Ästhetik als Vermittlung

Arbeitsbiographie eines Generalisten

Ästhetik als Vermittlung | Umschlag
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Was können heute Künstler, Philosophen, Literaten und Wissenschaftler für ihre Mitmenschen leisten? Unbestritten können sie einzelne, für das Alltagsleben bedeutsame Erfindungen, Gedanken und Werke schaffen. Aber die Vielzahl dieser einzelnen bedeutsamen Werke stellt heute gerade ein entscheidendes Problem dar: Wie soll man mit der Vielzahl fertig werden?

Das Publikum verlangt zu Recht, daß man ihm nicht nur Einzelresultate vorsetzt, sondern beispielhaft vorführt, wie denn ein Einzelner noch den Anforderungen von Berufs- und Privatleben in so unterschiedlichen Problemstellungen wie Mode und Erziehung, Umweltgestaltung und Werbung, Tod und Geschichtsbewußtsein, Kunstgenuß und politischer Forderung gerecht werden kann, ohne als Subjekt, als Persönlichkeit hinter den Einzelproblemen zu verschwinden.

Bazon Brock gehört zu denjenigen, die nachhaltig versuchen, diesen Anspruch des Subjekts, den Anspruch der Persönlichkeit vor den angeblich so übermächtigen Institutionen, gesellschaftlichen Strukturen, historischen Entwicklungstendenzen in seinem Werk und seinem öffentlichen Wirken aufrechtzuerhalten. Dieser Anspruch auf Beispielhaftigkeit eines Einzelnen in Werk und Wirken ist nicht zu verwechseln mit narzißtischer Selbstbespiegelung. Denn:

  1. Auch objektives Wissen kann nur durch einzelne Subjekte vermittelt werden.
  2. Die integrative Kraft des exemplarischen Subjekts zeigt sich in der Fähigkeit, Lebensformen anzubieten, d.h. denkend und gestaltend den Anspruch des Subjekts auf einen Lebenszusammenhang durchzusetzen.

Die Bedeutung der Ästhetik für das Alltagsleben nimmt rapide zu. Wo früher Ästhetik eine Spezialdisziplin für Fachleute war, berufen sich heute selbst Kommunalpolitiker, Bürgerinitiativen, Kindergärtner und Zukunftsplaner auf Konzepte der Ästhetik. Deshalb sieht Bazon Brock das Hauptproblem der Ästhetik heute nicht mehr in der Entwicklung von ästhetischen Theorien, sondern in der fallweisen und problembezogenen Vermittlung ästhetischer Strategien. Diese Ästhetik des Alltagslebens will nicht mehr ‚Lehre von der Schönheit‘ sein, sondern will dazu anleiten, die Alltagswelt wahrnehmend zu erschließen. Eine solche Ästhetik zeigt, wie man an den Objekten der Alltagswelt und den über sie hergestellten menschlichen Beziehungen selber erschließen kann, was sonst nur in klugen Theorien der Wissenschaftler angeboten wird. Solche Ästhetik zielt bewußt auf Alternativen der alltäglichen Lebensgestaltung und Lebensführung, indem sie für Alltagsprobleme wie Fassadengestaltung, Wohnen, Festefeiern, Museumsbesuch, Reisen, Modeverhalten, Essen, Medienkonsum und Bildungserwerb vielfältige Denk- und Handlungsanleitungen gibt. Damit wird auch die fatale Unterscheidung zwischen Hochkultur und Trivialkultur, zwischen Schöpfung und Arbeit überwunden.

Seite im Original: 140

Band I.Teil 4.4 Die Reformation der Reformation

– zur Revolution des Ja

Vortrag Oktober 1967 zum Reformationstag vor der Hochschule für Bildende Künste, Hamburg. Vortrag im Theater am Turm (TAT) Frankfurt, in der ‚Bürgerschule‘ 1968 (vgl. in Band IV, Teil 3.2 und Teil 5, die Aktionen ‚zur Verkommenheit des deutschen Bewußtseins‘). Das Buch enthält Randbemerkungen, die hier nicht wiedergegeben werden.

4.1 Ereignis durch Erzählung

Daten: Jahreszeiten, Stunden, ja Minutenangaben. Der Tag, die bestimmte Stunde: damit fangen die großen Erzählungen an, die Geschichten der Menschen, in denen sie sich versichern, es stehe nicht so schlecht um sie: es bestehe noch Hoffnung, wenn nur, ja wenn nur eben wie damals, aber jetzt und hier, in diesem Moment, einer käme, der, wie damals und wie an jenem Tag aufstünde, um mit der Faust auf den Tisch der Herren zu schlagen und ihnen die Suppe tüchtig zu versalzen.
In den Erzählungen heißt es dann, daß einer einen Kreuzer unter Dampf gesetzt habe und einige hundert Meter weitergeschippert sei; ein anderer habe jemanden aus dem Fenster geworfen; ein dritter habe mit einem Kopfeisen die Gefängnistür zerdeppert; einer einen Minister geohrfeigt und ein anderer einen kommandierenden General erschossen. Und einer habe in jener Stunde, in jenem bestimmten Moment nur einen Brief verlesen.
So soll es immer angefangen haben. Einer zum Beispiel habe LUTHER geheißen. Es sei der 31. Oktober gewesen, im Jahre 1517, gegen Morgen. Häufig werden atmosphärische Angaben zu solchen Ereignissen zitiert. Sie lassen vermuten, daß selbst die Natur teilgenommen habe an dieser kommenden Auseinandersetzung; daß sich selbst die Natur im Leiden mit der geknechteten Kreatur aufbäume: zum Zeichen des mit dem Willen der Götter Geschehenden oder der Auslösung einer Angst, die größer ist als jene vorm tatkräftigen Zupacken, als die Angst vorm Tun dessen, was nicht länger gelassen werden darf.
In den historischen Panoramen der Filme baut die Beleuchtung solche Effekte der gewesenen Zeitläufte nach, so daß wir veranlaßt werden zu denken: jetzt ist es gleich soweit, jetzt muß es passieren, jetzt ist das Maß voll, nun können sie nicht länger warten, das können sie nicht mehr ertragen, nun kann man das nicht länger dulden, sie müssen losschlagen. So wird aus der alten Technik der Ermutigung der Nachlebenden, derer, die nicht dabeigewesen sind, aber ähnliches erleben könnten, die Technik der Anstiftung zur Tat, der Ermöglichung oder Erzwingung der Tat, schließlich sind die Zeichen schon gesetzt. Nebenbei: die militärischen Fachleute haben sich ja eigentlich immer diesen Einsichten anbequemt (ob sie es schon geschafft haben, in Vietnam nach der Musik des Films 'Die Schlacht im Guadalkanal' zu kämpfen, ist fraglich, aber vermutbar).
Ohne weiteres wäre als eine der wichtigsten Vorleistungen Hollywoods zu nennen, uns bereitgemacht zu haben, die gesetzten Zeichen wahrzunehmen, haptisch, optisch, akustisch, wenns timbre schwillt und the national anthem, das Deutschlandlied, Die Fahne hoch, Allons enfants erklingen. Wären die Reichsparteitage weiter fortgeführt worden, wären wir heute schon soweit, ganze Landstriche beleuchtungstechnisch und akustisch mit den Vorzeichen der naturhaften Düsternis und Größe und Gewalt zu versehen, und es bedürfte nur eines Bühnentechnikers, um die jeweiligen Zukünfte zu erzeugen.

4.2 Geschichte als Schule des Handelns, den Herrschaften abgeguckt

Diese Möglichkeiten, das Gewesene zu simulieren, Möglichkeiten, die in der sogenannten Scheinwelt der Künste weit fortgeschritten sind, werden in der Realwelt des historischen Alltags von unseren Soziologen und Politikern, Ärzten und Anarchisten zu wenig genutzt. Die einzige, beiläufig wenigstens in gewissem Umfang gewürdigte Simulationsanlage ist das Fußballstadion, das aber durch die vielfachen Absperrungen, Fanggitter, Aufsichtspersonal eine erheblich unrealistische Verlaufsform aufweist. Zudem ist es bisher nicht gelungen, die auf dem Feld simulierten Entscheidungen zwischen dem König der Pfosten (wie man zitiert findet) und dem des Mittelfeldes analog auch für die demokratischen Machtträger zu entwickeln. Es wäre durchaus denkbar, daß sich die zu solchen simulierten Entscheidungen gezwungenen Machtträger und Verfügungsfunktionäre in wenigen Stunden ihrer Würde beraubt sähen, aus der hohlkreuzigen Hochnäsigkeit aufs Kreuz gelegt. In dieser Sphäre ist sich das Volk ja schon seiner Macht bewußt, es entthront Könige übers Wochenend. Ein Minister aber braucht sich aufs Mitspielen nicht einzulassen, denn Würde ist ihm für den Ernstfall, für den Wennfall da und wird ihm auch im Spiel nicht genommen. Würde des Mannes ist Drohung des Amtes, und von vornherein nehmen wir ja hin, daß sich diese Männer mit der Würde derer umwallen, die über Leben und Tod entscheiden, während es bei den Angelegenheiten des Volkes und der Masse nur um Spiele gehen soll, nur um Spielerei, noch dazu am vergangenen Modell, wie übrigens auch bei den Künsten.
Nun, das alles nennen und nannten diese Erzählungen: die Stimmung war gut, es schien alles daraufhin zu drängen, gleich müßte es geschehen. Und was an Taten groß sein würde, müßte auch die letzte der großen Taten ankündigen, vor der die Menschheit immer zitterte, den Weltuntergang. So liegt in jeder dieser Ereignisreportagen ein deutlicher Hinweis auf die immer mögliche allerletzte. Die Vorstellung allerdings, daß in unseren Zeitläuften ein besonderes Zittern vor diesen Ereignissen entstanden sei, ist einfach nicht wahr. In früheren Zeitläuften findet man sehr viel deutlichere Hinweise auf dieses große Zittern. Die real befürchtete Möglichkeit des Letzten war durch Jahrhunderte größer als heute. Gottseidank ist, seit diese Entscheidungen nicht mehr in den Händen der Götter, sondern in denen der Menschen liegen, die Wahrscheinlichkeit des Weltuntergangs viel geringer geworden.
Zugleich aber sind solche Angaben zum Ereignis, zu seinem Ort, seiner Zeit, ein Hinweis darauf, daß der Erzählende wünschte, alles liege tatsächlich noch vor den Zuhörenden, denn dadurch wird deren Interesse und Betroffenheit wachgehalten: Es liege noch vor ihnen und das heißt, auch sie könnten noch einmal das gleiche tun, könnten quasi während der Erzählung schon die erzählten Gesten üben, um hinauszustürzen und zu handeln, wie sie gehört hatten, daß einstmals die Mutigen, die Furchtlosen, die Unerschütterlichen, die Freunde gekämpft.
Sie kennen den Anspruch, wonach die dramatische Demonstration vor einem Theaterpublikum so auszufallen habe, daß das Publikum auf die Straße stürme, um Revolution zu machen. Daran ist Wahrheit, und wie. Aber man sollte es nicht immer nur den anderen überlassen, den Gegnern, sich dieser Wahrheit zu bemächtigen. Zu schnell bemerkt man Mechanismen der Rückkoppelung, wie in diesem Falle auch, daß etwa die Ohnmächtigen und Beherrschten es sich nicht nehmen lassen, durch gewisse Zitate der Mächtigen am Leben überhaupt zu partizipieren; in diesem Zitat z.B., daß man sich nicht die Hände schmutzig machen darf mit Gewalt, mit Tod, mit Lüge und Falschheit. Aber niemand kann es den Händen ansehen, ob sie sich beschmutzt haben oder beschmutzt worden sind. Diesen Tatbestand auszunutzen, überläßt man weitgehend jenen, die, wenn das Blatt sich gewendet hat, sich als Opfer deklarieren. Man hat sich in der Falschheit zu üben und in der durchschauten Falschheit, anders wird man wohl kaum Glauben finden.
So muß z.B. der Gestus 'Demonstrieren' so geübt werden wie andere Artikulationsfolgen auch, wie Handlungszusammenhänge, wie bestimmte technische Ausführungen, zumal es heute bekannt genug ist, daß ein Großteil der Ausdrucksmöglichkeiten des Volkswillens nichtsprachlicher Art sind, aber wie sprachliche geübt und vorgezeigt werden müssen, um dann auch von denen verstanden zu werden, die sie öffentlich repräsentieren, denen sie nachgerade ein Buch mit sieben Siegeln sind, nämlich ganz und gar unverständlich.
So also sollte man nicht zu gering denken von den Geschichtenerzählern, von den Verengern des Geschehenen auf Vorstellbares, von den Leuten, die dabei waren oder doch so gut wie. Wir alle wissen, daß die unmittelbare leibhaftige Zeugenschaft nicht die abstrakte, erarbeitete übertrifft oder herabmindert. Wir wissen, daß diese Zeugenschaft nur die Ausweitung eines Scheines sein kann über uns, die wir ihm bisher nicht unteriagen. Aber wenn kraft solchen Scheins, kraft solcher Falschheit, die Schinder, die Mächtigen, die Herren solche Resultate erzielen, wenn sie mit dem Falschen solche Folgen erzwingen, sollte man sich dieses Falschen ebenfalls bedienen, um die ihrerseits durch Falschheit entstandenen Verhältnisse zu zwingen.
Und so erzählen die einen von Ort und Zeit der Ereignisse im Kattegat, um Falschheit zu zeugen, und die anderen vom Aufstand in Kiel, um mit dem falschen Tod die Falschheit zu besiegen. So erzählen die einen von Stalingrad, um die Falschheit zur Not der Wahrheit zu deklarieren, und die anderen erzählen von Stalingrad, um die Falschheit auszudehnen, denn sie sei Natur der Sache. So erzählen die einen von der Revolution im Oktober, um die Falschheit zu entschuldigen, und die anderen, um sie zu beseitigen durch Falschheit, durch Falschheit in sich selbst.

4.3 Es hat nicht anders kommen können - es mußte so sein

Auf jeden Fall suchen sie, uns einen Anfang nahezubringen, einen Ausgangspunkt, die Ursachen und Folgen. Und sie versuchen, uns klarzumachen, daß notwendig war, was geschehen ist, daß es keinen Ausweg gab, und vor allem, daß wir, in solcher Lage, nicht nach Auswegen zu suchen hätten, wenn alles so zusammenkomme, wie es uns die Erzähler nahelegen. Und die Erzählung selber sagt, was sie allein dadurch, daß sie erzählt wird, wohl bewirken könnte: denen, die hinter der Tür lauschen, die sich vorbeidrücken und einige Brocken dabei aufschnappen, will sie sagen: treibt es nicht zu weit, seht das Beispiel, wir kennen uns aus, ihr könnt uns nicht für dumm verkaufen.
Aber da die Zeit vergangen ist, seit das geschah, was von den jetzt Herrschenden heilig gesprochen und für unantastbar erklärt wurde, läßt sich das so für unantastbar Erklärte schon wieder als Legitimation gegen die falschen Legitimierten wenden: und sei es nur, daß man, mit Hinweis auf das akzeptierte Beispiel der Erzählung LUTHER (er habe den mächtigen HEINRICH VIII. kurz König Heinz genannt, also einen Heini), ebenfalls jemand Mächtigen so nennt, ihm seine Würde nimmt, ihn als den "albernen salbadernden Kurt" oder "Verräter WEHNER" entweiht.
Das sind Harmlosigkeiten im Vergleich zu LUTHER, den jene Herren Protestanten wohl kaum darum beschimpfen oder gar anzeigen würden. Denn das, so sagen alle Herren, sei gewesen. Und weil's gewesen ist, sei es ja gut und komme nicht mehr wieder. Wenn man ihnen dann darauf mit einem kräftigen LUTHERischen "Scheißdreck" antwortet, zetern sie von neuem, denn wir sagen es heute. Als heute Gesagtes ist es Beleidigung des religiösen Gefühls, Verächtlichmachung der Religion, Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener usw. Entweiht wird der Anspruch der Gläubigen, die protestantische Ethik der Herrschenden, die sich im Diesseits beweisen und durchsetzen müssen, immer noch stellvertretend für alle ohnmächtig Hoffenden. Darauf eingehend, sagt man ihnen: nun gut, wirkt er fort, der Glaube:
Dann muß in solchem Glauben und christlicher Religion auch wenigstens mit LUTHER "Scheißdreck" gesagt werden dürfen, mit LUTHER "Heini" oder gar "schmutzig Pack von Funktionären, Kommissaren und Vikaren".
Denn die Faust soll es nicht machen, der Hammer nicht, auch nicht das Gewehr, nicht das ohnmächtige Schreien, auch nicht die Wut. Was die Herren ihre Reformation nennen, soll zur Reformation der Herren nicht verwendet werden. Das macht eben den Unterschied, die Feinheit, die Nuance, den Duft - ein Unterschied aus Gründen, ein Genitiv.
Wer aber Sprache spricht mit Gewalt (wie LUTHER), weiß, daß es dann doch wieder darauf hinausläuft: die Faust und das Gewehr, das ohnmächtige Schreien und die Wut und eine doppelte dazu. Denn die wütend sind, wissen weshalb; weil ihnen die Wut als Ausnahme zugestanden ist, als begründete Feierlichkeit, als das Besondere. Der Augenblick der Erinnerung verdeutlicht die Niederlage wie den Zwang, es erneut versuchen und wieder scheitern zu müssen. Müssen, meint man, meinen vor allem aber die anderen, die diese Besonderheit und Ausnahme gern zugestehen.

4.4 Es hat nicht anders kommen können - wir können nichts dafür

Es ist die Wut über die Notwendigkeit des Falschen, darüber, daß jene ihren Herrschaftsanspruch auf eine lange Tradition des Herrschens stützen; daß sie sich aus der Geschichte der Ereignisse legitimieren als von ihnen gewollt und deshalb ihnen gehörig. Wer aber kann, auf der anderen Seite, die Geschichte, jene Ereignisse gewollt haben: wer kann Tod und Verderben gewollt haben, das Feuer, das brennt? Und dennoch müssen auch wir jenes gewollt haben, damit die Geschichte für uns da ist, verfügbar wird. Wir müssen alles das als von uns beabsichtigt bekennen, damit wir es für uns in Anspruch nehmen können. Wir wissen, wie falsch es etwa den Sozialisten erscheinen muß, den Stil der Vereinsmeierei der Kriegerverbände auf die Genossenschaften zu übertragen, und welche Bedenken sie plagen, die Geschichte des Scheiterns zu feiern, wie jene die Geschichte der Siege feiern. Die Tradition der Geschlagenen zu pflegen, Geschichten des Versagens zu erzählen: es war der 7. November. Oder der 31. Oktober. So gegen Morgen. Was immer es dann war, und ob es morgens war oder nachmittags oder überhaupt stattfand. Soweit es als historischer Ablauf beschreibbar, lehrbar und abbildbar ist, und wenn es auch nur so hätte sein können, wie es nicht war, und wenn es auch vergeblich war, wir müßten es dazu bestimmen, für uns gewesen zu sein, damit es Beispiele gibt, Hinweise, und wenn auch nur die falschen, aber immerhin, denn anders spricht man von den Opfern gar nicht. Und Opfer sind ja die, von denen man nicht spricht. Vorzuschlagen, daß es verboten würde, Siege zu feiern, sondern daß man die Niederlagen (wenn schon) feiere, also statt 1871 und Reichsgründung zu feiern, das Ende 1945 feiere, hätte wenig Aussicht. Zu schnell käme unter die Leute, zu schnell bemerkte man, daß es wohl bisher kaum Siege gab - da, wo die Schalmeien und die Blasmusik spielen, schon ganz und gar nicht.
Und daraus würden wir in unserem Lande allzuhäufig die verwerfliche Konsequenz ziehen: wenn alles Tun und Wollen doch nur Blendwerk ist (und wie LUTHER sagt: ein Mist), dann komme es ja nicht darauf an, was man tue oder wolle.
Das ist die andere Seite der Unterdrückung, der Verächtlichmachung, der Herrschaft durch die Furcht: "es hat nicht anders kommen können, wir können nichts dafür." Drum eben bleibe eben alles, wie es ist; mit der vorsichtigen Einschränkung "in gewisser Weise".
Dies sind keine Tage des feinen Unterschieds. Es sind die des 'Alleszugleich'. Den feinen Unterschied sieht LUTHER, statt im Ringen um den sicheren Glauben, in solchem um den Weg zur Sicherheit. Eine uns sehr vertraute Vorstellung. Da wird dann LUTHER als ein autoritätsgläubiger junger Mann beschreibbar, auf der Suche nach einer Autorität, die auch eine ist, und nicht schon bei den geringsten Zweifeln an ihr zusammenbricht; die Widerstand erzeugt und Widerstand erfahren läßt; weil sie nämlich das Recht dazu hat, weil sie nämlich die Kraft hat, derer man selber ermangeln muß, da man nur Einzelner ist, nur einer unter Vielen - angewiesen auf das sich Gemeinmachen mit anderen, auf die Bestätigung dessen, was die Herren aus Rom oder Bonn und Anhang nur versprechen: daß in der Anerkennung solcher wahrer Ordnung die Menschen nicht vergehen, daß sie durch Gesetze nicht zu Dreck werden, sondern frei.
Ich glaube, das sind Ratschläge für spätere Nutzanwendung: "wenn die Herren vom geistlichen Stande nur ein wenig nachgegeben hätten, so wäre alles nicht passiert." Das raunen sie sich noch heute zu, zur Warnung, wenns wieder so käme, voilà, ein bißchen Nachgeben und schwupps in den Sack.

4.5 Der war's - Personalisierung der Schuld

Daß alles an LUTHER gelegen habe, ist nicht wahr, man hat sich das zurechtgelegt von seiten der feigen Mitläufer. Denn sie wollten auch, nur hatten sie nicht die Courage. Und sollten sie reinfallen, wär's eben der LUTHER, dieser eine, auf den man mit dem Spieß zeigen und losgehen könne. Ein bekanntes Verfahren, das sich bis heute in die Rädelsführervorstellungen fortsetzt, das andererseits unserem Bedürfnis nach Personalisierung der Macht zustatten kommt. Der Zwiespalt ist hier so wenig wegzuräumen wie zu Zeiten LUTHERs: daß die Personalisierung einerseits zwar zeige, da ist der Schurke (wie im Action-Film, das größte Verdienst dieser Gattung), er ist einer von denen oder jenen, und wenn man ihn verschwinden machte, den Mann, der es war, dieses Gehirn mit seinen Gespinsten, dann ließe sich das Problem lösen.
Andererseits aber fällt es schwer, bei aller Personalisierung der Macht zu erklären, was nicht in den Personen verschwindet, sondern was sie treibt und bestimmt, im System der Bedingungen, als Mechanismus der Entscheidungen, als Blindheit des Zusammenhangs - LUTHER nennt sie alle beim schändlichsten Namen. So hat er die Personalisierung der Macht betrieben: er hat den Tetzel gestellt, er hat die Schwindler ausgemacht.
Er hat sich aber nicht damit zufriedengegeben, daß man ihm versicherte, wenn der Oberbürgermeister zurücktreten würde oder der Polizeipräfekt, dann sei ja alles wieder in Ordnung. Erst durch den Hinweis der Mächtigen auf ihre Möglichkeit, Ruhe und Ordnung wiederherzustellen, sich bereitzufinden, Sitte und Anstand durch personale Veränderungen wiederherzustellen, erst dieser Hinweis, der vom Kardinal CAJETAN nachdrücklich zu verstehen gegeben wurde, bestätigte den Fordernden in seiner Forderung: hier gehe es nicht mehr um die Personalisierung der einfältig bösen Macht, sondern um die Verschleierung des Tatbestandes, daß dies Böse für gut gehalten werde, für rechtens, für legitim, also darum, daß das gesamte System der Bedingungen nicht mehr akzeptabel sei. Denn die Verabredung zum funktionalen Gehorsam sei nur aufrechterhaltbar, wenn sie nicht als Naturgegebenheit angesehen werde, wenn sie nicht als Gottes- oder Volkswille mißbraucht werde. Davon wolle er aber gar nicht erst reden, denn dann müßte er gleich jenen Herren an die Kehle springen.

4.6 LUTHER - ein Lehrbeispiel

Als bei diesen netten Unterhaltungen mit dem Regierenden nichts herauskommt (für den Herrn), setzt sich die Maschinerie in Bewegung:

Station 1:
Wenn dieser LUTHER es mit ihnen aufnehmen wolle, müsse er schon früher aufstehen. Was er da fordere, sagt CAJETAN, seien olle Kamellen, um die kein Hahn mehr krähe, ein verspäteter Studentenulk, er hätte frischere Fische zu Markte tragen sollen, ruft ihm CAJETAN nach.

Station 2:
Der LUTHER betreibe weiter seine Sache.
Da er auf das Angebot zur personalen Veränderung nicht eingehe, gehe es ihm offensichtlich gar nicht um reale Veränderungen, sondern um die Demonstration um der Demonstration willen, sich ins rechte Licht zu setzen, sich einen Namen zu machen. Er selbst nenne sich einen alten Madensack, bediene sich grober Umgangsformen, spreche und fluche wie ein Bauer. Man hofft, er mache sich selber lächerlich und damit unmöglich.

Station 3:
Auf mehrere Manifeste hin, Flugschriften und zitierbare Schriften, kann man ihn in Untersuchungshaft nehmen und ins Verhör. Durch Protest und Publizität der Affäre wird er mit Auflagen freigelassen.

Station 4:
Um den Mann aus dem Felde zu schaffen, wird er mit der von ihm vertretenen Meinung zum Urheber von Ereignissen gestempelt, die in ihrer Fürchterlichkeit und Roheit allen Menschen verhaßt sein müssen, wobei man erstens (dadurch, daß man selber den Bauernkrieg entfacht) nach Belieben unter dem Vorwand der Ketzerfängerei (heute sagt man Kommunismus, Anarchie und Klamauk) Unliebsame beseitigen kann, und zweitens die Möglichkeit hat, nach Art der Aktion die Reaktion der Protestanten zu bestimmen: wenn man sie heftig schlägt und mordet, werden sie sich heftig wehren und ihrerseits tun, was niemandem gefällt, zumal es ja angeblich um eine "nur geistige Auseinandersetzung" geht.

Station 5:
Der so mit den Folgen seiner Handlungen, die er nicht wünschte, Konfrontierte versucht, den Irrtum aufzuklären, weil er nicht versteht, dab man ihn absichtlich nicht verstehen wollte, obwohl man ihn ja gut verstand. Herr Doktor ECK hatte, wie viele andere, genau die gleichen Forderungen gegen die Zustände seiner Zeit erhoben wie LUTHER, ja das noch in Worms getan, um LUTHER mit seinen gleichlautenden Forderungen ins Unrecht zu setzen. Denn beide konnten sie ja nicht das gleiche meinen, wenn einer von ihnen Mitglied der Partei und der andere ein Ketzer sei. Der Doktor ECK - ein bedeutender Mann, in meiner Ahnengalerie hochgeheiligt und hochgehängt: den Gegner dadurch zu erledigen, daß man genau die gleichen Forderungen erhebt wie er, aber aus der Tatsache, daß es sich um einen Gegner handelt, ja zweifelsohne folgert, daß er ein Ketzer ist, Dolchstößler, ein Versailler, ein Anerkennungsparteiler.
Die anderen Tausende, wirklich so viele waren es, zumeist ehrbare, zumindest ehrbare, wohl doch nicht so ehrbare Humanisten, die ebenfalls die LUTHERischen Forderungen als berechtigt anerkennen mußten, natürlich nur im Stillen, versuchten fürs erste, sich Ämter zu verschaffen, um dann, wie sie sagten, von dort aus im kleinen und mit kleinen Schritten zu wirken. Natürlich ebenfalls nur Kleines: mal 'ne Übernachtung für einen verdächtig schnell Reisenden, mal 'nen Taler für einen Herumlungernden.
LUTHER versucht, die Greuel zu verhindern, das Gemetzel zu stoppen, und ergreift dabei nicht aus objektiver, sondern aus Gewissensnot die Partei der falschen Seite, gegen seine Einsicht, aber für sein Gewissen.

Station 6:
Die Parteigänger des Reformators, die Verfechter der Sache, in den Kampf gelockt für dessen und ihre Prinzipien und Erkenntnisse, fühlen sich durch seinen Einwand gegen den Krieg (der ihnen aufgezwungen wurde) im Stich gelassen und sind es auch. Der Reformator hat ausgespielt, und zur Revolution ist es nicht gekommen.

Ein exemplarischer Fall, der sämtliche Entwicklungsstufen der Gegenrevolutionen unserer Geschichte durchläuft.

4.7 Abrechnung - Das Nachher

LUTHER hatte damit ausgespielt. Denn die zur Rechtfertigung seines Verhaltens, seines Gewissens und zur Begründung seines Einspruches gegen seine eigenen Parteigänger ausgearbeitete Zweireichelehre hat zwar viele von den Enttäuschten wieder mit ihm versöhnt, weil sie seine guten Gründe akzeptierten, aber er hat mit ihr kapituliert, weil er es nicht verhindern konnte, daß die Herren seine differenzierten, gemäßigten Forderungen und seine Vorstellungen von der Ordnung im Himmel und auf Erden mißbrauchten. Man sollte nicht meinen, es sei bei den sogenannten Glaubenskriegen, auf die wir uns ja was zugute halten, um Glauben gegangen.
Es ging bei der Parteinahme der einzelnen Fürsten (der Austragung der Entscheidungen nach LUTHERs Kapitulation) um die Möglichkeit, bei Zugehörigkeit zu einer Partei und deren Sieg sich die Territorien der zur gegnerischen Partei gehörigen Fürsten anzueignen. Dabei wurde natürlich des öfteren der Parteiwechsel nötig und auch anstandslos vollzogen. Es ging um Machtpolitik, die besonders einfach zu verschleiern war, weshalb die Kriege besonders lange dauerten. Genausowenig ist es bei den vielen nachmaligen Gelegenheiten dieser Art um die Freiheit oder das Christentum oder den Antikommunismus gegangen. Aber mit dem Hinweis, die Protestaktionen seien so schrecklich in Form und Folgen, die Verschleierung der Interessen lasse sich so leicht betreiben, dauert dieser Krieg nun schon ewig: für uns dauert er ja immerhin schon länger als der Dreißigjährige. Und wird wohl noch eine Weile dauern.
Ich habe hier zu Anfang vor der Analogienpinselei gewarnt und doch von der Not ihres schließlichen Gebrauchs als falscher gesprochen. Wir dürfen nicht zu heikel gegen das Falsche sein, nicht zu fein, wir müssen uns bereitfinden, handelnd selber Falsches zu riskieren, das wir verhindern oder schmälern wollten. Das ist unvermeidlich, aber keine Entschuldigung (und auch unvermeidlich in einem anderen Sinne). Dabei hilft keine Aufrechnerei (Ablaß gegen Krankenhäuser, Bastille gegen Moskau und Leningrad, Coventry gegen Dresden). Andererseits wäre es wohl frivol, sich dieses Sachverhalts als unumstößlichen und deswegen eben besonders tragischen in der dramatischen Rekonstruktion bei SCHILLER oder HOCHHUTH zu erfreuen. Sich, wie einst die Primitiven, einer zufällig waltenden Naturmacht zu unterwerfen, bestärkt, wie uns die Ethnologen versichern - oder sich wie die Griechen der ananke zu unterwerfen, getröstet, weil es den Göttern auch dreckig ging - oder sich wie wir einem Willen zu unterwerfen, dankbar, ihn als bösen Willen kennzeichnen zu können, das dürfte uns nur Trost im Scheitern sein, nicht Rechtfertigung fürs Stillhalten.

4.8 Die wahren Feinde der Demokratie

LUTHER hat den Dreh auch finden wollen - er glaubte, ihn in der Zweireichelehre gefunden zu haben. Die Zeitläufte haben ihn widerlegt. Und man kann mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen, daß es diesen pfiffigen Dreh nach draußen (aus der Geschichte hinaus) auch nicht gibt. Schon ARISTOPHANES hat sich dieser damals "neumodischen" griechischen Anschauungsweise in den "Wolken" spottend angenommen. Spott ist nur als Abwehr erträglich, als Befreiung aus der Betroffenheit. Der Spötter gibt zu verstehen, daß er selber gemeint ist. Wer aber sich mokant lächelnd gibt, überlegen übers Gewimmel, wer näselnd Stüber verteilt, wer an der Pfeife sabbert und neben sich blickt, um nicht hinsehen zu müssen, wer für einen wahrhaft folgenreichen Sachverhalt den Namen "Studentenulk" oder "Klamauk" oder "Randalieren" wählt, ist nicht gerechtfertigt, weil er nicht zeigt, selber betroffen zu sein, also versucht zu verstehen. Nun kann man niemanden zwingen zu verstehen. Wer dazu nicht gezwungen werden kann, sollte dann allerdings auch nicht Minister sein oder Chefredakteur oder Parteivorstand. Am allerwenigsten aber dürften jene ja doch wohl nicht ehrbaren Menschenfreunde Chefredakteure, Minister oder Parteivorstände sein, die sehr wohl auch sich betroffen wissen, aber, wie einst die tausend Humanisten, ins Amt durch Kleintun rutschten: kleine Schritte, Hundekrumen, Beschwichtigung.
Ihre Methode, sich am Napf zu halten, besteht darin zu sagen: alles gut und schön, liebe Leute, aber so nicht, nicht in dieser Form. Die sagen, daß die Protestanten zwar recht hätten, der Sache nach in vielen Punkten, aber dadurch wieder unrecht, daß sie andere darauf aufmerksam machen möchten, sie hätten recht. Die das Recht auch in die stillen Augenzwinkereien drücken, die verstohlen im Rundfunk einem die Hand drücken mit der Bemerkung: wacker, wacker, eigentlich haben Sie ja recht. Und LUTHER, dem sie sagten: wärs ihm wirklich um Menschenliebe und Freundlichkeit gegangen, dann hätte er doch im Stillen wirken können; hätte nur einzelnen Schülern durch Unterrichtserteilung hie und da von seinen Einfällen gesprochen und all das Böse und schlimme Treiben vermieden.
Was es damit auf sich hat, hat der allerdeutscheste aller Deutschen so ausgedrückt: "Ja, wissen Sie, meine Kameraden, ich habe in Deutschland nichts zerschlagen. Ich bin immer sehr vorsichtig vorgegangen, weil ich, wie gesagt, glaube, daß wir uns das gar nicht leisten können, etwas in Trümmer zu legen. Es war mein Stolz immer, daß die Revolution 1933 ohne eine kaputte Fensterscheibe abging. Aber trotzdem haben wir ungeheure Wandlungen herbeigeführt."
Ist das nicht ein fabelhafter deutscher Mann, immer so ohne kaputte Fensterscheiben, dieser HITLER, welch ein Vorbild!
Das war nicht nur am 10.2.1940, als er diese Rede vor Rüstungsarbeitern (den Fensterscheibenschonern par excellence) hielt. Glaubt man den heutigen Drehern und Wendern der öffentlichen Ereignisse, so ist er es auch heute noch. Andererseits verlangt solchen Typen die Herbeiführung des Todes eines Einzelnen kaum ein Achselzucken ab, denn sie sind natürlich anderes und mehr gewöhnt. Auch sind eben die Opfer von Gegenrevolutionen nie ein Einwand gegen die Revolutionen dieser Art. Da versteht sich Gewalt von selbst. Übrigens hat Egon FRIEDELL vor vierzig Jahren nachgerechnet, was man allenthalben als Kommentar zu den Ereignissen anno 1917 in Rußland als feststehend und falsch angab: die Zahl der Opfer aller Revolutionen, gewaltsamer Umstürze im Inneren, liegt bei weniger als 0,5 Prozent derjenigen von Kriegen (soweit beide abschätzbar sind).
Aber wer spricht eigentlich von Revolutionen, von kaputten Fensterscheiben als Vorboten der Revolution? Doch wohl ausschließlich die Feinde der Demokratie: so sie Veränderungen fürchten, bei denen die Pfründe schrumpfen, so sie ihre demokratischen Tugenden vertuschen müssen, die ihnen mancherlei gestatteten, was verboten war, so sie Demokratie zu verraten versuchen aus Machtinteressen - wie der höchst unwürdige Herbert. Er wurde einer der gefährlichsten Feinde der Demokratie, als er für ein Ministerstühlchen das Prinzip der demokratischen Opposition aufgab, als er sich zum Retter der Nation aufschwingen wollte, als er mit der Großen Koalition auch die großen Irrtümer vertrat, in LUTHERischem Verstande ein Großkotz und Wichtigtuer wurde, ein Interessenverschleierer - kurz: ein Feind der Demokratie.
Diese Versöhnler, diese Salbaderer und Klugscheißer, diese legeren, immer verbindlichen, fernsehzeiteinhaltenden Diskussionsredner, diese Nurmeinenden, diese Sanftmütigen, Begütigenden, diese wirklich Wohlmeinenden, im Herzen durchaus Aufrichtigen, diese außerordentlich Gelassenen, nur leicht Scherzenden, diese Achtungsgebietenden, diese Risikolosen, Vorsichtigen, diese Indirekten, diese Hintergründigen, die Lächler, eben die Feinde der Demokratie.
Die haben die Demokratie in Gefahr gebracht, dagegen haben sich Bürger gewandt. Diese Bürger haben nicht das Grundgesetz ändern wollen, die Feinde der Demokratie haben das Grundgesetz ändern wollen und bieten dazu noch das Schauspiel ihrer Widerlegung durch sich selbst, daß bloß das fehlende Geld sie hindert, ihrem Gesetz zur Befolgung zu verhelfen.
Wer so ein Gesetz erledigt, ist ein Feind der Demokratie. Wer spricht denn von Revolutionen, wenn nicht die Feinde der Demokratie? Die vertuschen wollen mit Hinweis auf die Schuld der anderen. Die nicht für wahr gelten lassen wollen, was auf sie keine Rücksicht nimmt, auf ihre netten kleinen Lügen. Wer spricht denn von fehlender Legitimation? Die Feinde der Demokratie, die deshalb an ihrer eigenen zweifeln müssen und um sie fürchten.
Wer spricht von Klamauk und Radau und Happening und Happeningmanieren und immer wieder Happening: die, die niemals ein Happening sahen, die Nachquatscher, die autoritären Nachäffer, die Knüppelschwinger. In allen Kommentaren, ob ZEIT oder SPIEGEL, Rundfunk oder Fernsehen oder auf Ministerebene, wird Verwahrung gegen diese Klamaukmanier im Happeningstil erhoben: Leute aus dem Bereich der ästhetischen Praxis sind darauf durchaus nicht etwa stolz, daß sich eine ihrer Aktionsformen so bewährt haben sollte.
Es ist immer noch nützlich, Ressentiment durch Hinweis auf die moderne Kunst zu erzeugen; auch wenn man vorgibt, inzwischen gelernt zu haben, anders als zu Zeiten des schwarzen Korps, diese Anwürfe hinter distanzierter Amüsiertheit zu verbergen.
Aber nur keine voreiligen Abschlüsse: Wie muß man es verstehen, wenn so ein Demokrat wie viele, die sich für reinlich halten, in die Verurteilung und Herabschätzung von Minderheiten, wie etwa der Langhaarigen, der Kommunemitglieder, der Irren, der Zuchthäusler einstimmt? GRASS, der zu Recht den Verdacht hat, bei SPRINGER gehe was Schwarzes über den Hof, ist selber mehrmals schwarz geworden wie altes Silber.
Nur keine voreiligen Abschlüsse: ich mache mich anheischig nachzuweisen (natürlich nur gegen Bezahlung, Gesinnungslump, der ich bin), daß in den Feuilletons des SPIEGEL viel mehr als anderen Blatts getan wurde für die Aufrechterhaltung von Diskriminierungen der Künste. Auch die Begegnung AUGSTEINs mit Bildern von POLLOCK aus dem Jahre 1953 kennzeichnet da keine Kehrtwende. Es soll keiner von netter Journalistensitte oder Stilgebaren sprechen, wenn den BEATLES im SPIEGEL, Oktober 1967, immer noch das Kennzeichen "affenhaarig" beigegeben wird. Es soll da keiner Stilfreiheit rühmen. Das ist nicht ein Zeichen für kommende Übel, sondern für immer noch herrschende. Und gegen diese immer noch herrschende Gemeinheit, Verächtlichmachung, die Nichtachtung des Grundgesetzes, Ämterpatronage, Beschwichtigungspolitik, Lügenverbreiterei und Heuchelei wendet sich der Protest und das Verlangen auf Einhaltung des Grundgesetzes. Wer spricht denn von Revolution, wenn nicht die Feinde der Demokratie? Wer hat die Demokratie gefährdet, derjenige, der gesteht, lügen zu müssen, um keine Wählerstimmen zu verlieren, oder derjenige, der solch einen Mann für untauglich hält, ein Demokrat zu sein?
Wer hat die Demokratie gefährdet? Derjenige, der in schwer durchschaubarer Form das Volk gegen andere Völker aufhetzt, gerade weil er angeblich auf Gewalt verzichten will und weiß, daß sich bei solchem Verzicht auf Gewalt nichts ändern kann - oder gefährdet derjenige die Demokratie, der auf diesen Widerspruch zwischen Bekenntnis und Bekenntnis aufmerksam macht?
Wer hat die Demokratie gefährdet, diejenigen, die den Wahnwitz der Wiedervereinigung zur Richtschnur ihrer Politik machten, und zwar in diesem Falle ausgerechnet unter Berufung auf das Grundgesetz - oder diejenigen, welche diese Forderung des Grundgesetzes anderen unterordnet?

4.9 Von der Schwierigkeit des Subjekts

Aber gemach, wir sind selber der Fall, der verhandelt wird, nur keine voreiligen Abschlüsse: es ist noch nicht lange her, als auch die SPIEGELherren, auch ENZENSBERGER und auch Herr GRASS der Regierung ADENAUER in den Ohren lagen, sie rede nur von Wiedervereinigung, tue aber nichts für sie. Die Demokratie, was nur sollen wir darunter verstehen, wenn selbst solche Leute mehrfach so verquer und übel auf das Falsche aus sind! Was wir eben dafür halten: nichts, uns ist das sehr verständlich, wir schreien ja nicht, die Demokratie sei in Gefahr, es drohe Revolution. Nur die Feinde der Demokratie fürchten die Revolution. Nur die Feinde der Demokratie finden es bedenklich, die Demokratie auch zu praktizieren, und geben sie schnell auf zugunsten Großer Koalition und großer Kopulation, Eintopf mit kleinen Naturgewalten, Brei, Pampe und unkontrolliertes Brodeln.
Da bekommt man Lust, einen Mann wie SPRINGER zu umarmen und freundlich zu kneifen, bei ihm weiß man, woran man ist, und bei Kapitalisten und Militärs. Da ist alles klar, und das ist leichter zu akzeptieren als diese Mittelgrauen, die Abwägenden, nach allen Seiten ausschauenden, vorsichtigen, zurückhaltenden, kalkulierenden, zurückversichernden Trübfischer, hier und da zu wandern, hier und da mal so das Mündchen zuzuspitzen. Wie Mustertante ZEIT, ganz liberal, ganz so lala, ganz hin und her. Wo denn mal Herr SOMMER die Amerikaner in Vietnam rechtfertigen darf und wo der Hort der Freiheit gegen irgendein gleichgültiges Buch groß aufgemacht wird. Wo man die Künste kennerisch genießt und gleich dreimal in einer einzigen Ausgabe als Überschrift schon das Wort Happening zur diskriminierenden Kennzeichnung verwendet. Ach Gott, sie wären ja eigentlich zu bedauern, wären wir es nicht selber, die unter ihnen leiden.
Doch wir können von Glück reden, in diesen Zeitläuften herumzustolzieren, nicht in den früheren, in deren jeder wir schon längst kaputtgehauen und abgesägt am Boden lägen, und zwar alle. Wir vergessen zu leicht, zu schnell, daß etwa noch Ende der goldenen Zwanziger auf dem Höhepunkt der Weimarer Republik in Berlin allein an einem einzigen Tag bis zu 28 Studenten als Tote gezählt wurden von denen, die Lust hatten, mitzuzählen.
Denn wir sind nicht mehr so geneigt, zwischen unserer lieben Seele und dem stinkenden Madensack zu trennen, wie LUTHER das tat und denjenigen empfahl, die in Bedrängnis sind. Für uns sind nicht mehr die Gedanken frei, auch wenn wir in Ketten liegen, wie damals, da das zu glauben eine Herausforderung an die Herrschenden war, von unglaublicher Gewalt und Kraft.
So gesehen hat LUTHERs Zweireichelehre sicherlich etwas für sich und gegen die Gewalt - leider ist mit Grund zu fürchten, daß sich mancher Herr nicht um die Unverletzlichkeit der Seele schert, wenn er nur den Leib kann tritzen und bestimmen. Sollten wir das vergessen, so wäre der Freudentanz übers heutige Leben noch eher und schneller einer, wie ihn der Colt verusacht - gute Regisseure nutzen den Überraschungseffekt bei der Erkenntnis dieser Ähnlichkeit von Freude und Not, von Schreien und Lachen. Leider werden Gesichter bei der Aufforderung, unverwechselbar zu lachen, nur um so verzerrter, schreiender.
Wir sollten uns zurückhalten, solch eine verwechselbare Situation herauszufordern. Strapazieren wir die Freundlichkeit nicht zu sehr.