Ästhetik als Vermittlung

Arbeitsbiographie eines Generalisten

Ästhetik als Vermittlung | Umschlag
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Was können heute Künstler, Philosophen, Literaten und Wissenschaftler für ihre Mitmenschen leisten? Unbestritten können sie einzelne, für das Alltagsleben bedeutsame Erfindungen, Gedanken und Werke schaffen. Aber die Vielzahl dieser einzelnen bedeutsamen Werke stellt heute gerade ein entscheidendes Problem dar: Wie soll man mit der Vielzahl fertig werden?

Das Publikum verlangt zu Recht, daß man ihm nicht nur Einzelresultate vorsetzt, sondern beispielhaft vorführt, wie denn ein Einzelner noch den Anforderungen von Berufs- und Privatleben in so unterschiedlichen Problemstellungen wie Mode und Erziehung, Umweltgestaltung und Werbung, Tod und Geschichtsbewußtsein, Kunstgenuß und politischer Forderung gerecht werden kann, ohne als Subjekt, als Persönlichkeit hinter den Einzelproblemen zu verschwinden.

Bazon Brock gehört zu denjenigen, die nachhaltig versuchen, diesen Anspruch des Subjekts, den Anspruch der Persönlichkeit vor den angeblich so übermächtigen Institutionen, gesellschaftlichen Strukturen, historischen Entwicklungstendenzen in seinem Werk und seinem öffentlichen Wirken aufrechtzuerhalten. Dieser Anspruch auf Beispielhaftigkeit eines Einzelnen in Werk und Wirken ist nicht zu verwechseln mit narzißtischer Selbstbespiegelung. Denn:

  1. Auch objektives Wissen kann nur durch einzelne Subjekte vermittelt werden.
  2. Die integrative Kraft des exemplarischen Subjekts zeigt sich in der Fähigkeit, Lebensformen anzubieten, d.h. denkend und gestaltend den Anspruch des Subjekts auf einen Lebenszusammenhang durchzusetzen.

Die Bedeutung der Ästhetik für das Alltagsleben nimmt rapide zu. Wo früher Ästhetik eine Spezialdisziplin für Fachleute war, berufen sich heute selbst Kommunalpolitiker, Bürgerinitiativen, Kindergärtner und Zukunftsplaner auf Konzepte der Ästhetik. Deshalb sieht Bazon Brock das Hauptproblem der Ästhetik heute nicht mehr in der Entwicklung von ästhetischen Theorien, sondern in der fallweisen und problembezogenen Vermittlung ästhetischer Strategien. Diese Ästhetik des Alltagslebens will nicht mehr ‚Lehre von der Schönheit‘ sein, sondern will dazu anleiten, die Alltagswelt wahrnehmend zu erschließen. Eine solche Ästhetik zeigt, wie man an den Objekten der Alltagswelt und den über sie hergestellten menschlichen Beziehungen selber erschließen kann, was sonst nur in klugen Theorien der Wissenschaftler angeboten wird. Solche Ästhetik zielt bewußt auf Alternativen der alltäglichen Lebensgestaltung und Lebensführung, indem sie für Alltagsprobleme wie Fassadengestaltung, Wohnen, Festefeiern, Museumsbesuch, Reisen, Modeverhalten, Essen, Medienkonsum und Bildungserwerb vielfältige Denk- und Handlungsanleitungen gibt. Damit wird auch die fatale Unterscheidung zwischen Hochkultur und Trivialkultur, zwischen Schöpfung und Arbeit überwunden.

Seite im Original: 416

Band III.Teil 1.1 Die Frage nach den Bedürfnissen

- am Beispiel der Wohnbedürfnisse

Diese Überlegungen wurden auf der Loccumer Tagung 'Wohnbedürfnisse der Zukunft' (23. - 25. Mai 1975) vorgetragen und sind in den von Michael BOSCH zum Thema herausgegebenen LOCCUMER PROTOKOLLEN 11, 1975, abgedruckt. Sie basieren auf einem von Gisela BRACKERT geführten Interview, das 1973 un ter dem Titel 'Über Grundbedürfnisse im Wohnbereich' erschien.

1.1 Möbellager oder nackte Erde

Was bedeutet uns eigentlich noch die Wohnungseinrichtung? Es gibt doch viele junge Leute, die ganz ohne Möbel auskommen; die ihre Kleider an einer Schnur aufhängen, die keine Betten mehr haben, sondern teppichbelegte Schlafpodeste, die aber genausogut als Sitzplatz dienen; und das alles nicht aus nackter Not, sondern weil sie es nicht anders wollen. Die Mehrzahl unserer Mitmenschen hat aber noch das Bedürfnis nach gestalteten Dingen in ihrer Lebensumgebung, sicherlich nicht nur aus Tradition und Gewohnheit.

Wenn heute junge Leute ihre Wohnung als Lebensumgebung nicht mehr mit Gegenständen bestücken, dann scheinen sie eine Grundvoraussetzung des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu übersehen. Diese Grundvoraussetzung ist: man muß sich selbst den Mitmenschen, zumindest andeutungsweise, zu erkennen geben. Man muß seinen Mitmenschen, seinen Partnern, ein Angebot auf Identifizierung machen. Man ist dazu nicht nur in seinen eigenen vier Wänden veranlaßt, sondern auch auf der Straße; die meisten Menschen benutzen Kleidung, Gesichtskosmetik, Haarschnitt, Verhaltensweisen und vor allen Dingen den Sprach-Gestus für ein solches Identifizierungsangebot: Aber auch, wenn man mit sich alleine ist, ist man ja an den Horizont eines sozialen Lebens gebunden, der für einen bestimmend ist: an die Erziehungstradition, an die Arbeitswelt; an die Form, in der man am sozialen Leben beteiligt ist; an Rolle und Status usw. Das heißt, man muß auch sich selbst gegenüber zu einer solchen Möglichkeit der Identifizierung kommen. Dabei spielen die Gegenstände, mit denen wir einen Lebensraum ausgrenzen, eine entscheidende, wenn nicht überhaupt die entscheidende Rolle.

Ganz klar ist jedenfalls, daß man durch das Ausräumen der Gegenstandswelt in seiner Orientierungsfähigkeit geschwächt wird. Das erste Beispiel dafür ist, daß die meisten jungen Menschen den Raum leerschaufeln, freischaufeln, weil sie sich befreien wollen von einer Gegenstandswelt, auf deren Strukturierung und Ordnung sie aktiv noch keinen Einfluß haben können. Dennoch gelingt es solchen Jugendlichen nicht, ihre eigenen neuen Orientierungsmuster selbst als verbindlich zu akzeptieren.
Das andere Beispiel, an dem man die Bedeutung der Gegenstandswelt in unserer Lebensumgebung sehr schön studieren kann, sind die Berufsreisenden.

1.2 Konstanz der Lebensumgebung und Identität

Die Entwicklung der Verkehrsmittel hat es möglich gemacht, mittags in München zu sein und abends in New York. Man hat nun beobachtet, daß Menschen, die als Berufsreisende jede Nacht in einem anderen Bett, in einer anderen Stadt verbrachten, ganz erheblich in ihrer psychischen Stabilität gefährdet wurden. Die großen Hotelketten haben diese für die Psyche und Verhaltensstabilität ihrer Berufsreisenden ungünstigen Bedingungen erkannt und haben demzufolge ihre Hotels in aller Welt genormt ausgestattet, so daß ein Reisender, der jeden Tag woanders ist, doch immer in derselben Lebensumgebung bleibt. Für die meisten Hotels, die über Kontinente hinweg Dependancen unterhalten, wäre es viel billiger gewesen, die landesüblichen Ausrüstungen aufzugreifen. Das aber hätte der Aufgabe eines solchen Hotels widersprochen, im wesentlichen für Dauer- und Berufsreisende Wohnung zu bieten. Also: die Lösung, die diese Hotels gefunden haben, überall innerhalb ihrer Dependancen die gleiche Ausstattung zu schaffen, erfüllt genau die Funktion der Orientierung, die die Gegenstände für uns haben. Nur muß man folgendes sehen: es steckt ja nicht in den Gegenständen selber, daß wir uns an und mit ihnen orientieren, sondern wir binden unsere Erfahrungen, unsere Erlebnisweisen und Orientierungsmuster an die Gegenstände, die uns dann sichtbar an solche Orientierungen erinnern und uns immer wieder auf sie verweisen. Aus diesem Grunde ist z.B. das Konzept des mobilen Wohnens, das heute so stark propagiert wird, kein brauchbares Konzept, sondern nur die genaue Entsprechung zur Tatsache, daß die Gesellschaft als Ganzes heute keine Orientierungsmuster mehr vorgibt und auch keine auf allgemeinem Konsensus beruhenden Wertsetzungen mehr verbindlich sind.
Der Kerngedanke der Mobilität war zunächst sicher einmal richtig: aus der Fixierung an Verhaltensweisen und Lebensumgebungen herauszukommen, die nicht mehr der Realität entsprechen. Nur: aus der Fixierung herauszukommen in die Beweglichkeit, ist noch keine inhaltliche Bestimmung; man hat ja auch feststellen können, daß selbst da, wo Mobilität vorgegeben und möglich ist, die meisten Benutzer von mobilen Räumen die Mobilität nicht nutzen, weil das ihrem Grundbedürfnis auf Orientierung und Festlegung widerspricht.

In diesem Sinne heißt wohnen also erstens: ein Minimal-Angebot auf Identifizierung durch andere zu machen; in zweiter Linie, und das ist die wesentliche: sich selbst gegenüber ein Angebot auf Identifizierung zu machen. 'Wohnen' heißt dann: Ausgrenzen eines Lebensbereichs, der ausschließlich durch eine Person und das, was sie ist. bestimmt wird. Und diese Aufgabe erfüllen Wohnungen nur dann, wenn das Einrichten einer Wohnung als eine Leistung mit dem Ziel verstanden wird, die eigene Identität zu stabilisieren bzw. auszubauen und sich selbst die Grundmuster des dazugehörigen sozialen Wertsystems und der Orientierung vor Augen zu halten.

1.3 'Gute Form' des Bedeutungslosen

Ist dieser Aufbau von Identität, sind diese Orientierungshilfen über den Gegenstandsbereich an die gute Form gebunden?

Die gute Form, in dem Sinne, wie wir heute allgemein das Wort gebrauchen, leitet sich her vom Bauhaus. Das Bauhaus hat Standards konzipiert, die industrielle Massenproduktion ermöglichten. Standardisierte Produktion aber hat überhaupt keine Individualität mehr. An solche Gegenstände kann man schlecht Persönlichkeitsmerkmale binden oder Orientierungsmuster, die mit der Person des Betreffenden zu tun haben, knüpfen. Die Bauhaus-Konzepte sind nur dann zu rechtfertigen, wenn man sie als Widerspruch zu der Beliebigkeit des Historismus (heute würde man sagen zur Kaufhaus-Kultur) sieht. Das historische Vortäuschen einer Erscheinungsebene, die mit dem sozialen Leben des Einzelnen überhaupt nicht mehr in Übereinstimmung zu bringen ist, wurde durch das Bauhaus-Konzept einer fälligen und natürlich richtigen Kritik unterzogen. Nur haben die Bauhäusler bei dieser Kritik nicht Halt gemacht, sondern haben ihrerseits eine Art positives Programm für die Veränderung der Lebensformen, auch im politischen Sinne, aufstellen wollen. Sie sind so weit gegangen zu sagen, daß man alle sozialen Unterschiede, alle Klassenunterschiede beseitigen könnte, wenn man allen Menschen die gleichen Wohnideen oder Gegenstandskonzeptionen zugänglich macht. Sie haben sich bemüht, diese Konzepte so zu verwirklichen, daß sie für alle oder doch wenigstens für möglichst viele erschwinglich waren. Nur ist das natürlich wieder die gleiche Art der Täuschung, die auch der Kaufhaus-Kultur zugrunde liegt: die Differenz zwischen Erscheinungsebene und tatsächlichem sozialem Leben. Denn man kann sich ja nach allem, was man über soziale Auseinandersetzungen weiß, nicht einbilden, die sozialen Differenzen dadurch einschleifen zu können, daß man die Lebensumgebung für alle Menschen gleichförmig gestaltet.

Bleibt schließlich das Erziehungsprogramm, das das Bauhaus hatte; und in dieser Tradition sind auch heute noch die Wettbewerbe und Jury-Veranstaltungen zum Thema 'Gute Form' zu rechtfertigen. Wenn man nämlich jemanden aus der zwanghaften Bindung an Gestaltungsvorstellungen, wie sie die Kaufhaus-Kultur vertritt, befreien will, dann muß man ihn zur Unterscheidungsfähigkeit erziehen. Die Programme 'Gute Form' können diesem Training der Unterscheidungsfähigkeit dienen; insofern müssen sie auch unterstützt und ausgeweitet werden.

Klar ist jedenfalls, daß solche ästhetischen Erziehungsprogramme nicht zu einer bloßen Verkaufsförderung werden dürfen, denn sonst würde nicht die Unterscheidungsfähigkeit gefördert, sondern es würden dem Besucher nur andere Programme aufgenötigt werden.

Die Schwierigkeit ist natürlich, wie man über die Präsentation des gutgeformten Gegenstandes hinaus auch noch die Überlegungen vermittelt, aus denen die Form hervorgegangen ist. Das Bauhaus hatte gedacht, daß man mit der Präsentation der Gegenstände allein schon eine solche Erziehung leisten kann. Das ist falsch, weil eben in den Gegenständen selber gar nichts steckt.

Sie müssen zwar, wie es auch in den Gute-Form-Wettbewerben formuliert wird, gewisse Minimalvoraussetzungen erfüllen; von der Funktion her, von der Stabilität her, vom Material, von der Hygiene - aber um all das geht es ja eigentlich nicht bei der Erfüllung der Grundfunktionen des Wohnens.

Grundfunktionen des Wohnens heißt nicht Minimalanforderungen an die Gegenstände stellen, sondern sich und anderen ein Mindestangebot an Identifizierung machen. Weil uns tradierte kulturelle Verhaltensweisen dabei aber nicht mehr tragen, muß derjenige, der aktiv eine soziale Umgebung als seine herausarbeiten möchte, schon etwas über die Funktion der gegenständlichen Welt im Hinblick auf die Ausbildung der Individualität wissen, um noch zu der notwendigen Orientierung zu kommen. Über dieses Wissen verfügen nur wenige Mitglieder der Gesellschaft. Da können 'Gute-Form'-Kampagnen immerhin ein bißchen weiterhelfen. Denn die Erweiterung des Repertoires, die Verschiebung des Angebots in den Läden ist eine Möglichkeit, auch diejenigen zu erreichen, die weitgehend zwanghaft Kaufhaus-Kultur konsumieren. Noch findet die Auseinandersetzung ja im wesentlichen zwischen zwei extremen Positionen statt: einerseits der pathetische Funktionalismus des Bauhauses mit der ihm zugehörigen sozialen Utopie; andererseits die Beliebigkeit der Kaufhaus-Kultur. Ich glaube, daß die Entwicklung dahin geht, die historischen Formsprachen wieder in freier Weise benutzbar zu machen - nicht, um den Leuten vorzutäuschen, man könne heute noch auf die gleiche Weise klassizistisch sich einrichten wie um 1800, sondern weil die Menschen mehr und mehr lernen, Unterscheidungen zu treffen und den Zusammenhang zwischen den Lebensformen einer Gesellschaft und den Erscheinungsweisen, in denen sich dieses Leben abspielt, zu erkennen. Man will also nicht zum Stilmöbel zurück, sondern setzt auf die Fähigkeit, historische Formen aktuell zu benutzen. Italienische Designer, die in dieser Entwicklung am weitesten sind, sprechen von "freien Valenzen". Die damit gegebene Differenzierung des Angebots wäre sicherlich eine Möglichkeit, die angedeutete Grundfunktion des Wohnens besser zu befriedigen als bisher.

1.4 Bedürfnisse und Funktionen

Wohnen selbst ist also kein Bedürfnis. Wohnen hat Funktionen zu erfüllen, ist selbst ein Mittel, Bedürfnissen Gestalt zu geben. Bedürfnisse sind offene Größen, das heißt, sie sind durch Erfüllung nicht löschbar. Was man als Befriedigung von Bedürfnissen bezeichnen könnte, ist nur eine Objektivierung von Bedürfnissen, die selbst durch die Art, wie sie in Erscheinung treten, nicht aufgehoben werden. Bedürfnisse kann man bezeichnen als Bezugsrahmen von Lebensformen. In dieser Eigenschaft bleiben sie stets gleich weit von der konkreten Lebenspraxis entfernte Zielmarken, wenigstens soweit sie Grundbedürfnisse sind.

Für die bloße naturhafte Grundfunktion des Wohnens, nämlich Klimaschutz, könnte man den Begriff Bedürfnis noch im alltagssprachlichen Sinn verwenden. Wohnen aber als Funktion der Lebensform läßt sich nicht auf den gleichen Bedürfnisbegriff bringen. Denn während das reine Behausungsbedürfnis als befriedet angesehen werden kann, sobald der Klimaschutz gewährleistet ist, bleiben Wohnbedürfnisse prinzipiell gar nicht auf Erfüllung angelegt, sondern auf Gestaltbarkeit. Indem Wohnungen Funktionen erfüllen, werden prinzipiell offene Bedürfnisse als Orientierungsrahmen für Lebensformen erfahrbar gemacht. Diese Grundbedürfnisse sind Erwartungen, die in dem Maße differenziert und entwickelt werden, in dem ihnen durch funktionelle Leistung entsprochen wird. Funktionen und Bedürfnisse sind also spiegelbildliche Entsprechungen von Zielsetzung und Verwirklichung.

Es bleibt aber prinzipiell die Offenheit der Zielsetzung gegenüber der Verwirklichung (man kann der Zielsetzung auf unterschiedlichste Weise durch Verwirklichung entsprechen). Wenn die KRAUCHgruppe Wohnbedürfnisse der Zukunft ausmachen will, dann kann dieses Vorhaben nur sinnvoll sein, wenn ausgemacht werden soll, in welcher Weise zukünftig Bedürfnisse als Bezugsrahmen von Lebensformen Gestalt annehmen können durch neue technische Verwirklichungen des Wohnens. In diesem Sinne läßt sich die oben umrissene Grundfunktion der Identifizierung einer Lebenswelt (Wahrnehmbarkeit, Ausgrenzung, Verstehbarkeit) weiter differenzieren.

1.5 Grundfunktionen desWohnens

1.5.1 Die Abstraktionsfunktion

Wenn man die Wohnung als den einzig autonomen Handlungsbereich eines Individuums ansieht (im Unterschied zu anderen öffentlichen oder halböffentlichen Handlungsfeldern), dann würde mit dem Abstraktionsbedürfnis jene Funktion angesprochen, in der eigenen Wohnung nur dem Bewohner verbindliche und meist auch nur ihm durchschaubare Ordnungen zu etablieren. Von außen gesehen, ist eine solche Wohnung eine Ansammlung von lauter heterogenen Teilen, die dem Bewohner aber als ein 'systematischer' Zusammenhang erscheinen. Dieser 'systematische' Zusammenhang braucht innerhalb der Wohnung nicht begründet zu werden. Niemand hat das Recht, den Bewohner auf seine Ordnungsprinzipien hin zu befragen. Weit verbreitetes Beispiel dieses Tatbestandes ist die berühmte Schreibtischsituation. Die Wohnung ist weitgehend der einzige Experimentalbereich, das einzige Handlungsfeld, in dem der Bewohner mit Ordnungen oder Abstraktionsmustern hantieren kann, die er entweder seiner Gewohnheit gemäß mehr oder weniger dauerhaft durchhält oder jeweils neu auslegt. In einem solchen Abstraktionsmuster gelingt es dem Wohnungsinhaber, von dem Ensemble der Gegenstände stets eine Vorstellung mit sich zu tragen, die er auch außerhalb seiner Wohnung abrufen kann und auf die er sich in konkreten Situationen der Forderung durch Fremdes zurückziehen kann. Diese selbstverantworteten Abstraktionsmuster garantieren dem Wohnungsinhaber eine Orientierungskonstanz, die er außerhalb der Wohnung zumeist nicht durchhalten kann, jedenfalls nicht so weitgehend, als er dort ja nicht Urheber der Abstraktionsmuster ist. Bekanntlich lassen sich bestimmte Abstraktionsmuster oder -ordnungen nicht herstellen, wenn die räumliche Situation der Wohnung außerordentlich eingeschränkt ist, wenn also die materielle Gestalt der Wohnung ein differenziertes Abstraktionsmuster gar nicht zuläßt. Die Mehrzahl der in dieser Hinsicht Befragten beantwortet die Frage nach den Raumwünschen eindeutig dahingehend, daß man über Raum verfügen müsse, um Dinge unterzubringen, sie in Ordnungen zu bringen, und zwar in hantierbare und verfügbare Ordnungen, die eben andere sind als die eines bloßen Lagers von Gegenständen.

1.5.2 Die Grundfunktion der Aneignung

Die Wohnung muß so ausgestattet sein, daß der Bewohner sie als seine bezeichnen und empfinden kann, aber nicht im Sinne einer Identifizierung wie unter 1, sondern im Sinne einer Verfügung über die materialen Bestände dieser Wohnung. Es ist bisher viel zu wenig beachtet worden, daß possessive Verdinglichung im Grunde die legitimierte Gewalt meint, die jemand über das Seine hat; die Gewalt, mit den Dingen machen zu können, was man will, ohne Rücksicht darauf, was die Sachen selber sind. Hieraus erklärt sich im übrigen auch, warum viele Menschen nach der Aneignung von Gegenständen durch Kauf an diesen selber weniger Interesse zeigen, denn der Hauptzweck der Aneignung, nämlich das 'unter seine Gewalt bringen', ist ja bereits durch den Kaufakt erreicht. Es sei nur angemerkt, daß es keine Gesetze gegen die Zerstörung der eigenen Güter gibt. Es läge ja eigentlich im Sinn der Erhaltung nützlicher Güter, daß man den Besitzern von Gütern verböte, sie zu vernichten. Eine derartige Einschränkung, wie gesagt, ist in keinem Gesetz verankert. Im Gegenteil, die Privatsphäre ist im wesentlichen gefaßt als die Sphäre, in der ein über Gegenstände Verfügender mit ihnen machen kann, was er will, unabhängig von allen sonst geltenden Regeln und Bestimmungen. Die Redewendung, man wolle endlich irgendwo, nämlich in der eigenen Wohnung, der eigene Herr sein, bezieht sich klar auf diese Situation. Denn das Herr-Sein drückt sich in nichts so entschieden aus als darin, daß kein anderer Einspruch gegen die eigenen Verfügungen erheben kann. In diesen Bereich gehören auch die Fragen nach der Art der materiellen Zurüstung einer Wohnung. Daß Wegwerfmöbel derartig in Mode kamen, jedenfalls in einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht, liegt daran, daß diese Möbel von ihrer materiellen Gestalt geradezu prädestiniert sind für eine bis zur Zerstörung gehende Verfügung über sie; sie erleichtern sogar die Durchsetzung der eigenen Absicht, da sie billig zu haben, also auch billig wieder zu ersetzen sind.

Dem widerspricht nicht die häufig zu beobachtende Fürsorglichkeit, die Wohnungsinhaber ihren Wohnungen und Einrichtungsgegenständen gegenüber an den Tag legen, indem sie sie pflegen und möglichst im Zustand erhalten, in dem sie sie erworben haben. Derartiger Umgang mit der Wohnungseinrichtung entspringt nämlich der dritten Funktion von Wohnen, der integrativen.

1.5.3 Die Integrationsfunktion des Wohnens

Mit ihr gelingt es, die eigene Lebensumgebung, hier die Wohnung, und die in ihr herrschenden Ordnungen in Relation auf die anderer Menschen zu setzen; im wesentlichen mit der Frage, wie weitgehend das, was ich selbst habe und wie ich selber wohne, einen Geltungsanspruch oder eine Allgemeinverbindlichkeit zumindest in meiner eigenen Gruppe hat. Hierher gehören die sogenannten Geschmacksnormen und die Wahrnehmungsmuster, nach denen Wohnungen eingerichtet werden. Sie entsprechen nicht so sehr tatsächlich der Vorstellung, mit dieser Art von übernommenen Einrichtungsteilen sich einer Norm zu unterwerfen, die Geltung besitzt, sondern der Einsicht, man müsse seiner Bezugsgruppe Angebote auf Identifizierung machen, so daß festgestellt werden kann, wie weit man mit dieser Bezugsgruppe übereinstimmt. Es handelt sich also eher um eine gemeinsame Konstitution der Norm dadurch, daß man sich an sie hält, nicht aber eine Unterwerfung unter schon bestehende Normen. Zwar sind solche Wahrnehmungs- und Geschmackspattern sehr langlebig, nichtsdestoweniger sind sie aber veränderlich. Normen können nicht diskutiert werden ohne die Frage nach dem Wandel von Normen. Normen werden nicht jeweils durch neue ersetzt (aus irgendwelchen unerklärlichen Vorgängen, die in der Zeit liegen, in der man lebt), sondern Normen wandeln sich, weil sie von vornherein nur als Orientierungsvorhaben verstanden und benutzt werden. Normalerweise wird die Bedeutung der opinion leader bzw. Geschmacksbildner weit überschätzt. Moden werden ja in diesem Sinne nicht eigentlich als normative Festlegungen aufgefaßt, sondern sind von vornherein auf Widerruf angelegt. Für die Mehrzahl der Wohnungseinrichter wäre ein solches Einrichten auf Widerruf allerdings ökonomisch gar nicht vertretbar. Das Integrationsbedürfnis ist also weniger geprägt von Anpassung oder Bereitschaft der Unterwerfung, sondern von der Notwendigkeit, sich selbst in Relation auf andere zu beziehen. Man könnte sagen, daß die Integration ein Maß für die Übereinstimmung mit anderen darstellt, wobei nicht vorausgesetzt wird, daß diese Integration vollständig oder total ist. Der Individualbereich Wohnen wird ja doch wesentlich auch definiert durch die Ungleichheit, die Abgrenzung gegenüber anderen.

1.5.4 Grundfunktion der Vergegenständlichung

Man kennt im allgemeinen jene Hausaltäre, auf denen Wohnungsinhaber und deren Familienangehörige Hochzeitsfotos, Weltreisedokumentationen in unterschiedlichsten Dingcharakteren präsentieren. Gemeint sind im Grunde alle Gegenstände einer Wohnung, die sich auf die Biographie der Wohnungsinhaber beziehen, an die die Wohnungsinhaber Bedeutungen und Erinnerungen geknüpft haben. Kritisch gewürdigt, könnten diese Vergegenständlichungen als Hinweise auf die Unfähigkeit der Bewohner gelten, Erlebnisse und Erfahrungen so zu verarbeiten, daß sie als Bewußtsein verfügbar sind. Dieser Einwand ist jedoch hinfällig, weil prinzipiell alle Bedeutung an eine reale Gegenstandsebene gebunden sein muß. Nicht nur der intellektuell untrainierte Tourist macht sich sein Pariserlebnis verfügbar durch den Kauf eines Miniatureiffelturms, den er in seiner Wohnung auf dem Hausaltar ausstellt. Auch der tagebuchschreibende, seine Erlebnisse direkt verarbeitende Tourist hoher Ansprüche verfährt im Grunde nicht anders. Nur die Art und Weise, in der die Vergegenständlichung vorgenommen wird, unterscheidet sich.

Zusammengefaßt: Die vier Grundfunktionen verweisen auf folgende Bedürfnisse:

  • Die Abstraktionsfunktion entspricht dem Bedürfnis nach der Etablierung einer selbstgeschaffenen Ordnung.
  • Die Integrationsfunktion entspricht dem Bedürfnis nach Übereinstimmung mit anderen, das heißt der Vergleichbarkeit in der Unterschiedenheit.
  • Die Aneignungstunktion entspricht dem Bedürfnis nach totaler Verfügung, ja Gewaltausübung im Bereich des Privaten
  • Die Funktion der Vergegenständlichung entspricht dem Bedürfnis nach Sinnhaftigkeit und Bedeutung in der Lebenswelt.

1.6 In Zukunft anders?

Die Frage nach zukünftigen Entwicklungen im allgemeinen wie im besonderen die Frage nach den Wohnbedürfnissen der Zukunft stehen unter einem beachtlichen Widerspruch, den man zumeist adelt, indem man ihn dialektisch nennt. Man postuliert, daß die Zukunft in jedem Falle anders aussieht als die Gegenwart, wodurch das Bedürfnis erzeugt wird, dieses Unerwartete kennenzulernen, bevor es überhaupt eintreten kann. Es wird gesagt, daß man durch solche Antizipationen das Unbekannte in etwas Bekanntes verwandele. Auf dieses Bekannte hin könne man reagieren und so das künftig Eintretende in einem jeweils gewünschten Sinne verändern. Dann aber wäre die Zukunft nur eine Verlängerung der Gegenwart. Trotz dieser Interventionen gegenüber dem unbekannten Zukünftigen, bei aller Planungsgläubigkeit und Planungserfahrung bleibt Zukunft dennoch etwas Uneinholbares. Und zwar nicht deswegen, weil die Zeitmodi Gegenwart und Zukunft qualitativ verschieden sind, sondern weil prinzipiell Zielvorstellungen die Eigenschaft haben, sich durch die Art, wie man ihnen in der Verwirklichung zu entsprechen versucht, sich selber zu verändern. Dabei wird ohnehin nicht berücksichtigt, daß der Zielbegriff normalerweise nur auf manifeste Zwecke eingeschränkt wird und daß in ihm latente unbestimmte Funktionen und die Verflechtung mit anderen Zielbereichen gar nicht berücksichtigt werden können. Die Frage nach der Differenz zwischen Wohnbedürfnissen der Zukunft und solchen der Gegenwart kann nichts anderes bedeuten, als nach der Differenz zwischen Zielvorstellungen und jeweiliger Entsprechung in der Verwirklichung zu fragen.