssen, um die Bevölkerung auf ihre Rolle als Konsumenten der Industriegüter vorzubereiten. Erst später entdeckte man, daß die Massen diese Rolle nur spielen konnten, wenn man ihr Einkommen entsprechend vergrößerte. Als es soweit war, hatte man vergessen, daß die Konsumenten auch ästhetische Kriterien der Unterscheidung brauchen, damit die Güterproduktion nicht durch bloße Wiederholung etablierter Standards daran gehindert würde zu expandieren.
Welcher Designer darf sich heute noch zutrauen, Vorstellungen vom guten und richtigen Leben seiner Klientel zu haben? Wer darf sich legitimiert sehen, die Bevölkerung ästhetisch zu erziehen? Offensichtlich keiner, wie die Debatten zeigen. Diejenigen Gestalter, die es dennoch versuchen, bemerken sehr schnell, daß ihre Arbcit wirkungslos bleibt. Warum? Weil erst durch die Verschwisterung der gestalterischen Konzepte mit - wie auch immer legitimierter - gesellschaftlicher Macht so etwas wie Lebensstil entsteht. Erst diese Verschwisterung von Schönheit und Autorität begründet Verbindlichkeiten und damit Kultur. Wo wären die heute auszumachen, da sich für die Wirtschaft, für dic Politik, für das Militär wie für die Künste abzeichnet, daß Verbindlichkeiten nicht mehr durch Androhung des militärischen, sozialen oder ökonomischen Ernstfalls garantiert werden können, weil dieser Ernstfall die vollständige Selbstzerstörung für alle bedeuten würde.
Mit welcher Macht sollte sich unter diesen Bedingungen der Gestalter noch verbünden - etwa mit unseren Führungseliten, mit den Oberschichten? Die sind heute ästhetisch verkommener als die Massen. Sie glaubten an die totale Manipulierbarkeit der Geschmacksurteile, weil sie als erste dem Irrtum anhingen, daß alles ins Belieben des Geldes gestellt sei. Alle Geschmacklosigkeiten des Unterhaltungsgewerbes entstammen ja nicht den Köpfen des Massenpublikums, sondern denen der Programm-Macher. Wer erzieht diese Erzieher, was haben solche Gestalter ihrer Klientel denn noch voraus? Was sie ihnen voraus haben sollten, ist klar: ein entwickelteres Problembewußtsein für die Auswirkung der gestalteten Objekte auf die Menschen. Sie sollten wissen, daß aus dem Pluralismus der Lebensstile keineswegs die totale Beliebigkeit resultiert, sondern Verantwortung. Je weniger Verbindlichkeiten durch die Drohung mit dem Ernstfall garantiert werden können, desto größer wird die Verantwortung jedes einzelnen.
Aus den Theoremen der Postmoderne geschlossen zu haben, daß es keine verbindlichen Kriterien der Gestaltung gebe, war der entscheidende Fehler heutiger Gestalter. Ihr Rückzug auf die Position der autonomen, aber wirkungslosen Künstler kann ihnen nicht weiterhelfen. Was hieße denn heute ästhetische Erziehung zum eigenverantwortlichen Geschmacksurteil? Alle Urteile gründen auf der Fähigkeit und der Notwendigkeit zum Unterscheiden, und daran fehlt es sowohl Gestaltern als auch Produzenten und Konsumenten. Es genügt nicht, vereinzelt Unterscheidungskriterien hie und da zur Geltung zu bringen; das führt zu einem Sammelsurium anstatt zu sinnhaften Ordnungen. Wie diese sinnhaften Ordnungen entwickelt werden können mit Blick auf die Gestaltung unserer Lebensumgebungen, ist bei den Postmodemen auch nicht andeutungsweise zu erfahren - wohl aber bei den Gründervätern der Moderne. Sie forderten, daß alle Gestaltung als Anwendung künstlerischer oder wissenschaftlicher Ideen und Vorstellungen vier fundamentalen Geboten zu genügen habe:

  1. dem Rationalitätsgebot, dem zufolge alle einzelnen Produktentwicklungen in übergeordneten Gesichtspunkten zu rechtfertigen seien. Als übergeordnete Gesichtspunkte müssen gerade heute die Sicherung der ökologischen Lebensbasis, die Vermeidung von Kontraproduktivität und die Vermeidung des Ernstfalles in Machtfragen anerkannt werden;
  2. dem Funktionalitätsgebot, dem zufolge Produkte tatsächlich halten müssen, was sie versprechen. Gerade das ist heute offensichtlich nicht der Fall;
  3. dem Qualitätsgebot, dem zufolge alle Objekte unserer Lebensumgebung gewisse Minima an Gestaltungsqualitäten nicht unterschreiten dürfen, wenn die Nebenwirkungen der Gestaltung sich nicht zerstörerisch, etwa aggressionssteigernd oder krankmachend, auf Menschen auswirken sollen;
  4. dem Moralgebot, dem zufolge die Gestalter sich nicht vom Geltungsanspruch ihrer Behauptungen ausnehmen dürfen. Architekten, die in Bürgervillen der Gründerzeit Silos für den sozialen Wohnungsbau entwerfen, genügen dem Moralgebot nicht.

Es ist wahrscheinlich, daß das Ende der Moderne so lautstark gerade auch von Designern postuliert wurde, um sich der Verantwortung für die Nichterfüllung dieser Gebote zu entziehen. Daß diese Gebote überwiegend nicht erfüllt wurden, steht außer Zweifel. Wie gesagt, nur falsche Versprechungen, wohin man blickt, Koketterie mit der Stillosigkeit und brutale, weil zynische Verzichtserklärungen, die als zeitgemäße Formen demokratischer Bescheidenheit getarnt werden.
Die Designer werden aus ihrer selbstverschuldeten Lethargie erst herausfinden, wenn sie entdecken, daß die Moderne bis auf wenige Ausnahmen gar nicht stattgefunden hat. Die Postmoderne enthüllt sich als eine Prämoderne.