Ästhetik als Vermittlung

Arbeitsbiographie eines Generalisten

Ästhetik als Vermittlung | Umschlag
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Was können heute Künstler, Philosophen, Literaten und Wissenschaftler für ihre Mitmenschen leisten? Unbestritten können sie einzelne, für das Alltagsleben bedeutsame Erfindungen, Gedanken und Werke schaffen. Aber die Vielzahl dieser einzelnen bedeutsamen Werke stellt heute gerade ein entscheidendes Problem dar: Wie soll man mit der Vielzahl fertig werden?

Das Publikum verlangt zu Recht, daß man ihm nicht nur Einzelresultate vorsetzt, sondern beispielhaft vorführt, wie denn ein Einzelner noch den Anforderungen von Berufs- und Privatleben in so unterschiedlichen Problemstellungen wie Mode und Erziehung, Umweltgestaltung und Werbung, Tod und Geschichtsbewußtsein, Kunstgenuß und politischer Forderung gerecht werden kann, ohne als Subjekt, als Persönlichkeit hinter den Einzelproblemen zu verschwinden.

Bazon Brock gehört zu denjenigen, die nachhaltig versuchen, diesen Anspruch des Subjekts, den Anspruch der Persönlichkeit vor den angeblich so übermächtigen Institutionen, gesellschaftlichen Strukturen, historischen Entwicklungstendenzen in seinem Werk und seinem öffentlichen Wirken aufrechtzuerhalten. Dieser Anspruch auf Beispielhaftigkeit eines Einzelnen in Werk und Wirken ist nicht zu verwechseln mit narzißtischer Selbstbespiegelung. Denn:

  1. Auch objektives Wissen kann nur durch einzelne Subjekte vermittelt werden.
  2. Die integrative Kraft des exemplarischen Subjekts zeigt sich in der Fähigkeit, Lebensformen anzubieten, d.h. denkend und gestaltend den Anspruch des Subjekts auf einen Lebenszusammenhang durchzusetzen.

Die Bedeutung der Ästhetik für das Alltagsleben nimmt rapide zu. Wo früher Ästhetik eine Spezialdisziplin für Fachleute war, berufen sich heute selbst Kommunalpolitiker, Bürgerinitiativen, Kindergärtner und Zukunftsplaner auf Konzepte der Ästhetik. Deshalb sieht Bazon Brock das Hauptproblem der Ästhetik heute nicht mehr in der Entwicklung von ästhetischen Theorien, sondern in der fallweisen und problembezogenen Vermittlung ästhetischer Strategien. Diese Ästhetik des Alltagslebens will nicht mehr ‚Lehre von der Schönheit‘ sein, sondern will dazu anleiten, die Alltagswelt wahrnehmend zu erschließen. Eine solche Ästhetik zeigt, wie man an den Objekten der Alltagswelt und den über sie hergestellten menschlichen Beziehungen selber erschließen kann, was sonst nur in klugen Theorien der Wissenschaftler angeboten wird. Solche Ästhetik zielt bewußt auf Alternativen der alltäglichen Lebensgestaltung und Lebensführung, indem sie für Alltagsprobleme wie Fassadengestaltung, Wohnen, Festefeiern, Museumsbesuch, Reisen, Modeverhalten, Essen, Medienkonsum und Bildungserwerb vielfältige Denk- und Handlungsanleitungen gibt. Damit wird auch die fatale Unterscheidung zwischen Hochkultur und Trivialkultur, zwischen Schöpfung und Arbeit überwunden.

Seite im Original: 751

Band IV.Teil 4.B.1 Die blaue Illustrierte

Bazon Brock, was machen Sie jetzt so?

Auszüge zu ‚Brock persönlich‘ aus der gleichnamigen Autobiographie Bazon Brocks, erschienen im Melzer-Verlag, Darmstadt 1968. Andere Auszüge aus der Autobiographie finden sich hier in der Edition in Band I, Teil 3.4, in Band II, Teil 2.3, in diesem Band, Teile 1.3 und 1.4, A A.3, 4 A.10.2

1.1 Selbstdarstellung

Sie wissen, daß ich mir schon manchmal einen Vorgriff auf zukünftige gesellschaftliche Produktionsbedingungen leiste. Dabei nehme ich natürliche eine Widerlegung durch die heutigen in Kauf. Ich tue etwas Falsches, aber das tue ich richtig. Spätkapitalistisch gesehen sind wir so verkümmert, daß wir nicht mehr als höchstens drei Tage mit einiger Kontinuität arbeiten können. Alles darüber wird zur unerträglichen Folter. Industriegesellschaftlich gesehen bin ich nicht mehr darauf angewiesen, für länger als drei Tage meine Identität und das Wesen der Sache durchzuhalten. Kurz: ich mache nichts, was länger als drei Tage dauert. Oder höchstens mal sechs, dann aber mit Unterbrechungen. Das ‚Werk‘ und seine immanenten Gesetze waren nichts weiter als die Übertragung und die erneute Durchsetzung der allgemeinen gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse im Bereich der ästhetischen Praxis. Und zwar identisch übertragen wie der Befehl beim Militär. Ich will nicht tun müssen, was ich schon immer gemacht habe. Neues, anderes, Bestimmtes, das mit sich nicht schon Identische. Muß das heißen, jeden Tag gleich dumm wieder von vorne anzufangen?
Von Zeit zu Zeit sind gewisse Übungen fällig, in denen die Fähigkeit trainiert werden muß, sich von den Dingen zu befreien, die man ausschließlich zur Abwehr des Kommenden mißbraucht. Dabei muß das Material verbraucht werden durch Verstümmelung, Ungenauigkeit, Beliebigkeit …
Dieses Heft ist also Moment der von mir programmierten Wegwerfbewegung. Nachdem die Einheit des Werkes zerfallen mußte, bleibt vielleicht die der Person: Kontinuität darin, daß man sich nach Jahren tatsächlich noch wiedererkennt in den Bildern und auf den Fotos. Kontinuität wie sie aus der Gewißheit des Umblätterns hervorgeht, zeitlicher Zusammenhang und geschichtlicher Verlauf, wie er aus den Fortsetzungen der Comics in den Tageszeitungen zu gewinnen ist. Die Fortsetzungsgeschichten sind die einzige Quelle der Erfahrung von etwas, das mit Sicherheit kommt: morgen.
Einheit der Person soll auch deshalb nur so verstanden werden können: immer mich selber bestreffend, immer noch leidend und immer noch unglücklich. Gemeint sein kann nicht, was die Herrschaft uns nahebringen will: Einheit als eingehaltene Identität, als strikt durchgehaltene Unverwechselbarkeit, damit man schnell kontrollierbar bleibt.
Trauma: die Soldaten kommen. Man hat sich schnellstens zu verdrücken. Aber ich kann nicht weg, weil ich krank bin. Als man noch gesund war, hätte man alles zusammensammeln müssen. Jetzt ist man überrumpelt und bloßgestellt.
Es gibt Leute, die sich täglich neue Unterwäsche anziehen, weil sie fürchten, einen Unfall zu haben, der sie auf den Operationstisch bringt, wobei sie mit nicht frischer Unterwäsche sich bloßgestellt vorkämen.
Der Versuch, die Entblößung und die anschließenden Demütigungen zu vermeiden, sollte hier objektiviert werden als gescheitert. Wir haben noch zu wenig Einfluß auf das, was wir sind, was wir geworden sind. Was davon zeugt, ist Abfall aus einer Kiste, Zufälliges, Liegengebliebenes. Immerhin, die Selbstdarstellung durch Zufälliges hilft, die Identität zu brechen, obwohl das dem Image nicht zustatten kommt. Dies ist also das ganze Gegenteil von Reklame für mich selbst.
Der Versuch ist auch formal gescheitert: man hätte ja nicht 12 Stunden Zeit, um so festzuhalten, wer da geflohen ist. Aber für Ausweisungen hätte es gereicht: „Verlassen Sie das Land binnen 24 Stunden.“ Verlassen Sie sich selbst in jedem Augenblick. Im Jahre 1961 verfaßte ich eine Schrift ‚Ich selbst in der Bundesrepublik Deutschland‘. Bin ich noch derselbe?
Bitte versuchen Sie, die Frage selber anhand des vorhandenen Materials zu beantworten. Ich wünschte, nicht mehr ganz der Alte zu sein. Hoffentlich können Sie das bestätigen, obwohl das für Sie doch eine starke Herabsetzung meiner heutigen Ansprüche auf Aufmerksamkeit im Bereich der ästhetischen Praxis bedeutet. Ganz der Alte: er ist unseren Händen nicht entglitten. Er hat sich gar nicht gewandelt: er ist geblieben, was er war, nämlich ein Schafskopf.

1.2 Wo stammen Sie her, was ist das für ein komischer Name, Bazon?

1963

Um meinen Großvater zu kennzeichnen (als Kerl von Statur) pflegte man daheim zu erzählen, „er habe Füße so groß wie ein Dackel besessen“.

Ich rekonstruierte das ‚großväterliche‘ Merkmal, um mich in die Rolle eines legendären Familienoberhauptes einzuüben.

Vergleiche mein Stück ‚die Schwingungsweite des Krückstocks meines Großvaters‘, aufgeführt in 24 Stunden, Wuppertal 1965.

Ich stamme ‚aus dem Osten‘, daher, wo heute Polen ist. Und wo auch Polen bleiben wird. Geboren bin ich in Stolp/Pom., als sich in Frankreich die Volksfront schloß, auf den Tag genau – und zur selben Stunde und Minute, zu der auch der Herr de SADE auf die Welt kam.

Nun, Sie wissen ja, wie das geht … Mütterlicherseits Lehrer und Leute aus Strassbourg, väterlicherseits Hartköpfe – der Alte links oben, der Füße von der Größe seiner Dackel hatte. Er begründete „Herm. Brock Brotfabrik“. Rechts außen oben die Vatermutter 1939 in Bad Mergenthal.

In der Mitte der Vater in dem Alter, in dem ich jetzt bin – und links unten in dem Alter, in dem ich auf dem Bild rechts unten zu sehen bin (dort links, mit Mutter und Bruder, nach der Wiedergutmachungskost und nach Entlassung aus dem Internierungslager 1948).

Der Vater wurde 1945 liquidiert.

Immerhin knüpft sich meine Vorstellung von der Zeitreihe und dem Generationenwechsel an meinen Vater: ich sah ihn mit vorgestrecktem Kopf im Bad stehen, wobei man ihm die Naseninnenhaare abschnitt. Heute schneidet man mir die Naseninnenhaare. Durch starkes, schubartiges Ausstoßen der Atemluft durch die Nase zerstieben die Haare auf dem Kachelfußboden.

57 Basel bei LASZLO, der durch ENZENSBERGER meinen ‚Kotflügel‘ gesehen hatte. Der ‚Kotflügel‘ war schon ein Bazonprodukt. Bazon ist der ‚Schwätzer‘, von griechisch bazo abgeleitet. Offensichtlich hat der Oberstudiendirektor Max TIESSEN Anlaß gehabt, mich mit diesem Namen zu belegen. Im Lateinischen hieß ich Sophie, die Weisheit. Ich hielt mich an die Tradition der Beinamengebung. Aus schmähenden Kennzeichnungen werden Ehrennamen. Schwätzer Brock schien mir schon weit auf dem Wege fortgeschritten von der Schmähung zur Ehrung. Die soziale Korrespondenzform ‚Schwätzen‘ hat sich im Bereich meines Faches durchgesetzt.

Andere Schmähnamen, die man mir im Laufe der vergangenen Jahre gab und die ebenfalls inzwischen zu Ehrennamen wurden, sind

  • Mister Germany
  • Deutschlands schönster Dichter
  • Pop-Prophet
  • Lehrer der Nation
  • Meister der offenen Form
  • Messias einer Erlösung vom Konsumzwang
  • Altvorderer des Happening
  • Superdenker 

1.3 Mit wem sind Sie jetzt eigentlich zusammen?

Brock stellte seine Bekannten der Öffentlichkeit in verschiedenen Action-Veranstaltungen vor, darunter in ‚Darf ich es Ihnen erklären, Madame?‘. Bern 1967 (organisiert von Anastasia BITZOS), in Kopenhagen 1968 und in Trier 1969 (vgl. dazu Teil 4 A, 2, in diesem Band).

Wer seine erste Liebe nicht vergißt, wird seine letzte nicht erkennen. Das ist schon alles, was an Bildern im roten Kasten drinnen war. Unglaublich wenige sind das. Habe ich nicht mehr Bekannte, Menschen, die man vertraulich begrüßen kann auf Behördenfluren, so daß der Wachtmeister einen für sehr bekannt hält und freundlicher wird? Bitte schicken Sie mir Fotos, wenn Sie mein Bekannter werden wollen und ich Ihrer. Aber das ist auch wahr: ich habe noch viel mehr Bekannte, von denen ich nur kein Foto im roten Kasten fand. Die Gattungssolidarität funktioniert noch nicht, deshalb Bekannte, am besten in jeder Stadt. >Im Frühjahr zu Bern habe ich zwei Stunden lang dem Publikum per Bildwerfer meine Bekannten gezeigt und erläutert. Naturgemäß bin ich jedoch am häufigsten mit mir selber zusammen.

  1. Margot Hansen
  2. Lies Funke
  3. Monika und Klaus Reichert und die Kiste, in der diese Fotos drin lagen
  4. Schuldt
  5. Ute Schultheiss, Angela Sauter, Sibylle Heyd
  6. Huss
  7. Claus Bremer
  8. Winklers – furchtbar, nur sie hasse ich
  9. Herbert Geyer
  10. Manfred Schiedermair
  11. Rochus Kowalleck
  12. Peter Iden
  13. Rüdiger Volhard
  14. Miss Juli 66
  15. Günther Rühle, Helga Bayrle
  16. Inge Iden
  17. Martin Walser
  18. Daniel Spoerri
  19. Huss
  20. Mad Ox
  21. Henning Rischbieter
  22. Franz Mon
  23. Nico Hansen
  24. Karls Markus Michel
  25. Hilde Vogel
  26. Wolfgang Hahn
  27. Miss Juni 66
  28. Siegrid Rothe
  29. Siegrid Rothe
  30. Anastasia Bitzos
  31. Alfred Schmidt
  32. ich selbst
  33. Ursula und Rudolf Zwirner
  34. Inge Iden
  35. Inge und Peter Iden
  36. Ortrud Roth
  37. Eva Michel
  38. Klaus Paeffgen
  39. Jeff Verheyen
  40. Karl Alfred von Meysenbug
  41. Vladimir Kafka
  42. Ernst Wendt
  43. Veronika Feddersen
  44. Notker Hammerstein
  45. Adam Seide
  46. H.C. Artmann – Huss
  47. Peter Noll
  48. Alison Knowles
  49. Huss
  50. Ortrud Roth – Erie Prigann
  51. Miss Mai 66
  52. Mao Tse-tung
  53. Jens Feddersen
  54. Trauzeuge, Schwägerin, Bruder, Mutter
  55. Christian Megert
  56. Horst Brandt
  57. Theodor W. Adorno
  58. Juan Hidalgo
  59. Dick Higgins
  60. Peter Noll
  61. Hildegard Unseld
  62. Elka Mitzewa
  63. Polly Williams
  64. Jürgen Habermas
  65. Horst Brandt
  66. Klaus Lüderssen
  67. Gustav Metzger
  68. H.C. Artmann
  69. Oleg und Martina
  70. Rudolf Zwirner
  71. Ulla Heckel

Nachtrag zur Zeitlücke

  1. Familie Fred und Heidi Auer
  2. Klaus Lüderssen
  3. Annemarie und Lucius Burckhardt
  4. Markus Kutter
  5. Ernst Meister
  6. Ernst Brücher
  7. Hund Bär
  8. Karla Fohrbeck
  9. Helmut Costard
  10. Diter Rot
  11. Dagmar Fambach
  12. Christian Beutler
  13. Heinrich und Hilde Hunstein
  14. Andreas Wiesand
  15. Joseph Breitbach
  16. Wolfgang Mettmann
  17. Dietrich Helms
  18. Adolf Muschg
  19. Reiner Wiehl
  20. Joachim und Susanne Kaiser
  21. Anne Boesche
  22. Fritz Schwegler
  23. Ralf Stiebler
  24. Annette Baumann
  25. Eric Baran
  26. Wilhelm Peters
  27. Karls Alfred und Elisabeth Wolken
  28. Willi und Sonja Bogner
  29. Hanns Grössel
  30. Karl Georg Heise
  31. Georg Jappe
  32. Gerda Kock
  33. Anatol
  34. Anne Tügel
  35. Karl-Heinz Bohrer
  36. Maria Schilling
  37. Jürgen Busche
  38. Herbert Tasquil
  39. Gislind Nabakowski
  40. Kai Sudeck
  41. Adolf und Inge Skubian
  42. Claus Borgheest
  43. Hans Benckmann
  44. Linde Pinnow
  45. Lucius Neitzel
  46. Uwe Zimmermann
  47. Heinrich Klotz
  48. Rudolf und Gisela Augstein
  49. Martin Warnke
  50. Dagmar und Walter von Gottberg
  51. Karl-Heinz Braun
  52. Erich Kuby
  53. Hans Jürgen Syberberg
  54. Carlo Giulio Argan
  55. Joachim Burmeister
  56. Oswald Oberhuber
  57. Dorothea von Windheim
  58. Familie Gieselmann
  59. Francois und Linde Burckhardt
  60. Kurt Kranz
  61. Gisela Kollasser
  62. Hans Hundscha
  63. Hubert Burda
  64. Christa Maar
  65. Herbert von Buttlar
  66. Helmut Brackert
  67. Wieland Schulz-Keil

1.4 Haben Sie sich schon einmal selber beschrieben, ich meine objektiv?

Die Frage lautet, ob ich wisse, was man über mich denke. Ob ich mir je klar geworden sei darüber, was andere von mir halten. Objektiv heißt das, sich schon als Opfer zu sehen, an dessen Schlachtung man selber beteiligt war kraft der Zugehörigkeit zur Gesellschaft.

Wenn die Urteilsfindung erschwert ist, versucht man, die Diskrepanz zwischen Selbstverständnis und Fremdverständnis zu dokumentieren – meist erledigt sich dann ein solcher Fall von alleine.

Ich hingegen habe bessere Nerven – muß sogar den WALSER trösten, wenn er wieder einmal über die Ohren geschlagen wurde.

Hier mein Angebot in dieser Hinsicht, mich auf Lügenbeinen zu ertappen, mich der Selbstüberschätzung zu zeihen, den Grad meiner Abweichung als Versagen zu schildern.

Ganz besonders geschwätzige Pädagogen erbitten von einem miserablen Kandidaten eine Selbsteinschätzung. Der Betreffende wird sich selbst zur schlimmsten Zensur verurteilen. Damit erspart er sich den Haß der Herren, denn die würden ihn hassen, zwänge er sie, fürs Urteil geradezustehen.

Im übrigen gestehe ich nur ganz bescheiden meinen Anteil an den grauenvollen Irrtümern.

1.5 Das ist doch auch nur ein Beispiel Ihrer arroganten Art, mit anderen umzugehen, oder?

Die Mäuse sitzen im Kino und sehen, was die bösen Katzen für Späße machen, um die Mäusefängerei freundlicher zu gestalten. Es scheint sehr belustigend zu sein, gezeigt zu bekommen, was einem als Maus alles blüht und wie einem das Fell über die Ohren gezogen wird. Solange man nicht selber im Rachen der Katze verschwindet, schafft der Anblick des Leidens der anderen Erleichterung.

Aber die Mäuse lernen auch, während sie sich amüsieren: wenn dann jemand mit merkwürdigen Forderungen mit freundlichstem Ton sich ihnen nähert, sagen sie kühl: „he, Du bist eine Katze, hau ab.“ Verführung mißglückt.

Wenn aber die Katzen im Parkett sitzen, ist die Sache schwieriger.

Ich bin unglaublich arrogant. Meine physische Anwesenheit allein reicht aus, jedes Auditorium zur äußersten Distanzierung zu bringen; Identifizierung mit mir oder dem, was ich sage, ist unmöglich. Mein Verhalten in Zusammenkünften von vielen produziert unmittelbar die gesellschaftliche Realität und dementsprechend die Gewalten, die sie bestimmen. Das nenne ich wahrlich Aufklärung und produktive Arbeit unter Einsatz aller Mittel!

Wo ich erscheine, ist die Erscheleichung von Eingeständnis ausgeschlossen. Versöhnung findet nicht statt. Mit mir kann  man sich nicht einverstanden erklären, weil das Selbstaufgabe bedeuten würde. Wenn sich mir jemand dennoch anschließt, malträtiere ich ihn solange, bis er seinen Irrtum durch Leiden einsieht.

Immer wieder höre ich, daß sich gerade diejenigen von mir vor den Kopf gestoßen fühlen, die glauben, ganz besonders wohlwollend mir gegenüber zu sein. Also, das ist der Grund. Man muß vor allem dafür sorgen, daß die nicht in den Taumel der brüderlichen und humanen Solidaritätsbekundungen verfallen, die ihren Kampf nur mit den entschiedensten Mitteln führen können. Deshalb meine beständigen Interventionen – wie auch in diesem Falle.

1.6 Ich habe wieder Sachen über Sie gelesen, doll. Was sagen Sie denn dazu?

Ja, ich habe sie auch gelesen: für die Experimentaaufführung hagelte es allein schon 76 Rezensionen. Das wäre eine gute Gelegenheit, die Rezeption eines Geschehens auf dem Theater in Deutschland zu beschreiben. Rezeption durch die Kritik. Denn die Rezeption durch andere Instanzen weicht erheblich von der Kritik ab.

Die hier weggelassene Passage über „spezielle Kritik“ findet sich in dem Abschnitt „Vermittlung als Beruf“ (Band I, Teil 3, 4).

H.V. ARTMANNs Sohn drückte mit einem hohen Schrei jenes Gefühl aufrichtiger Freude und berechtigten Stolzes aus, das auch mich ergriff, als ich mich in Micky-Mouse Nr. 27 von 1962 neben Ede WOLF und Donald DUCK sah. Jener Schrei wurde von H.C. ARTMANN persönlich wahrgenommen und mir mit dem Zeichen äußerster Sympathie überliefert.

Die Dokumente der Bremer Theateraffäre deuten auf einen der erfülltesten Augenblicke deutscher Theatergeschichte hin: vom Mittelplatz der ersten Reihe im Parkett mich erhebend unter gleichzeitiger Kennzeichnung meiner Position durch die Spots der TV-Teams, durfte ich die Widmung des Stückes zurückweisen und auf die Aufforderung hin, meine Ausführungen zu wiederholen, den wahrhaft einmaligen Hinweis darauf geben, daß auch der König nur einmal gekrönt werde. Die Hintergründe dieser Geschichte passen ins Deutschland der angeblichen linken Theateravantgarde: sie unterliegt in ihrer Praxis der von ihr attackierten Gesellschaft. Wer über künstlerische Produktivmittel wie ein Theater verfügt, der bestimmt, was gemacht wird.

1.7 Warum sind Sie immer so direkt?

Ich bin nur zu geringen Sublimierungen fähig. Die Regulierung meines Triebhaushalts geschieht zu einem großen Teil durch direkte Triebbefriedigung. Ich bin ein wenig erwachsener Mensch. Bei so geringer Sublimierungsleistung sind natürlich auch nur wenige aus der Sublimierung gewonnene Bestimmungsformen meines Tuns zu erwarten, die vom Prozeß des Lebens abspaltbar wären.

Frühzeitig habe ich mich auf die Verlaufsformen der Triebbefriedigung konzentriert, vor allem dort, wo sie denen der Sublimierung sehr ähnlich waren, dort, wo diese direkteren Formen der Befriedigung simuliert wurden, gespielt wurden. In der Tat kann es ja heute eine Kunst nennen, noch direktere Triebbefriedigung durchsetzen zu können. Insofern ist eine der höchsten Sublimierungsleistungen, die Kunst, doch auch als direkte Befriedigung beschreibbar.

Ob das wohl stimmt?

Ich will etwas anderes sagen. >Es gelingt mir nicht überzeugend, meine Handlungen auszurichten auf ein Ziel, wenn zur Erreichung dieses Ziels längere Zeit, etwa mehr als drei Tage verwandt werden müssen. Denn dann verliere ich die Motivation für solches Handeln – die Triebbefriedigung hat nämlich schon auf andere Weise erfolgen können.

Was in dieser Möglichkeit nicht aufgeht, unterwerfe ich anderen nachträglichen Erklärungen. Diese Rationalisierung sieht so aus: da im Bereich der ästhetischen Praxis der Vorgriff auf die befreite Gesellschaft besonders gut möglich ist, läßt sich gerade in diesem Bereich nur sehr schwer die Einhaltung der Geltung des Unfreien, Unwahren, Scheinhaften garantieren. Die Unterwerfung unter den notwendigen Anspruch des notwendigen Falschen gelingt nur zeitweise. Bei mir eben nur etwa drei Tage hintereinander. Durch die Einsicht ins Mögliche läßt sich die Gegenideologie gewinnen: es sei menschenunwürdig, heute noch länger als drei Tage sich dem Schein zu unterwerfen und für mehr als diese Zeit ununterbrochen durch die eigene Handlungsweise die allgemein gesellschaftlichen nachzubilden oder zu repräsentieren.

Deshalb mache ich keine Arbeit, die mich mehr als drei Tage hintereinander in Anspruch nimmt. Ich versuche dann immer noch, dem Anspruch der gesellschaftlichen Realität auf Nachbildung in meiner Arbeit zu entgehen: ich arbeite schludrig, ich korrigiere nicht, mache keine Veränderungen, wo sie in Analogie zur allgemeinen Gesellschaftspraxis angebracht wären. Durch dieses Verfahren haben alle meinen notwendigen Arbeiten deutliche Spuren der Mühsal, die ihr Produzent auf sich nehmen mußte. Der Widerstand gegen diese Arbeiten ist ihnen anzusehen. Man kann sich über ihren Charakter als erzwungene nicht täuschen. Sie sind stillos, kunstlos, denn Stil oder materiale Wohlgestimmtheit und Ordnung wären Täuschung und Verbrechen. Auch die Tatsache daß ich z.B. kein Manuskript mit Durchschlag herstelle, erkläre ich mir in diesem Zusammenhang. Ich möchte wahrscheinlich vermeiden, kontrollierbar und festlegbar zu werden, wenn ich die Rationalisierung durchschaue.

Vielleicht ist das aber alles nur eine Folge, unzureichend gegen mich ausgeübten sozialen Drucks, vielleicht lebe ich als Privilegierter sozial unterbestimmt? Auf mich läßt sich ja nicht einmal die Bestimmung ‚verheiratet‘ oder ‚Vater‘ oder die eines Berufs anwenden. Oder aber ich leide an allzu schlechtem Gedächtnis. Dann läßt sich konstatieren: Kreativität ist eine Funktion des schlechten Gedächtnisses.

1.8 Wie geht es Ihnen?

Lange Zeit habe ich gebraucht, um nicht zu antworten, wenn man mir diese Frage stellte. Ich begriff nicht, es hier mit einer jener Leerformeln zu tun zu haben, die das Ritual der gesellschaftlichen Korrespondenz ausmachen.

Ich habe immer geglaubt, man könne selbstverständlich auf eine solche Frage nur antworten „schlecht, danke“, sollte sie der Ausdruck tatsächlicher Anteilnahme sein. Indes wurde ich als Miesgesicht bezeichnet, als jemand, der dauernd etwas zu meckern hat, weil er sich nicht mit dem zufrieden gibt, was er hat. Gemessen aber an dem, was sein könnte, ist das, was ist, vollkommen unzureichend. Der Einwand der großen Welt gegen unsere infantilen ‚Omnipotenzträume‘ heißt: politisches Leben der Gesellschaft sei gegründet auf der Kunst des Möglichen. Eben weil wir wissen, was möglich ist, verurteilen wir, was ist. Da aber ist, was ist, geht es uns immer „danke, schlecht“. Die gesellschaftlichen Generalinstitutionen versichern jedem, seine Krankheiten seien kleine Wehwehchen, die durch ordentliches privates Leben eingeschränkt werden könnten oder die man eben aus Gründen der Unumstößlichkeit des Schicksals hinnehmen müsse. Die Doktoren aber meinen, Anfälle von totaler Desolatheit seien nicht auf Erkrankungen im Bereich der individuellen Organe zurückzuführen, sondern auf das falsche Leben in der Gesellschaft. Dies Falsche zu ändern, würde aber derartige Anstrengungen für die Organe bedeuten, daß man gewiß bald schon heftig erkranken würde.

So zahlt man denn und leidet weiter.

Wie alle etwas größeren Köpfe bin also auch ich ein Hypochonder.